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StartseiteKalenderblattDas Sprungbrett der Dietrich01.04.2005

Das Sprungbrett der Dietrich

Vor 75 Jahren wird "Der blaue Engel" uraufgeführt

Der Film "Der blaue Engel " ist noch heute untrennbar mit Marlene Dietrich verbunden. Die Ufa-Produktion war 1933 das Sprungbrett für ihre Weltkarriere. Im selben Jahr wurde die Ufa gleichgeschaltet und "Der blaue Engel" verboten.

Von Nicole Maisch

Marlene Dietrich (AP)
Marlene Dietrich (AP)

"Und da fiel mir die Marlene auf, die hatte eine sehr kleine Rolle in dem Stück ‚Zwei Krawatten‘. Und ich nahm sie halt. Gegen den Willen von fast allen Menschen."

Marlene Dietrich spielte die Lola-Lola im "blauen Engel", weil Josef von Sternberg es so wollte. Sein Verdienst an ihrem Erfolg ist sicherlich hoch einzuschätzen. Aber die Dietrich war keine Unbekannte mehr als sie auf ihren vermeintlichen Entdecker traf, zweimal schon hatte sie vor der Kamera als Femme fatale überzeugt. Die Lola allerdings brachte ihr - und das macht alles Vorherige so leicht vergessen - den weltweiten Durchbruch.

"Der blaue Engel" gilt als einer der international erfolgreichsten deutschen Filme in der Geschichte des Kinos. Sein Siegeszug begann am 1. April 1930 im Gloria-Palast in Berlin, als der Film auf ein begeistertes Premierenpublikum traf. Der Massengeschmack war anvisiert und zielsicher getroffen worden. Es gab nur eine Überraschung: Das entscheidende Zugpferd war nicht wie geplant Emil Jannings, sondern sein weiblicher Gegenpart. Das Publikum besetzte um und machte Marlene Dietrich zum Star des Films.

Bis auf diesen nicht unerheblichen Führungswechsel aber ging die Rechnung des Produzenten Erich Pommer - mit einem Prestigefilm kommerziellen Erfolg zu erzielen - wie geplant auf. Die Ufa, das größte europäische Filmunternehmen, bewies, dass eine Konkurrenz mit Hollywood auf dem noch jungen Markt des Tonfilms möglich war.

Synchronisation war in den ersten Tonfilm-Jahren nicht machbar, deshalb entstand neben der deutschen gleichzeitig eine englische Filmversion. Der Akzent der meisten Akteure führte allerdings dazu, dass die deutsche Fassung auch international die erfolgreichere blieb.

""You are the actress Lola-Lola?" "Police official?" Er: "Was erlauben Sie sich. My name is Immanuel Rath, Professor of the local school."

In Hollywood ein Stummfilm-Star war Emil Jannings 1929 nach Berlin zurückgekehrt. Dort sollte ihm Heinrich Manns "Professor Unrat" als Stoff dienen, sein Star-Image auch im Tonfilm zu etablieren. Zwar war dem deutschnational gesinnten Ufa-Vorstand der Radikaldemokrat Heinrich Mann ein Dorn im Auge – den gewohnten Pommer’schen Erfolg in Aussicht aber duldete man die Zusammenarbeit mit dem linken Autor. Wohl keine allzu große Herausforderung, denn für den Film wurde auf die sozialkritischen Aspekte des Romans weitgehend verzichtet. Damit traf, anders als beim Massenpublikum, die Verfilmung bei Intellektuellen auf wenig Gegenliebe, Carl von Ossietzky zum Beispiel schimpfte den Film nach der Premiere ein "larmoyantes, unintelligentes Spießerstück". Theodor Adorno hielt noch in den 50er Jahren ausschließlich die Beine der Dietrich für erwähnenswert.

Das Drehbuch, unter anderem von Carl Zuckmayer, erzählt allein vom gesellschaftlichen Abstieg eines Gymnasiallehrers, der an der Liebe zu einer Tingeltangel-Sängerin zerbricht. Wo Heinrich Mann in einer beißenden Satire die Rachsucht und das anarchistische Potential des gestürzten Tyrannen beschreibt, wird für den Film der Professor zum eindimensionalen Biedermann zurechtgestutzt - der als arme Motte Mann im erotischen Leuchtfeuer des Vamps verglüht.

Friedrich Holländer, der mit seinen Liedern dazu beitrug, dass "Der blaue Engel" ein Dietrich-Film wurde, erinnert an Jannings Reaktion beim Sichten der Muster:

"Und es wurde immer klarer, dass die Dietrich ihn überflügelte. Es ist unvergesslich, wie er aufstand mitten drin und sagte: So, die erwürg‘ ich."

Nicht nur die weiblichen Reize stahlen Jannings die Schau, es war auch das verhaltene Spiel der Dietrich, das auf den Ausdruck ihres Körpers und auf die Möglichkeiten der Filmtechnik vertraute. Sie spielte ganz gegenwärtig, auf der Höhe der Zeit, während Jannings rollende Augen und große Stummfilm-Gesten der Vergangenheit verhaftet blieben. "Der blaue Engel" verkörpert damit einen Umbruch, für den die beiden Hauptdarsteller auch mit dem weiteren Verlauf ihrer Karrieren stehen: Emil Jannings setzte seine unter dem Nationalsozialismus fort, während Marlene Dietrich, mit bestechend gutem Englisch, in Hollywood zum Weltstar wurde.

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