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StartseiteSport am WochenendeDas Rätsel um die Gastärzte aus Spanien17.03.2013

Das Rätsel um die Gastärzte aus Spanien

Spanische Gastärzte wurden an der Universitätsmedizin Freiburg ausgebildet und sorgten später für Dopingschlagzeilen

An der Unikinik Freiburg wurden jahrelang die Radstars des deutschen Teams Telekom gedopt. Untersuchungen laufen, ob es noch weitere Dopingmanipulationen gab. In all den Jahren wurden in Freiburg auch Gastärzte ausgebildet. Sie kamen teils aus Spanien und sorgten später ebenfalls für Dopingschlagzeilen.

Von Sebastian Krause

Die Dopingverstrickungen an der Universiätsmedizin Freiburg nehmen immer größere Ausmaße an. (Deutschlandradio - Hendrik Maaßen)
Die Dopingverstrickungen an der Universiätsmedizin Freiburg nehmen immer größere Ausmaße an. (Deutschlandradio - Hendrik Maaßen)

Stürmische Tage für Sportmediziner derzeit in Spanien. So lange der Prozess gegen den mutmaßlichen Dopingarzt Eufemiano Fuentes läuft, heißt es: Kopf einziehen. Eduardo Escobar zum Beispiel, langjähriger Arzt der Fußballprofis von Real Sociedad San Sebastian, ist am Rande der Verhandlung beschuldigt worden, Dopingmittel gekauft zu haben. Und auch der Sportmediziner Inaki Arratibel ist zurückhaltend, als er plötzlich einen Anruf bekommt: Es geht um seine Vergangenheit als Gastarzt an der Uniklinik Freiburg. Ok, sagt der Baske und gibt dann bereitwillig Auskunft.

"Ich war von 1987 bis 1988 in Freiburg. Und es war super. Ich habe so viel gelernt. In Spanien konnte man damals nicht Sportmedizin studieren. Es war damals keine Spezialität bei uns. Alles über Laktat, Sauerstoffaufnahme und Sporttraining – nach einigen Monaten in Freiburg hatte ich dann schon die Basis der Sportmedizin gelernt."

In den 80er und 90er Jahren war die Uniklinik Freiburg das Mekka der Sportmedizin. Nicht nur viele deutsche Topsportler pilgerten in den Schwarzwald, auch Mediziner und Ärzte in der Ausbildung reisten an und wollten lernen - so viel wie möglich. Der ehemalige stellvertretende Leiter Prof. Alois Berg erinnert sich.

"Aus Österreich, aus Mexiko, aus Polen – wir hatten damals einen richtigen Durchlauf von Gastärzten. Aus den USA, aus der Tschechoslowakei – es gab sehr viele Gastärzte."

Bezahlt wurden die Gastärzte damals laut Berg aus Drittmitteln:

"Also das mit den Gastärzten war ja immer schwierig. Es war ja nicht so, dass die da aus einem normalen Etat bezahlt wurden und von daher ja auch nicht die Rechte hatten wie ein deutscher Arzt. Das waren eigentlich immer Sonderverträge. Und angestellt wurden die über unseren Chef Prof. Keul."

Die vielen Gastärzte ließen sich offensichtlich aber nicht abschrecken von der fragwürdigen Anti-Doping-Einstellung des Chefs Joseph Keul, der sich bei öffentlichen Auftritten immer wieder nicht vom Anabolika-Einsatz bei Spitzensportlern distanzierte. Wie im Aktuellen Sportstudio 1977 bei der Diskussion mit Doping-Bekämpferin Brigitte Berendonk.

"Eine Frage noch Herr Keul: Haben sie Sportlern, die gesund waren, Anabolika verschrieben, ja oder nein? Das ist eine Frage, die man nicht mit ja oder nein beantworten kann…"

Und obwohl gesundheitsgefährdend und damals eindeutig verboten, wurde Testosteron dann Ende der 80er Jahre mehreren deutschen Kaderathleten verabreicht - zu Forschungszwecken.
Zurück zu Inaki Arratibel: Er sollte damals quasi herausfinden, wie die Deutschen ihre Athleten so erfolgreich betreuen, bekam von der baskischen Regierung ein Stipendium, lernte deutsch und begann seine Arbeit Ende der 80er. An der damaligen Testosteron-Studie sei er aber nicht beteiligt gewesen sein. Mit Keul und dem langjährigen Olympia-Arzt Ernst Jakob hatte er aber schon engen Kontakt – bei der Betreuung deutscher Top-Sportler:

"Ja ich habe Skiläufer und Biathleten untersucht und bin mit Dr. Ernst Jakob einige Male nach Ruhpolding gefahren, um dort Tests zu machen. Und ich habe auch Tennisspielern kennen gelernt wie Boris Becker, Steffi Graf und hatte sehr guten Kontakt mit verschiedenen Elitesportlern."

