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StartseiteLange NachtDas Metzeln und das Monstrum19.10.2013

Das Metzeln und das Monstrum

Eine Lange Nacht zur Völkerschlacht bei Leipzig

Vor 200 Jahren die Schlacht, vor 100 Jahren das Denkmal: In Leipzig ist das große Metzeln vom Oktober 1813 bis heute präsent. Anlass für eine "Lange Nacht" zwischen Militärhistorie, deutscher Erinnerungskultur und einem tatarischen Kosakendorf.

Von Tobias Barth, Hartmut Schade und Peter Hugo Scholz

Im Ural entsteht gerade eine Kopie des Völkerschlachtdenkmals von 1913. (dpa / picture alliance / Waltraud Grubitzsch)
Im Ural entsteht gerade eine Kopie des Völkerschlachtdenkmals von 1913. (dpa / picture alliance / Waltraud Grubitzsch)

Im Schulbuch und im offiziellen Gedächtnis gilt die Völkerschlacht als eine Geburtsstunde Deutschlands. Allerdings wurde 200 Jahre lang höchst unterschiedlich an das Ereignis erinnert: vom stillen Gedenken bis zum pompösen Aufmarsch. Ein Badewannenrennen zu Füßen des Denkmals karikiert heute die Heldenmythen – und konkurriert mit den "Reenactments", bei denen Geschichtsfanatiker Teile der Schlacht nachspielen. Das Andenken an die Völkerschlacht lebt auch anderenorts fort: Statt eines Siegessoldes belohnte der Zar seine Kosaken mit Land. Und so gibt es bis heute einen Ort "Leipzig" hinterm Ural. Dort entsteht gerade eine Kopie des Völkerschlachtdenkmals im Maßstab 1:1.


1813: Fünf Tage im Oktober - Die Völkerschlacht bei Leipzig

"...die Ebenen von Leipzig werden abermals eine fürchterliche Schlacht erleben."

schreibt der Fürst von Schwarzenberg ahnungsvoll am Vorabend der Völkerschlacht seiner Frau und denkt dabei wohl eher an Scharnhorst in Großgörschen (Frühjahr 1813) als an Gustaf Adolf in Lützen (1632). Der Österreicher hat den Plan entworfen für eine Schlacht, die er nicht will. Doch die russischen und preußischen Verbündeten drängen auf eine Entscheidung - Napoleon hat sich in der Leipziger Tieflandsbucht eingeigelt. Die Gegend kennt der Kaiser aller Franzosen vom Feldzug 1806, das Jahr, in dem er Preußen niederrang.

Der Kampf scheint unvermeidlich, auch, wenn Schwarzenberg Napoleons Truppen lieber weiter in Richtung Frankreich vor sich hertreiben würde.
Das Gemetzel beginnt am 14. Oktober. Ganz überraschend. Bei einem Aufklärungsritt treffen Kavallerieabteilungen aufeinander, schnell entwickelt sich das größte Reitergefecht der napoleonischen Kriege, als Auftakt einer fünf Tage währenden Schlacht. Ein wüstes Durcheinander von Vorstößen und Gegenattacken der Regimenter und Bataillone, ein Kampf, der immer mehr zum Zweikampf wird, Mann gegen Mann.

Lange, zu lange, glaubt Napoleon an einen Sieg seiner vom Russlandfeldzug geschwächten Armee. Der Korse verpasst die Chance zum Rückzug. Mit ihren überraschenden Vorstößen am eigentlich kampffreien Sonntag entscheiden Blücher und Gneisenau die Schlacht.
Die Völkerschlacht als Kampf von Monarchen und Militärs - so wird sie immer wieder erzählt.

Doch was ist mit dem Rest? Rund eine halbe Million Soldaten standen sich feindlich gegenüber. Mittendrin die 30.000 Leipziger, deren Stadt umzingelt und angegriffen wird.

Auszüge aus dem Manuskript:

15. Oktober. Ein Tag gespannter Ruhe in Leipzig. Es regnet immer noch. Von Norden marschieren Blüchers Preußen und Bernadottes Schweden auf Leipzig zu. Aus dem Süden kommt die Hauptarmee mit Zar Alexander, Kaiser Franz und König Friedrich Wilhelm sowie Oberbefehlshaber Karl von Schwarzenberg. Der schreibt am Abend an seine Frau.

"Die Ebenen von Leipzig werden abermals eine fürchterliche Schlacht erleben. Ich habe mich mit Blücher verabredet, er soll morgen von Merseburg und Halle gegen Leipzig rücken. Die Schlacht wird mehrere Tage dauern, denn die Lage ist einzig und die Entscheidung von unendlichen Folgen. Wenn ich aus meinem Fenster hinaussehe und die zahllosen Wachtfeuer erblicke, die sich vor mir ausbreiten, und wenn ich bedenke, dass mir der größte Feldherr unserer Zeit, einer der größten aller Zeiten, ein wahrer Schlachtenkaiser gegenübersteht, dann, meine liebe Nani, ist es mir freilich, als wären meine Schultern zu schwach und müssten unterliegen unter der Riesenaufgabe, welche auf ihnen lastet. Blicke ich aber empor zu den Sternen, so denke ich, dass der, der sie leitet, auch meine Bahn vorgezeichnet hat. Ist es sein Wille, dass die gerechte Sache siege, und dafür halte ich die unsrige, so wird seine Weisheit mich erleuchten und meine Kraft stärken. Geht es alles gut, so will ich mich einst bei Euch an meinem Bewusstsein erfreuen und an den Kindern, und wir wollen dann wieder unsere Bäume pflanzen und pflegen.
Wie liebt dich
Dein Karl"


Ganz Europa ist in napoleonischer Hand. Ganz Europa? Nun, weit im Westen, jenseits der Pyrenäen zermürben die Spanier seit 1808 mit einem Guerillakrieg die französischen Besatzer. Und im Osten stellt sich der Zar Alexander I. einfach keiner Schlacht, zieht sich immer weiter in die unermesslichen Weiten seines Landes zurück, gibt gar Moskau preis. Der Fall der Hauptstadt - in gewöhnlichen Kriegen war das immer der Endpunkt - hier wird er zum Anfang vom Niedergang.

Gesellschaftsblatt für gebildete Stände. 15. Juni 1814

"So schien Moskau der ganzen Welt eine Fackel aufgesteckt zu haben, die, wie ein Leuchtturm in unendlicher See, einem ganzen Weltheil den Anfang einer neuen und besseren Ordnung der Dinge verkünden und allen Völkern das Zeichen geben sollte, welches das Ziel sey, wonach die Zeit jetzt streben müsse."

Für die in Jena und Auerstedt militärisch, dann in Tilsit politisch gedemütigten Preußen ist das Scheitern der Franzosen vor Moskau ein erster Hoffnungsschimmer. Auf diesen Moment hin haben Scharnhorst und Gneisenau hingearbeitet, haben die französische Militär- und spanische Guerillataktik studiert, die Ausbildung der Rekruten modernisiert, Pläne entwickelt für die Mobilisierung von Handwerkern, Beamten und Kaufleuten. Die preußischen Heeresreformer wissen: Das Bürgerheer der französischen Revolution - es ist nur mit einem Volkskrieg zu schlagen.

"Abgesehen davon gab's weder in Preußen, noch in Sachsen, noch in irgendwelchen anderen deutschen Staaten der Epoche von Seiten der Obrigkeit große Begeisterung für die Idee eines Volkskrieges."

