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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Das muss jetzt nicht gleich der Bruch des Reaktordruckbehälters sein"25.03.2011

"Das muss jetzt nicht gleich der Bruch des Reaktordruckbehälters sein"

Wissenschaftsjournalist zu den Schäden in Fukushima

Wissenschaftsjournalist Sönke Gäthke sagt, dass am Block 3 des havarierten Kernkraftwerks in Fukushima Brennelemente beschädigt sein könnten und man gehe davon aus, dass es zu einer Kernschmelze gekommen sei.

Sönke Gäthke im Gespräch mit Jule Reimer

Die zerstörte Hülle des Reaktors 3 in Fukushima (dpa/Foto:/Video: Tepco)
Die zerstörte Hülle des Reaktors 3 in Fukushima (dpa/Foto:/Video: Tepco)

Jule Reimer: In Fukushima gibt es derweil einen erneuten Rückschlag im Kampf gegen den drohenden Super-GAU. In einem Block des havarierten japanischen Atomkraftwerks könnte laut Behördenangaben der Reaktordruckbehälter beschädigt sein. Das teilte am Freitag ein Sprecher der Atomsicherheitsbehörde in Tokio mit. Die Arbeiten zur Kühlung der Reaktoren wurden daraufhin erneut gestoppt. - Sönke Gäthke aus unserer Wissenschaftsredaktion, was bedeutet das?

Sönke Gäthke: Das bedeutet zunächst erst einmal, dass die Reaktoren oder zumindest dieser eine Reaktor doch so leck ist, dass innerhalb eines Tages eine ziemliche Menge radioaktiv verseuchten Wassers austreten kann. Das muss jetzt nicht gleich der Bruch des Reaktordruckbehälters sein. Das versucht diese Behörde auch inzwischen wieder zu relativieren. Das kann ein kaputtes Ventil sein, das kann ein zerrissenes Rohr sein, man weiß es eben nicht. Und das heißt eben auch, dass wirklich die Sicherheitsbehörden wie der Betreiber Tepco quasi im Nebel fliegen, im Nebel auf Sicht fliegen, um rauszukriegen, was in diesem Reaktor eigentlich los ist, und das wird jeden Tag schwieriger.

Reimer: Kann es sein, dass es doch zu einer Kernschmelze gekommen ist, zu einer teilweisen?

Gäthke: Man geht zumindest davon aus, dass die Brennelemente beschädigt sind und dass es zu einer Kernschmelze gekommen ist, dass sie aber auch wahrscheinlich wieder gestoppt ist. Das würde bedeuten, dass die Brennelemente innen drin beschädigt sind, dass eventuell auch die Hüllen, die eigentlich die radioaktiven Isotope festhalten sollen, vielleicht gebrochen sind und dass Radioaktivität freigesetzt worden ist in das Kühlwasser, was eigentlich im Reaktordruckbehälter drin sein sollte.

Reimer: Können Sie Aussagen über den Zustand der anderen Reaktoren machen?

Gäthke: Die haben sich den Informationen, die wir haben, zufolge kaum verändert. Das heißt also, nach wie vor, das ist das Allerwichtigste, die Kühlung nicht, nach wie vor wird Salzwasser eingespritzt in diese Reaktoren, um irgendwie sie zu kühlen, nach wie vor sind die Abklingbecken ungeschützt. Zwar heißt es, die Temperatur sei nicht mehr so groß, aber sehr sicher sind diese Angaben auch nicht.

Reimer: Mit den derzeit sieben abgeschalteten Atomkraftwerken sind in Deutschland noch lange nicht alle kritischen Siedewasserreaktoren - Fukushima sind ja Siedewasserreaktoren - hierzulande vom Netz genommen. Gundremmingen B und C in Bayern hätten nach den rot-grünen Ausstiegsszenarien bereits 2015 und 2016 vom Netz gehen sollen. Nach der Laufzeitverlängerung hätten sie eigentlich noch bis 2030 ungefähr. Wie sicher sind diese beiden Reaktoren eigentlich, von denen ja kaum gesprochen wurde in den letzten Tagen?

Gäthke: Sie sind zumindest etwas sicherer, wenn man das so beurteilen will, als die ältere Baulinie, die zum Beispiel in Krümmel aufgebaut wurde. Das ist in Gundremmingen die sogenannte Baulinie 72, die einige Schwachstellen wohl ausgemerzt hat, die man bei zum Beispiel Krümmel vermutet. Da stehen Schweißnähte im Verdacht, Drücken eventuell nicht auszuhalten. Grundsätzliche Probleme hat dieser Reaktor allerdings auch. Die Schutzbehälter um den Reaktor drum herum sind eher schwach ausgelegt, das haben Berechnungen aus den 80er-Jahren gezeigt. Das heißt, kommt es zu einer Kernschmelze und zum Beispiel zu einer Dampfexplosion in deren Folge, würde das diesen Schutzbehälter auseinanderdrücken und er würde dann die Radioaktivität freilassen. Auch ist bei diesem Reaktor wie bei allen Siedewasserreaktoren das Abklingbecken hoch oben über dem Reaktor angesetzt, und wie stark das geschützt ist durch das Haus darum herum, ist eigentlich nicht klar.

Reimer: Sagen Sie uns noch kurz zum Schluss: Für wie wichtig halten Sie eine unabhängige Kontrollinstanz, also eine unabhängig von nationalen Behörden existierende Kontrollinstanz, bei einem Stresstest der Atomkraftwerke in der Europäischen Union?

Gäthke: Es würde wenigstens Vertrauen schaffen, denn die große Frage ist: wer soll denn eigentlich diese Stresstests überhaupt unternehmen? Wer soll diese Prüfungen unternehmen? Die Reaktorsicherheitskommission, die ist zum Teil besetzt mit Leuten, die eindeutige Interessen haben, Interessen nämlich, die Atomkraftwerke länger laufen zu lassen. Die Gesellschaft für Reaktorsicherheit gehört zum Teil dem Land, gehört zum Teil den Ländern, zum Teil dem Bund. Da wäre auch die große Vertrauensfrage da. Auch der TÜV ist nicht unbedingt völlig frei von Verbindungen zur Kernindustrie. Also eine unabhängige Behörde wäre schon eine gute Idee. Die Frage ist nur, wo soll sie herkommen, wer soll sie schaffen.

Reimer: In Europa, in Brüssel?

Gäthke: Das wäre die Frage, ob die Europäische Union tatsächlich auch die rechtliche Berechtigung dazu hat, so was zu machen.

Reimer: Schönen Dank! - Informationen zu Fukushima und zu den Entscheidungen zur Atomkraftdiskussion hier in Deutschland von Sönke Gäthke aus unserer Wissenschaftsredaktion.

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