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StartseiteSonntagsspaziergangAn der österreichisch-ungarischen Grenze04.08.2019

Das Tor zur FreiheitAn der österreichisch-ungarischen Grenze

Das Burgenland in Österreich liegt direkt an der Grenze zu Ungarn. Hier vermischen sich kulturelle Einflüsse, die sich nicht nur in der kulinarischen Vielfalt widerspiegeln. Doch erst seit 30 Jahren bewegt man sich frei zwischen beiden Ländern. Am Tor zur Freiheit fiel 1989 der Eiserne Vorhang.

Von Tereza Bora

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Verkehrsschilder an der Grenze von Österreich und Ungarn (Tereza Bora / Deutschlandradio)
Mit dem Schengener Abkommen ist ein freies Reisen zwischen Österreich und Ungarn möglich (Tereza Bora / Deutschlandradio)
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Nicht nur den etwa 500 Klapperstörchen gefällt es im österreichischen Burgenland. Das Naturschutzgebiet rund um den Neusiedler See ist ein wahres Paradies für 340 verschiedene Vogelarten. Gerade im breiten Schilfgürtel, wo keine Menschenseele hinkommt, fühlen sich zum Beispiel Fasane, Silberreiher und Stelzenläufer wohl. Das Land ist größtenteils flach – die pannonische Tiefebene führt durch ihr trockenes Klima zu einer steppenartigen Flora. Mit der einzigartigen Uferlandschaft des Neusiedler Sees assoziiert man eher die Ostsee, als den Osten Österreichs. Ganz anders als etwa in den Alpen ist der Blick im nördlichen Burgenland weit – an dessen Ende ist auch schon Ungarn zu sehen, denn das Burgenland befindet sich direkt an der Grenze. Einer Grenze mit Geschichte, die weit zurückreicht. Wichtig für die kulturelle Entwicklung der Region war zum Beispiel auch das 18. Jahrhundert, als Joseph Haydn in Eisenstadt fürstlicher Kapellmeister wurde:

 "Als Haydn gekommen ist, war das ungarisches Gebiet, Leitha war der Grenzfluss zwischen Österreich und Ungarn, und das war eben hier Ungarn. Die Magnaten, in dem Fall Esterhazys, das waren ungarische Adelige, die hier die Herrschaft gehabt haben, das Volk hier, die Bevölkerung, war deutschsprachig, ein paar Kroaten, aber das war durchweg deutschsprachig und deswegen hat’s auch geheißen Deutschwestungarn"

Dr. Walter Reicher, Vorstandsvorsitzender der Haydn-Stiftung in Eisenstadt forscht zum Leben des Komponisten. Dessen Auftraggeber, die Familie Esterhazy, seit dem 17. Jahrhundert ungarischer Hochadel, gibt es noch heute. Joseph Haydn, der das damals schmutzige Wien gewöhnt war, genoss die Idylle rund um den Neusiedler See und ließ sich inspirieren:

 "Es ist immer der weite Blick und ich glaube, das hängt schon auch mit der Landschaft zusammen. Wenn man dort vom Norden auf den Neusiedler See runterschaut, dieser See, Steppensee, das ist schon einzigartig da und es hat auch was beruhigendes aber dann gibt’s noch, wenn da Sturm ist, ist er gefährlicher, dann ist er ein anderer See, weil er so hohe Wellen hat, obwohl er so seicht ist und dann schaut man gegen Westen, da haben wir das Leithagebirge, was eigentlich nur ein Hügel ist, sanft und dann die Weinreben oben, und ich glaub‘ das ist auch in seiner Musik hörbar – oder ich hab‘ den Beweis: Hören sie sich die Jahreszeiten von ihm an, das ist eigentlich der Soundtrack zu dieser Landschaft hier!"

