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Das Zehn-Milliarden-Dollar-Geschenk

Eine dynamisierte Kulturpolitik erleben wir seit Beginn dieses Jahres in den Vereinigten Arabischen Emiraten. In Abu Dhabi sollen die Architekten Frank O. Gehry und Jean Nouvel die größte Guggenheim-Filiale weltweit und eine prunkvolle Louvre-Dependance bauen. Im Nachbaremirat Dubai wurde Michael Schindhelm engagiert, um sich Gedanken für Opernhaus und andere Kultureinrichtungen zu machen, und die Frankfurter Buchmesse expandierte in den Wüstenstaat. Nun setzt Dubai noch einmal eins drauf: Zehn Milliarden US-Dollar für eine Stiftung zur Entwicklung des Wissens und der Kultur.

Moderation: Christoph Schmitz | 29.05.2007

Christoph Schmitz: Eine Stiftung seiner Hoheit Scheich Mohammed Bin Rashid al Maktoum soll die Wissensschöpfung und -weitergabe unterstützen und fördern, Chancengleichheit verbessern und eine wissensbasierte Gesellschaft aufbauen. Ist eigene Wissensschöpfung, also Bildung und Forschung eine Mangelware in den Emiraten beziehungsweise in Dubai? Das habe ich den Journalisten Christoph Burgmer, Experte für islamische und arabische Kultur, zuerst gefragt.

Christoph Burgmer: Das würde ich jetzt nicht sagen. Also wir haben in Dubai eine sehr gut ausgebildete, im Ausland vor allen Dingen ausgebildete Führungsschicht. Das, was es in den Emiraten, insbesondere in Dubai kaum gibt, ist sozusagen ein intellektueller Mittelbau. Bildung ja, ist also vorhanden, durchaus, das Schulsystem ist gut, die Qualität lässt eher zu wünschen übrig.

Schmitz: Fast ein aufklärerischer Gestus klingt im Schlagwort "Chancengleichheit" an. Geht es hier um Frauen oder um die vielen Einwanderer aus den anderen islamischen Ländern?

Burgmer: Wenn man sich die Bevölkerungsstruktur gerade Dubais anschaut, dann hat man einfach ein ganz besonderes Problem vor sich. Dubai hat etwa 1,4 Millionen Einwohner, davon sind nur 600.000 Araber, die anderen kommen aus Indien, aus Südostasien oder aus anderen arabischen Ländern wie Ägypten, und Chancengleichheit meint eigentlich in Verbindung dessen, was der Rachid al Maktoum angekündigt hat, Chancengleichheit für Bildung in der Region. Er meint damit wahrscheinlich die arabische Welt. Und wenn man sich dort die Zahlen anschaut, die jedes Jahr von der UNO veröffentlicht werden, dann ist die Bildung dort ein sehr großes Problem. Die arabischen Länder stehen am Ende der Skala, weltweit. Rachid al Makhoum versucht nun jetzt, da so eine Art Führerschaft zu übernehmen, um zu zeigen, hier, wir wollen die Bildung nach vorne bringen, insbesondere auch diejenigen, die sonst aus anderen arabischen Ländern nach Europa oder in die USA abwandern, um eine vernünftige Bildung zu bekommen, die wollen wir an den Golf holen.

Schmitz: Also er will durchaus nicht nur auf die Emirate schauen oder auf sein eigenes Emirat, sondern auf die arabische Welt insgesamt, Chancengleichheit, was Bildung angeht für die arabische Welt. Noch mal die Nachfrage: Und die Frauen? Ist das hier auch mit gemeint oder ist das noch außen vor in solchen Schlagworten?

Burgmer: Wenn man sich den Alltag in den Emiraten oder auch in Katar oder anderen Staaten dort, Kleinstaaten dort anschaut, spielen die Frauen eine ganz normale Rolle in der Öffentlichkeit. Also sie nehmen auch ganz normal wie im Westen auch öffentliche Aufgaben wahr, Positionen wahr. Dass sie in der ersten Garde der Entscheidungsträger meistens nicht präsent sind, ist nicht ein typisch arabisches Problem, würde ich mal sagen.

Schmitz: In Dubai soll ja Michael Schindhelm, bereits erwähnt, für Kulturinstitutionen sorgen. Die Frankfurter Buchmesse hat sich dort engagiert. Was will in kultureller Hinsicht Scheich Mohammed mit Dubai machen?

Burgmer: Ja, sehen Sie, Dubai ist - wenn man so will - das wirtschaftliche Flaggschiff der Region. Die Emirate, verschiedene Emirate, haben verschiedene Ausrichtungen. Das Nachbaremirat Scharja beispielsweise versucht sich zu profilieren über Kultur, neben Wirtschaft. Dort gibt es große Museen, Kunstausstellungen, dort gibt es die arabische Biennale alle zwei Jahre. Und jetzt ist es so, dass der Scheich selber ein Geisteswissenschaftler ist, Gedichte schreibt und da eine Affinität dazu hat, nicht nur wirtschaftliche Dinge im Vordergrund zu sehen, sondern er sagt sogar, dass Geld und Technik nicht alleine die menschliche Gesellschaft ausmachen können, sondern dass da auch der Mensch selber drinstecken muss.

Schmitz: Kommen wir noch mal auf die Summe zurück: Zehn Milliarden Dollar steckt er in diese Stiftung hinein, Privatgeld ist das. Er macht ja keine Regierungserklärung beziehungsweise eine politische Initiative, sondern es ist eine Privatinitiative. Wie ist das zu verstehen?

Burgmer: Gut, es hat eine gewisse Tradition, dass Herrscher der Region dort in einer Art Patrimonialsystem regieren. Er hat nicht nur diese Stiftung, er hat zahlreiche Preise ausgeschrieben zum Beispiel für Journalismus, er hat einen Preis für Koran-Rezitation ausgeschrieben und so weiter. Die Herrscher der Region versuchen sich dort zu präsentieren und einfach zu zeigen, dass sie so eine Art väterliche Omnipotenz haben, mit der sie regieren. Gemeint ist, dass man sehr populistisch in den anderen arabischen Ländern als Gönner, als Geber dasteht und so versucht, vielleicht auch politischen Einfluss zu gewinnen auf die Länder, die eigentlich kulturell dominant sind, wie zum Beispiel Ägypten, wo die gesamte Kulturproduktion für die arabische Welt herkommt, oder dann der Libanon, wo die Buchproduktion entsteht.