Dr. Gerhard Bauer, Militärhistorisches Museum der Bundeswehr in Dresden. Kurator der Ausstellung "Blutige Romantik 1813".

"Leute wie Scharnhorst, die haben Konzepte entwickelt, wie Freikorps einzusetzen sind. Also da gibt's Anweisungen für Streifdetachements, das liest sich wie ein Handbuch des Partisanenkrieges."

"Dem Feinde den Einbruch wie den Rückzug versperren, ihn beständig außer Atem halten; seine Munition, Lebensmittel, Kuriere und Rekruten aufzufangen, nächtliche Überfälle auszuführen; kurz ihn beunruhigen, peinigen, schlaflos machen, einzeln und in Truppen vernichten, wo es nur möglich ist.
Unter den Vorräthen ist das Mehl zuerst fortzubringen oder zu verderben. Die Getränke, Bier, Wein und Brandtwein, lasse man auslaufen. Die Mühlen werden in den zu verlassenden Gegenden verbrannt, die Brunnen verschüttet.
Die zeitigenden Früchte werden abgeschlagen. Korn und Getreide jeder Art, wenn es der Reife nahe, wird in Asche verwandelt."


Es ist eine Taktik der verbrannten Erde. Eine Taktik, mit der die Russen Napoleon aus ihren Reich vertrieben und die auch die spanischen Guerilleros erfolgreich anwandten.

"Aber so was wie in Spanien, wo Geistliche und lokale Juntas die Bevölkerung bewaffnet haben und irgendwelche wilden Banditenfürsten da einen Kleinkrieg gegen die Franzosen - teilweise auch gegen beide Seiten - geführt haben, das war in Deutschland weder erwünscht noch überhaupt vorstellbar, oder vielleicht auch gar nicht durchführbar. Es gab in der Bevölkerung glaube ich nicht die Ambitionen, sich an so einem Volkskrieg zu beteiligen. Also die Idee eines Volksaufstandes, die ist 1813 dann erst später in sehr romantischer Form untergeschoben worden. Eine nationale Erhebung hat es 1813 nicht gegeben und sollte es auch nicht geben."

www.davier.de/koerner9.htm

Das Lied "Männer und Buben" von Theodor Körner: Eine poetische Reaktion auf die Konvention von Tauroggen. Im Dezember 1812 geht der preußische General Yorck eigenmächtig ein Bündnis mit den Russen ein. Und zwingt so den zögerlichen Preußenkönig zum Bekenntnis gegen Napoleon. Seit 1806, seit der Schlacht von Jena und Auerstedt, war Preußen ein französisch besetztes Land. Im März 1813 wendet sich Friedrich Wilhelm an sein Volk:

"Brandenburger, Preußen, Schlesier, Pommern, Litthauer! Ihr wisst, was Ihr seit fast sieben Jahren erduldet habt; Ihr wisst, was euer trauriges Los ist, wenn wir den beginnenden Kampf nicht ehrenvoll enden."

Freiwilligenkorps entstehen, das berühmteste wird das der "Lützower Jäger". Dort sammeln sich Handwerker, Kaufleute, Bauern und Studenten, die sich ab Frühjahr 1813 den Franzosen entgegen stellen. Ein bunter Haufen, patriotisch gesinnt, aber militärisch gänzlich unbeleckt.

"Also es gibt herrliche Berichte vor Freiwilligen, von preußischen Freiwilligen von 1813, die tatsächlich patriotisch motiviert zu freiwilligen Jägereinheiten oder zu Freikorps wie denen von Lützow geeilt sind und dann - wie einer berichtet hat - mit Entsetzen festgestellt haben, das sie ja ihr Gepäck selber tragen müssen. Der eine - ein ehemaliger Theologiestudent - berichtet eben, er findet das ganz furchtbar, weil er hätte sich ja aus freien Stücken zum Kampf für das Vaterland gemeldet und deswegen solle doch bittschön der Tornister hinterdrein gefahren werden oder man solle ihn persönlich auch auf dem Wagen mitfahren lassen. Also so was wie Marschieren und sich die Füße ruinieren, das wäre nicht so in seinem Sinne gewesen."

16. Oktober. Es ist kalt und neblig in der Leipziger Tieflandsbucht. Die Pfarrerstochter Auguste Vater aus Seifertshain wird Jahre später von diesem ersten Tag der Völkerschlacht berichten:

"Die tiefe Stille, die noch ringsum herrschte, reizte uns, den interessanten Morgen durch einen kleinen Spaziergang ins Feld zu genießen. Auch hier, so weit das Auge die Nebellichter zu durchbrechen vermochte, sah man noch nichts von Truppen. Und nur die einzelnen grauen Gestalten einiger Feldwachen, die am Holze und auf der Anhöhe sich bewegten, ließen ihre Nähe ahnen. Einzelne Flintenschüsse unterbrachen bloß dann und wann diese tiefe Stille und Lautlosigkeit, die heute, bei der Erwartung so großer Dinge, so entscheidender Ereignisse, ergreifend auf uns wirkte. Wir überließen uns ganz der Gewalt dieses großen Eindruckes und sprachen darüber, als es sich allmählich in der Ferne zu regen begann und die immer mehr durchbrechende Sonne allgemeines Leben zu entwickeln schien. Ein ganz eigenes, erhabenes Geräusch, wie das ferne Brausen des wogenden Meeres, umgab uns bald von allen Seiten und zog unsere ganze Aufmerksamkeit auf sich. Es wurde mit jeder Minute stärker, von einzelnen dumpfen Kanonenschüssen und fernen Trommeln begleitet. Und bald erkannten wir darin das allgemeine Anrücken sämtlicher Armeen zu dem großen, blutigen, lang ersehnten Kampfe, der auf immer das Schicksal von ganz Deutschland entscheiden sollte."

Um zwei Uhr am Nachmittag des 16. Oktober beginnen die Glocken, zu läuten. Erst die der Nikolaikirche, dann fallen Thomas- und die Neukirche ein. Das Dröhnen der Glocken übertönt das ferne, dumpfe Gebell der Kanonen, das eilige Trappeln der Pferde.

"So flogen Adjutanten und Eilboten aller Art herein nach der Stadt, schrien unaufhörlich die Siegespost aus mit dem Lebehoch des Kaisers. Was nicht Franzos ist oder scheinen wollte, stürzte aus den Straßen weg, die Türen zuwerfend, um seine Gefühle unbelauert ausströmen zu lassen. Indes waren Frauen und Kinder mit Fernröhren auf dem obersten Boden des Hauses verweilt, sie wollten die Überzeugung erzwingen, man irre sich. Und eben jetzt dröhnt das Vive L´Empereur auch zu ihnen hinauf, die Glocken fangen den Siegeston an."

Der Dramatiker, Kunstkritiker und Musikschriftsteller Friedrich Rochlitz wohnt in einem Bürgerhaus an der alten Stadtmauer von Leipzig. 30.000 Einwohner hat die Stadt im Königreich Sachsen, das offiziell verbündet ist mit den Franzosen. Und doch löst die Nachricht vom Sieg Napoleons bei vielen Entsetzen aus in Leipzig:

"Lass uns sterben! Ein Leben, wie es uns nun erwartet, ist ohne Wert und kann auch uns nur verschlechtern."

