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StartseiteHintergrundDas letzte Semester ohne Studiengebühren hat begonnen12.04.2006

Das letzte Semester ohne Studiengebühren hat begonnen

Finanzielle Auslese oder gutes Geld für gute Unis

In ganz Deutschland gingen vor zwei Jahren die Studierenden zu Tausenden auf die Straße. Sie skandierten "keine Gewalt", sie protestierten friedlich gegen die Einführung von Studiengebühren. Jetzt ist in vielen Bundesländern das letzte Semester ohne Studiengebühren angebrochen, und das Thema wird immer noch heftig diskutiert in der Studentenschaft. Aber große bundesweite Proteste hat das Land schon lange nicht mehr gesehen. Dabei ist es ein hochexplosives Thema.

Von Michael Braun und Dorothee Holz

Januar 2004: Studierende protestieren in Erfurt.  (AP)
Januar 2004: Studierende protestieren in Erfurt. (AP)
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Jahrzehntelang haben Bildungspolitiker über Studiengebühren gestritten. Zuletzt wurden sie von der ehemaligen Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn zum Tabu erklärt. Die SPD-Politikerin wollte das Verbot sogar mit Hilfe des Bundesverfassungsgerichts endgültig zementieren. Doch das Gericht spielte nicht mit. Studiengebühren zu verbieten, sei nicht mit dem Grundgesetz vereinbar, sagte Verfassungsrichter Winfried Hassemer. Und er rückte die Dimension der geplanten Studiengebühren zurecht:

" Soweit finanzielle Erwägungen danach bei der Wahl eines Studienortes überhaupt eine Rolle spielen, ist zu beachten, dass Studiengebühren in der bislang diskutierten Größenordnung von 500 Euro im Semester im Vergleich zu den Lebenshaltungskosten von nachrangiger Bedeutung sind."

Ökonomen wundern sich, warum Studiengebühren nicht schon früher eingeführt wurden und warum die Vorbehalte dagegen vor allem von sozialdemokratischer Seite gekommen sind. Wolfgang Franz, Mitglied im Sachverständigenrat und Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim, meint jedenfalls, Studiengebühren seien ein Gebot der Verteilungsgerechtigkeit: :

" Das mag auf den ersten Blick ein bisschen paradox klingen. Aber denken Sie bitte daran, dass im derzeitigen System die unteren Einkommensschichten die oberen und mittleren Einkommensschichten subventionieren. Das derzeitige System ist eine Umverteilung von unten nach oben, einfach deshalb, weil Arbeiterhaushalte, die das Studium von Kindern begüterter Einkommensschichten mitfinanzieren. Und deshalb wundere ich mich, warum gerade aus der Verteilungsgerechtigkeit her man gegen Studiengebühren sein kann."

Amin Benaissa sieht das ganz anders. Für den Studenten der Volkswirtschaft in Frankfurt und Geschäftsführer beim Aktionsbündnis gegen Studiengebühren geht damit eine große soziale Errungenschaft verloren:

" Dadurch dass man in den 60ern erst noch hart dafür gekämpft hat, die Gebührenfreiheit einzuführen. Dieses jetzt wieder abzuschaffen, ist für mich jetzt natürlich ein Tabubruch. Also die Einführung von Studiengebühren wird zur Ökonomisierung der Bildung führen und damit gleichzeitig die Chancengleichheit bedrängt."

Die größte Sorge der Gegner ist, dass Bildung zur Ware wird. Für Dieter Dohmen, Leiter des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie in Köln - ist das aber kein stichhaltiges Argument:

" Das ist populär, trifft den Kern nicht wirklich. In vielen anderen Ländern wird für das Studium bezahlt. Da ist aber häufig die Leistung etwas besser, als man das hier in Deutschland wahrnimmt."

