Dienstag, 28. Juni 2022

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"Das war nicht die Blüte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur"

Der diesjährige Klagenfurter Lesewettbewerb zeichnete sich durch Bombenstimmung und Bombenwetter aus, aber leider nicht durch sonderlich aufregende Texte, meint Denis Scheck. Mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis für Olga Martynova sei im Grunde noch das größte Unheil verhindert worden.

Denis Scheck im Gespräch mit Burkhard Müller-Ullrich | 08.07.2012

Burkhard Müller-Ullrich: Denis Scheck, es gibt zurzeit nur ein Buch, das ernsthafte Literaten wirklich interessiert, nämlich Shades of Grey, und wahrhaftig ist der Klagenfurter Lesewettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis ja eine Art Sadomasospektakel.

Denis Scheck: Na ja, ich habe mich über Ihre Anmoderation, Herr Müller-Ullrich, offen gestanden schon mehr amüsiert als über die 14 in Klagenfurt vorgetragenen Texte. Die Pointendichte war höher. Shades of Grey, da lassen wir mal die Kirche im Dorf, das ist ein Nichtereignis literarischer Art. Diese Art von – wie soll ich sagen? – Pennälerprosa jetzt auch in der Bondageszene, die brauchen wir hier nicht. Der Klagenfurter, der schönste Ausflug des deutschsprachigen Literaturbetriebs, zeichnet sich durch Bombenstimmung aus, Bombenwetter und leider, leider nicht sonderlich aufregende Texte, und da ist mit dem Bachmann-Preis an Olga Martynova im Grunde noch das größte Unheil verhindert worden. Das geht in Ordnung, ihr Siegertext hat mich schon überzeugt, das war eine sehr schöne doppel-, dreifachbödige Geschichte, eine Liebesgeschichte über einen jungen Mann, der sich in Osteuropa in eine Eisverkäuferin verliebt, gleichzeitig seine Initiation als Schriftsteller erlebt und dann noch meditiert über die Fragen, was bleibt.

Müller-Ullrich: Die war ja nicht zum ersten Mal dort, die Frau Martynova in Klagenfurt? Ich habe gelesen, dass sie schon früher mal dort aufgetreten sei. – Nein, wir wissen es nicht genau. – Aber es ist nicht der einzige Preis?

Scheck: Sie ist auf jeden Fall eine schon ausgezeichnete Schriftstellerin.

Müller-Ullrich: Als Lyrikerin!

Scheck: Sie lebt in Frankfurt, ist mit Oleg Jurjew, einem russischen Autor, der russisch schreibt, den sie auch ins Deutsche übersetzt, zusammen mit Elke Erb, zusammen ein Paar und sie hat bereits den Roswitha-Preis der Stadt Gandersheim bekommen, wurde 1962 in Sibirien geboren und lebt eben seit Anfang der 90er-Jahre in Frankfurt. Das ist natürlich wieder mal eine Bestätigung für die alte Salman-Rushdie-These, dass die Literatur der Zukunft die Literatur sei, die von den Rändern kommt, und das ist ja auch im deutschsprachigen Bereich eigentlich eine schöne Entwicklung.
Der Preis war heiß umkämpft. An zweiter Stelle – der bekam dann auch den zweiten, den Kelag-Preis – stand ein Pole, ein gebürtiger Pole, der seit seinem neunten Lebensjahr, glaube ich, in Deutschland lebt, Matthias Nawrat, der auch die schweizer Staatsbürgerschaft, glaube ich, hat, der eine kuriose Erzählung geschrieben hat über so eine Art, ein Juror sprach von einer, Favelafamilie im Schwarzwald, die von dem Recycling von Computerschrott leben. Das ist also eine, darf man sagen, Dystopie, ein durchaus unterhaltsamer Text. Aber im Großen und Ganzen hatte ich das Gefühl, dass das Niveau der Diskussion der Juroren höher war als das Niveau der eingeladenen Texte, und das war dann doch ein bisschen mau. Also so richtig aufregend war die Literatur, die man in Klagenfurt zu hören bekam, nicht.

Müller-Ullrich: Wer sind denn die Juroren? Unser Kollege Hubert Winkels ist dabei, habe ich gesehen.

Scheck: Hubert Winkels war Diskurs prägend, darf man sagen. Der Vorsitzende der Jury hingegen, Burkhard Spinnen, ist ja jemand, der sehr, sehr gerne sich zurückhält und dann in einer Art Familienvaterton das noch mal zusammenfasst. Die Jury ist Paul Jandl aus Österreich, der oft mit einigen Scherzen zu unterhalten vermag, hat durchaus interessante (auch Daniela Strigl) Einwürfe gemacht, aber es waren nicht die ganz großen Gegenstände. Ich würde sagen, man muss ein bisschen nachsitzen, was die Auswahl dieser Texte angeht. Das war nicht die Blüte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, was man da zu hören bekam, sondern das war so guter Durchschnitt.

Müller-Ullrich: Wie funktioniert denn das eigentlich? Wie kommt man da hin? Jeder bringt ein paar Texte mit, oder man schickt ein, oder die Verlage nominieren?

Scheck: Nein. Man kann sich als Autor an den Juror wenden und die Verlage lancieren ihre Autoren ebenfalls an die Juroren und empfehlen die zur Einladung. Jeder Juror darf zwei Kandidaten einladen. Corinna Caduff aus der Schweiz, Meike Feßmann, Hildegard Keller, Daniela Strigl hatte ich schon erwähnt, vervollständigen eben diese Jury und so kommt man zu 14 Autoren, die lesen ihre Texte von Donnerstagmorgen bis Samstag in einer zuvor ausgelosten Reihenfolge und es wird jeweils nach dem Text diskutiert – manchmal mit mehr Ertrag und manchmal weniger, darf man sagen. Es gibt in Klagenfurt sonst ja noch diese Klagenfurter Rede zur Literatur, diesmal gehalten von Ruth Klüger, und die setzte schon den Ton für die ganze Veranstaltung, so war jedenfalls mein Eindruck. Das war so ein germanistisches Pflichtstück, was sie da abgeliefert hat: Nachdenken über Lyrik und Texte von Ingeborg Bachmann. Aber überhaupt die Chance vertan, da vielleicht mal tatsächlich zu den intellektuell prägenden Fragen der Zeit oder den literarisch wirklich aufregenden Fragen der Zeit eine Position zu beziehen, diese Fragen überhaupt zu formulieren. Stattdessen so eine germanistische Turnübung, das hat mich jetzt nicht aus den Schuhen gerissen.

Müller-Ullrich: Ganz kurz noch Stichwort: aufregend. Das große Verreißen oder so, wie es das ja früher mal gegeben hat, als noch Reich-Ranicki da das Zepter schwang, das gibt es nicht mehr?

Scheck: Ach nein! Aber man muss auch sagen, das meiste hat ja schon einigermaßen gar nicht den Gegenstand. Das Aufregende an diesen Texten ist ihr Unaufregendes. Es ist ein Seminar quasi, wie man sich die Lust an der Gegenwartsliteratur auch wieder ein bisschen abgewöhnen kann. Mich persönlich hat nur die Handlung von einem Autor aufgeregt, Matthias Senkel, der eine sehr schöne Literaturbetrieb-Satire las, und natürlich, weil zu viel Humor durchgefallen ist in Klagenfurt. Schade drum!

Müller-Ullrich: Sagt einer, der es weiß und von innen kennt: Denis Scheck, auch früher selber Juror dort mal gewesen. Herzlichen Dank! – Wir sprachen über den Ingeborg-Bachmann-Preis für die neue Preisträgerin Olga Martynova.