Der Kaiser hat die Schlacht gewonnen. Wie er vor Jahr und Tag in Austerlitz und Auerstedt gewonnen hat. Wie er in diesem Frühjahr die Preußen und Russen in Großgörschen und Bautzen besiegte und im Sommer in Dresden. Das militärische Genie des kleinen Korsen siegt an diesem 16. Oktober wieder einmal, so scheint es an diesem ersten Tag der später sogenannten Völkerschlacht.

Der Jubel ist verfrüht, wider Erwarten halten die Alliierten den französischen Attacken stand. In der Nacht zieht Napoleon seine Truppen enger um Leipzig zusammen. Ein Muster, das sich in den Folgenächten wiederholt. Die Alliierten erringen keinen großen Sieg, doch können sie immer neue Truppen heranholen, während der Kaiser keine Reserven mehr hat. Am Abend des 18. Oktober ist ihm klar: Diese Schlacht gewinnt er nicht.

19. Oktober, der vierte Tag. Gegen 11 verlässt der Empereur Leipzig. Als gegen Mittag Blüchers Preußen in die Stadt eindringen, sind noch 20.000 Franzosen innerhalb der Stadtmauern.

Zur gleichen Zeit, da Tausende Franzosen verzweifelt versuchen, aus der Stadt zu kommen, marschieren mit einem "fröhlichen Marsch heller Jagdhörner" - so Musikjournalist Rochlitz - die Preußen ein.

"Meine Tränen stürzten hervor, ich rief überlaut den Meinen zu, herbeizukommen und gleichfalls zu hören, von meiner Brust war mit eins alles Beengende verflogen; ich riss die Fenster auf und ließ die Kugeln pfeifen, wie sie wollten; ich wehete mit dem weißen Tuch hinüber. Die Sieger zogen in scharfgedrängten Reihen eilends heran. Neben diesen Reihen, wo sich irgend ein Räumchen fand, drängten Ungeduldige jauchzend noch schneller sich vorwärts."

Die blutigste Schlacht des 19. Jahrhunderts - nach vier Tagen hat sie ein Ende. Bis heute ist die Zahl der Toten und Verwundeten umstritten. Sind es 40.000 auf jeder Seite, oder eher 50.000, gar 60.000?

"Auch da haben wir keine ganz genauen Zahlen, aber wir gehen davon aus, und die Geschichtswissenschaft unterstreicht das ja auch, das wir von mehr als 100.000 Gefallenen sprechen müssen. Wobei wir etwa nur - was heißt nur? - wir gehen etwa von einem Drittel direkt auf Schlachtfeld Getöteten aus und zwei Drittel Gestorbenen aufgrund fehlender medizinischer Betreuung in den Tagen nach der Schlacht, auch in den Wochen nach der Schlacht, ich sag mal jämmerlich, ich will das mal sagen an dieser Stelle, verreckt sind."

Dr. Volker Rodekamp, Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums und damit auch Herr über all die Erinnerungsorte und Denkmäler, die in und um Leipzig an das blutige viertägige Gemetzel erinnern.

"Das heißt, das Grauen dieser Schlacht war auch ein Grauen des Sterbens nach der Schlacht. Das heißt, die Zivilbevölkerung Leipzig, also diese 30.000 Menschen round-about in und um Leipzig herum, hatten es mit 60.000 langsam verendenden Menschen zu tun. Ein Grauen, das wir uns kaum vorstellen können. Das war den Menschen bis dato nicht bewusst, dass die Dimension des Sterbens so gewaltig sein könne."

60 Dörfer um Leipzig sind zerstört. Die Stadt selbst hat kaum Schäden davongetragen. Die Tage des Schreckens - sie beginnen für die Leipziger erst. Jedes öffentliche Gebäude wird zum Lazarett, von der Thomaskirche über Gasthäuser und Schulen bis zum Kornspeicher. Preußenkönig Friedrich Wilhelm schickt seinen berühmtesten Mediziner, den Halleschen Arzt Johann Christian Reil nach Leipzig.

"Ich eilte Leipzig zu, um dessen Lazaretten, die wie ein Vulkan ihre Kranken nach allen Richtungen ausspien, eine zweckmäßige Ableitung zu verschaffen. Auf dem Wege dahin begegnete mir ein ununterbrochener Zug von Verwundeten, die wie Kälber auf Schubkarren ohne Strohpolster zusammengeklumpt lagen und einzeln ihre zerschossenen Glieder neben sich herschleppten. Noch an diesem Tage, als sieben Tage nach der ewig denkwürdigen Völkerschlacht, wurden Menschen vom Schlachtfelde eingebracht, deren unverwüstliches Leben nicht durch Verwundungen noch durch Nachtfröste und Hunger zerstörbar gewesen war. In Leipzig fand ich ohngefähr 20.000 verwundete und kranke Krieger aller Nationen vor. Die zügelloseste Fantasie ist nicht im Stande, sich ein Bild des Jammers in so grellen Farben auszumalen, als ich es hier in der Wirklichkeit vorfand. Man hat unsere Verwundeten an Orte niedergelegt, die ich der Kaufmännin nicht für ihre kranken Möppel anbieten möchte. Sie liegen entweder in dumpfen Spelunken, in welchen selbst das Amphibienleben nicht Sauerstoffgas genug finden würde, oder in scheibenleeren Schulen und wölbischen Kirchen, in welchen die Kälte der Atmosphäre in dem Maße wächst, als ihre Verderbnis abnimmt. An jenen Orten liegen sie geschichtet wie Heringe in ihren Tonnen, alle noch in den blutigen Gewändern, in welchen sie aus der heißen Schlacht hereingetragen sind. Unter 20.000 Verwundeten hat nicht ein einziger ein Hemde, Betttuch, Decke, Strohsack oder Bettstelle erhalten. Verwundete, die nicht aufstehen können, faulen in ihrem eigenen Unrat dahin. Manche Amputationen werden von Helfern durchgeführt, die kaum das Barbiermesser führen können."


1813 bis 1913: Hundert Jahre Denkmalsstreit

Am Ende steht wieder ein großes Schlachten. In der Nacht nach der pompösen, durch und durch militärisch geprägten Einweihungsfeier des Völkerschlachtdenkmals knallen Schüsse durch Leipzig, schwärmen aufgeregt Bewaffnete durch die Stadt, voller Schusslust und Siegesdrang. Nicht versprengten Franzosen gilt die Hatz, sondern Raubkatzen. Einem Zirkus sind acht Löwen ausgebrochen und 50 bis 70 Schutzmänner jagen sie. Dompteurin Helene Kreiser stellt sich vor ihre Tiere, schlingt die Arme um den Hals eines verängstigten Leus, wird weggezerrt - und muss mit ansehen, wie die Polizisten den Löwen direkt neben ihr erschießen. Ihr Liebling Abdul stirbt nach einem halbstündigen Kugelhagel mit 160 Kugeln im Leib. In den Tagen vor der Löwenjagd herrscht in Leipzig eine aufgeheizte nationalistische und militaristische Stimmung. Seit Wochen haben Turn- und Musikvereine, der Patriotenbund und der Alldeutsche Verband die Einweihung des Völkerschlachtdenkmals vorbereitet.

"Jung-Deutschland erstarke in Waffen / Begeisterungsfroh und voller Mut / Ein mächtiges Schutzheer zu schaffen / Zu schirmen das deutsche Gut."

