"Ich wurde also nicht auf der Straße überfallen, in ein Auto gezerrt und entfuhrt, sondern kaufte eine einfache Fahrkarte nach Mons und nahm den Zug nach Brüssel, wo ich umsteigen musste. Aus einer Telefonzelle in der dortigen Bahnhofshalle rief ich meinen Agenten an...und ich führte den ultrakurzen Sketch auf, den ich dutzend Mal geprobt hatte. "Sie haben mich geschnappt", keuchte ich, als er an den Apparat kam, "ich...Sag Magda, dass ich..." Ich stöhnte, als schlüge mich jemand, und dann unterbrach ich die Verbindung. Ich muss das wirklich sehr realistisch gespielt haben, auch mit meinem Körper, als bekäme ich tatsächlich einen Schlag verpasst, denn ich sah, wie jemand stehenblieb und mich fragend ansah, ob er mir helfen könne. Ich bedeutete ihm, dass alles in Ordnung sei, fahr mir mit den Fingern durchs Haar und ging vor mich hin pfeifend zum Bahnsteig, wo der Zug nach Mons bereits wartete."
Allen Anwesenden der Trauerfeier ist klar: Der Schauspieler hat vor drei Monaten sich selbst entführt, er hat es öffentlich zugegeben, auch dass er einen antisemitischen Drohbrief an seine Adresse geschrieben hat. Was nun alle verblüfft, ist; Ein Detail widerruft er, der Brief nämlich sei doch echt gewesen. Seine Frau habe unter der Drohung so gelitten, dass er die irgendwie aus der Welt schaffen wollte: Und das einzige Mittel dazu sei es gewesen, selbst die Drohung zu bewahrheiten, sich als Opfer zu präsentieren, bevor tatsächlich etwas geschehen konnte. Die symbolische Tat aber habe nichts entschärft, der Verfolgungswahn seiner Frau weiter zugenommen, bis in ihren Tod. Das psychische Desaster, das in dieser Darstellung verborgen liegt, kommt kaum zur Sprache, Teil eins des Buches zeigt distanziert wie die Kunst an der Wirklichkeit scheitert und der Schauspieler seine Integrität verspielt. Der zweite Teil zwingt den Leser nun in den logischen Setzkasten des Autors: Plötzlich wird uns offenbart, die Frau des Schauspielers habe anonym den Brief geschrieben, um seinem Verfolgungswahn einen realen Widerpart zu geben, an dem er sich befreiend abarbeiten könne. Daran jedoch sei er wiederum zerbrochen. Und wir befinden uns pfantastischerweise unverhofft auf der Beerdigung des Schauspielers, Welche Möglichkeit ist nun wahr, könnte wahr sein? Mit dieser Frage dreht Harry Mulisch die Schraube einen Tick zu weit: Das ganze hochartifizielle Konstrukt bricht hier auseinander. In der Nachbemerkung schreibt er:
"Handelt es sich also um ein absurdes Hirngespinst? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht wird gerade hier die ganze Wahrheit deutlich. Denn schließlich existiert die absolute Absurdität iü der Gestalt von nichts Geringerem als der gesamten Welt, die auf eine logisch unmögliche Weise aus dem Nichts entstanden ist. Auch wir sind Teil dieser absoluten Absurdität - wir vor allem."
Abgesehen von dieser pastoralen Privatmythologie ist es einfach enttäuschend, wie der grandseigneur der niederländischen Literatur einen überaus spannenden Stoff verschenkt, wie alle Wirklichkeit ausgemerzt wird, was Croiset, Faßbinder, die Frage von Antisemitismus betrifft, wie hier ein Denkspiel um Schein und Sein kreiert wird, das seine Brisanz allein aus den historischen Verweisen bezieht, um dann doch in einem künstlichen Vakuum zu enden.