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StartseiteForschung aktuellWie hoch ist das Corona-Infektionsrisiko in Schulen?03.08.2020

Datenlage vor dem SchulstartWie hoch ist das Corona-Infektionsrisiko in Schulen?

In Mecklenburg-Vorpommern hat die Schule wieder begonnen. Andere Bundesländer folgen in den nächsten Tagen. Droht nun mit dem Präsenzunterricht eine stärkere Ausbreitung von SARS-CoV-2? Die Studienlage ist nach wie vor unklar. Ein Überblick.

Von Volkart Wildermuth

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Ein Schüler der Klasse 4d in der Goldbeck-Schule kommt mit Mundschutz in die Klasse und stellt seine Schulranzen auf seinen Tisch.  (picture alliance / Christian Charisius)
Mundschutz und feste Lerngruppen sollen das Corona-Infektionsrisiko in den Schulen minimieren. (picture alliance / Christian Charisius)
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Für viele Kinder und Jugendliche dürfte der Schulbeginn nach den Sommerferien die ersehnte Möglichkeit bieten, Freundinnen und Freunde wiederzusehen und nach der langen Phase des Homeschoolings wieder gemeinsam zu lernen. Für die Eltern bedeutet die Öffnung der Schulen und Horte die Chance, wieder voll arbeiten zu können. Dabei ist nach wie vor umstritten, ob das Ende der Ferien nicht auch SARS-CoV-2 die Chance bietet, sich wieder schneller zu verbreiten. Ende der letzten Woche haben sich Forschende aus den USA zu dem Thema zu Wort gemeldet. Und in Dresden sind heute auf einer Pressekonferenz neue Daten vorgestellt worden. 

Wie relevant sind Schulen für die Übertragung von COVID-19?

Endgültige Antworten gibt es nach wie vor nicht. Anfang des Jahres hat man befürchtet, dass Schulen Hotspots der Weiterverbreitung von COVID-19 sind, vor allem, weil das bei der Influenza so ist. Das hat sich erst einmal nicht bestätigt, Kinder und Jugendliche erkranken nur selten schwer, wenn sie sich mit SARS-CoV-2 anstecken. Aber heißt das, dass sie das Virus auch nur selten weitergeben? Hier gibt es kaum klare Befunde, vor allem auch, weil ja weltweit die Schulen schon recht früh in der Epidemie geschlossen wurden und sich deshalb die Bedeutung der Schule als Infektionsort gar nicht mehr so einfach prüfen lässt.

Wurden bei Studien viele Infektionsfälle gefunden?

In Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen wurden Studien zu Corona-Infektionen in Schulen durchgeführt. Dabei wurden nicht viele Fälle entdeckt, und das ist in jedem Fall positiv. In Sachsen wurden im Juni Schüler der achten bis elften Klassen und ihre Lehrer untersucht und zwar auf Antikörper gegen SARS-CoV-2, die Hinweise auf frühere Infektionen liefern. Von den über 2.000 Proben waren nur 12 positiv, das ist weniger als ein Prozent. Bei drei Schulen war klar, dass es bereits vor der Schließung einen Infektionsfall gegeben hat. Trotzdem kam es nicht zu weiteren Ansteckungen von anderen Schülern oder Lehrern. Daraus schließen die Autoren: "Derzeit scheinen Schüler und Lehrer keine entscheidende Rolle bei der Ausbreitung der SARS-CoV-2 Pandemie in Deutschland zu spielen". Allerdings lagen die COVID-19-Zahlen in Sachsen vergleichsweise niedrig, es kam schnell zu Schulschließungen. Wie sich SARS-CoV-2 unter Normalbedingungen in der Schule ausbreitet, lässt sich deshalb noch nicht mir Sicherheit sagen.

Schüler sitzen vor ihrer Lehrerin im Klassenraum, neben der Lehrerin steht ein Whiteboard, daneben ein Computer. (Getty Images / Christian Ender) (Getty Images / Christian Ender)Bundeselternrat: "Noch so ein Schuljahr können wir uns nicht erlauben"Trotz Hygienekonzepten werde es im neuen Schuljahr zu regelmäßigen Lockdowns kommen, sagte der Vorsitzende des Bundeselternrats, Stephan Wassmuth, im Dlf. Der Unterricht müsse dennoch weitergehen – auch angesichts der sinkenden Motivation von Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern.Bundeselternrat zu Unterichtsausfällen während Corona "Noch so ein Schuljahr können wir uns nicht erlauben"

Inwieweit übertragen Kinder das neue Coronavirus?