Solche Sprüche wären den ersten Denkmalerbauern nicht in den Sinn gekommen. Ein schlichtes 30 Meter hohes Holzkreuz war das erste Völkerschlachtmonument. Und gedacht wurde in Leipzig ab 1814 auch nicht Jung-Deutschland, sondern des 19. Oktober als

"Leipzigs Errettung aus großer Gefahr in den ewig denkwürdigen Tagen der Völkerschlacht."

Die Trommel für ein monumentales Denkmal rühren Nicht-Leipziger, allen voran Ernst Moritz Arndt:

"Soll es gesehen werden, so muss es groß und herrlich seyn, wie ein Koloss, eine Pyramide, ein Dom in Köln."

Weder Koloss noch Pyramide entstehen – es fehlt am Geld. Die Fürsten haben kein Interesse, an den Volkskampf zu erinnern. Und die Leipziger gedenken lieber ein paar Nummern kleiner. Ende 1813 bekommt der polnische General Poniatowski einen Gedenkstein, die Österreicher lassen Doppeladler aufstellen, Kugel- und Schädelpyramiden entstehen. Ab den 1860er-Jahren errichtet der Schriftsteller und Rechtsanwalt Theodor Apel knapp mannshohe Steine, an den bedeutendsten Schlachtstellen, um zu erinnern an

"Kampf und Krieg, dass heißt von entsetzlichen Unheil, zu welchem die Menschheit die ihr von Gott gegebenen Kräfte missbraucht."

Der von Arndt geforderte Denkmals-Koloss entsteht erst Ende des 19. Jahrhunderts. Das militaristische Wilhelminische Kaiserreich mit seiner Vergötterung des Militärs, seinem Hang zu Prunk und Protz liefert nun den fruchtbaren Boden, auf den die Denkmalidee mit fast hundertjähriger Verspätung fällt. Als Architekten wählt man mit Bruno Schmitz einen Mann, der für die prunk-protzigen Heldendenkmäler am Kyffhäuser, am deutschen Eck und an der Porta Westfalica steht. Und so beschwört auch Europas größter Denkmalbau eine mystische Volkseinheit ohne soziale und politische Spaltungen. Die eigentlichen Grundgedanken des Bauwerks - Grabmal für die Toten und Ruhmeshalle des Freiheitskampfes - verschwinden hinter erdrückender Monumentalität.

Drei Tage währen die Einweihungsfeiern im Oktober 1913. Seine Majestät Kaiser Wilhelm II. ist gekommen - wenn auch widerwillig, wie Peter Schamoni in seinem Porträtfilm dokumentierte -, auch Sachsens König Friedrich August III. und Großfürst Kyrill. Doch die Russen bestehen – in Vorahnung der Zerwürfnisse mit dem Deutschen Kaiserreich - auf einer eigenen Gedenkstätte für die Toten ihres Vaterländischen Krieges. In Sichtweite des Völkerschlachtdenkmals entsteht die Russische Kirche des Heiligen Alexius. Deren acht Glocken sind aus dem Metall erbeuteter Kanonen gegossen. In der Gruft unter dem Zwiebelturm ruhen die Gebeine gefallener Offiziere der Zarenarmee.

Am 18. Oktober 1913 dröhnt seit dem frühen Morgen Marschmusik durch Leipzig. Die Straßen sind mit Girlanden geschmückt, Ehrenpforten zieren die Straßen, durch die "vaterländisch gesinnten Bünde" gen Probstheida ziehen. Der Krieg wird gefeiert.

In der Nacht brechen die Löwen aus, und die aufgestaute Spannung entlädt sich in der Hatz auf die Tiere. Der angestaute Tatendrang einer Generation bricht sich Bahn, eine Mischung aus friedensmüdem Alltagsverdruss und hoch gestimmter Erwartung, endlich ebenso wie die Väter im Frankreichfeldzug gegen einen Feind zu ziehen. Ein Menetekel für das Jahr 1914.

Auszüge aus dem Manuskript:
Schweigend defilieren die Leipziger an den Toten vorbei. Geduldig stehen sie an. In Zweierreihen. Sie ehren Abdul, Simba und Suleika, als seien sie "tote Fürsten". Dabei sind die Getöteten nichts weiter als Zirkustiere. Opfer der Leipziger Löwenjagd.

Drei Tage lang hatte Leipzig die Einweihung des Nationaldenkmals zur Völkerschlacht gefeiert. Mit Marschmusik und patriotischen Gedichten, mit pathetischen Reden über die tapferen Kämpfer von 1813; Mit Erinnerungen an den Sieg von Sedan 1871, das in der patriotischen Verkürzung eine Folge von 1813 sei, ein erneuter Sieg über den Erbfeind Frankreich, die Tilgung einer alten Schmach:

Eine vaterländische Erinnerungsfeier an 1813. Illustriertes Festgedicht, zusammengestellt zum 100. Jahrestag der Leipziger Völkerschlacht

"Die Schmach von Jena hatte Preußen nicht vergessen, Napoleon nannte stolz sich Herr der Welt. Des Korsen Übermut war unermessen, ein Schrei nach Rache durch Europa gellt. Den Rheinbund und die Preußen hat dieser Sieg vereint, Napoleon war gerichtet, vernichtet war der Feind."

Das "Tongemälde" aus großer Zeit dokumentiert eine vaterländische Erinnerungsfeier an 1813. Die Schellackplatte konserviert den Geist von 1913.

"Lasst Siegeslieder tönen, der Freiheit hohem Weg, wenn deutsch zum deutschen Manne nun fest zusammensteht. Sollt je ein Feind sich nahen dem deutschen Vaterland, dann soll er sicher spüren der Deutschen starken Hand. Deutsch unsere Herzen, deutsch unser Rhein, deutsch unser Singen, drum stimmt mit ein: "Deutschland, über alles, über alles in der Welt"."

Die aufgepeitschte Stimmung lässt die Leipziger auch nach dem Ende der offiziellen Feierlichkeiten nicht zur Ruhe kommen. Das belegt die Geschichte der Löwenjagd, 70 Jahre später dem Rundfunk erzählt vom Leipziger Zoodirektor Siegfried Seifert.

"Leipzig stand auch einen Tag nach der Einweihung des Denkmals noch im Festtrubel. Die Stadt war illuminiert. Viele Menschen waren auch nachts noch auf der Straße."

Unter ihnen Schutzmann Bruno Weigel. Mit Tschako, Säbel und Pistole läuft er Streife von Schönefeld im Nordosten bis zu Berliner Straße fast hinter dem Hauptbahnhof. Kurz vor Mitternacht, sein Dienst ist fast zu Ende, gellen Hilfeschreie an sein Ohr.

"Ich beschleunigte meine Schritte, nahm meinen Säbel im Laufschritt in die Hand und lief in die Richtung, aus der die Rufe kamen. Als ich an der Gastwirtschaft Graupeter angelangt war, sah ich im Nebel zwei Zirkuswagen stehen, hinter denen die Straßenbahn hielt. Zur gleichen Zeit bemerkte ich, wie einige Löwen unablässig auf die Pferde sprangen, die vor die Wagen gespannt waren. Nun gab es für mich kein Überlegen mehr. Ich zog meinen Revolver – wir hatten damals nur Trommelrevolver – und schoss meine sechs Patronen auf die Löwen ab."

