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StartseiteTag für TagDas religiöse Jahr in Deutschland28.12.2011

Das religiöse Jahr in Deutschland

Kirchentag, Papstbesuch, Islamunterricht

Nach den Missbrauchsfällen von 2010 ging es 2011 für die Kirchen vor allem um die Rückgewinnung ihrer Glaubwürdigkeit. Der Papst kam nach Deutschland und sprach erstmals vor dem Parlament - und Muslime beruhigten christliche Gemüter.

Von Gottfried Bohl

Papst Benedikt XVI. hält seine Rede im Deutschen Bundestag - sein Auftritt dort war nicht unumstritten. (AP / Markus Schreiber)
Papst Benedikt XVI. hält seine Rede im Deutschen Bundestag - sein Auftritt dort war nicht unumstritten. (AP / Markus Schreiber)

"Bischof Franz Josef Bode: "Ich meine, es wäre ein sehr spannendes Jahr gewesen. Es stand ja sehr im Zeichen der Aufarbeitung der Erschütterung des Jahres vorher. Wir haben den Dialogprozess angefangen und wir haben den Papstbesuch erlebt, der viele, viele Menschen ermutigt hat zum Glauben, aber auch zum Nachdenken über viele Fragen.""

Die katholische Kirche in Deutschland blickt zurück auf ein ereignisreiches Jahr, berichtet der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode. Nach der Missbrauchskrise 2010 ging es 2011 zunächst einmal darum, neue Glaubwürdigkeit zu gewinnen. Es gab Gesten der Reue, schärfere Regeln zur Prävention, wissenschaftliche Untersuchungen der Missbrauchsfälle und auch Zahlungen an Opfer. Gänzlich überwunden ist das Trauma damit natürlich noch lange nicht, räumt der Münchner Kardinal Reinhard Marx ein:

"Das ist nicht einfach erledigt durch ein paar schöne Worte. Das ist klar, das ist ein langer Prozess. Deswegen braucht man weiterhin Dialogmöglichkeiten und Wege - sowohl im eigenen Bistum wie auch in der Kirche in Deutschland, in der katholischen Kirche in Deutschland. Das ist immer wieder ein mühsamer Weg."

Der offizielle Startschuss fiel Anfang Juli in Mannheim – bei einer großen Auftaktveranstaltung zum Dialogprozess. Vorher mussten allerdings etliche Hürden überwunden werden. Dazu gehörten auch die Debatten um das Reform-Memorandum von Theologieprofessoren und die konservative Gegenerklärung "Petition pro Ecclesia". Hier wie auch an anderen Stellen beklagt der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, eine zunehmende Polarisierung und Polemisierung innerhalb der katholischen Kirche:

"Ich würde mir wünschen, dass man in den Äußerungen immer überlegt: Ist meine Äußerung christlich? Und kann ich sie so formulieren, dass ich dem anderen dabei ins Auge sehen kann? Und ich leide darunter, wenn man dem, der anderer Meinung ist, sehr schnell die Kirchlichkeit abspricht. Das ist kein Dialog. Und das ist schade, und da habe ich den Eindruck, dass es von den Flügeln etwas mehr zugenommen hat. Und das ist schmerzlich."

Doch trotz aller Grabenkämpfe: Der Dialogauftakt selbst wurde von fast allen Seiten als Erfolg bewertet. Von offener Situationsanalyse und von einer "neuen Kommunikationsfähigkeit" in der Kirche sprachen Teilnehmer. Auf Dauer aber erwarten die Katholiken in den Gemeinden neben hehren Worten auch konkrete Reformschritte – etwa beim Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen, mahnt Alois Glück, der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken ZdK:

"Ich bin sehr, sehr froh über diesen Start. Wenn aber in zwei Jahren etwa nichts sichtbar wird an anderer Qualität, am Bemühen, am Erscheinungsbild, dann werden wir eine große Welle der Enttäuschung erleben."

Höhepunkt des Jahres aus katholischer Sicht war sicher der Besuch von Benedikt XVI. in Berlin, Thüringen und Freiburg. Hunderttausende besuchten die großen Gottesdienste, und mit seinen zahlreichen Reden sorgte der Papst für lebhafte Debatten. Vor dem Parlament überraschte das katholische Kirchenoberhaupt mit einer ausgefeilten Vorlesung über Grundlagen des Rechtsstaats.

"Der Mensch kann die Welt zerstören. Er kann sich selbst manipulieren. Er kann sozusagen Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschließen. Wie erkennen wir, was Recht ist? "

Besonders heftige Diskussionen stieß der Papst mit seiner Rede im Freiburger Konzerthaus an. Dort kritisierte er eine Kirche, die zu sehr in Strukturdebatten verstrickt sei und die sich zu oft allzu selbstgenügsam den Maßstäben der Welt angleiche.

"Um ihrem eigentlichen Auftrag zu genügen, muss die Kirche immer wieder die Anstrengung unternehmen, sich von dieser Verweltlichung zu lösen."

