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StartseiteForschung aktuellQuasi in Stein gemeißelte Veränderungen29.08.2016

Das Zeitalter des MenschenQuasi in Stein gemeißelte Veränderungen

Der Mensch hat die Erde in kurzer Zeit so stark verändert, dass dies auch noch in Jahrtausenden zu spüren und sehen sein wird. Für viele Geologen hat eine neue erdgeschichtliche Epoche begonnen: das Anthropozän. Auf dem 35. Internationalen Geologischen Kongress in Kapstadt ging es auch um die Frage, ab wann das der Fall war.

Dagmar Röhrlich im Gespräch mit Lennart Pyritz

Bagger fördern am 22.10.2013 bei Jackerath (Nordrhein-Westfalen) im Tagebau Garzweiler II Braunkohle. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
Der Mensch hat das Angesicht der Erde grundlegend verändert und damit wohl eine neue erdgeschichtliche Epoche begründet. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
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Lennart Pyritz: Die Debatte hatten der Atmosphärenchemiker Paul Crutzen und der Biologe Eugene Stoermer mit einem Manifest aufgeworfen, das im Jahr 2000 erschien. Worum geht es?

Dagmar Röhrlich: Die Einteilung der Erdgeschichte in Epochen ist eine Sache der sogenannten Stratigraphen: Sie ordnen die Gesteine anhand von Fossilien und anderen Merkmalen. Diese Einteilung ist das Rückgrat der Geowissenschaften. Deshalb werden Eingriffe von den Gremien der Internationalen Kommission für Stratigraphie heftig diskutiert.

Pyritz: Welche Kriterien muss eine Epoche erfüllen?

Röhrlich: Es muss charakteristische und möglichst weltweit vertretene Gesteine geben, die diese Epoche nachvollziehbar von anderen unterscheidet, zum Beispiel charakteristische Fossilien im Sediment. Um das zu entscheiden, arbeiten seit 2009 inzwischen 35 Wissenschaftler in einer  Arbeitsgruppe zusammen. Nun haben sie in Kapstadt das Ergebnis ihrer Arbeit vorgestellt und das einer Abstimmung unter den Mitgliedern der Arbeitsgruppe, bei dem es um diverse Streitpunkte geht, etwa zum Startpunkt des Anthropozäns. Und der weitere Weg wurde aufgezeigt.

Pyritz: Was ist herausgekommen?

Röhrlich: Wichtigstes Ergebnis: Ja, Paul Crutzen und Eugene Stoermer haben Recht. Es gibt viele Veränderungen, die sozusagen für immer in Stein gemeißelt sein werden - und sie sind stark genug, um das Anthropozän zu einer Epoche zu machen. Damit wäre nach nur 11.000 Jahren das Holozän beendet, also die Zeitspanne seit dem Ende der jüngsten Eiszeit. Wir lebten aber immer noch im Quartär, dem jüngsten Abschnitt der Erdneuzeit.

Pyritz: Wann soll das Anthropozän beginnen?

Röhrlich: Da sprechen sich die Mitglieder der Arbeitsgruppe dafür aus, einen "Golden Spike" zu suchen, eine charakteristische Veränderung in den Sedimenten, die sich an einem bestimmten Ort, der Typlokalität, festmachen lässt.

Pyritz: Gibt es Vorschläge?

Röhrlich: Dieser "Golden Spike" wird in der Mitte des 20. Jahrhunderts angesiedelt sein. Denn die Spuren müssen möglichst rund um die Welt in den Sedimenten zeitgleich aufzuspüren sein. Seit damals gibt es klare Signale. Ein Beispiel sind die oberirdischen Atombombentests, aber es geht auch um die Spuren, die die "Große Beschleunigung" hinterlassen hat.

Pyritz: Was ist das?

Röhrlich: Der Zeitpunkt, an dem der Einfluss des Menschen exponentiell zu wachsen begann. Seit damals wächst die Menschheit rasant, der Einsatz von Erdöl und Kohle explodierte, die Erosionsraten schossen hoch, der Kunstdüngereinsatz in der Landwirtschaft. In den Sedimenten stecken Flugasche, Aluminium- und Betonpartikel und jede Menge Plastik. Seit damals werden auch in einem nie gekannten Ausmaß Tier- und Pflanzenarten um die Welt transportiert, was die Lebenswelt der Zukunft für immer verändert. Es sind alles sehr langlebige Spuren.

Pyritz: Wie geht es nun weiter?

Röhrlich: Die Suche nach der Typlokalität läuft. Es könnte ein See sein oder Meeressedimente oder Höhlenablagerungen. In den nächsten zwei, drei Jahren sollen geeignete Kandidaten gefunden und analysiert werden. Dann folgt ein formeller Vorschlag an die Unterkommission für Quartärstratigraphie. Wird der angenommen, geht es in die Internationale Stratigraphische Kommission. Wenn die zustimmt, ist schließlich ein Komitee der Internationalen Union der Geowissenschaften dran. Es ist also ein langwieriger Prozess.

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