Die Löwen - sie gehören dem Zirkus Barum, der bis zum Ende der Jubiläumsfeiern in Leipzig gastierte. Jetzt will man vom Bahnhof per Güterzug weiter nach Köthen. Der Weg zum Bahnhof führt am "Graupeter" vorbei, einem beliebten Treffpunkt der Leipziger Kutscher. Und so machen dort auch die Zirkuskutscher halt. Vor Gericht wird man sich später streiten, ob die Männer dort nun vier oder acht Bier getrunken haben. Wie dem auch sei – die Kutscher waren für lange Zeit fern von ihrer heiklen Fracht.

"Nun wollte es das Verhängnis, dass die Pferde des Eisbärenwagens scheuten und mit der Deichsel ihres Wagens den davorstehenden Löwenwagen aufrissen. Von den zehn im Wagen befindlichen Löwen sprangen acht auf die Straße, zunächst gerieten sie auch zwischen die Pferde des dahinterstehenden Wagens. Es gab dort also einen Wirrwarr und es gab sofort Tumult unter den vielen anwesenden Straßenpassanten, immer mehr Menschen kamen hinzu. Das Publikum beteiligte sich zum Teil sehr stark an den Ereignissen. In der Berliner Straße wurde aus den Fenstern geschossen, Soldaten mit gezogenem Seitengewehr und Passanten mit Stöcken und Schirmen eilten den aufgeregten Tieren hinterher."

Schutzmann Weigelt eilt in die Wache und fordert Verstärkung an. 70 Ordnungshüter rücken mit Säbeln und Revolvern bis zur Unglücksstelle vor. Dort betritt nun auch die Gattin des Zirkusdirektors die Szenerie, die Löwendompteuse Helene Kreiser.

"Die Direktorin Frau Kreiser war in ihrem Salonwagen unterwegs auch zum Bahnhof und sah plötzlich das Ereignis auf der Straße, sprang notdürftig bekleidet heraus und wollte ihre Löwen retten, versuchte die Polizei vom Schießen abzuhalten, sie umarmte einen ihrer Lieblingslöwen und es heißt in der Geschichte, dass er in ihren Armen erschossen wurde."

Die Löwenschlacht in Leipzig: Fünf der Großkatzen fallen ihr binnen weniger Minuten zum Opfer. Dompteuse Helene Kreiser wird mit einem Nervenzusammenbruch weggeschafft. Dafür stört nun ein anderer die Kreise der löwenjagenden Schutzmänner: Zoodirektor Johannes Gebbing. Er lockt zwei der völlig verstörten Tiere in eine Transportkiste. Nun läuft nur noch ein Leu frei herum, erinnert sich Gebbing in seiner Autobiografie "Ein Leben für Tiere".

"Er lag auf dem nahen Bahnkörper. Aufmerksam sichernd, als habe er als gewiegter Stratege die Zuzugstraßen bewachen wollen. Es war ein fantastisches Bild, dieser stattliche Löwe im schwankenden Licht suchender Laternen zwischen den Gleisen, umgeben von einer Kette mit Revolvern bewehrter Polizisten. "Nicht schießen!" schrie ich. "Um Gottes willen, nicht schießen!". Dann ging ich vor. Ich hatte wieder einen Käfig bereit, in den ich den Löwen hineinschmeicheln wollte. Bei der unsicheren Beleuchtung mag das bedenklich ausgesehen haben. Jedenfalls ging ein Revolver los."

Eine halbe Stunde lang feuern die wackeren Wachtmänner durch die Nacht, es schießt aus allen Rohren. Die Kugeln pfeifen nur so über die Gleise. Später vermerkt der Autopsiebericht 165 Treffer, abgefeuert aus 50 verschiedenen Revolvern. Die Leipziger Löwenschlacht hat ihr blutiges Ende gefunden.

Stolz lassen sich die Großstadt-Großwildjäger am nächsten Tag mit Pickelhaube auf dem Kopf ablichten, sechs tote Löwen zu ihren Füßen. Und Schutzmann Bruno Weigel wird ob seiner Tapferkeit zum Kommissar befördert. Seinen Grabstein ziert später die Inschrift:

"Am 19.Oktober 1913 kämpfte er in Leipzig mit acht ausgebrochenen Löwen."

Die Leipziger machen sich einen ganz eigenen Reim auf das blutige Gemetzel exakt hundert Jahre nach der Völkerschlacht.

"Bricht mal aus e Lewentier
Reißt nicht aus wie Leschbabier
Trotzt wie einst vor hundert Jahren
Selbst den größten der Gefahren!"


1913 - 2013: Mahnmal, Monstrum, Miniaturkopie - Metamorphosen des Gedenkens

Die Schlacht und das Denkmal: Beide wurden stets politisch instrumentalisiert. Vor der Kulisse des Völkerschlachtdenkmals fanden in den 30er-Jahren große Aufmärsche der Nazis statt. Hier wurde die Jugend auf den "Kampf für Großdeutschland" eingeschworen, hier verteidigten im April 1945 fanatische Deutsche ihr "Heiligtum" gegen die aus Panzern schießenden Amerikaner. Heute stellen sich couragierte Leipziger immer wieder den versuchten Neonazimärschen zum Völkerschlachtdenkmal in den Weg.

Zum Umgang mit dem Koloss Völkerschlachtdenkmal gehört auch, das vor der Granitkulisse Wehrpflichtige den Eid auf die Nationale Volksarmee schwörten. In der DDR wurde die Völkerschlacht als Beginn der deutsch-sowjetischen Waffenbrüderschaft heroisiert. Daneben aber war in den 70er-Jahren das Areal am Denkmal beliebter "Pennertreff" – die Stories von den wilden Feten zwischen den Granitblöcken sind Legende.

Großes Tamtam und ohrenbetäubender Kanonendonner erfüllen alljährlich im Herbst das ehemalige Schlachtfeld. Freunde der historischen Waffentechnik spielen Teile der Schlacht nach – im Sommer 2012 soll sogar erstmals ein "Kinder- und Jugendbiwak" dem Nachwuchs die Freude an der Militärhistorie nahe bringen.

Überhaupt gilt heute der Denkmalsvorplatz unter Eventmanagern als "landschaftliche Traumkulisse in exklusivster Lage". Hier trifft man sich zu Open-Air-Konzerten, zu Töpfermärkten und zur Bierbörse. Und zur "Régates de Baquet", dem legendären, aber nicht unumstrittenen Badewannenrennen im Wasserbecken vor dem "Völkergeschlechtsmerkmal". Neben der Sub- hat auch die Hochkultur das Denkmal für sich entdeckt. Der Chor des Leipziger Völkerschlachtdenkmals nutzt die Ruhmeshalle mit ihren 18 Sekunden Nachhall für Konzerte; nicht nur der Saxofonist und Hörspielkomponist Gerd Anklam nimmt hier CDs auf.

Das Andenken an die Schlacht lebt auch anderenorts fort, sogar hinter dem Ural. Aus dem Vaterländischen Krieg heimkehrende Kosaken bekamen vom Zaren anstatt eines Soldes steuerfreie Siedlungsgebiete in der Steppe zugesprochen. Ihre neuen Dörfer nannten sie Leipzig, Berlin, Kassel, Paris und Ferschampenuas – in Erinnerung an die Schlachten, an denen sie teilnahmen.

