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Das Schweigen der Wörter

Über 100 Bücher hat die österreichische Schriftstellerin Friederike Mayröcker, die in diesem Jahr 86 Jahre alt wird, publiziert. Und nun ist eines erschienen, das eigentlich gar keins sein will.

Von Annette Brüggemann | 22.07.2010

Was ist das "nichtgeschriebene Werk" und wo bitte schön ist der eigentliche Text? 243 Fußnoten lotsen den Leser durch eine abstrakte Prosa – als wäre es ein Gemälde von Jackson Pollock - kühner und radikaler als je zuvor.

Friederike Mayröcker:
"Beim Begräbnis von Wendelin Schmidt-Dengler war auch der Luigi Reitani, ein italienischer Germanist, und da habe ich gesagt: Ich träume Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte davon, ein Buch zu machen mit Fußnoten. Da hat er gesagt, ja, das wäre doch wunderbar, wenn du das machen könntest und ich sag drauf, naja, aber ist das überhaupt sinnvoll? Und er hat dann das Zauberwort gesagt: du musst halt den Titel formulieren so ähnlich wie 'Fußnoten zu einem nichtgeschriebenen Werk'. Und das hat eingeschlagen bei mir. Fußnoten allein ist vielleicht wirklich ein Wahnsinn. Denn jeder kann sich fragen, mit Recht, wo ist der Text?"

Der Lyriker und Essayist Thomas Kling hat Friederike Mayröcker in seiner Laudatio zum Büchnerpreis 2001 als "deutsche Titelmeisterin" bezeichnet. Denkt man zurück an Bücher wie "Minimonsters Traumlexikon", "In langsamen Blitzen" oder "Das Herzzerreissende der Dinge" hatte Friederike Mayröcker schon immer eine Gabe für Titel, die fantasievoll und präzise das zwischen zwei Buchdeckeln gebannte poetische Programm bezeichnen. Auch "ich bin in der Anstalt. Fusznoten zu einem nichtgeschriebenen Werk" ist so ein Titel. Er kommt wie eine Verheißung daher und lässt viele Fragen offen: Welches nicht geschriebene Werk ist gemeint? Das, was sich rückblickend nicht schreiben ließ? Das unsagbare Schweigen der Wörter? Oder aber das Kommende, noch nicht Geschriebene?

Der französische Philosoph Jacques Derrida war es, der die "l'avenir", die unvorhersehbare Zukunft ins Zentrum seiner Theorie rückte und damit einer planbaren Zukunft jeglichen Zauber absprach. Genau diese Unvorhersehbarkeit ist es, die das Schreiben Friederike Mayröckers prägt, als befände sich die Autorin permanent auf hoher See, ohne Karte, aber mit einem inneren Kompass, der sie zu unentdeckten Ufern führt. Und nun sind es Fußnoten, die Friederike Mayröcker als neues literarisches Genre für sich entdeckt.

Jacques Derrida hat Friederike Mayröcker sehr inspiriert - mit Büchern wie "Die Postkarte", "Glas" oder aber "Jacques Derrida. Ein Porträt". In letzterem Buch unternimmt Geoffrey Bennington den Versuch einer Einführung in Jacques Derridas Werk, während Jacques Derrida diesen Versuch in Fußnoten kommentiert und weiter spinnt.

Friederike Mayröcker:
"Und dann habe ich zum x-ten Mal dieses Buch gelesen: Bennington / Jacques Derrida, wo ja der Jacques Derrida nur unten, im unteren Drittel, die Fußnoten schreibt und der Bennington schreibt den Haupttext. Und ich hab den Bennington nie gelesen. Ich habe immer nur die Fußnoten gelesen und war entzückt. Ich glaube, ich habe das Buch jetzt fünf Mal gelesen."

Anders als in dem Buch von Geoffrey Bennington und Jacques Derrida lässt Friederike Mayröcker den Haupttext einfach weg. Sie nutzt das Fragmentarische und Verkürzte der Fußnoten, das, was Derrida selbst als Traum von einer "gänzlich rohen, unbearbeiteten Sprache" bezeichnet, als käme sie aus einem "unsichtbaren Inneren". Kein erzählerischer Bogen, keine Dramaturgie – stattdessen hinterlässt Friederike Mayröcker Leerstellen, die Platz schaffen für eine poetische Intensivierung und Aufmerksamkeitssteigerung. Vor allem der alternde Körper wird von Fußnote zu Fußnote erkundet – in Anlehnung an die Bilder der österreichischen Künstlerin Maria Lassnig.

Friederike Mayröcker:
"Ich habe eine große Affinität zu den Arbeiten von Maria Lassnig. Und Maria Lassnig spricht ja immer von ihrer Körperlichkeit in den Bildern: 'body awareness'. Und das habe ich schon einige Male, einige Bücher lang aufgegriffen. Und in diesem Buch bin ich halt ganz eingestiegen darauf. Nur nenne ich es nicht so gern 'body awareness', weil ich diese englischen Sachen nicht so gern hab, sondern ich nenne es 'Körperempfindsamkeit'."

