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Das Licht des Augustus

Am 23. September eines jeden Jahres, also genau am Geburtstag des Kaisers Augustus, soll ein Lichtstrahl auf sein Grab gefallen sein. Eine Hypothese, die unter Archäologen nicht unumstritten ist. Nun sind italienische Wissenschaftler hinter das Geheimnis des Augustus-Mausoleums gekommen.

Von Thomas Migge | 07.07.2012
    Riesige Paläste und Tempel, grandiose Thermen und monumentale Arenen, meterhohe Skulpturen der Imperatoren – und alles aus chromatischem Marmor oder farbenfroh bemalt. Das in 3D rekonstruierte Rom der Antike, erschaffen und mit martialischer Musik unterlegt von Archäologen der Universität Rom, erinnert an beeindruckende Szenografien aus Hollywoodfilmen. Archäologen wie Andrea Carandini sind davon überzeugt, dass die antike Metropole nicht so steril-monochrom und architektonisch bescheiden war, wie man lange annahm:

    "Heutige Historiker halten die Vorstellungen über das antike Rom oft von Fantasien überzogen. Doch muss man sich diese Weltstadt wirklich eindrucksvoll vorstellen. Das ist für viele Historikern ein Problem."

    Nicht für die römische Archäologin Paola Virgili, die Jahre lang für die römische Altertümerbehörde grub. Sie ist davon überzeugt, dass die antike Stadt so grandios wie in Hollywoodfilmen aussah. Ihre Forschungen zu den von Kaiser Augustus errichteten Bauten am Tiber belegen, dass dieser ganz extrem um sein Image bedachte Herrscher mit Hilfe von Architektur ganz bewusst Staunen erzeugen wollten. Das wohl beste Beispiel dafür, erklärt sie, sei das sogenannte Licht des Augustus. Paola Virgili:

    "Verschiedene Grabungen unterhalb des Bodenniveaus beim Pantheon bestätigten die Ausmaße jenes ersten Pantheons, das Kaiser August in den 20er-Jahren vor unserer Zeitrechnung errichten ließ. Es war dann Kaiser Hadrian, der im zweiten nachchristlichen Jahrhundert jenes Bauwerk schuf, das wir noch heute bewundern. Die Reste des ersten Pantheons befinden sich nahezu komplett erhalten unter dem Fußboden der heutigen Piazza."

    Reste eines Bauwerks, dass, da ist sich die Archäologin sicher, Teil eines gigantischen Projekts war, dass Augustus in ein, im wahrsten Sinn des Wortes, göttliches Licht stellen sollte. Eine Hypothese, die unter Archäologen nicht unumstritten ist.

    Paola Virgili zufolge stand das Pantheon des Augustus in direktem Kontakt mit dessen Mausoleum. Die Ruine dieser kaiserlichen Grabstätte erhebt sich heute an der zentralen Piazza Augusto Imperatore. Nach der Eroberung Ägyptens kehrte Augustus 29 nach Christus nach Rom zurück und begann mit dem Bau dieses Mausoleums. Er war an den Planung federführend beteiligt, weiß Paola Virgili:

    "Teil seines grandiosen Projekts für die Gestaltung der Stadt war die Verbindung des Pantheons mit dem Mausoleum, die für die Verehrung des Princeps kultische und astronomische Bedeutung besaß."

    Paola Virgilis Hypothese geht davon aus, dass die Laterne des augusteischen Pantheons, wie man den durchbrochenen Aufbau auf einer Gebäudekuppel nennt, in Beziehung zum Haupteingang zu dessen Mausoleum stand. Zwischen beiden Bauwerken liegen 750 Meter Luftlinie. Der Archäologin zufolge fiel am 23. September eines jeden Jahres, dem Geburtstag des Augustus, um 12.13 Uhr ein Lichtstrahl durch die Öffnung der Kuppellaterne des Pantheons direkt auf das Portal des Grabmals. Der Effekt muss beeindruckend gewesen sein: Für einen Moment erhellte sich ein Teil des Grabmals wie von göttlicher Hand.

    Auf ihre Lichtstrahlenhypothese verweist die Archäologin auch in dem vor kurzem erschienenen Monumentalwerk "Atlante di Roma" von Andrea Carandini, der damit eine Rekonstruktion des antiken Roms bietet. In den Darstellungen dieses Standardwerk ist deutlich zu erkennen, dass zwischen dem Pantheon des Augustus und seinem Grabmal kein anderes Bauwerk einen möglichen Lichtstrahleffekt hätten verhindern können. Warum also nicht, fragt Paola Virgili und regt damit die Fantasie an – und löst gleichzeitig eine Debatte aus, die die Archäologen in Befürworter und Gegner ihrer Vermutung spaltet.