Reiseaufzeichnungen von den großen Tagen an der Ostsee sind einige auf uns gekommen. Zeugnisse der Einheimischen hingegen, der mecklenburgischen und pommerschen Küstenbewohner, blieben rar. Bis auf die beiden schon reichlich angestaubten Heroen des 19. Jahrhunderts Ernst Moritz Arndt und Fritz Reuter hat dieser Landstrich, der noch vor wenigen Generationen als analphabetische Wüste galt, kaum Literaten hervorgebracht. Kunststück: Wer lieber schweigt als spricht, weil ihm jedes Wort vom Wind entrissen wird, der bringt auch schwerlich etwas zu Papier. Sturm und Wasser mögen das flattrige, leichte Medium, auf das wir unsere Hinterlassenschaften bannen, nicht besonders gern. Wenn er sich schon äußern muß, dann greift der Küstenbewohner zum klassischen Schifferklavier und singt sich eins. Allerdings mit groggestählter Stimme und stets gegen die Strömung.
Peter Wawerzinek, ein Küstenfisch, wie er im Buche steht. Aufgewachsen irgendwo zwischen Rostock und Ribnitz-Dammgarten, erfüllte die tiefe Sehnsucht zum tiefhängenden Horizont schon früh das Herz des kleinen Jungen. Pirat wollte er werden, wenigstens Fischer, doch die Träume unserer Kindheit erfüllen sich nie. Heute lebt er als Literat und begnadeter Literaturperformer in Berlin – an eben jenem Ort, aus dem in der "Saison" die meisten Fremden an die Küste strömen. Störenfriede allesamt, Eindringlinge aus einer hektischen Welt. "Das die einfallende Bevölkerung umschreibende Wort", definiert der Dichter, "ward Saison genannt." Und läßt sich noch in erste und zweite Wahl unterteilen. "Nachsaisonler sind nämlich in der Regel krank", weiß der Einheimische aus reiner Empirie. "Nachsaisonler haben gegen Rheuma anzukämpfen, sich um die Atemluft zu kümmern, sonstwie Beschwerden zu attackieren und gegen Hautausschlag oder Salzallergien anzukämpfen." Was bleibt dem Küstenbewohner, gesund bis in den letzten Zeh, da anderes übrig, als seinen jahrhundertelang geübte Stoizismus zu bemühen?
Das ist das Schöne am Meer: Man kann sich darin verlieren. Löst sich auf, verschmilzt mit den Elementen, wird ganz klein und stumm und trotzdem nicht schwach dabei. Denn das Meer ist stark, vielleicht das stärkste Element überhaupt. "Mich hüllte reine Güte, gute Strenge, heilende Übersicht", schwärmt, lyrisch überkandidelt, der ins Binnenland verschlagene Küstendichter, wenn er seiner ersten kindlichen Begegnung mit dem großen Element gedenkt. Es geht aber auch lakonischer: "Das Meer ist souverän", erkennt er später. "Es leistet sich enorme Wellen, aber auch die bleiben auf dem Teppich." Eher darunter, nimmt man das Bild von den Schaumkronen genau, doch Genauigkeit ist in der Klabautermannprosa von Peter Wawerzinek mit ihren Seemannsliedereinschüben keine Tugend. Es geht vielmehr um den wilden Klang, ein Wettkampf zwischen Reim, Rhythmus und Hurrikan. Wir sind schließlich keine Landeier.
"Das Meer an sich ist weniger" nennt Peter Wawerzinek, mecklenburgischer Kalauerkönig ohne Konkurrenz, sein jüngstes Hybridgewächs aus Buch und CD. Daß ausgewiesene Literaten im Grunde ihres Herzens lieber Sänger wären, auch wenn sie die Natur nicht mit entsprechenden Gaben ausgestattet hat, erleben wir in Form von beherzten Coming-Outs in letzter Zeit häufiger. Der scharfzüngige Polemiker Wiglaf Droste ließ es sich nicht nehmen, eine Rockballaden-CD zu präsentieren, bei deren Anhören er sich eigentlich an frühere Verrisse aus eigener Hand erinnert fühlen müßte. Peter Wawerzinek kann auch nicht richtig singen, aber er tut es mit dem gesunden Selbstbewußtsein des Dilettanten. Schade nur, daß seine Rezitierqualitäten auf der CD nicht zum Tragen kommen, denn Wawerzineks Belletristik ist immer auch ein lautmalerisches Vergnügen. So bleibt das Buch mit Kindheitserinnerungen und pointierten Küstenbeobachtungen ein weiterer Baustein im literarischen Werk des Autors, kein Übergang zu einer neuen multimedialen Kunstform. Es liest sich auch ohne CD-Begleitung wie ein tangumschlungenes Fundstück aus jenen Zeiten, in denen Literatur noch aus Worten bestand, die im Alltagsgebrauch eher selten nebeneinander stehen. Das hin und wieder Unsinn dabei herauskommt, läßt sich nicht vermeiden, genausowenig wie triefender Kitsch. So gefühlskalt sind die Küstenbewohner nämlich gar nicht.