 "Musik war ganz wichtig in dem Fall – der Haydn hätte gesagt, meine Sprache versteht man durch die ganze Welt und das geht tatsächlich über, über Grenzen hinweg"

Schilflandschaft am Neusiedler See im österreichischen Burgenland (Tereza Bora / Deutschlandradio)Die Schilflandschaft um den Neusiedler See wirkt auf manche Menschen beruhigend (Tereza Bora / Deutschlandradio)

Verhärtete Grenzen

Doch eben diese Grenzen haben sich im Verlauf der Geschichte verhärtet! Nach dem ersten Weltkrieg wurde das Burgenland Österreich zuerkannt. Es folgte der zweite Weltkrieg woraufhin die Welt sich in zwei Lager teilte – West und Ost waren gespalten und der Eiserner Vorhang lag spürbar auch auf der Grenze zwischen Ungarn und Österreich. Der im burgenländischen Mörbisch am See ansässige Karl Karnitsch erlebte seine Kindheit im Kalten Krieg:

 "Die Grenze verläuft hinter’m Haus, 200 Meter durch den Wald, und unsere Eltern haben das natürlich nicht gerne gesehen. Es war natürlich, alles was verboten ist, ist interessant, also haben wir unsere ganzen Spielplätze und Indianerburgen und Forts alles in Grenznähe gebaut, um auch zu beobachten, was vor sich geht, denn es war für uns interessant."

Organisierte Fluchthilfe

Mit dem eisernen Grenzzaun aufgewachsen wurde Karl Karnitsch dann mit 33 Jahren zum Fluchthelfer von DDR-Bürgern, die im Sommer 1989 über die österreichisch-ungarische Grenze in den Westen wollten:

 "Wir haben eben diesen Transport organisiert, haben diese Leute dann übernommen im Wald auf der österreichischen Seite und haben sie auf die Privathäuser verteilt. Inzwischen waren wir eine Gruppe von Menschen von 15 oder 20, die das wirklich gern, vom Herzen aus gemacht haben."

Es entwickelte sich ein funktionierendes System der Fluchthilfe, bei dem nahezu alle Bewohner aus Mörbisch mitarbeiteten:

 "Meine Frau, war damals hochschwanger, und einige Freundinnen, haben sich am Grenzzaun versammelt mit Kaffee und Kuchen und ein paar Hochprozentigen in der Flasche und haben die ungarischen Grenzer beschäftigt, eine Friedenspfeife geraucht mit ihnen und wir haben 300 Meter weiter oberhalb die Flüchtlinge über den Zaun gezerrt, im wahrsten Sinne des Wortes."

Durch den Wald dauert es zu Fuß etwa eine halbe Stunde von Fertörakos in Ungarn nach Mörbisch am See in Österreich. Doch besonders ohne organisierte Hilfe war die Flucht höchst riskant:

 "Es ist mir eine junge Frau begegnet, die war blutüberströmt von oben bis unten, die ist diese Strecke von Fertörakos bis nach Mörbisch hinaufgeschwommen und am Schluss durch das Schilf gewatet. Das ist knietief, aber die Schilfhalme waren natürlich scharf. Die war von oben bis unten blutig, aber die war froh, da zu sein."

Die Fluchtbewegung bei Mörbisch am See wurde kurz vor dem Fall des eisernen Vorhangs immer größer, immer mehr DDR-Bürger kamen zunächst nach Ungarn um über Österreich zur Westdeutschen Botschaft zu gelangen:

 "Es ist hier Geschichte geschrieben worden. Nur haben wir das damals noch nicht kapiert, weil wir einfach drin waren in diesem tagtäglichen Laufrad. Aber hinterher muss man sagen, hier hat der Vorhang seine Löcher bekommen, die ersten. Und die Mauer die ersten Risse."

Fall des Eisernen Vorhangs

Wenige Meter von Karl Karnitschs Haus fand dann, im Spätsommer 1989 das Paneuropäische Picknick statt. Veranstaltet von der oppositionellen Partei Ungarisches Demokratisches Forum und der Österreichischen Paneuropa-Union sollte an der Grenze zwischen dem Burgenland und dem ungarischen Sopron ein friedliches Picknick stattfinden, bei dem von ungarischer Seite aus symbolisch für einige Stunden die Grenze geöffnet wird:

 "Am 19. August öffnete ein unterdrücktes Volk das Tor seines Gefängnisses, zu einem anderen unterjochtem Volk zur Freiheit zu verhelfen"

Martin Sommer, der damalige Bürgermeister, war Zeuge des Paneuropäischen Picknicks. Die Information über die geplante Veranstaltung verbreitete sich durch Flugblätter rasant und erreichte so auch viele DDR-Bürger, die nach Sopron angereist kamen. Als der Stacheldraht von den Ungarn durchtrennt wurde, begannen sie erst zaghaft, diesen zu überwinden, doch dann kamen immer mehr:

 "So sind von da drüben 300 Leute rüber gelaufen. Lauter Ostdeutsche. Und von dort sind sie dann nach Wien, und von dort dann nach Deutschland gekommen."

