Dienstag, 17. Mai 2022

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"Das Mittelmeer als ewige Fantasie"

Das Mittelmeer ist Sehnsuchtsort und Mythos. In Berlin beschäftigten sich Autoren aus Deutschland, Italien, Kroatien und Albanien mit der Frage, welche Rolle das Erbe der antiken Mittelmeerkulturen noch für die Gegenwart spielt.

Von Cornelius Wüllenkemper | 12.05.2013

Was das Mittelmeer in Zeiten der Globalisierung, der Finanzkrisen und der Festung Europa für ihr Werk bedeutet, ob und wie heute noch sein Mythos wirkt, darüber sprachen gestern sechs Autoren in der Villa des LCB am Berliner Wannsee. Durs Grünbein, der sich als begeisterter Hobbytaucher das Ganze auch schon von unten betrachtet hat, trug zur Einstimmung eine eigens für die Veranstaltung verfasste Hymne auf den Mythos Mittelmeer vor.

"Aber nicht die Naturschönheiten, die uns die Reiseprospekte verkaufen, nicht die unsterblichen Kunstwerke aller Mittelmeerkulturen zusammen erklären, wieso dieser Raum über so viele Jahrhunderte hinweg als die mächtigste geistige Strahlungsquelle auf Erden wahrgenommen wurde. Geografie und Geschichte allein können es nicht gewesen sein. Nicht die gerade dort einem fortwährenden politischen Chaos abgetrotzte Ordnung in Form von Architektur und Ästhetik, Bildhauerei und mustergültiger Literatur."

Die Rede vom Sehnsuchtsort und Mythos Mittelmeer nahmen andere Dichter im LCB noch wörtlicher, etwa die albanischstämmige Autorin Lindita Arapi. In Deutschland hat Arapi im letzten Jahr mit ihrem Roman "Schlüsselmädchen" über ihre albanische Heimat im Kommunismus und den schwierigen Weg in die Freiheit von sich reden gemacht.

"Die Verbindung zu Europa durch dieses Meer, ist eine Sehnsucht in diesem Land. Es war eine Trennung, es war uns bewusst, dahinter ist Europa, und wir gehören nicht dazu. Aber es war auch vielsagend, dass, als die Wende in Albanien kam, die ersten Versuche nach Europa zu kommen, die Menschen, die die Schiffe nach Europa genommen haben Richtung Italien, sie haben den Weg über das Meer genommen."

Der aus Triest stammende und heute in Rom lebende Autor Mauro Covacich, der aus seinem in diesem Jahr erschienen Rom-Roman "L’esperimento - Das Experiment" vortrug, brachte das, was gerne als mediterrane Mentalität bezeichnet wird, anhand des Straßenverkehrs in Rom, der Mittelmeerstadt per se, auf den Punkt. Das Autofahren als Kulminationspunkt spezifischer Mentalitäten.

"Wenn es im römischen Straßenverkehr jemand eilig hat, kann er tun und lassen, was er will, um sein Vorwärtskommen zu beschleunigen. Er kann rechts überholen oder über eine rote Ampel fahren. Ich will damit sagen, dass die Völker des Mittelmeeres individuelle Rechte sehr viel höher halten als das Allgemeinwohl."

Und dann war es nicht mehr weit bis zu den Klischees über den Mittelmeerraum als Wiege unbekümmerter Lebensfreude, einem eher flexiblen Arbeitsethos und natürlich der europäischen Finanzkrise. Hat nicht Giorgio Angamben unlängst in der französischen "Libération" gefordert, eine Europäische Union der südlichen Staaten zu gründen, um sich so gegen die profit- und effizienzfixierte Unkultur der Nordeuropäer abzuschotten? Durs Grünbein schlug sogar vor, der Norden solle den Süden alimentieren, und dadurch nur abbezahlen, was er saisonweise genießt. Politisch wurde diese eigentlich literarische Veranstaltung auch durch die kroatisch-italienische Autorin Kenka Lekovich. In ihrer Geschichtensammlung "Der Zug hält nicht in Ugovizza" thematisiert Lekovich die eigenen multi-kulturellen Familienwurzeln und die ungleich stärkere Bedeutung regionaler Prägungen gegenüber einer nationalen oder gar mediterranen Mentalität. Sie plädiert für Sanftmut und Toleranz gegenüber der Vielfältigkeit der Kulturen, wie schon bei Ovid nachzulesen sei. Sind Frontex, Bootsflüchtlinge und Sparhaushalte also die Axt an den kulturellen Wurzeln Europas? Das letzte Wort zum Mittelmeer soll hier Durs Grünbein haben, mit einem Auszug aus seinem Gedicht "Calamaretti":

"Scusi, ihr Tierchen, schaut mich nicht so vorwurfsvoll an.
Was kann ich dafür, dass ich Hunger hatte und las in der Speisekarte
Die appetitlichen Silben Ca la ma re ti
Macht euch nichts draus, ihr Lieben
Soweit ich weiß, in eurem wässrigen Biotop, in Poseidons wogendem Reich
Habt ihr niemals die Sonne vermisst.
Erst mein Vers rückt euch ins Tageslicht, eh’ euch mein Gaumen berührt."