Nur wenige Bundesländer wagen sich bisher aus der Deckung. Sechs Länder machten den Anfang. In allen hat die Union das Sagen. SPD-regierte Länder halten sich bisher noch zurück. Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Baden-Württemberg haben die Einführung von Studiengebühren offiziell beschlossen. In Bayern, Hamburg und im Saarland liegt bereits ein Regelungsbeschluss vor. Die Höhe der Studiengebühren hat nur Nordrhein-Westfalen festgelegt. Damit dürfte eine Richtgröße entstanden sein. Professor Detlef Müller-Böling. Leiter des Gütersloher Centrums für Hochschulentwicklung:

" Augenblicklich ist es so, dass nur in Nordrhein-Westfalen für die Hochschulen die Möglichkeit besteht, die Studiengebühren selbst festzulegen zwischen dem Betrag Null und 500 Euro pro Semester. Alles, was man hört - da ja auch 500 Euro nicht sehr viel ist -, läuft darauf hinaus, dass mit großer Wahrscheinlichkeit überall 500 Euro genommen werden. In Baden-Württemberg, in Bayern ist das gesetzlich vorgeschrieben, in Niedersachsen und in Hamburg ebenfalls, so dass wir zuerst einmal keine große Differenzierung haben werden, was die Studiengebühren anbetrifft. Sondern Sie können eigentlich überall mit 500 Euro rechnen."

In Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen geht die gebührenfreie Zeit mit diesem Sommersemester zu Ende. In Bayern, Hamburg und Baden-Württemberg müssen Erstsemester vom Sommersemester 2007 an zahlen. Das Saarland will Studiengebühren erst im Herbst 2007 einführen.

Zu klären bleibt auch noch, wie sich die Nachbarschaft von Universitäten mit und ohne Studiengebühren auswirkt. Eine Umfrage an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken zeigt, dass sich mehr als die Hälfte der Studenten gegen Gebühren ausspricht, und jeder zweite sogar darüber nachdenkt, in diesem Fall den Studienort zu wechseln. Der Weg wäre nicht weit: Das SPD-regierte Rheinland-Pfalz will - vorerst - keine Studiengebühren einführen. Doch ob Gebührenfreiheit wirklich ein Wettbewerbsvorteil oder womöglich gar ein Wettbewerbsnachteil ist, hält Professor Müller-Böling vom Centrum für Hochschulentwicklung für noch nicht eindeutig entschieden:

" Also zuerst einmal wird es in den Ländern, in denen es Hochschulgebühren gibt - es sind ja nicht alle Länder, sondern nur einige, die das einführen - in denen wird sich die Studiensituation verbessern, weil mehr Geld da ist für Personal, für Räumlichkeiten, für Computer und ähnliches. Das ist ein wichtiger Schritt für die Studierenden in diesen Ländern. Und damit wird gleichzeitig auch der Wettbewerb zwischen den einzelnen Ländern vergrößert werden. Diejenigen, die Studiengebühren einführen, werden bessere Situationen haben als andere und wahrscheinlich sogar mehr Studierende bekommen."

Diese Einschätzung teilen viele Gebührenkritiker nicht. Sie befürchten ein anderes Szenario: Gebührenfreie Universitäten könnten überrannt werden, zumal dann, wenn sie in attraktiven Städten liegen. Besonders das arme Berlin macht sich Sorgen. Die drei Berliner Unis bilden heute schon wesentlich mehr Akademiker aus, als der lokale Arbeitsmarkt aufnehmen kann. Wie Berlin gelten auch Dresden, München, Köln und Hamburg als attraktive Studienstädte, die auch unter der Einführung von Studiengebühren nicht leiden würden, während sich Städte wie Chemnitz, Greifswald oder Siegen schwer tun könnten, ausreichende Studentenzahlen anzuziehen. Bildungsökonom Dieter Dohmen fürchtet gar, dass aus den Studiengebühren ein neues Ost-West-Problem entsteht:

" Das heißt, in so einem föderalen System, wie sich das in Deutschland noch verstärken wird, dass die Länder insbesondere in Ostdeutschland, mal abgesehen von Leipzig oder Dresden, erhebliche Probleme haben werden, attraktiv für Studierende zu sein."