Im russischen Leipzig wird derzeit an einer Nachbildung des Völkerschlachtdenkmals im Maßstab von 1:10 gebaut. Ein Mahnmal für jene Ural-Kosaken aus der Leipziger Völkerschlacht, gleichsam eine Touristenattraktion mit Plattform – 4.000 Kilometer vom originären Schauplatz entfernt. Der Tatare Nasur Yurushbaev stammt aus dieser Gegend, ist Nachfahre hiesiger Kosaken und erzählt uns ungeahnte Geschichten aus der Zeit seiner Urahnen – zum Beispiel warum diese nicht mit Feuerwaffen gegen Napoleons Truppen kämpfen durften und wie erfolgreich sie dennoch waren: Mit Pferd, Pfeil und Bogen. Die heroischen Lieder von damals werden noch heute von Kosaken-Ensembles im Ural gesungen.

Nasur lebt heute als Journalist im deutschen Leipzig. Eben hier, rund um die Pleißestadt, hat er tatarische und baschkirische Gräber entdeckt – islamische Kosaken durften nicht auf einem christlichen Friedhof beerdigt werden. Nasur selbst gestaltete jüngst einen Gedenkstein für die in Leipzig gefallenen Kosaken, immerhin etwa 4.000 von 21.000 Soldaten der Zarenarmee. Damit schuf er das jüngste von über 100 Erinnerungsmalen zur Völkerschlacht, die rund um Leipzig zu finden sind.

Auszug aus dem Manuskript:

In der Festzeitung zum 18. Oktober 1913 heißt es:

"Eine Pyramide bauen lasst uns in des Himmels Auen, Krönen mit dem Gipfelstein." So hat einst Heinrich v. Kleist in seiner Ode "Germania an ihre Kinder" gemahnt. Seine und die Mahnung anderer patriotischer Männer seiner Zeit ist heute erfüllt: Gewaltig, wie kein anderes von Menschen unserer Tage erbautes Denkmal erhebt sich, aus deutschem Urgestein von deutschen Arbeitern geschichtet und von deutschen Künstlern ersonnen, auf dem blutgetränkten Boden Leipzigs das neue deutsche Ruhmesmal für die kommenden Geschlechter!"

Ziert in früheren Entwürfen noch eine gewaltige Krone den Bau, so drängt Clemens Thieme auf den formal und ikonografisch passenderen Abschluss durch eine Kuppel mit Freiheitswächtern und Gipfelstein. Wie eine große Glocke erscheint die Silhouette des Baus, und an seiner Basis empfängt unter dem Schriftzug "GOTT MIT UNS" ein Relief den Betrachter. Es zeigt den Erzengel Michael – in der Weiheschrift wird er benannt als...

"...das Sinnbild der deutschen Erhebung."

"Wir stehen hier in der großen Innenhalle, 68 Meter ist sie hoch, und oben können Sie das Licht der Plattform sehen, in 91 Metern Höhe. Wenn Sie über diese Brüstung hinunterschauen, sehen Sie die Krypta, wir hatten ja gerade von unten auf die Decke geschaut. Und diese Krypta ist das symbolische Grabmal für die gefallenen Soldaten dieser Schlacht."

Einmal in der Woche gibt es eine öffentliche Führung im Völkerschlachtdenkmal. Errichtet vom Deutschen Patriotenbund, gehört es heute zum Stadtgeschichtlichen Museum und also der Stadt Leipzig.

"Und wenn Sie auf diese riesigen Gesichter schauen, können Sie das Sterben der Soldaten sehen. Dies wird mit den brechenden Augen gezeigt, die sich langsam im Sterben schließen. - Und wenn Du runter siehst, kannst Du die Augen sehen – darfst Du runter sehen? Im Stein so etwas darzustellen ist ja auch gar nicht so einfach. Im Rund halten 16 Krieger die Totenwache für ihre Brüder, die hier gefallen sind. Und ganz in der Mitte – die Krypta ist wieder gereinigt worden -, kann man jetzt wieder das Kreuz erkennen."

Die Architektur des Bauwerkes greift Vorbilder aus dem alten Ägypten auf. Der Architekt Clemens Thieme hat die Gestalt maßgeblich geprägt, auch wenn offiziell der berühmte Bruno Schmitz unter Vertrag stand, jener Bruno Schmitz, der die Kaiserdenkmäler am Deutschen Eck, an der Porta Westfalica und am Kyffhäuser entworfen hatte.

"Das ist die sogenannte Ruhmeshalle. Und vier riesige Figuren zeigen Eigenschaften von damals. Wo sind die Soldaten hergekommen? Wenn wir hier auf diese Mutter schauen, die ihre Söhne nährt – das ist die Volkskraft, die sich immer wieder verjüngende Kraft des Volkes. Und diese immens großen Opfer, seine Söhne geben, die Soldaten einquartieren, beköstigen, den ganzen Unsinn des Krieges, zeigt dieser Mann auf der linken Seite – das ist die Opferbereitschaft. Weiter rechts ein Mann, der seine Armmuskeln spannt, so als wolle er die unsichtbaren Fesseln der Fremdherrschaft sprengen. Was hier zum Ausdruck gebracht werden soll, es steht aber auch für Mut und Tapferkeit."

Neuneinhalb Meter hoch sind die Monumental-Figuren in der Krypta, 400 Tonnen wiegt eine jede, sie alle wurden vor Ort behauen vom damals berühmten Bildhauer Franz Metzner aus Wien. Sie heißen Sinnbild der deutschen Volkskraft, des deutschen Heldenmutes, der deutschen Opferwilligkeit und der deutschen Frömmigkeit. Über die Bedeutung ihrer Formensprache wird bis heute gestritten:

Otto Werner Förster: "Natürlich, es sind erst mal ein Grabmal, dann sind die trauernden Krieger, also die auf die Tempelritterfiguren zurückgehen, sowohl unten in der Krypta – die stehen also trauernd da. Ist auch nichts Völkisches – das sind expressive Steinhauerarbeiten. Das hat ja lange gedauert und da haben sich ja auch die Moden geändert in der Zeit. Aber ganz bewusst reduziert aufs Notwendigste: expressiv, trauern und so weiter. Und die Friese an den Wänden innen, da sieht man also die Folgen und die Schrecken des Krieges. Die Figuren, die da so kleiner an den Wänden angebracht sind. Und man hat also zur Eröffnung in den Tagen hat man also auch die gefallenen Feinde, die Erbfeinde, die Franzosen sozusagen, wo man wusste, dass sie waren, hat man auch mit Blumen geschmückt und so weiter, also bewusst auf Betreiben des Patriotenbundes. Aber natürlich, im Vordergrund steht dieser nationale Gedanke, der eben nichts mit völkisch zu tun hat, sondern aus der Geschichte verständlich ist. Ja, es ist ein Friedensdenkmal."

Sabine Ebert: "Über das Völkerschlachtdenkmal kann man lange Debatten und muss man lange Debatten führen. Aber man muss klipp und klar sagen: Es war kein Friedensdenkmal, es ist ein Kriegerdenkmal."

Eine Bildpostkarte von 1913 "Zur Jahrhundertfeier der Freiheitskriege" zeigt den deutschen Michel, Pfeife rauchend mit Zipfelmütze, im Hintergrund das Denkmal. Lässig streckt er den gemütlichen Bauch und seine abwehrende Hand einem Franzosen entgegen, der ihn mit dem Bajonett bedroht.

Postkarte 1913
"Nur sachte, Francois – mich kannste gar nicht reizen. Du weißt, vor 100 Jahren, da schlug es auch mal 13."