Das Paneuropäische Picknick gilt als erste Massenflucht aus Ostdeutschland. Sommer erinnert sich an verängstigte Menschen, die mit der Gefahr, ihr Leben zu riskieren den Weg angetreten waren:

 "In Kübeln hätte man die Tränen sammeln können. So sind die geflossen die Tränen!"

Hier, am Tor zur Freiheit zwischen dem Burgenland in Österreich und Sopron in Ungarn, flohen an diesem Tag nicht nur über 600 DDR-Bürger. Nein, hier fiel retrospektiv betrachtet der Eiserne Vorhang: Das Paneuropäische Picknick löste eine Kettenreaktion aus, die mit dem Fall des Ostblocks endete:

 "Das Volk, das will frei sein! 30 Jahre haben sie es geknechtet, das Volk. Und das Volk ist nach 30 Jahren wieder so weit gewesen, dass sie gesagt haben, wir wollen in die Freiheit, wir wollen frei sein."

Bilaterale Beziehungen

Diese Freiheit ist heute, genau 30 Jahre später, längst Gegenwart. Durch das Schengener Abkommen bewegt man sich frei zwischen Ungarn und Österreich. Und so macht sich die bilaterale Freundschaft vor allem in kulturellen Aspekten bemerkbar. Alois Lang, der engagiert für den Nationalpark Neusiedler See arbeitet, beobachtet die Grenzgesellschaften:

 "Es gab viele Ähnlichkeiten bei Bräuchen, Trachten, auch in der Küche, mit den zentral- und osteuropäischen deutschsprachigen Gebieten, also dort wo die sogenannten Donauschwaben sich angesiedelt haben ab dem 17. Jahrhundert, beginnenden 18. Jahrhundert. Also da waren die Ähnlichkeiten viel stärker als mit dem heutigen, angrenzenden Westösterreich. Ist nach wie vor so."

Auch gegenseitige sprachliche Einflüsse sind in beiden Kulturen zu verzeichnen:

 "Man hört einfach zu beim Reden und dann schnappt man so ein paar Begriffe auf und man merkt, das ist ein Lehnwort aus dem österreichischen Deutsch, aus diesen Ländern und umgekehrt gibt’s eine Reihe von Lehnwörtern, die wir übernommen haben."

Alois Lang ist im Burgenland aufgewachsen. Die Spezialitäten aus der Küche grenzen sich ebenfalls von Westösterreich ab:

 "Die hausgemachten Sachen die man in Serbien, in Kroatien, in Rumänien und natürlich auch in Ungarn isst, das schmeckt so, wie meine Großmutter das hier vor 50 Jahren gemacht hat. Also am Wochenende zum Beispiel hat sie immer zwei Stangen Riesenstrudeln gemacht mit Strudelteig und eine Füllung war mit Walnuss und eine Füllung war mit Mohn. Und mein Bruder und ich haben immer versucht, ein großes Stück davon zu kriegen, bevor es kalt war. Und in der Badanja und in Slawonien, also kroatisch-serbisches Grenzgebiet, kriege ich das dort in einem Haus, das schmeckt genauso."

Es ist eindeutig zu erkennen: Sprache, Architektur, Kulinarik, Tradition und Kunst vermischen sich hier – wie in einem Schmelztiegel: Über Jahre und vor allem Staatsgrenzen hinweg.

Das Burgenländische Gebiet am Neusiedler See – in Österreich, direkt an Ungarn gelegen, versteht man erst, wenn man tiefer blickt; In die Geschichte und Gesellschaft schaut oder auch mit einem Fernglas in den Himmel: Denn für die Vögel, die hier in einzigartiger Vielfalt zu entdecken sind gibt es keine Ländergrenzen.

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