Dienstag, 25.06.2019
 
Seit 14:35 Uhr Campus & Karriere
StartseiteKultur heuteDas Leben der Überflüssigen27.09.2009

Das Leben der Überflüssigen

"Nachtasyl" und "La Línea" am Schauspiel Stuttgart

Der Regisseur Volker Lösch hat aus Maxim Gorkis "Nachtasyl" eine linksradikale Muppetshow gemacht. "La Línea" von Regisseurin Catja Baumann ist dagegen Lerntheater für Jugendliche - aber wenigstens handwerklich gut gemacht.

Von Christian Gampert

Stuttgart ist das Epizentrum der Theaterkrise. (Stock.XCHNG / Nihan Aydin)
Stuttgart ist das Epizentrum der Theaterkrise. (Stock.XCHNG / Nihan Aydin)

Maxim Gorkis "Nachtasyl", geschrieben 1896, zeigt ein Panorama heruntergekommener Existenzen im zaristischen Russland, sozial Depravierte, die mit existenzialistischer Schärfe und durchaus selbstkritisch ihr trübsinniges Leben besprechen. Wer noch die zeitlupenhafte Inszenierung von Jürgen Gosch in der stillgelegten Kölner Stollwerck-Fabrik Anfang der 1980iger Jahre gesehen hat, der weiß, dass dieses Stück ein Höllenschlund sein kann, in dem die Unterdrückten dieser Erde sich gegenseitig zerfleischen.

Der Regisseur Volker Lösch hat aus dem Stück in Stuttgart nun eine Art Fitness-Programm für Schauspieler gemacht. Rechtzeitig zur Bundestagswahl lässt er lauter HB-Männchen und –Frauchen vor einem Wahlplakat, vor dem Gesicht der noch amtierenden Bundeskanzlerin herumturnen. Die Augen von Frau Merkel sind durch einen Verbrecherbalken ersetzt, einen Schlitz, aus dem ein ziemlich asynchron brüllender Chor der Entrechteten auftaucht. Zwar sind die Figuren oberflächlich den Gorki-Gestalten nachempfunden, aber sie schleudern uns vor allem Bruchstücke jener Interviews entgegen, die das Theater mit Stuttgarter Hartz-IV-Empfängern, gescheiterten Mittelständlern, entlassenen Bankern und anderen Opfern der Globalisierung geführt hat.

Dem Ganzen liegt ein fataler Irrtum zugrunde: dass das, was als sozialhistorisches Dokument durchaus wichtig sein kann, automatisch bühnentauglich sei. Dem ist nicht so - auch wenn es von Lösch zu einer linksradikalen Muppetshow mit Catcher-Einlagen aufgeblasen wird. Im Gegensatz zu den Gorki-Figuren wissen die Stuttgarter Schauspieler nämlich, wo der Feind steht: Es ist das System. Das mag, in dieser Allgemeinheit, sogar richtig sein – dem Theater nutzt das aber nichts. Denn die Anonymität ökonomischer Prozesse lässt sich auf dem Theater nicht abbilden, und die Spuren, die das System in den Menschen hinterlässt, in ihren Gesichtern und ihrer Sprache, erleben wir sowieso jeden Tag in Fernsehen und Internet.

Auch die junge Regisseurin Catja Baumann müht sich in Stuttgart langatmig damit ab, die Globalisierung in Lerntheater für Jugendliche zu übersetzen. Ann Jaramillos "La Línea – die Grenze" erzählt von dem Versuch mexikanischer Kinder, aus der Armut in die USA zu flüchten. Durch die Wüste: Die Theaterfassung beginnt als klobiges "Grips"-Sozial-Kabarett und endet als Abenteuerfilm. Immerhin ist das handwerklich sauber gemacht, mit abrupten Stimmungswechseln – aber auch hier gibt es einen Hang zu übertriebener Körperlichkeit.

Die favorisiert – mit seinem Steilwandkabarett – auch Volker Lösch, um die Wut der Unterdrückten nach außen zu spielen. Irgendjemand muss schuld sein an dem ganzen Schlamassel – das ist Löschs naive, ressentimentgeladene Weltsicht. Wie reduziert die Fantasie dieses ans Theater verirrten Volkstribuns ist, zeigen seine Bilder: in Lars von Triers "Dogville" ließ er kübelweise Äpfel auf die Bühne kippen, zur "Heiligen Johanna der Schlachthöfe" assoziierte er Fleischkäse, jetzt haut er dem Publikum Hunderte von Broten (als Grundversorgung für die Armen und Grundsymbol des Christentums) vor die Füße. Als Agitprop in der Tübinger Mensa wäre das 1975 der Renner gewesen; im Stuttgarter Staatstheater wirkt das heute lachhaft und gewalttätig zugleich.

Das Stuttgarter High-Society-Publikum aus Politik und Wirtschaft aber klatscht tapfer, um seine Liberalität zu beweisen – sein Masochismus scheint keine Grenzen zu kennen; es lässt sich sogar von Löschs Ensemble mit dem Wahlomat-Fragenkatalog traktieren. So werden in dieser Gesellschaft Konflikte bewältigt, Hofnarr Lösch sorgt für allgemeines Wohlbefinden. Es ergehen hiermit drei Ratschläge.

Erstens: Das Stuttgarter Staatstheater nennt sich fürderhin "Stuttgarter Turnverein".

Zweitens: Das Spielzeitmotto heißt ab jetzt "im eigenen Saft schmoren – linke Theaterleute bestätigen sich selbst".

Drittens: Volker Lösch besucht einen Grundkurs in politischer Ökonomie und bekommt lebenslang einen Arbeitsplatz beim Internationalen Währungsfonds, um die Globalisierung in die richtigen Bahnen zu lenken.

Momentan hält Lösch ausgerechnet Stuttgart für das "Epizentrum der Krise". Das ist nur bedingt richtig: Stuttgart ist das Epizentrum der Theaterkrise.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk