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Das Leck in der Nordsee

Bei den Bemühungen, das Ölleck im Golf von Mexiko zu schließen, schaut die Welt aufmerksam zu. Doch ein Leck in der Nordsee sprudelt seit fast 20 Jahren unbeachtet vor sich hin. Es entlässt kein Öl, sondern das Klimagas Methan in Meer und Atmosphäre.

Von Dagmar Röhrlich | 04.08.2010

    Auf halbem Weg zwischen Schottland und Dänemark suchte die britische Ölfirma Mobil North Sea Limited nach Öl. Unerwartet bohrte die Mannschaft am 21. November 1990 eine Gasblase an. Die Folge: ein Blow-out:
    "Seitdem ist es so, dass seit 20 Jahren große Mengen an Methan am Meeresboden ausbrechen. Da hat sich auch ein tiefer Krater gebildet, ein großer Krater, und heute ist es so, dass mindestens ein Viertel der Methanemissionen der Nordsee aus diesem Loch kommen."

    Und in der Nordsee gebe es viele natürliche Methanquellen, erklärt Klaus Wallmann vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel. Spiralförmig schießt das Gas aus dem Boden. Es bricht mit so großer Gewalt aus, dass es das Forschungs-U-Boot Jago bei einer Messfahrt mit sich riss. Der Pilot hatte Mühe, Jago wieder zu befreien. Um den Krater herum liegen die Methankonzentrationen im Wasser um ein Tausendfaches über der natürlichen Menge. Anscheinend beginnt sich dort ein mikrobielles Ökosystem zu entwickeln, das Methan als Energiequelle nutzt. Klaus Wallmann:

    "Auch größere Tiere haben sich da angesiedelt. Wenn man da rein taucht mit dem Tauchboot, dann sieht man, dass da ganz viele Fische sich drängen in dem Loch."

    Hunderte von Seelachsen nutzen die Gassäule als Schutz vor den Fischerbooten. Denen kann der Gasstrom gefährlich werden, weshalb das Gebiet als Gefahrenzone in den Seekarten markiert ist. Weil das Methan für die Meerestiere ungiftig ist, solange genügend Sauerstoff im Wasser ist, stellte die britische Regierung 1998 die Untersuchungen des Gaslecks mangels Gefährlichkeit ein. Die Klimafolgen blieben außen vor:
    "Hier ist das Problem, dass das Methan eben auch teilweise bis in die Atmosphäre freigesetzt wird."

    Rund ein Drittel des Methans schafft es an die Oberfläche - und als Treibhausgas ist Methan etwa 25-mal wirksamer als Kohlendioxid, erklärt Jochen Luhmann vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie.

    "Wenn man es in CO2 umrechnet, ist zumindest das, was da unten rauskommt, um die Größenordnung von siebeneinhalb Millionen Tonnen pro Jahr. Und davon erreicht etwa ein Drittel die Oberfläche. Wenn man das umrechnet in Geld und sagt, der britische Staat müsste dafür Emissionsrechte kaufen, da geht's schon um einen Milliardenbetrag."
    Das Leck zu verschließen sei äußerst schwierig. Das Gas schießt aus drei Stellen direkt aus Meeresboden heraus. Würde man sie versiegeln, suchte es sich einfach einen neuen Weg nach oben. Verantwortlich fühlt sich niemand. Klaus Wallmann:
    "Die Firma Mobil, die es damals erbohrt hat, die gibt es nicht mehr, die wurde dann damals aufgekauft."
    Nachfolger der Mobil-Organisation ist seit Dezember 1999 der Ölkonzern Exxon. Da die Lizenz zurückgegeben werden konnte, hat der nichts mit den Folgen zu tun. Und so sprudelt am Nordseegrund die größte Methanquelle Europas. Für Jochen Luhmann hat dieses Problem noch eine andere Dimension: Solche Unfälle können so große Klimafolgen haben, wie sie wollen, weil sie etwas Einmaliges sind, fallen sie noch nicht einmal unter den europäischen Emissionshandel:

    "An diesen Fall, dass etwas, was normalerweise eine kleine Quelle ist, dass die gelegentlich eine sehr große Quelle sein kann, den hat man offenbar nicht bedacht, es wäre normalerweise in der Verantwortung des jeweiligen Staates. In der Nordsee heißt das eben: Sache von Großbritannien."

    Und Großbritannien müsste die entsprechenden Verschmutzungsrechte kaufen. Ob das passieren wird, ist unklar. Luhmann:

    "Nach 20 Jahren ist es jetzt soweit, dass die zuständige staatliche Stelle in Großbritannien das in dem jährlichen Bericht an das Klimasekretariat jetzt auch zur Kenntnis gegeben hat, dass es dort eine Quelle gibt. Sie hat aber keine Angaben gemacht zu der Größenordnung. Aber was auffällig ist, dass sie sehr wohl zunächst einmal strittig stellt, ob es überhaupt eine menschgemachte Quelle ist, und nur dann wäre es ja eine Treibhausgasemission im rechtlichen Sinne."

    Jedenfalls kann niemand vorhersagen, wie lange das Gas noch aus dem Krater sprudeln wird. In der Wüste Turkmenistans strömt aus einem falsch gesetzten Bohrloch bereits seit 39 Jahren Methan. Weil es angezündet wurde, damit statt Methan das weniger schädliche Kohlendioxid in die Atmosphäre gelangt, lodern Flammen aus dem Krater. Das Ganze sieht aus wie das Tor zur Hölle - und so heißt die Stelle im Volksmund nun auch.