Schon in den Vorgängerbüchern "Und ich schüttelte einen Liebling" und "Paloma" hatte Friederike Mayröcker den Prozess des Alterns zur Sprache gebracht. Fast scheint es, als hätten die Organe vorab geschwiegen und als äußere sich der Körper erst im Schmerz. Er wird zum Ort der Erinnerung, zu einem Körper, der in der Poesie das Verlorene wiederfindet und aufhebt. Das schreibende Ich sitzt in der Wunderkammer, dem Schreibkabinett, und ist umzingelt von der Unausweichlichkeit der eigenen Existenz.

Friederike Mayröcker (Lesung):
der Auswurf jenes Vogels der sich 1x in mein Kabinett verirrt hatte klebte noch an der Wand und die Vorstellung, dasz ich fortan mit diesem Tier würde hausen müssen mir sehr beängstigend erschien nämlich diese ganze poetische Vogel Hommage sich längst verwandelt hatte in 1 Vogel Abwehr, das war nicht mehr das angebetete Vögelchen der Poesie das war etwas wie 1 Tiger, der mich bedrohte

Das Schreibleben ist nicht nur Paradies, sondern auch bedrohliche Heimat, die keine Flucht mehr möglich macht. Friederike Mayröckers eigene Wohnung ist über Jahrzehnte mit Schreibmaterialien zugewachsen: Bücher, Blätterstapel, Zettel, Zettelkörbe und Zettelkörbchen belagern ihre vier Wände. So vollführt "ich bin in der Anstalt. Fusznoten zu einem nichtgeschriebenen Werk" ein spannendes Paradoxon. Im Inneren gelingt ein radikaler Befreiungsschlag von jeglichen formalen Zwängen. Im Äußeren kristallisiert sich das Motiv der Anstalt heraus, das der wilden Schreiblaune die Flügel stutzt. Das Motiv der Anstalt beruht auf einer persönlichen Erfahrung Friederike Mayröckers:

"Wegen einer kleineren Sache musste ich drei Tage ins Spital. Und das war auch wieder ein Auslösungspunkt: das ist die Anstalt. Und die Anstalt spielt bei mir überhaupt eine große Rolle. Denn ich hab ja vor Jahren, ich glaub, 1978, hab ich die "Heiligenanstalt" geschrieben. Die hat ja dann der Thomas Kling so geliebt. Anstalt ist für mich überhaupt etwas Anziehendes. Und man weiß ja auch nicht, ist es eine Anstalt, ist es ein Spital, handelt es sich um eine Irrenanstalt? Handelt es sich um ein Gefängnis? Es bleibt ja alles offen."

Vorbehaltlos lotet Friederike Mayröcker in ihrem neuen Buch die Zwänge und Freiheiten eines Schreiblebens aus. "ich bin in der Anstalt. Fusznoten zu einem nichtgeschrieben Werk" ist das Dokument einer tiefen Seelenarbeit. Kein Phänomen, keine Empfindung, keine Erinnerung, kein Geschehnis ist zu gering, als dass es nicht in die Fußnoten einfließen würde. Dabei wird der Körper selbst zu einer Anstalt, in dem ein wacher, ungestümer Geist haust – ungestümer als je zuvor. Der eigenen Sterblichkeit hat Friederike Mayröcker ihre Poesie entgegengesetzt – einen utopischen Ort - unnachgiebig und zart.

Die letzte Fußnote besteht nur noch aus Pünktchen – als wären es Schneeflocken, ruhig und still. In ihnen liegt eine ganze Welt verborgen: Ein Noch-Nicht. Ein Mögliches. Ein Werden. Sie führen vom Wachsein zurück in den Traum - zum Ende und Beginn einer Reise.

Friederike Mayröcker (Lesung):
Ich verlerne den Code der mich durch dieses Buch begleitet hat, sage ich zu Ely, also musz ich es enden, wie ich die Wälder auf- und niedergerast, wie ich die Käferchen, den Weg zur Kapelle auf dem Berg, und mit dem Messerchen den Mond abgeschuppt dasz da nur noch 1 SCHATTEN, und überhaupt alles abgeschuppt: die Sonne die Glut der Stürme die luzide ratio, usw. die Lyra im Sesselrücken, der Schatten des Vogels flog auf mich zu, sage ich zu IHM, die Stunden die Wochen die Jahre seien so rasch vergangen als säsze man im Zug und die Landschaft flöge vorbei und das Ende der Reise sei nahe"

Friederike Mayröcker: "ich bin in der Anstalt. Fusznoten zu einem nichtgeschriebenen Werk"
Suhrkamp Verlag 2010. Gebunden,
190 Seiten, 19,80 Euro
ISBN: 978-3-518-42166-6