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Das Leben "am schönsten Flecken der Türkei"

Der kleine Ort Vakifli liegt am südlichsten Zipfel der Türkei - wenige Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Er ist das letzte Dorf im ganzen Land, in dem nach wie vor nur Armenier leben.

Von Ulrich Pick | 09.04.2010

    Wenn das Wetter einigermaßen schön ist, und das ist es hier acht Monate im Jahr, dann findet die wöchentliche Probe des Chores von Vakifli im Freien statt. Dann werden ein E-Piano und einige Bänke auf den kleinen Platz direkt neben der renovierten Dorfkriche gestellt und jeder, der Lust hat, so sagt Kuhar, kann mitsingen. Die 40-jährige Chorleiterin lebt hier am südlichsten Zipfel der Türkei wenige Kilometer entfernt von der syrischen Grenze seit ihrer Kindheit:

    "In unserem Dorf, das sich aus 35 Häusern zusammensetzt, leben etwa 140 Menschen, darunter 24 Kinder und Jugendliche. Ich möchte einmal behaupten, dass wir am schönsten Flecken der Türkei leben. Wir sind sehr glücklich, in Vakifli zu leben. Ich habe drei Onkel, von denen zwei in Deutschland und einer in den USA leben. Auch mein Bruder lebt in Deutschland. Ich wiederum lebe hier und ich denke, ich habe deshalb das beste Los gezogen. Es ist so schön hier."

    Vakifli ist die einzige und letzte Ortschaft in der Türkei, in der nach wie vor nur Armenier leben. Früher, das heißt: vor den Massakern von 1915 gab es hier am Musa Dag, dem 1700 Meter hohen Moses-Berg, zahlreiche armenische Ortschaften, aus denen dann 5000 Männer und Frauen den jungtürkischen Nationalisten - wie Franz Werfel es in seinem Roman beschrieben hat - 40 Tage und 40 Nächte Widerstand leisteten, bevor sie ein französisches Kriegsschiff ins ägyptische Port Said in Sicherheit brachte. Als das Osmanische Reich vier Jahre später aufhörte zu existieren und Frankreich Mandatsmacht über Syrien wurde, kehrten sie zurück. Auch wenn sich die Armenier in Vakifli allem Anschein wieder wohlfühlen, von ihrer Geschichte ist nicht mehr viel übrig geblieben, wie Ortsvorsteher Bertc Kartun erklärt:

    "Das Musa-Dag-Armenisch, das wir hier am Musa-Berg sprechen, wird in der Region nur noch in hiesigen sieben Dörfern und außerdem noch in fünf sechs Dörfern in Syrien, gleich hinter der türkisch-syrischen Grenze gesprochen. Unsere Sprache unterscheidet sich ganz wesentlich von dem in der Türkei, oder sagen wir von dem weltweit gesprochenen Armenisch. Nur wenige Wörter werden verstanden. Weltweit sprechen Studien zufolge etwa noch 35.000 Menschen diese Sprache."

    Zwar konnten die Einwohner von Vakifli 1997 mit Genehmigung des Staates ihre Dorfkirche renovieren. Doch die Tradition des christlichen Glaubens hier auf dem Land und zumal im Grenzgebiet ist ein großes Problem. Zum einen genießen die Armenier in der Türkei wesentlich geringeren religiösen Freiraum als im wenigen Kilometer entfernten Syrien, wo auch armenischer Religionsunterricht zugelassen ist. Zum anderen gibt es keinen Theologen mehr vor Ort. Lediglich einmal im Monat kommt ein Geistlicher aus Istanbul, was nach Ansicht von Bertc Kartun eigentlich zu wenig ist:

    "Das größte Problem bezüglich unserer Jugendlichen im Dorf ist, dass sie keinen Religionsunterricht erhalten, eben auf türkische Schulen gehen und deswegen auch keinen armenischen Sprachunterricht bekommen. Das ist für die Jugendlichen ein echtes Problem. Vor allem deshalb, weil sie das Istanbuler Armenisch weder lesen noch schreiben können. Das einzige Armenisch, das sie beherrschen ist das Musa-Dag-Armenisch, weil es, wie gesagt, hier keine armenische Schule gibt und wir keinen beständigen Pfarrer haben. Für unser Dorf ist das ein wahres Problem."

    Zudem kommt noch eine weitere Schwierigkeit. Für die meisten jungen Menschen nämlich ist die ländliche Gegend am Moses-Berg ausgesprochen unattraktiv. Und deshalb gehen viele von ihnen fort - sei es nach Istanbul oder ins Ausland, wo man zahlreiche Verwandte hat.