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StartseiteHintergrundDas neue Leben von New Orleans11.01.2006

Das neue Leben von New Orleans

Winde von katastrophaler Zerstörungskraft, Sturmfluten, peitschende Regenfälle. Die Hurrikan-Warnungen aus diesem Sommer. Katrina, Rita, Wilma - die Saison 2005 gilt als eine der schlimmsten in der Geschichte der USA.

Von Linda Staude

So sah es im September 2005 in New Orleans aus. (AP)
So sah es im September 2005 in New Orleans aus. (AP)
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"Hurrikan Katrina hat das Rote Kreuz wegen des Ausmaßes der Katastrophe so stark beansprucht wie kein anderer Hurrikane zuvor. Unsere Mittel sind sehr, sehr knapp. Wir können unsere Dienste zwar noch eine Weile leisten, aber das ist eine große finanzielle Herausforderung. "

Rund zwei Milliarden Dollar hat diese Hurrikan Saison das Rote Kreuz gekostet, eine halbe Milliarde mehr als Spenden eingegangen sind. Bis hinunter nach Lake Charles und an der ganzen Golfküste entlang sieht man entwurzelte Bäume, zerstörte Fassaden und mit blauer Folie geflickte Dächer. Immerhin sind die Menschen inzwischen weitgehend versorgt, so Jeffrey Hon vom Roten Kreuz:

"Wir haben in Louisiana nur noch eine Notunterkunft offen mit etwas über hundert Menschen. Alle anderen sind mittlerweile geschlossen. Die meisten Bewohner sind übergangsweise anderswo untergekommen. Viele in Wohnwagensiedlungen, die die Bundesregierung gestellt hat. "

Unterkünfte sind ein gewaltiges Problem für die nationale Katastrophenschutzbehörde FEMA. Allein Hurrikan Katrina hat fast zwei Millionen Menschen obdachlos gemacht.

Einer der größten Trailerparks ist Renaissanceville in Baker, rund anderthalb Autostunden von New Orleans entfernt. Inzwischen leben hier fast 660 Menschen. Alle aus New Orleans und Umgebung, alle aus einer Notunterkunft übergesiedelt, für maximal 18 Monate. Michael Cosbar ist der Verwalter:

"Das war mal eine Weide. Das Land gehört einer Gefängnisverwaltung, die hat hier Kühe grasen lassen. Wir haben es eingeebnet und die Infrastruktur gebaut. Kanalisation, Wasser, Strom und zwei Kläranlagen. Das wurde alles nur für diesen Zweck gebaut. "

An eine Kuhweide erinnert jetzt nichts mehr. Hinter mannshohen Drahtzäunen steht Wohnwagen an Wohnwagen auf der festgestampften Erde. Kein Grashalm, kein Strauch hat die Planierraupen überlebt. Den Eingang kontrollieren bewaffnete Posten einer privaten Sicherheitsfirma. Und die Stimmung ist explosiv.

Kaum zeigt sich jemand in der blauen Jacke mit dem FEMA-Emblem, wird er von zornigen Bewohnern umringt. Es hagelt Beschwerden

"Als wir hergekommen sind, hieß es, alles ist kostenlos, empört sich Sarah Hudson. Das war genau, was wir brauchten. Dann kommen wir einen Abend heim und plötzlich müssen wir für unser Propan bezahlen. "

"Heizung, heißes Wasser, Kochen – alles funktioniert nur mit Propangas. "

Eine Flasche Propangas kostet 15 Dollar. Wer sie nicht selbst anschließen kann, zahlt 30. Viel Geld für Menschen, die alles verloren haben.

Ich brauche Hilfe, so schnell wie möglich, sagt Constance Jordan. Ich brauche Kleider. Sie haben uns gesagt, dass es Bezugsscheine geben soll, aber die sind noch nicht da. Ihre alten Kleider, die Möbel, persönliche Dinge – die Flut hat alles zerstört. Ihren Job hat sie aufgeben müssen. Ohne Auto ist New Orleans unerreichbar. Ein Fall von vielen in Renaissanceville.

"Viele Leute hier sind verwirrt, viele sind einsam, erklärt Betty Gonzales. Depressionen sind ein ganz großes Problem. Unser Zuhause ist zerstört. Für Constance Jordan liegt die Lösung auf der Hand: Gebt mir ein billiges Haus in New Orleans und ich gehe zurück. Ich hab einfach Heimweh. "

Ein Wunsch, der so schnell nicht in Erfüllung gehen wird. New Orleans ist weit von einem normalen Alltag entfernt. Nur wenige Stadtteile haben wieder Strom und fließendes Wasser. Und nur ihre Bewohner durften bis jetzt zurückkehren und ihre Häuser wieder bewohnbar machen. Was nicht mehr zu retten ist, türmt sich an den Straßenrändern: Zerstörte Möbel, ausrangierte Kühlschränke, verschimmelte Matratzen. Das soll alles vom Ingenieurcorps der Army abtransportiert werden.
Craig Carol von der Umweltschutzbehörde EPA:

"Wir arbeiten zusammen und sammeln den Sondermüll aus den Haushalten entweder ein oder manchmal bringen sie ihn uns auch zu den Sammelstellen. Vor allem Kühlschränke und Klimaanlagen. Wir sortieren alles und kümmern uns um die richtige Entsorgung. D.h. wir entfernen das Kühlmittel und Öle und schicken den Rest zum Verschrotten. "

Tausende Kühlschränke warten auf diese langwierige Behandlung - stinkend, voller Schimmel und Maden. Wie viel Restmüll weggeschafft werden muss, können die Experten nicht einmal schätzen.
Jeff Myers von der EPA Louisiana:

"Diese Müllberge sind erst der Anfang. Das meiste ist Holz, das auf den Strassen lag und sie blockiert hat. Das wurde schnell weggeschafft. Einiges davon wird gehäkselt und verbrannt oder je nach Standort direkt auf die Müllkippe gebracht. Aber das wird ständig mehr und verschlingt eine Menge Platz auf den Müllkippen hier in der Gegend. "

Und die Aufräumarbeiten in den völlig verwüsteten Stadtteilen haben noch nicht einmal angefangen. Der Lower Ninth Ward ist abgesperrt. Zutritt für die ehemaligen Bewohner nur an bestimmten Tagen, per Bus für ein paar Stunden, um vielleicht ein paar Besitztümer retten zu können. Die Chancen sind nicht groß, nachdem die wenigen unbeschädigten Häuser zwei Monate bis zu den Dächern in einer stinkenden Chemiebrühe versunken waren. Craig Carol:

"Unsere Daten über das Flutwasser haben bestätigt, was jeder wusste: Es war mit Bakterien verseucht durch das Abwasser aus der Kanalisation. Und ungefähr so, als würde man die eigene Garage fluten: Eine Menge Öl, Schmiermittel und ähnliche Chemikalien. "

Von den Häusern direkt am gebrochenen Damm ist nichts übrig geblieben. Selbst zwei Straßenzüge weiter weg liegen nur Trümmer - geborstenes Holz, verbogenes Metall. Die Wassermassen haben Autos herumgewirbelt wie Spielzeuge, ganze Gebäude von den Fundamenten gerissen und weggespült. Einige stehen – noch halbwegs komplett - mitten auf der Strasse. Die Gegend ist totenstill. Keine Bagger, keine Bulldozer. Ob hier überhaupt wieder aufgebaut wird, ist noch nicht entschieden.

Der Jahrhunderthurrikan hat nicht nur viele kleine Küstenstädte dem Erdboden gleichgemacht, sondern den übrigen auch die wirtschaftliche Lebensgrundlage geraubt. A.J. Holloway, der Bürgermeister von Biloxi:

"Der Ostteil von Biloxi wurde am stärksten verwüstet. Dort ist der alte Hafen der Stadt, wo die Leute in den Fischfabriken Shrimps, Austern, Krabben und Fisch verarbeitet haben. Das ist außerdem der ärmste Teil der Stadt. Er ist vermutlich zu 85 Prozent zerstört. "

Östlich der Innenstadt sieht alles so aus, als sei der Hurrikan gestern über Biloxi hinweggefegt. Ganze Straßenzüge sind eingestürzt. Zwischen den Überresten stehen vereinzelt FEMA-Trailer, ein paar unerschrockene Bewohner trotzen der winterlichen Kälte in Zelten. Und ab und zu findet man ein Haus, das wie durch ein Wunder relativ unversehrt aussieht. Bitte nicht abreißen, haben die Eigentümer auf die Wände gesprüht. Eine flehentliche Bitte an die Inspektoren, die jedes Gebäude einzeln auf Standfestigkeit überprüfen müssen. Direkt am Rande des wüsten Trümmerfelds ist die Autowerkstatt von Alex Torricelli, ordentlich, aufgeräumt und geöffnet.

Ja, verglichen mit der Zeit direkt nach Katrina sieht es gut aus, lacht er. Da stehen noch die alten Büromöbel, aber wir haben wieder geöffnet. Drei Wochen hatte die Werkstatt von Alex Torricelli nach dem Sturm geschlossen. Die größten Schäden sind inzwischen beseitigt. Nur das Aluminiumtor zur Einfahrt in seine Werkstatt hängt noch hoffnungslos verbogen in den Angeln. Und Kundschaft hat er genug:

"Eine Menge Rückkehrer haben ihre Häuser und ihre Autos verloren. Die Versicherungen waren sehr großzügig mit dem Ersatz für die Autos. Die Leute haben neue gekauft, je nachdem was sie sich leisten konnten. Manche waren gut, manche nicht so. Und deswegen habe ich sogar mehr Arbeit als normal. "

Die kleinen Geschäfte in der Stadt erholen sich langsam wieder. Aber Biloxis Wohlstand hängt von der Fischerei ab und vom Tourismus, den die Casinos bringen. Und von denen hat nicht eins überlebt. Alle Restaurants haben geschlossen. An das Hardrock Cafe erinnert nur die riesige Gitarre auf dem Dach. Innen gähnende Leere. Die für ihre landschaftliche Schönheit gerühmte Küstenstraße ist gesperrt, die Brücken über die Bucht eingestürzt. Und die schwimmenden Spielpaläste sind halb gesunkene Ruinen.

"Alle Casinos kommen zurück, so weit ich weiß. Vielleicht mit einer Ausnahme. Und das Beaurivage, das größte wird nächstes Jahr am 29. August aufgemacht. Am Jahrestag von Katrina. "

Aber das heißt für die Stadt auch: Keine Steuereinnahmen bis zum übernächsten Jahr. Bürgermeister Holloway wirkt ratlos und erschöpft, als er vorrechnet

"Unser Geld reicht bis Juni 2006. Wir hatten eine Versicherung gegen Geschäftsausfälle über zehn Millionen Dollar. Die haben wir mit siebeneinhalb Millionen beliehen. Ich glaube, dass unsere Wirtschaft sich in drei Jahren zu 85 Prozent erholt hat. "

Immer vorausgesetzt, die Touristen kommen zurück. Eine Sorge, die Biloxi mit New Orleans teilt.


Die Kneipen auf der berühmten Burbon Street im Herzen des French Quarter sind geöffnet. Party bis zur Ausgangssperre um zwei Uhr morgens. Die Sturmschäden an den Gebäuden sind noch zu sehen. Hier und da ein vernageltes Fenster oder ein paar bröckelnde Ziegel von einem Schornstein. Nichts Schlimmeres.

Aber die fröhliche Atmosphäre täuscht. Die Kneipen sind weitgehend leer. Auf der schmalen Strasse, normalerweise gedrängt voll, gehen in weitem Abstand kleine Grüppchen von zwei, maximal drei Menschen. Kaum Touristen, sondern Bauarbeiter, FEMA-Angestellte, Katastrophenhelfer, die in den Hotels in der Innenstadt schlafen.

"Wir hatten ein paar Durchreisende zu Gast, die vermutlich Grund Zero sehen wollten. Und wir haben eine Menge kurzfristige Buchungen. Manchmal von 30 Prozent Belegung auf 100 Prozent über Nacht. Aber im Schnitt waren wir zu 30 bis 40 Prozent ausgebucht, seit wir wieder offen haben. "

Dennis Pears managt das Burbon Orleans Hotel. Er hat das historische Hotel mitten im Zentrum des French Quarter übernommen, direkt nach Hurrikan Katrina. Drei Wochen war das Burbon Orleans geschlossen.

New Orleans hat in den vergangenen drei Monaten 1,5 Millionen Dollar an Einnahmen aus dem Tourismusgeschäft verloren. Jeden einzelnen Tag. Zwei Drittel der Konferenzen und Tagungen im kommenden Jahr sind bereits abgesagt.

Dennis Pears hofft, dass das schwer beschädigte Convention Center bald wieder aufmacht. Mittlerweile sucht er händeringend qualifiziertes Personal. Derzeit arbeiten gut 50 Leute im Burbon Orleans. Normalerweise sind es 120.

"Die Zimmer werden nur noch jeden dritten Tag aufgeräumt. Das Restaurant ist offen, aber nur für Frühstück und Abendessen. Zur Zeit haben wir von sechs Uhr morgens bis ungefähr viertel nach neun alle Hände voll zu tun im Restaurant und in der Lobby. Danach sind wir plötzlich ein Geisterhotel bis fünf Uhr nachmittags. "

Es ist schwer, in der verlassenen Stadt Leute zu finden. Ihre Einwohner sind über die ganzen USA verstreut. Viele haben nichts mehr, das sie nach Hause zieht. Keine Wohnung, Familie und Freunde wer weiß wohin geflüchtet.

George Barrow hat sein ganzes Leben in New Orleans verbracht. Bis er vor Hurrikan Katrina nach Leesville geflüchtet ist, zu Verwandten. Für ein paar Tage, hat er damals gedacht. Nach der Katastrophe ist er geblieben

Er arbeitet am Empfang des Landmark-Hotels, in seinem alten Metier. Er hat ein Appartement gemietet, die Kinder gehen auf eine neue Schule, die alte Wohnung in New Orleans – ohnehin vom Wasser schwer beschädigt - ist aufgelöst. Ob er zurück will?

"Im Moment steht das in den Sternen. Dort gibt es keine Geschäfte zum Einkaufen, keine Krankenhäuser und einige Gegenden haben immer noch keinen Strom. Zur Zeit kann man einfach nicht zurück. Eines Tages vielleicht, kann sein in zwei Jahren, aber vielleicht eines Tages. "

So wie George Barrow denken viele Flüchtlinge. New Orleans könnte ein Viertel seiner Einwohner verlieren - dauerhaft.

Das ist ein totales Dilemma, sagt Lee Ann Cox. Die Leute können nicht arbeiten, wenn sie keine Wohnung haben. Die Unternehmen können keine neuen Häuser bauen ohne Wasser und Kanalisationsanschluss.

Und ohne neue Häuser kommen die Menschen nicht zurück. Ein Teufelskreis. Lee Ann Cox arbeitet für die Wiederaufbau-Kommission des Governors von Mississippi. Ein ehrenamtliches Gremium, das den verwüsteten Küstenstädten helfen soll, wieder auf die Beine zu kommen.

"Im Augenblick gibt es hier gar nichts mehr. Das ist der beste Moment für einen Neuanfang. So wird es nie mehr sein. Jetzt können wir die Städte bauen, die wir immer wollten. "

Stadtplaner und Architekten aus der halben Welt haben freiwillig geholfen und Entwürfe geliefert. Keine schnell hingestellten 08/15 Bauten, sondern Gebäude, wie sie um die Jahrhundertwende ausgesehen haben. In Städten mit Fußgängerzonen, wo man nicht jeden Weg mit dem Auto zurücklegen muss. Und ganz wichtig: Solide genug, um einen Sturm zu überstehen

"Kein Mensch mag Bauvorschriften. Amerikaner mögen es gar nicht, wenn man ihnen sagt, was sie tun müssen. Aber wenn das Haus des Nachbarn von den Fundamenten gespült wird und im eigenen Vorgarten landet, denkt mancher vielleicht doch: Das ist gar nicht so eine schlechte Idee. "

Die zunächst skeptischen Bürgermeister sind inzwischen jedenfalls schon ganz enthusiastisch. Eine gute Voraussetzung, dass die Vorschläge der Kommission auch umgesetzt werden. Lee Ann Cox ist so überzeugt von ihrer Arbeit, dass sie mit dem Gedanken spielt, aus dem Norden von Mississippi an die Küste umzuziehen. Optimismus, der gar nicht so selten ist, selbst im schwer geprüften New Orleans. Mag der Wiederaufbau noch so quälend langsam vorangehen: Aufgeben kommt gar nicht in Frage. Hotelmanager Dennis Pears bringt es auf den Punkt

"New Orleans ist eine Stadt, die man lieben lernt. Und wer sie verlässt, kommt immer wieder zurück. Spätestens im Frühjahr sollen auch die Touristen wiederkommen: Zum Mardi Gras. "

Das wird unser großes Comeback, verspricht Blaine Kern. Mr. Mardi Gras persönlich. Sein Unternehmen stellt die riesigen Festwagen für die Karnevalsumzüge her. Die riesigen, knallbunten Pappmache-Figuren haben im Sturm ebenfalls gelitten.

"Dracula hat seinen Smoking verloren. Die Mumie alle ihre Bandagen. Die Hexe ist beschädigt worden und der Werwolf hatte nur noch ein halbes Gesicht. Aber wir haben sie alle schon wieder restauriert, bemalt und dekoriert. "

Katrina hat die Vorbereitungen für die riesige Party, die der Stadt Millionen Umsatz bringen soll, um vielleicht drei Wochen hinter den Zeitplan zurückgeworfen.

"Wir machen unsere Paraden, selbst wenn wir die Wassermarken an den Festwagen lassen müssen. Wir werden es ihnen zeigen. Alle 50 Kapitäne des Karnevals mit 50 verschiedenen Umzügen wollen auf die Strasse und ihre Wagen zeigen. "

Der Karneval wird im nächsten Jahr ein bisschen kürzer ausfallen, nur sechs Tage statt der sonst üblichen zwölf. Einige wenige Umzüge fallen weg, die restlichen kriegen leicht geänderte Routen. Und bei der Unterkunft für die erwarteten Gäste muss improvisiert werden, weil längst noch nicht alle Hotels wieder geöffnet haben

"Wir haben die Navy um Schiffe gebeten, damit wir die Bands und Fußgruppen unterbringen können. Und ein paar Kreuzfahrtschiffe bleiben hier als Hotels. Wir kriegen das schon hin. "

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