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StartseiteUmwelt und VerbraucherDas Schicksal der Eintagsküken30.09.2013

Das Schicksal der Eintagsküken

Sogenannte Zweinutzungshühner könnten Massentötungen junger Tiere verringern

Einige Hühnerrassen werden eigens zum Legen besonders vieler Eier gezüchtet. Da die männlichen Küken für die Branche meistens nutzlos sind, werden sie umgehend getötet. Sogenannte Zweitnutzungshühner könnten das eindämmen - also Rassen, die genügend Eier legen und auch bei der Mast viel Fett ansetzen.

Von Sven Kästner

Etwa 50 Millionen Hähnchen-Küken werden jährlich in Deutschland getötet.   (AP)
Etwa 50 Millionen Hähnchen-Küken werden jährlich in Deutschland getötet. (AP)

Sie machen einen ohrenbetäubenden Lärm - die fast 1000 Zuchthähne, die in einem langen Stall in zweistöckigen Käfigbatterien hocken. Hier, auf einem Bauernhof am Rande von Cuxhaven an der Nordsee, hält der Branchenriese Lohmann Tierzucht GmbH Hähne für die Fortpflanzung seiner Legehennen.

Schräg gegenüber in der alten Scheune öffnet Lohmann-Geschäftsführer Rudolf Preisiner einen weiteren Stall. Zum Vorschein kommen kräftige, weiße Hühner – diesmal in Bodenhaltung.

"Das sind insgesamt 250 Hennen, die als Prototypen für die Weiterentwicklung der Zweinutzungshühner dienen."

Zweinutzungshühner: Das sperrige Wort beschreibt Tiere, die sowohl genügend Eier legen als auch bei der Mast ordentlich Fleisch ansetzen. Was früher normal war, ist heute die Ausnahme, weil das Geflügel auf Hochleistung gezüchtet wird.

"Heute bedient sich der Eierproduzent rein spezialisierter Linien zur Eierproduktion. Und der Fleischproduzent spezialisierter Linien zur Fleischproduktion. Diese Tiere unterscheiden sich genetisch vollständig und sind völlig verschiedene Hühnerlinien, die darauf speziell gezüchtet worden sind."

Mit bösen Folgen für die Hähnchen-Küken aus dem Legebereich. Die produzieren naturgemäß keine Eier und werden deshalb gleich nach dem Schlüpfen getötet – 50 Millionen Hähnchen-Küken pro Jahr allein in Deutschland. Um diese Praxis zu vermeiden, halten einige Bio-Bauern alte Rassen zur Erzeugung von Eiern und Fleisch. Seit Anfang des Jahres züchtet nun auch Lohmann Zweinutzungshühner. Der Verkauf aber laufe schleppend, sagt Geschäftsführer Preisinger:

"Außer Forschungseinrichtungen hatten wir jetzt in diesem Jahr in Deutschland noch keine Kunden. Wir haben aber mehrere Lieferungen nach Österreich geliefert."

Auf der Website des Unternehmens sind die neuen Hühner bisher nicht zu finden. Dort präsentiert der Konzern nur seine auf maximale Leistung gezüchteten Tiere: Das sind vor allem Turbo-Hühner, die 300 Eier pro Jahr schaffen. Die Zweinutzungshennen legen fast 20 Prozent weniger, das lukrative Brustfleisch der Hähnchen ist deutlich weniger entwickelt als bei spezialisierten Mast-Linien.

"Das treibt die Kosten nach oben. Das heißt, sowohl beim Masthähnchen als auch bei der Legehenne werden sie pro produziertem Lebensmittel – Hähnchenfleisch oder Eier – immer deutlich mehr Futter benötigen als bei der spezialisierten Kombination."

In der Massentierhaltung aber geht es um jeden Cent – und Firmenchef Preisinger bewegt sich im System. Besonders eng ist die Verbindung zum Wiesenhof-Konzern, dem deutschen Marktführer für Geflügelfleisch. Auch Lohmann dominiert seinen Markt – in Deutschland kommen mehr als die Hälfte der Legehennen aus seiner Züchtung, europaweit sind es kaum weniger. Geflügelhalter – auch aus dem Bio-Bereich – kommen nur schwer an dem Konzern vorbei. Reinhild Benning, Agrarexpertin des Bundes für Umwelt und Naturschutz:

"Lohmann ist ein Vertreter der Agrarindustrie und sogar ein Monopolist. Denn er gehört zu den sehr wenigen Konzernen in der Welt, die die biologische Genetik, aus der das Geflügel stammt, in seinen Händen hält."

Bio-Haltern rät Benning deshalb, sich beim Einkauf der Zweinutzungs-Küken nicht in die Abhängigkeit von Lohmann zu begeben. Generell sei jedoch zu begrüßen, dass es diese Tiere nun gebe, sagt die BUND-Expertin. Am System der Massentierhaltung würden sie aber wenig ändern.

"Wir sehen politische Verantwortung darin, die Zucht wieder in bäuerliche und staatliche Hände zu legen, um weiter zu züchten. Denn nur mit der einen Linie ist auch die Wende noch nicht erreicht. Sondern hier brauchen wir auch eine Vielfalt."

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