Freitag, 30. September 2022

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Das Phänomen Hipster
"Eine männliche Modepuppe"

Der Kulturwissenschaftler Peter Rehberg hat sich mit dem Hipster beschäftigt und ist der Meinung, dass es sich hierbei um ein Auslaufmodell handele. Der Hipster sei eine Figur, die Männlichkeit in einer Zeit demonstriere, in der man Männlichkeit gar nicht mehr brauche, sagte Rehberg im DLF.

Peter Rehberg im Corsogespräch mit Marietta Schwarz | 21.11.2016

    Ein junger Mann mit Vollbart geht mir einem Kaffee in der Hand über eine Straße und Blick auf sein Handy.
    Der Vollbart ist das Markenzeichen des Hipsters - aber mittlerweile nichts Besonderes mehr. (imago / Westend61)
    Marietta Schwarz: Der Hipster geistert als Phänomen jetzt schon recht lange durch die Welt - so lange, dass man sich fragt: Wodurch zeichnet er sich überhaupt noch aus? Und: Wann und durch was wird diese Subkultur, die irgendwie nicht so richtig "sub" ist, endlich abgelöst? Doch ein Ende des Hipsters ist momentan noch nicht in Sicht, auch wenn er äußerlich vielleicht nicht mehr ganz so leicht in eine Schublade zu stecken ist wie das noch vor fünf bis acht Jahren der Fall war. Und Äußerlichkeiten spielen bei dieser Szene ja eine gewaltige Rolle. Der Vollbart etwa ist beim Sparkassenangestellten angekommen und damit wohl ein Auslaufmodell. Was steckt hinter der ironischen Attitüde des Hipsters? Hat er ein gesellschaftliches Anliegen? Fragen, mit denen sich der Kulturwissenschaftler Peter Rehberg schon länger beschäftigt. Er ist heute zu Gast im Corso-Gespräch. Herr Rehberg, ist der Hipster noch so interessant als Forschungsobjekt, wie er das vielleicht vor einigen Jahren, sagen wir, vor sieben oder acht Jahren war?
    Peter Rehberg: Man muss natürlich zugeben, ich spreche jetzt hier als Akademiker. Akademiker sind immer ein bisschen langsamer, dem Trend hinterher. Sagen wir es mal so: Die intellektuelle Durchdringung der Phänomene braucht seine Zeit. Deshalb kommen die Sachen manchmal zum Vorschein, wenn sie in der Tagespresse oder in den Medien schon so ein bisschen abgeklungen sind. Man könnte somit sagen: Der Hipster ist eigentlich auch schon ein alter Hut. Der Hut spielt auch eine Rolle, nicht nur der Bart.
    Schwarz: Und der Dutt.
    Rehberg: Und der Dutt auf jeden Fall. Und es gibt ja schon Mutationen des Hipsters. Auf der einen Seite ist der Hipster ein Sammelbecken geworden, wo sich, man könnte fast sagen, viele Jugendkulturen des 20. Jahrhunderts, nach '45 vor allen Dingen, kreuzen. Wo die neu zusammengebaut werden. Wo männliche Mode im Zentrum steht und man manchmal gar nicht so genau weiß: wo kommen diese Stile eigentlich her? Und was heißt hier eigentlich noch Hipster? Auf der anderen Seite gibt es dann auch noch eine neue Tendenz, seit ein paar Jahren den "Lumbersexual", also den Holzfällertypen, der sich vom Hipster den Bart geklaut hat und auch das Flanellhemd, so würde ich jetzt interpretieren, eine hypermaskuline, hypervirile Variante des Hipsters ist. Also eigentlich nur die garantierten Zeichen der Männlichkeit dem Hipster klaut und daraus etwas Neues macht.
    Eine sehr widersprüchliche Figur
    Schwarz: Also zu eindeutig lesbar ist?
    Rehberg: Man kann natürlich sagen, der Hipster ist eine sehr widersprüchliche Figur. Auf der einen Seite ist es eine Modepuppe, eine männliche Modepuppe. Also mit übergroßen T-Shirts, mit Röhrenjeans, die aufgekrempelt sind, mit den schon genannten Flanellhemden, geklaut aus verschiedenen subkulturellen Archiven. Auf der anderen Seite, das finde ich so das Interessante am Hipster, sagen wir der 2000er, ist es eine Figur, die auf ihrer Männlichkeit auch insistiert. Wo bei aller Verspieltheit und bei allem modischen Interesse, bei allem, was man vielleicht auch queer nennen könnte, also etwas, das nicht ganz eindeutig einer bestimmten Geschlechtsidentität zuarbeitet. Das ist eine Seite des Hipsters, die andere Seite ist auf einmal der Bart. Der Hipster ist halt nur ein Hipster, wenn die Nerdbrille vom Bart gerahmt bleibt.
    Schwarz: Der Bart, die Nerdbrille. Aber was passiert denn, wenn die Accessoires, diese modischen Ausstattungen dann in einer Massenkultur im Mainstream landen. Wenn, wie gesagt, der Sparkassenangestellte und die Versicherungswerbung auch plötzlich mit Vollbart daher kommen. Dann muss man doch, als jemand der Extravaganz für sich beansprucht, sich etwas überlegen, oder?
    Rehberg: Absolut. Man kann natürlich sagen, solche subkulturellen oder inzwischen längst popkulturellen, wenn wir popkulturell in einem etwas erweiterten Sinne verstehen, Phänomene haben immer eine kurze Verfallszeit, die dann der nächsten Mode übergeben werden. Ich will noch mal kurz ein Stichwort aufgreifen, was sie gesagt haben, nämlich Massengesellschaft. Das ist natürlich interessant, weil man nämlich sagen kann: eigentlich stammt der Hipster vom Dandy ab. Eigentlich ist der Hipster ein moderner Dandy oder in den 50er- oder 60er-Jahren wurde auch vom 'Working Class Dandy' gesprochen. Mit Dandy assoziieren wir zum Beispiel Oscar Wilde, ausgehendes 19. Jahrhundert in Großbritannien. Also eine urbane Figur, die auf Stil setzt, sagen wir es mal so. Also sich auch für die Ästhetik oder Oberflächen interessiert. Warum macht das der Dandy? Der Dandy macht das, um in einer Massengesellschaft als Individuum durchzugehen. Das ist sozusagen die Aufgabe des Dandys. Wie kann ich in einer industrialisierten Massengesellschaft noch meine Individualität behaupten? Und das mache ich über Mode und Zeichen und eine bestimmte Inszenierung von Männlichkeit. Und das macht der Hipster eben auch. Der Hipster ist einer, der sich aus der Massengesellschaft durch seine Stilisierung herausnehmen, hervorheben will. Und sie haben natürlich völlig recht. Was passiert denn dann, wenn schon die Baumarktwerbung oder die Werbung für Sparkasse den Hipster zeigt? Dann hat er natürlich jedes Widerstandspotential, das er jemals hatte, wenn er es jemals hatte, verloren. Das ist so. Und ich denke auch, da haben sie, wenn man das historisch betrachtet, völlig recht. Der Hipster ist immer schon verdächtigt worden in seiner 2000er-Variante. Aber er ist jetzt auf so einen Nullpunkt zugesteuert.
    Der Hipster ist keine Gegenfigur
    Schwarz: Verstehen sie die Hipsterkultur als Gegenkultur?
    Rehberg: Gute Frage. Der Hipster ist keine Gegenfigur. Er ist eine heuchlerische Figur, der letztendlich doch auf seiner Männlichkeit insistiert. Und warum macht er das, kann man fragen. Und da würde ich jetzt nicht ästhetisch antworten, sondern tatsächlich historisch-soziologisch, ökonomisch sagen: Naja. Wir leben natürlich in einer digitalisierten Welt, wo es wenig Rituale von Männlichkeit gibt, die übrig geblieben sind. Als erstes fällt einem natürlich Sport ein, aber dann ist, in westlichen Gesellschaften jedenfalls, auch schon ziemlich schnell Schluss. Aus dieser Perspektive ist der Hipster natürlich eine Figur, die Männlichkeit demonstriert in einer Zeit in der man Männlichkeit gar nicht mehr braucht.
    Schwarz: Vielleicht verändert sich das ja auch gerade. Wenn wir uns politische Entwicklungen anschauen, werden ja die alten Bilder wieder beansprucht von bestimmten politischen Richtungen und da fragt man sich natürlich, wird es nicht höchste Zeit, dass der Hipster sich oder dass sich die urbane, städtische Gesellschaft darauf besinnt, dass man tatsächlich Positionen ergreifen muss?
    Rehberg: Guter Punkt. Unter welchen Bedingungen leistet man sich diese Spielerei mit Männlichkeit. Ist das Quasi ein hedonistischer Luxus der keine weiteren Implikationen hat? Oder was steht dabei auf dem Spiel? Sie haben natürlich völlig recht. Wir hören gerade nach und nach die Schritte für die Besetzungsliste von Donald Trump, wo die Riege der der alten, weißen Herren noch einmal antritt, wo man geglaubt hat, die sind doch spätestens 2008 mit Obama abgewählt worden.
    Da muss man sich natürlich fragen: Welche Männerbilder haben Konjunktur in der westlichen Welt, und was ist da der Wert des Hipsters? Vielleicht noch mal ein, zwei Anekdoten dazu: Es gibt inzwischen mehrere Berichte darüber, wie sich tatschlich Hipsterkulturen teilweise mit Trump kurzschließen. Es ist keineswegs so, dass man sagen kann, die Hipsterattitüde ist in dem Sinne eine Protestattitüde, die eine progressive, multiethnische, sexuelle Gesellschaft symbolisiert. Sondern es scheint tatsächlich etwas an dieser These dran zu sein, die ich ja hier auch vertrete, dass es dem Hipster doch auch um einen Wert von Maskulinität geht, der letzten Endes sehr konservativ ist.
    Ein Wert von Maskulinität
    Schwarz: Akademiker spekulieren nicht gerne, aber was ist ihre Perspektive? Wie wird das weitergehen? Wie lange wir der Hipster sich noch halten?
    Rehberg: Ach, das ist eine schwierige Frage.
    Schwarz: Oder wie groß wird der Anteil der Hipster sein, die sich in Richtung Rechtspopulismus entwickeln?
    Rehberg: Ich versuche mal auf die erste Frage zu antworten. Der Hipster ist eigentlich in seiner 2000er-Variante, es gibt auch noch den Hipster der 50er- und 60er-Jahre, über den wir nicht gesprochen haben, aber wenn wir den der 2000er-Jahre ins Auge fassen, dann ist der Hipster von vorneherein unter den Vorzeichen angetreten, dass so etwas wie Jugendkultur als Protestkultur, wie sie in einem romantischen Sinne in der westlichen Welt nach '45 verstanden worden ist, dass es das eventuell gar nicht mehr gibt.
    Das hat auch mit so Phänomenen zu tun, dass die Jugend ausgedehnt wird, dass die Eltern die gleiche Musik hören, wie die Kinder, in die gleichen Sportstudios gehen, die gleichen Turnschuhe tragen uns so weiter. Also, dass dieses Phänomen von Jugendkultur, wie wir es eigentlich aus den 60er-Jahren kennen, was eigentlich das Goldene Zeitalter der Jugendkultur war, in der auch der Hipster sozusagen seine Hauptrolle eingenommen hat, dass diese Zeit vielleicht auch vorbei ist.
    Insofern ist die Frage nicht nur, wann gibt es eine kritischere, progressivere Figur als den Hipster, sondern es ist vielleicht auch tatsächlich eine größere Frage nach der Jugendkultur überhaupt.
    Schwarz: Und insofern dann doch eine Anti-Haltung. Peter Rehberg über den Hipster und die Frage, wie lange er sich noch halten wird. Danke für das Gespräch.
    Rehberg: Sehr gerne.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.