Wieder im Baskenland setzte Inaki Arratibel sein neues Wissen gleich ein: Er betreute unter anderem den Radstar Abraham Olano, spanische Leichtathleten und die Fußball-Profis von Santander in der 1. Liga. Seine Karriere im Radsport war dann aber vorbei, als er mit dem Team Phonak 2004 in einen handfesten Dopingskandal geriet: Der inzwischen geständige US-Amerikaner Tyler Hamilton und andere Fahrer – positiv getestet. Inaki Arratibel weist noch heute jede Schuld von sich. Er habe Hamilton nicht gedopt, das muss Fuentes gewesen sein.

"Als das mit dem Doping bei Hamilton passiert ist, hatte ich eine Vermutung, dass da etwas passiert. Und heute sieht es so aus, dass Fuentes dahintergesteckt hat."

Doch Inaki Arratibel war nicht der einzige Spanier, der zuerst als Gastarzt in Freiburg war und sich dann Dopingvorwürfen stellen musste. Sein Pendant heißt Jose Aramendi: Anfang der 90er Jahre soll er mit dem später überführten Dopingarzt Andreas Schmid das Team Telekom betreut haben. Dann wechselte er ins spanische Lager zum Radteam Once. Der damalige Teamchef - Manolo Saiz – sitzt heute mit Fuentes auf der Anklagebank.
1995, während der Spanienrundfahrt Vuelta, entdeckte der dänische Journalist Niels Christian Jung im Hotelzimmer von Jose Aramendi Dopingmittel.

"Wir haben damals geahnt, dass es im Team Once ein Dopingproblem gibt. Und wir haben nach Beweisen gesucht, um das zu dokumentieren. Deshalb haben wir in den Hotelzimmern gesucht, gefilmt und Fotos gemacht, nachdem die Mannschaft zu den Rennen aufgebrochen war. Und im Zimmer von Aramendi fanden wir alles Mögliche: Viele Ampullen und Kanülen mit Spuren des Dopingmittels Epo sowie legale und illegale Medikamente."

Auf derselben Rundfahrt durchsuchten die Reporter für eine Fernsehdokumentation auch die Hotelzimmer des deutschen Teams Telekom, und auch dort wurden sie fündig. Dass sich Aramendi und die Telekom-Ärzte damals kannten, ist für Radsport-Experte Niels Christian Jung eine Überraschung.

"Das ist neu für mich. Auf der einen Seite überraschend, auf der anderen Seite aber eigentlich nicht. Denn wir wissen ja heute, was die Telekom-Ärzte in Freiburg getrieben haben. Aber dass Jose Aramendi womöglich damals Teil eines Netzwerks der deutschen Sportmediziner und der Uniklinik Freiburg war, ist sehr interessant."

Wurde damals Doping-Know-How ausgetauscht oder von Freiburg an Gastärzte, ins Ausland weitergegeben? Jose Aramendi reagiert auf Interview-Anfragen nicht. Dabei ist der Spanier als Sportarzt immer noch aktiv und zwischen 2001 und 2003 betreute er keinen geringeren als Lance Armstrong im Team US Postal.
Aber Doping? Nein! – das traut der auskunftsfreudige Inaki Arratibel seinen Kollegen nicht zu. Weder Aramendi, noch dem Fußballarzt Eduardo Escobar, mit dem er übrigens seit Jahren immer wieder zusammenarbeitet.

"Der ist doch Traumatologe, Orthopäde und behandelt nur Verletzungen. Ich glaube nicht, dass er mit Fuentes und Doping etwas zu tun hatte."

Alles Zufall? Oder was steckt hinter der ungewöhnlichen Verbindung zwischen der Freiburger Sportmedizin und spanischen Ärzte. Denn es gab in all den Jahren im Breisgau noch mehr Besuch aus Spanien: Gastarzt war auch Jose Doreste, Olympiasieger im Segeln, heute Sportmediziner in Barcelona. Außerdem eine Pharmazeutin, die inzwischen in einem Pharma-Unternehmen in Madrid arbeiten soll sowie der Sportmediziner Jose Miguel Barturen - ebenfalls aus dem Baskenland. Im Jahr 2000 taucht Barturen gemeinsam mit Schmid und Keul als Autor einer Freiburger Studie auf. Das Thema: Der Nachweis von Blutdoping.

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