Ein volatiles, ein unbestimmtes Lächeln kann ein verheißungsvoller Gesichtsausdruck sein. Für die Analysten bei den Banken oder an der Börse hat es eher etwas Bedrohliches. Der Begriff gehört zum Haushalt lässiger Metaphern, die den Zustand eines Aktienkurses beschreiben sollen, einer Kurve, die einen nach oben offenen Halbkreis bildet und auf diese Weise zwei Szenarien eröffnet: entweder, es geht danach wieder bergab, oder es folgt ein weiterer Anstieg. Die absolute Unberechenbarkeit des weiteren Kursverlaufs mag manchem Investor wie ein hämisches Grinsen der Kurve erscheinen. Aber besser noch, die Kurve grinst, als wenn überhaupt nichts mehr erscheint auf den Bildschirmen. Dunkle Bildschirme markieren in Zeiten des digitalisierten Handels so etwas wie den Nullpunkt des Börsenlebens. Das Auf und Ab der Charts, das tausendfache, wechselweise rote, grüne oder graue Aufleuchten der Realtime-Gebote der Händler gibt die Struktur vor, an die sich alle Händler und Zocker halten müssen, nach Möglichkeit rund um die Uhr. Nur an Sonn- und Feiertagen ruhen diese Stätten unablässigen Aufmerksamkeitszwangs.
Die beiden Künstler Beate Geissler und Oliver Sann haben solche "High Frequency Trading Workspaces" im Ruhezustand in Chicago fotografiert. Die schwarzen, meterweise über- und nebeneinander angeordnete Bildschirmlandschaften, vor denen nur ein paar Telefone und Tastaturen stehen, wirken wie Schutzschilde oder Sichtblenden, fast ein wenig wie Aliens, die ein unlösbares Rätsel vorführen. Da ihnen nun in diesem Ruhezustand das Leben der sich ständig ändernden Zahlenkolonnen und Kursverläufe fehlt, haben sie unweigerlich auch etwas von einem Memento mori. Geissler und Sann beschwören diesen Zustand ganz nachhaltig in ihrer Berliner Installation. Der Moment der Erlöschens, des Todes, der plötzlichen Stille beherrscht den Raum. An einer lang gestreckten Wand sind mehr als vierzig Bildschirme unterschiedlicher Größe aufgehängt, auf denen nichts zu sehen ist außer dem diffus reflektierten Spiegelbild des Betrachters. Man glaubt eher, eine Wand von schwarzen Bildern vor sich zu haben, die Mal als Triptychon, dann als offene Klappaltäre oder auch als Einzelbilder ausgestellt sind. Bewusst rücken Geissler und Sann die Installation in die Nähe des Musealen, sie haben solche Bildschirme als schwarze Sichtblenden auch schon direkt in Museen installiert, als Konfrontation einer virtuellen und einer analogen Kunstwelt, die sich möglicherweise gar nicht so fremd sind, wie es erscheinen mag. Ein weiterer Verweis darauf ist die großformatige Fotografie eines Rhinozerosses aus dem Nürnberger Zoo, das ebenso unbestimmt zu Lächeln scheint. Das archaische Wesen war für den Nürnberger Albrecht Dürer seinerzeit ein exotisches Wundertier, ein reales Gottesgeheimnis, das man nur mit der Kunst des Sehens erforschen könne. Dürers berühmter Kupferstich ist der Versuch, diesem Geheimnis näher zu kommen, ebenso wie die Analysten heutiger Tage die Kunst des Sehens auf die Zeichen der Kursverläufe anwenden - freilich im Dienst eines ganz anders gearteten Gottes.