Was aber hatte Benedikt XVI. mit "Entweltlichung" gemeint? Kirchensteuer und Staatsleistungen sprach der Papst nicht direkt an. Doch über deren Berechtigung begann nach dem Papstbesuch eine intensive Debatte, ebenso über kirchliche Sonderwege beim Arbeitsrecht. Von der Freiburger Papstrede lassen sich auch Linien ziehen zum Streit um "Weltbild", der die katholische Kirche in den letzten Wochen in Atem hielt. Denn warum sollte die Kirche Eigentümer eines der größten Medienunternehmen sein, das zu allem Überfluss auch noch einen – wenn auch minimalen - Teil seines Umsatzes mit Esoterik- und Erotikbüchern macht? Nach heftigem Druck beschlossen die Bischöfe, das Unternehmen mit fast 1,7 Milliarden Euro Jahresumsatz so schnell wie möglich zu verkaufen. Dazu der Kölner Kardinal Joachim Meisner:

"Wir können doch nicht am Montag und in der Woche Geld verdienen mit Dingen, gegen die wir am Sonntag auf der Kanzel predigen."

Auf einer Kanzel übrigens, unter der sich immer weniger Gläubige versammeln. Die neueste Statistik zeigte einen Anstieg um fast 50 Prozent bei den Kirchenaustritten im Vergleich zum Vorjahr.

Ein Problem, das etwa genauso stark die evangelische Kirche trifft. Neueste Studien prophezeien beiden großen Kirchen einen weiteren erheblichen Mitgliederschwund. Zudem gibt jeder vierte Befragte an, dass Glaube und Religion in seinem Alltag kaum noch eine Rolle spielten.

Einige Beobachter werten auch die Debatte um die Präimplantationsdiagnostik PID als Signal für einen Bedeutungsverlust der Kirchen in der Gesellschaft. Bundestag und Bundesrat haben 2011 trotz kirchlicher Bedenken genetische Untersuchungen an künstlich befruchteten Embryonen unter bestimmten Voraussetzungen zugelassen.

Die evangelische Kirche blickt 2011 zurück auf das Jahr der Taufe, das der EKD-Ratsvorsitzende, Präses Schneider, als großen Erfolg bewertet – gerade in den Gemeinden vor Ort. Der Kirchentag in Dresden im Mai war mehr ein Glaubensfest denn ein Impulsgeber für politische Debatten. Und natürlich war auch aus protestantischer Sicht der Papstbesuch ein herausragendes Ereignis. Auch wenn die Absage von Benedikt XVI. an eine Ökumene der Kompromisse viele enttäuschte, besonders jene, die auf konkrete Fortschritte im ökumenischen Miteinander gehofft hatten. Rückblickend sieht Schneider das Treffen aber doch überwiegend positiv:

"Es war ein ganz starkes ökumenisches Zeichen, dass Benedikt ins Augustinerkloster nach Erfurt kam. Das ist sozusagen der Ort Martin Luthers. Hier hinzukommen und dann auch die Reformation und Martin Luthers sehr wertzuschätzen, das war schon wirklich ein starkes ökumenisches Zeichen. "

Und – so Schneider – ein Impuls, der helfen kann, die Konfessionen wieder einander näher zu bringen – auch mit Blick auf das Reformationsjubiläum 2017.

Und die 4,3 Millionen Muslime in Deutschland? Rund um den 50. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens von 1961 hielt die Diskussion unverändert an, ob der Islam heute zu Deutschland "gehört" oder nicht? Fortschritte gab es im Bildungsbereich. Immer mehr deutsche Universitäten bilden islamische Religionslehrer aus. Als erstes Bundesland hat Nordrhein-Westfalen mit dem Koordinationsrat der Muslime (KRM) einen flächendeckenden Religionsunterricht ab dem Schuljahr 2012/13 vereinbart. Für KRM-Sprecher Bekri Alboga ein wichtiger Schritt hin zu mehre Integration:

"Wir müssen als Muslime die Vertreter der Kirchen überzeugen, dass die Einführung des islamischen Religionsunterrichtes und der Lehrstühle keine Gefahr ist für die deutschen Christen. Die Stärkung der Religiosität wird allen Religionsgemeinschaften zugutekommen. Das hat ja auch der Papst in Berlin sinngemäß gesagt, dass es eine Bereicherung ist, ein fester Teil Deutschlands ist."

Doch es bleiben Probleme: Denn vor allem sind es die konservativen Islamverbände, die sich als wichtigste Ansprechpartner der Politik in Bildungsfragen etabliert haben. Die Deutsche Islamkonferenz tritt mehr oder weniger auf der Stelle. Dazu der Streit um die Fertigstellung der Kölner Moschee. Ähnlich wie dieses symbolträchtige Gotteshaus bleibt die Integration des Islams vorerst eine Großbaustelle.

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