Keine zehn Monate nach der Einweihung des Völkerschlacht-Nationaldenkmals erreicht der hypertrophe Nationalismus seinen Höhepunkt. Jubelnd ziehen Deutsche und Franzosen in eine neue Völkerschlacht. Dieses Mal sollte es ein Weltkrieg werden. Nicht mit 100.000 Toten, sondern mit zehn Millionen.

www.stadtgeschichtliches-museum-leipzig.de/site_deutsch/voelkerschlachtdenkmal/

"Hier sehen wir den Apelstein Nummer 17. Und da geht es um die Schlacht bei Möckern am 16. Oktober 1813, wo praktisch die Entscheidungsschlacht vor den Toren Leipzigs stattgefunden hat. Wir haben auf der Rückseite des Steines General LaGrande, der die zweite Division befehligte, der ist hier eingraviert, eingemeißelt. Und es zeigt also geschichtlich, was hier stattgefunden hat. Denn die Vereinten Truppen hatten hier die Bastion der Zweiten Division zu nehmen, die sich mit 30 Kanonen hier etabliert hatten - (Straßenbahn fährt vorbei) Straßenbahn gab's damals noch nicht - und hofften auf der linken Flanke die Elster zu haben, ohne dass sie da großartig Kräfte einsetzen mussten."

Friedhelm Lenz ist ein Leipziger mit Leib und Seele. Die Firma seines Großvaters dekorierte anno 1913 das Festzelt für den Kaiser vor dem Völkerschlachtdenkmal. Lenz wohnt an der alten Ausfallstraße ins Preußische, nach Halle zu. 1813 kamen von dort die Truppen Blüchers nach Leipzig. Seit den 1860er-Jahren steht hier ein Gedenkstein, einer von 44, die der Leipziger Jurist Theodor Apel auf eigene Kosten errichten ließ.

"Also die Franzosen hatten die Brücken demontiert, aber es war natürlich nicht möglich in der Kürze der Zeit die Pfähle rauszuziehen. Demzufolge konnten die Vereinten alles, was sie an Holz, an Brettern an Stämmen gefunden haben, dann notdürftig über die Pfähle legen und als Brücke gebrauchen, um dann seitwärts an die Kanonenbesatzung heranzukommen. Und die Karrees, die französischen Karrees, die Vereinten Truppen haben sich da drauf gestürzt wie die Wölfe auf die Beute und haben dann jedes Karree im Einzelnen niedergemetzelt - kaum Gefangene gemacht."

Theodor Apel lässt die mannshohen, schlicht gestalteten Steine an markanten Punkten des einstigen Schlachtfeldes aufstellen. Ein Datum, ein Name, eine prägnante Form – mehr nicht. Die Gedenksteine machen das Schlachtfeld selbst zum Denkmal, auf das, wie Apel schreibt:

"Auch unsere späteren Enkel die Marksteine als die letzten besuchen mögen, die auf den schlachtberühmten Feldern Leipzigs die Kunde geben vom Kampf und Krieg, das heißt, vom entsetzlichsten Unheil, zu welchem die Menschen die ihnen von Gott gegebenen Kräfte missbraucht."

"Das ist Granit, das ist Granit, und erstaunlich, wie die die Wirren überlebt haben, weil das ja kein Politikum für diese Zeiten war. Weder für die Hitlerzeit noch für die Kommunisten. Deswegen haben die es überlebt."

Sagt Friedhelm Lenz, in dessen Straße im Leipziger Norden einer jener Marksteine seit nunmehr 150 Jahren steht. Theodor Apel ließ die Steine mit Blick auf den 50. Jahrestag der Völkerschlacht aufstellen. Zeitgleich gedachten auch andere dieses Anlasses – aber viel politischer:

"Das Vaterland war bei Leipzig gewonnen, das Reich ist noch zu erstreiten."

Das ist der Kernsatz vieler Reden, die 50 Jahre nach der Völkerschlacht gehalten werden. Und oft ist es das Bürgertum, das zu den Feiern einlädt, nicht die Fürstenhäuser oder ihre Landesverwaltungen. Zur zentralen Feier 1863 in Leipzig hatte die Stadt gemeinsam mit Berlin die Metropolen des deutschen Bundes aufgerufen, dem Festausschuss beizutreten. Über 200 deutsche Städte folgen und treten offiziell als Ausrichter des Jubiläums auf. Viele Veteranen der Schlacht kommen an den Ort ihrer schrecklichsten Jugenderlebnisse, der nun – so geht es mit der Erinnerung - zum Ort des Heldentums verklärt wird. Der Tenor der Oktober-Reden schwankt zwischen patriotischer Mahnung und Skepsis:

Festrede 1863

"Seid ihr wirklich, auch nur in der Idee, schon ein Volk? Sollten wirklich Royalisten und Constitutionelle, Aristokraten und Demokraten, Protestanten und Katholiken in einem Gedanken, in einem Gefühl sich einig wissen, unter das eine schwarz-roth-goldene Banner sich schaaren?"

Es wird ein Grundstein gelegt für ein Germania-Denkmal, welches nie zustande kommt. Was ihm fehlt, ist die politische Unterstützung, der Wille der Mächtigen.

"Es war nicht erwünscht. Deswegen ist das auch zurückgewiesen worden immer von staatlichen Stellen im 19. Jahrhundert, weil das so was Nationales hatte und die wollten eigentlich, die Fürsten für sich ihres weitermachen."

Meint der Leipziger Germanist Otto Werner Förster. Um 1863 pflegten die Herrscherhäuser ihren Kleinstaaten-Zwist – bis hin zum Deutschen Krieg. Und die monumentale Erinnerung an den patriotischen Freiheitskrieg von 1813 und seine idealistischen Kämpfer konnte da nur im Wege sein.

"Na, aus dem Grunde, die Preußen, weil das Denkmal in Sachsen entstehen sollte und Sachsen war ja auf der falschen Seite und das geht nicht. Und die Wettiner wollten es nicht, weil sie dann peinlich an ihre Königswerdung erinnert werden durch Napoleon 1806, wie auch die Bayern und die Württemberger. Aber die Bayern sind rechtzeitig abgesprungen, während die Württemberger kurz zuvor, aber die Sachsen nicht. Und unser König, der war ja hier in Apels Haus am Markt, also das sogenannte Königshaus, und hat die Schlacht abgewartet im Keller vor seinem Altar, hat gebetet und geweint, dass das einen Sieg bringen sollte."

www.markkleeberg.de/de/kultur_tourismus/sehenswertes/denkmale_gedenksteine/Apelsteine/

"Die Grobmotorik lässt jetzt leicht nach ... Das ist ein spannendes Rennen, ein Kopf an Kopf-Rennen ..."

Badewannenrennen am Wasserbecken vor dem Völkerschlachtdenkmal. Seit Anfang der 1990er-Jahre wird es immer im Juli veranstaltet. Als ironische Krönung einer Tendenz, die neben allem Pomp immer auch schon am Denkmal existierte: Kinder laufen im Winter Schlittschuh und rodeln an den Hängen, das Denkmal ist Aussichtsturm und Ausflugsort, hier finden Bierbörsen statt und illustre Bürgerfeste:

Publikum: Zieh!
Jubel (Zieleinlauf)
Moderator: Das waren Millisekunden - Was sagt das Zielfoto?