Wie sich die Studiengebühren hierzulande auswirken werden - kann bisher noch niemand genau voraussagen. Der Blick ins Ausland lässt aber einige Rückschlüsse zu. Nicht nur in Amerika, auch im größten Teil Europas müssen Studenten für ihr Studium bezahlen. In Australien machte Ende der 80er Jahre ausgerechnet eine Labour-Regierung Schluss mit dem Gratis-Studium. Auch über die mögliche Entwicklung der Studierendenzahlen können die Erfahrungen im Ausland Aufschluss geben, sagt Professor Müller-Böling vom Centrum für Hochschulentwicklung.

" Alle Erfahrungen, die in anderen Ländern gesammelt worden sind durch die Einführung von Studiengebühren besagen, dass es sehr auf die Art und Weise ankommt, wie Studiengebühren eingeführt werden. Wenn sie mit einem Darlehen, das später erst zurückbezahlt wird, wenn man Geld hat, und wenn man kein Geld hat, nicht zurückbezahlt wird, zusammen eingeführt werden, dann hat das keine abschreckenden Wirkungen. Das ist sehr intensiv in Australien analysiert worden, wo 1989 solche Studiengebühren eingeführt worden sind. Das kann man aber auch in Österreich sehen, wo vor einigen Jahren Studiengebühren eingeführt worden sind, es zuerst einmal zu einem Abfall an Studienanfängerzahlen gekommen ist, weil es keine Stipendien gegeben hat, dann anschießend diese Stipendien eingeführt worden sind und mittlerweile wieder dasselbe Niveau vorhanden ist."

Bisher braucht ein Student durchschnittlich gut 700 Euro im Monat. Fast 90 Prozent der Studierenden werden vom Elternhaus unterstützt, mit im Schnitt 435 Euro im Monat. Das reicht nicht. Deshalb arbeiten fast zwei Drittel der Studenten nebenbei, rund ein Drittel bekommt Bafög. Mit der Einführung der Studiengebühren von bis zu 1.000 Euro im Jahr ist aber für viele Eltern das Ende der Fahnenstange erreicht. Aber bis vor kurzem gab es kein spezielles privatwirtschaftliches Angebot, zumindest einen Teil des Studiums auf Pump zu finanzieren. Anfang vorigen Jahres machte die staatseigene KfW Bankengruppe darauf aufmerksam. Vorstandsprecher Hans W. Reich kritisierte die Banken heftig:

" Im Bereich der Bildungsfinanzierung liegt ein klassisches Marktversagen vor. Studierende können nun mal keine Bilanz vorlegen. Humankapital lässt sich im Gegensatz zu Immobilien nicht beleihen."

Solch forsche Worte einer Staatsbank ließen die gesamte Kreditwirtschaft aufschreien. Sie zeigten aber Wirkung. Denn inzwischen gibt es einige Angebote: Die Deutsche Bank gibt monatlich bis zu 800 Euro für höchstens fünf Jahre und aktuell 5,9 Prozent Effektivzins. Der Dachverband der Sparkassen hat den Rahmen für einen Studienkredit in monatlichen Raten für höchstens sechs Jahre formuliert. Die genauen Konditionen legen die einzelnen Sparkassen selbst fest. Die Volks- und Raiffeisenbanken haben bislang kein eigenes Kreditprogramm aufgelegt, sondern vertreiben das der staatlichen KfW Bankengruppe. Dieses zahlt monatlich 100 bis 650 Euro aus für höchstens sieben Jahre bei einem Zinssatz von anfangs nominal 5,1 Prozent. Für 15 Jahre garantiert die KfW eine Zinsobergrenze von 8,38 Prozent. Seit Anfang April ist dieses Angebot auf dem Markt. Zur selben Zeit kam die Dresdner Bank mit ihrem "Flexistudienkredit" auf den Markt. Er funktioniert wie ein Dispo-Kredit: Der Kunde nimmt also Geld, wenn er es braucht, nicht einen festen Betrag monatlich, und jeder Geldeingang von anderer Seite mindert sofort die aufgelaufene Kreditsumme. Mehr als 650 Euro monatlich werden aber nicht als Kredit vergeben. Die Zinsen liegen zwischen 5,99 und 8,99 Prozent. Nur die wenigsten brauchen von Studienbeginn an einen Kredit. Deshalb richten sich die Bankangebote an Studierende, die während des Studiums mal in finanzielle Engpässe geraten, ansonsten aber von ihren Eltern unterstützt werden oder sich selbst etwas dazuverdienen. Oliver Klink, der Konstrukteur des Studentenbanking bei der Dresdner Bank:

" Wir glauben, dass ungefähr zehn bis 15 Prozent der Studenten heute schon wissen, dass sie einen Kredit in Anspruch nehmen müssen. Wir glauben, dass 50 Prozent im Verlauf eines Studiums mal einen Kredit nach unseren Modellen in Anspruch nehmen werden, dass aber der größte Teil zum Studienende schon zurückgezahlt ist."

Und auch bei der Deutschen Bank ist eine Vollfinanzierung des Studiums nicht unbedingt das Ziel. Deutschbankerin Evelyn Damiani:

" Der Schutz des Studenten vor Überschuldung steht in unserer Beratung im Vordergrund. Und deswegen gehen wir sehr defensiv an dieses Thema heran und empfehlen dem Stundeten im Zweifelsfall lieber mal noch ein bisschen zu jobben oder sich um andere Finanzierungsquellen zu bemühen anstatt sich zu überfordern."

Für die Banken sind die Studentenkredite auch als Lockmittel gedacht. Sie wollen sich so diese Zielgruppe erschließen, die irgendwann einmal gut verdienen wird und entsprechend gute Geschäfte verspricht. Das geben die Banken auch unumwunden zu.

" Ja, neue Kunden zu gewinnen. Studenten sind eine interessante Zielgruppe. Wir wollen frühzeitig zeigen, was wir wert sind, was wir können, dann sind wir überzeugt, dass die Studenten später bei uns bleiben und sagen werden, was sie da schon gezeigt haben, das wird mir im späteren Berufsleben auch helfen."

Studenten, die einen Kredit in Anspruch nehmen, wissen, dass sie am Ende ihres Studiums einen beträchtlichen Schuldenberg angehäuft haben werden. Stephan Kämmerling, Medizinstudent, braucht mehr Geld zum Leben, als die Eltern ihm geben und er sich als Rettungssanitäter dazuverdienen kann. Er hat eine Lücke von 200 Euro monatlich ausgemacht, und die nimmt er als Kredit bei einer der beiden Großbanken in Anspruch. Später wird er rund 25.000 Euro an Tilgung und Zinsen zurückzahlen müssen:

" Das hat gewiss für ein paar schlaflose Nächte gesorgt. Auf der anderen Seite denke ich, eine Investition für ein Studium oder eine Ausbildung ist als solche nicht falsch. Ich meine, ich werde nachher Arzt. Ich glaube nicht, dass ich sehr, sehr wenig verdiene. Ich glaube schon, dass das auch in Zukunft ein Beruf ist, mit dem sich eine solche Summe auf jeden Fall finanzieren lässt."

Lea Bolz, Studentin der Wirtschaftswissenschaften, hat sich noch nicht zu dieser optimistischen Sicht durchringen können:

" Viele arbeiten ja noch neben dem Studium, wenn man zusätzlich noch einen Kredit braucht, ist natürlich die Verantwortung, die man hat, sein Studium auch abzuschließen und einen guten Abschluss zu haben, wesentlich größer. Und wenn ich dann weiß, ich bin nach vier Jahren fertig und stehe da und habe einen Haufen Schulden, das ist sehr heftig."