Dieser Profitgott produziert den Tod und das Verlöschen und Vernichten von realen Werten ganz von selbst. Zum Memento mori der erloschenen Bildschirme gesellen sich Fotografien von Räumen aus zwangsversteigerten Häusern während der amerikanischen Immobilienkrise 2008. Und ebenso wie bei Dürer, in dessen menschlichen Porträts sich das Göttliche wie das Teuflische gleichermaßen spiegeln konnte, zeigen sich Leben und Tod, Lächeln und Vernichtungsangst in sonderbarer Gleichzeitigkeit auch auf dem Gesicht eines unbekannten Computer-Gamers gleich am Eingang der Ausstellung - im Porträt eines Teilnehmers einer LAN-Party, der gerade ein Shooter-Game spielt und irgendwo zwischen Himmel und Hölle, in seliger Anspannung seinem virtuellen Tötungswerk nachgeht. Sein Lächeln ist nicht mehr das Halblächeln Buddhas - und es scheint doch das gottgleiche Antlitz dieser digitalen Kultur zu sein.
Die beiden Künstler Beate Geissler und Oliver Sann haben solche "High Frequency Trading Workspaces" im Ruhezustand in Chicago fotografiert. Die schwarzen, meterweise über- und nebeneinander angeordnete Bildschirmlandschaften, vor denen nur ein paar Telefone und Tastaturen stehen, wirken wie Schutzschilde oder Sichtblenden, fast ein wenig wie Aliens, die ein unlösbares Rätsel vorführen. Da ihnen nun in diesem Ruhezustand das Leben der sich ständig ändernden Zahlenkolonnen und Kursverläufe fehlt, haben sie unweigerlich auch etwas von einem Memento mori. Geissler und Sann beschwören diesen Zustand ganz nachhaltig in ihrer Berliner Installation. Der Moment der Erlöschens, des Todes, der plötzlichen Stille beherrscht den Raum. An einer lang gestreckten Wand sind mehr als vierzig Bildschirme unterschiedlicher Größe aufgehängt, auf denen nichts zu sehen ist außer dem diffus reflektierten Spiegelbild des Betrachters. Man glaubt eher, eine Wand von schwarzen Bildern vor sich zu haben, die Mal als Triptychon, dann als offene Klappaltäre oder auch als Einzelbilder ausgestellt sind. Bewusst rücken Geissler und Sann die Installation in die Nähe des Musealen, sie haben solche Bildschirme als schwarze Sichtblenden auch schon direkt in Museen installiert, als Konfrontation einer virtuellen und einer analogen Kunstwelt, die sich möglicherweise gar nicht so fremd sind, wie es erscheinen mag. Ein weiterer Verweis darauf ist die großformatige Fotografie eines Rhinozerosses aus dem Nürnberger Zoo, das ebenso unbestimmt zu Lächeln scheint. Das archaische Wesen war für den Nürnberger Albrecht Dürer seinerzeit ein exotisches Wundertier, ein reales Gottesgeheimnis, das man nur mit der Kunst des Sehens erforschen könne. Dürers berühmter Kupferstich ist der Versuch, diesem Geheimnis näher zu kommen, ebenso wie die Analysten heutiger Tage die Kunst des Sehens auf die Zeichen der Kursverläufe anwenden - freilich im Dienst eines ganz anders gearteten Gottes.
Dieser Profitgott produziert den Tod und das Verlöschen und Vernichten von realen Werten ganz von selbst. Zum Memento mori der erloschenen Bildschirme gesellen sich Fotografien von Räumen aus zwangsversteigerten Häusern während der amerikanischen Immobilienkrise 2008. Und ebenso wie bei Dürer, in dessen menschlichen Porträts sich das Göttliche wie das Teuflische gleichermaßen spiegeln konnte, zeigen sich Leben und Tod, Lächeln und Vernichtungsangst in sonderbarer Gleichzeitigkeit auch auf dem Gesicht eines unbekannten Computer-Gamers gleich am Eingang der Ausstellung - im Porträt eines Teilnehmers einer LAN-Party, der gerade ein Shooter-Game spielt und irgendwo zwischen Himmel und Hölle, in seliger Anspannung seinem virtuellen Tötungswerk nachgeht. Sein Lächeln ist nicht mehr das Halblächeln Buddhas - und es scheint doch das gottgleiche Antlitz dieser digitalen Kultur zu sein.