Das Badewannenrennen wird von der nato organisiert, ein Klub in Leipzig. Falk Elstermann ist dort Geschäftsführer:

"Wir haben also tatsächlich ein internationales Badewannenrennen, bei dem nicht nur die Nationen, die an der Völkerschlacht beteiligt waren, starten. Ansonsten wollen wir hier Schlachten vermeiden, sondern versuchen, ein fröhliches Familienereignis zu machen, bei dem die Leute Spaß haben, Tausende zu dem Denkmal kommen und vielleicht doch die Vorbehalte, die da sind bei manchen gegenüber diesem großen, massiven Koloss ein bisschen abzubauen, und das passt eigentlich ganz gut zusammen."

Nach friedlicher Revolution und Wiedervereinigung stellt sich im demokratischen, pluralistischen Deutschland die Frage nach dem Umgang mit dem Denkmal wieder einmal neu.

"Was machen wir jetzt mit diesem Völkerschlachtdenkmal? Man hatte diese Ort sehr lebhaft in Erinnerung als Ort der Traditionspflege der Nationalen Volksarmee der DDR in Erinnerung, die diesen Ort sehr gern und sehr viel benutzt hat von einfachen Vereidigungsfeiern bis zu großen Zapfenstreichen ist ja alles dabei gewesen. Man guckte sich das an, sprach jetzt aus, was man vorher vielleicht nur gedacht hat. Mensch, das ist so ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal, was sollen wir jetzt damit? Also völlig neue Zeit, völlig neue Möglichkeiten, offene Gesellschaft, Diskussionen, aber nicht doch mit den ollen Kamellen. Das heißt, man wusste nicht so recht, was man mit dem Denkmal anfangen sollte."

1.Mai 1998
"Der immensen Anzahl deutscher Arbeitsloser stehen 2,1 Millionen Ausländer gegenüber, die deutsche Arbeitsplätze besetzen." (Hintergrund Polizeisirene)

1. Mai 1998, am Völkerschlachtdenkmal demonstriert die NPD.

"Mit der systematischen Rückführung der in Deutschland lebenden Ausländer könnte ein erster, aber wichtiger Schritt zur Halbierung der Arbeitslosenzahlen unternommen werden. Radikale Probleme brauchen radikale Lösungen."

Der Platz vor dem Denkmal – mehrfach nutzt ihn der sich selbst so nennende "nationale Widerstand" zur symbolischen Aufladung eigener Größe.

"Ich war selbst bei einer dieser Veranstaltungen zu gegen und habe mir das selbst angeschaut, eine REP-Veranstaltung am Denkmal."

Volker Rodekamp, seit 1996 Leiter des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig:

"Da habe ich dann sehr deutlich gemacht, dass das eine gefährliche Situation ist, das hatten wir, nicht in vergleichbarer Weise, aber durchaus auch in ernst zu nehmender anderer Weise in der Weimarer Republik auch. Wir müssen eine demokratische Vereinnahmung des Denkmals versuchen, wir müssen uns zu dem Denkmal bekennen, wir müssen gewissermaßen die Instrumentalisierungsgeschichte offenlegen. Wir müssen es entzaubern, wir müssen gewissermaßen diesen Magnetismus, der sich immer noch auf rechtsnationale Kreise bezieht, ein Stück weit entkräften."

Die Leipziger Bürger stellen sich immer wieder den Neonazis entgegen, blockieren die Straßen zum Völkerschlachtdenkmal. Es kommt zu Straßenschlachten zwischen Neonazis und Antifa. Die Kosten für die Polizeieinsätze gehen in die Millionen. Geld, das eigentlich für die Sanierung des Denkmals benötigt würde.

[url=http://natobadewanne.wordpress.com/
target=_blank]natobadewanne.wordpress.com[/url]

Umgang heute: fireworksandsmokebombs.de/?page_id=19


Weitere Literaturtipps:
Arnulf Krause: "Der Kampf um Freiheit. Die Napoleonischen Befreiungskriege in Deutschland", 2013, Theiss

Ahnungslos kehrte Johann Philipp Palm im August 1806 von einer Geschäftsreise zurück. Wenig später wurde der Buchhändler standrechtlich erschossen. Ein Pamphlet, das gegen Napoleon zu den Waffen rief, war ihm zum Verhängnis geworden. Erst Jahre später, 1813, wurde der Usurpator in der Völkerschlacht bei Leipzig geschlagen. In diesem Kampf fühlten die Deutschen zum ersten Mal: Wir gehören zusammen. Die Nibelungen, Hermann der Cherusker und die schwarz-rot-goldene Fahne wurden zu Symbolen dieser Sehnsucht.

Das facettenreiche Panorama vom Aufstieg Napoleons über die Befreiungskriege bis zu den Karlsbader Beschlüssen 1819 wird durch zahlreiche Augenzeugenberichte besonders anschaulich: vom Alltag unter der französischen Besatzung bis zur Rolle wichtiger Persönlichkeiten wie Turnvater Jahn, Madame de Staël oder Goethe und der kulturellen Blüte der Klassik und Romantik.
www.theiss.de/index.html?/detail.php?n=1501

Andreas Platthaus: "1813. Die Völkerschlacht und das Ende der Alten Welt", 2013, Rowohlt, Berlin

Im Herbst 1813 blickt ganz Europa nach Leipzig voller Furcht, aber auch voller Hoffnung. An vier Tagen entscheidet sich hier, in der bisher größten Schlacht der Menschheitsgeschichte, das Schicksal des Kontinents: Napoleons Truppen, nach dem gescheiterten Ostfeldzug wiedererstarkt, treffen vor den Toren der Stadt auf die Koalition aus Preußen, Russland, Österreich und Schweden. Vom 16. bis zum 19. Oktober dauern die Kämpfe, die als "Völkerschlacht" in die Geschichte eingehen, mit 600.000 Soldaten aus über einem Dutzend Völkern, 90.000 Toten und ungezählten zivilen Opfern. Zum 200. Jahrestag der Schlacht, dem Höhepunkt der Befreiungskriege, entwirft Andreas Platthaus ein eindringliches Panorama jener Tage zwischen Verheerung und Freudentaumel, dem Untergang der alten Welt und der Dämmerung einer neuen. Er schildert ihren Verlauf, zeigt, wie Herrscher und Strategen planten und agierten, aber auch, was Soldaten, Bauern und Leipziger Bürger erlebten, erlitten, erhofften. Schlaglichter fallen auf Kriegsgewinnler und politische Visionäre, auf Goethe und seine zwiespältige Faszination für Bonaparte, und auf dessen Glanz und Niedergang. Das atmosphärisch dichte Bild einer Epochenwende der Geburtsstunde der modernen europäischen Staatenordnung.

www.rowohlt.de/buch/Andreas_Platthaus_1813.2997992.html

Hans-Dieter Otto: "Für Einigkeit und Recht und Freiheit. Die deutschen Befreiungskriege gegen Napoleon 1806-1815", 2013, Thorbecke

In diesem packenden Buch zeichnet Hans-Dieter Otto ein prägnantes Bild einer Epoche, die zu den dramatischsten der deutschen Geschichte zählt. Hautnah erlebt der Leser mit, wie aus dem Hass gegen die Unterdrücker, aus der Verzweiflung über die Not der Zeit und vor allem aus einer geistigen und politischen Selbsterneuerung Preußens der nationale Gedanke entsteht.

Volker Rodekamp: "Völkerschlacht Denkmal", Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

Steffen Poser: "Die Völkerschlacht bei Leipzig. In Schutt und Graus begraben", Herausgegeben von Stadtgeschichtliches Museum Leipzig,
2013, Edition Leipzig

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