Mittwoch, 07. Juni 2023

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Das Mittelalter gegen den Strich gebürstet

Er wurde beeinflusst von der kritischen Theorie und sorgte mit pikanten Thesen zur mittelalterlichen Theologie für Aufsehen - nicht gerade zur Freude kirchennaher Historiker. Nun wird der Schriftsteller Kurt Flasch mit dem Joseph-Breitbach-Preis geehrt, der mit 50.000 Euro dotiert ist.

Von Ludger Fittkau | 08.05.2012

    Der Fuchs sah, dass der Rabe die Altäre der Götter beraubte und von ihren Opfern mit lebte. Da dachte er bei sich selbst, ich möchte doch wissen, ob der Rabe Anteil an den Opfern hat, weil er ein prophetischer Vogel ist oder ob man ihn für einen prophetischen Vogel hält, weil er frech genug ist, die Opfer mit den Göttern zu teilen.

    Mit dieser Fabel Lessings beginnt Kurt Flasch seine Dankesrede für den letzten großen Preis, den er bekommen hat: den Lessing-Preis für Kritik. Der Vogel, der sich den Altären der Götter respektlos nähert und dafür noch bewundert wird – er könnte so etwas wie ein Wappentier des Kurt Flasch sein.

    1956 hieß der Zweitgutachter seiner Doktorarbeit Max Horkheimer. Das ist nicht unwichtig, um zu begreifen, was Flaschs Denken wesentlich beeinflusst hat: Frankfurt nämlich, die kritische Theorie Horkheimers und Adornos. So gerüstet stürzt sich Kurt Flasch schon in den 1950er-Jahren auf die Philosophie- und Theologiegeschichte. Er bürstet das Wissen über das Mittelalter gegen den Strich – nicht gerade zur Freude kirchennaher Historiker. Denn Kurt Flasch zeigt: Die gewaltsame Geschichte des Christentums beginnt Ende des 4. Jahrhunderts mit Augustin, als dieser beschließt, Glaubenslehren können auch mit Gewalt durchgesetzt werden. Mit Augustin wird in Europa die Intoleranz für weit mehr als ein Jahrtausend zum herrschenden Denkstil, der bis heute nachwirkt, so Flasch:

    Im Hinblick auf erhabene Ziele kann es nicht schaden, wenn mit Druck geholfen wird. Es kommt auf die Absichten an. Und die Absichten der Gewalthabenden sind immer gut oder es finden sich Intellektuelle, die sie als gut hinstellen.

    Als einen der "urbansten Schriftsteller" ehrt ihn die Jury des Breitbachpreises – das ist ganz wörtlich zu nehmen. 25 Jahre lang lehrte Kurt Flasch im Beton der Bochumer Ruhr-Uni. Doch eine andere Stadt ist seine Heimat: Mainz nämlich. Dort ist er geboren, dort lebt der 82 Jahre alte Denker heute wieder. Und arbeitet unermüdlich weiter. Übersetzt und interpretiert Dante oder das, was ein inquisitorischer Papst im 14. Jahrhundert über den Mystiker Meister Eckhart schreibt:

    Mit Schmerzen haben wir erfahren müssen, schreibt der Papst, dass in diesen Zeiten einer aus Deutschland mit Namen Eckardus, Professor wie man sagt, der Theologie, Dominikaner-Mönch, Dornen und Disteln im Acker des Herrn verbreitet hat. Da er mehr wissen wollte, als sich gehört, wandte er sein Wort von der Wahrheit ab, den Fabeln zu.

    Auch Kurt Flasch will wie Meister Eckhart immer mehr wissen, als sich gehört. Dafür wendet er sich sein Leben lang nicht nur den Fabeln zu, sondern unendlich vielem, das in europäischen Archiven zu finden ist. Der Breitbach-Preis 2012 geht an einen der größten zeitgenössischen Gelehrten deutscher Zunge.