"Ich koste meinen Vater 30.000 Dollar im Jahr. Ich bin jeden Cent wert" - ein Harvard-Spruch. Harvard-Studenten gehen davon aus, dass sie jedes Jahr bei weitem mehr verdienen. Sie haben sogar recht. Denn in den Vereinigten Staaten ist die Verzinsung einer Investition in Bildung besonders hoch - Bildungsökonomen sprechen hier gerne von Bildungsrenditen:

" In Deutschland ist die Rendite bei etwa zehn Prozent, was verglichen mit den USA oder Großbritannien, die ungefähr doppelt so hoch liegen, wenig ist. Auf der anderen Seite müssen Sie sich auf dem Kapitalmarkt schon anstrengen, eine solche Rendite zu kriegen."

Wobei die Einkommens- und damit die Renditeschere in Deutschland ziemlich groß ist. Betriebswirte oder Zahnmediziner bringen ein ganz anderes Einkommen nach Hause als Geisteswissenschaftler. Bei denen kann die Rendite sogar negativ sein, wenn auf das Studium die Arbeitslosigkeit folgt. Dennoch versichern Banken, die Vergabe von Studienkrediten nicht vom Studienfach abhängig zu machen. Evelyn Damiani von der Deutschen Bank über die Struktur der studierenden Kunden:

" Es ist ganz breit gefächert. Es ist der Kunsthistoriker genauso wie der Physikstudenten oder der BWLer, der Jurist. Von den sozialen Kriterien her ist es auch ein Querschnitt durch die Bevölkerung, durch die Studentenschaft."

Geisteswissenschaftler könnten ihr Studium schon ein bisschen schneller vorantreiben als bisher, sagt der Präsident der Universität Frankfurt, Professor Rudolf Steinberg. Das empfände er als angenehme Begleiterscheinung von Studiengebühren und Studienkrediten. Doch eine inhaltliche Einflussnahme auf das Studienangebot lehnt er ab:

" Wir müssen sehr aufpassen an den Hochschulen, dass wir auch in Zukunft "nicht marktgängige" Studiengänge und Forschungsrichtungen erhalten. Wir brauchen auch diese Nische. Wir brauchen sie aus vielen Gründen, nicht zuletzt, weil aus einer Nische immer wieder mal ein zentraler Focuspunkt einer Forschung werden kann. Da müssen wir in der Tat aufpassen. Niemand redet hier der "Ökonomisierung" von Universitäten das Wort."

Und doch zieht wirtschaftliches Denken dort ein, wo Geld eine größere Rolle spielt. Die Befürworter von Studiengebühren setzen auf entrümpelte Studieninhalte, auf kürzere Studienzeiten, auf früheren Eintritt ins Berufsleben, kurz: auf mehr Effizienz. Und sie scheinen im Kopf der kreditnehmenden Studenten diesen Prozess in der Tat auszulösen, jedenfalls beim Medizinstudenten Stephan Kämmerling.

" Dadurch, dass ich mir bewusst mache, dass ich eine Finanzierung laufen habe, habe ich auch immer das Bewusstsein, zielorientiert zu studieren, mein Ziel möglichst schnell zu erreichen. Und das wiederum setzt auch meine Erwartungen an die Universität, dass ich dort auch die Möglichkeit habe, mein Ziel möglichst schnell zu erreichen und trotzdem dabei effektiv zu bleiben."

Mehr Effizienz heißt nicht automatisch, dass auch mehr gespart werden muss. Im Gegenteil: Studiengebühren versetzen Hochschulen in die Lage, mehr Geld auszugeben. Dann könnte sich auch der Wunsch nach besserer Betreuung erfüllen, den viele Studenten haben. Auch Lea Bolz:

" Von Studiengebühren würde ich mir ganz persönlich erhoffen, dass das Betreuungsverhältnis besser ist, dass die Tutoriengruppen kleiner werden. Ich find halt bei Studiengebühren ganz wichtig, dass das Geld den Universitäten zusätzlich zur Verfügung steht, über das, was jetzt schon da ist, damit zusätzliche Projekte finanziert werden."