Eine Studie von Christan Drosten hat bei infizierten Kindern ähnlich viel Virus in den Abstrichen nachgewiesen, wie bei Erwachsenen. Schlussfolgerung: Auch Kinder können das Virus übertragen. Die Studie war umstritten. Sie ist mittlerweile überarbeitet worden, aber der Befund steht. Er beruht allerdings auf Daten von nur wenigen Kindern, die auch eine vergleichsweise heftige Infektion hatten. Forscher aus Chicago haben sich jetzt 145 Kinder angeguckt, von denen viele auch einen typischen milden Verlauf hatten. Das Ergebnis ist mit dem von Christian Drostens Studie vergleichbar: Schulkinder produzieren vergleichbar viele Viren wie Erwachsene, Kleinkinder sogar deutlich mehr. Schlussfolgerung: "Möglicherweise können junge Kinder wichtige Überträger von SARS-CoV-2 darstellen". Vor allem in den eher engen Räumlichkeiten von Kitas und Schulen.

Stecken sich viele Kindern mit Sars-CoV-2 an?

Am Anfang der Epidemie in Deutschland waren Kinder und Jugendliche kaum betroffen, das zeigen die Zahlen des Robert-Koch-Institutes. Da wurde das Virus eher von reisefreudigen Erwachsenen verbreitet, später steckten sich vor allem ältere Menschen an. Aber seit Juni steigt der Anteil der Infektion bei jungen Menschen. Derzeit liegt er bei knapp 20 Prozent, das ist sogar etwas höher als ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung, wobei die absoluten Zahlen allerdings weiter niedrig sind. Also das Virus ist auch bei den Schulkindern vorhanden, von daher besteht dort auch ein Infektionsrisiko.

Die Studie aus Sachsen deutet trotzdem auf sehr seltene Übertragungen hin?

Das ist richtig, aber es gibt Berichte aus anderen Ländern, die zeigen, dass es unter Kinder und Jugendlichen sehr wohl zu einer schnellen Verbreitung des Virus kommen kann. In Frankreich und Israel gab es Ausbrüche, allerdings häufiger an weiterführenden Schulen als an Grundschulen. Gerade hat das amerikanische Gesundheitsinstitut CDC über einen Ausbruch in einem Feriencamp berichtet. Dort hat sich knapp die Hälfte der Teilnehmer nach wenigen Tagen angesteckt, trotz eines Hygienekonzeptes. Ein Camp mit dicht besetzten Schlafsälen und lauten Singspielen lässt sich mit der Schule nur bedingt vergleichen, aber klar ist: SARS-CoV-2 kann auch unter Kindern effektiv weiterverbreitet werden.

Was bedeutet das für die Schulöffnungen in Deutschland?

Kinder brauchen andere Kinder, sie müssen lernen können, also ganz klar: Die Schulen müssen geöffnet werden. Aber wichtig ist eben sich vorzubereiten, denn es ist unvermeidlich, dass einige wenige Kinder auch SARS-CoV-2 in die Schule bringen werden. Damit das nur selten geschieht, ist es entscheidend, das Virus generell in der Bevölkerung zurückzudrängen. Konkret in den Schulen haben die Bundesländer verschiedene Konzepte vorgesehen: etwa die Kinder in festen Gruppen zu halten und zu verhindern, dass sie sich im Schulbus oder in den Pausen mischen. So führt ein positiver Test nicht gleich zur Schließung der ganzen Schule. Es gibt Pläne, die Klassen in einem Raum zu unterrichten, die Fachlehrer kommen vorbei, auch das verringert Kontakte. Unterschiedliche Ansätze gibt es bei den Masken. Sie sind in manchen Bundesländern auf den Fluren auch für die Schüler vorgeschrieben. Einzelne Schulen haben sich auch Einbahnstraßenregelungen in den Fluren überlegt und wollen den Unterricht entzerren, indem auch am Nachmittag oder am Samstag Stunden stattfinden. Das alles erfordert eher mehr Lehrer, und die sind ja gerade knapp, weil viele Ältere zur Risikogruppe gehören. Die können dann vielleicht ergänzenden Digitalunterricht anbieten. In jedem Fall ist es wichtig zu testen, um Ausbrüche schnell zu erkennen, und dann reagieren zu können. Wie häufig das sein wird, das ist derzeit aber noch schwer abzuschätzen.

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