Bessere Studienbedingungen als Folge von Studiengebühren wird es freilich nur geben, wenn die Gebührengelder bei den Universitäten bleiben und nicht mit den bisherigen Mitteln der meist staatlichen Träger verrechnet werden. Das ist etwas, was Frankfurts Universitätspräsident Rudolf Sternberg vehement einfordert:

" Die Studiengebühren müssen ohne Abstriche den Hochschulen zur Verfügung gestellt werden. Und es darf nicht zu einer Absenkung der bisherigen Landeszuschüsse kommen. Und die müssen auch im bisherigen Ritus gesteigert werden. Wenn das der Fall ist, bin ich ganz sicher, dass wir die Studienbedingungen drastisch verbessern können."

Die Zweifel aber sind groß, dass der Staat Studiengebühren einführt und die Gelder den Universitäten belässt. Es geht nicht um Kleinigkeiten. Nordrhein-Westfalens Universitäten könnten über Studiengebühren zusätzlich 320 Millionen Euro einnehmen. Und in Hamburg rechnen die Unis und Fachhochschulen mit zusätzlich 45 Millionen. Bildungsökonom Dieter Dohmen hat seine Zweifel, ob die Gebührengelder wirklich zusätzliche Gelder sein werden:

" Die Frage, ob sich die Länder zurückziehen, lässt sich nicht wirklich beantworten. Die Erfahrung der Vergangenheit zeigt, sie werden es in Teilen tun."

Auch Amin Benaissa, Student in Frankfurt und Geschäftsführer beim Aktionsbündnis gegen Studiengebühren macht eine negative Rechnung auf:

" Mit der Erfahrung von Studiengebühren, die Mittel, die jetzt reinkommen könnten, weit mehr als diese Mittel, sind in den letzten drei, vier Jahren gekürzt worden. Allein in Bayern ist der Hochschuletat in den letzten drei Jahren um 15 Prozent gesunken. Dadurch, dass Studiengebühren eingeführt und eingetrieben werden, zieht sich der Staat zurück, das heißt, die öffentlichen Ausgaben werden um den Betrag, der privat reinkommt, runtergefahren. Das ist ein Nullsummenspiel im Endeffekt."

Mehr noch fürchten Gegner von Studiengebühren, die vor allem in der SPD und bei den Gewerkschaften zu finden sind, dass künftig nur noch Kinder aus einem wohlhabenden Milieu studieren könnten - die Gerechtigkeit auf der Strecke bliebe. Das ist bisher auch schon der Fall. Der Anteil der Studenten aus so genannten bildungsfernen- und einkommensschwachen Schichten beträgt nicht mehr als zwölf Prozent - trotz Gebührenfreiheit und Bafög. Die Schere könnte noch weiter auseinander gehen, meint Dieter Dohmen:

" Man kann schon feststellen, dass Kinder aus bildungsfernen Schichten wesentlich stärker darauf reagieren. Da besteht durchaus die Angst, dass man das nicht finanzieren kann, dass man verschuldet. Das hat bei bildungsferneren sehr viel stärkere Aspekte als bei bildungsnahen."

Doch versichert Detlef Müller-Böling vom Centrum für Hochschulentwicklung, die Sorge vor einer sozialen Auslese der Stundenten sei nicht gerechtfertigt:

" Nein, das wird es nicht geben. Denn überall, in allen Ländern, die Studiengebühren einführen werden, werden zumindest Kreditmodelle angeboten werden. Ich bin fest der Überzeugung, dass zukünftig vermehrt Stipendien angeboten werden, Es wird keine soziale Auslese geben."

Und sicher ist, dass es die auch nicht geben darf. Aus sozialen Gründen nicht und auch deshalb nicht, weil die Universitäten jeden klugen Kopf brauchen. Darauf weist beinahe leidenschaftlich der Frankfurter Universitätspräsident Steinberg hin:

" Studiengebühren sind nur dann vertretbar, wenn sichergestellt ist, dass kein Studienbewerber/in aus wirtschaftlichen Gründen gehindert ist, das Studium aufzunehmen. Das können wir uns aus vielen Gründen nicht erlauben. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit, des Anspruchs auf Bildung als Bürgerrecht. Das ist aber auch die Perspektive dieser Gesellschaft, die keinen Kopf entbehren kann, den sie braucht."

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