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StartseitePolitische Literatur (Archiv)David Signer: "Die Ökonomie der Hexerei oder Warum es in Afrika keine Wolkenkratzer gibt"18.10.2004

David Signer: "Die Ökonomie der Hexerei oder Warum es in Afrika keine Wolkenkratzer gibt"

Peter Hammer Verlag Wuppertal 2004, 440 Seiten, 22,00 Euro

<strong>Afrika gilt - auch - als der vergessene Kontinent. Was sich ganz deutlich daran zeigt, dass es bei der Globalisierung nicht Schritt halten kann. Eine wesentliche Ursache dafür - so die Beobachtung im ersten Buch unserer Schwerpunktsendung "Schwarzafrika" - liegt an einem übersinnlichen Phänomen, der Hexerei nämlich. Im Unterschied dazu vertritt ein anderer Autor die These, dass die neue Weltordnung nach dem Ende des Kalten Krieges Afrika immer stärker marginalisiert. Ein weiterer Band befasst sich mit Kolonialpolitik, ein Nachschlagewerk klopft kritisch den deutschen Sprachgebrauch beim Umgang mit Afrika-Themen ab, ein Titel untersucht die Probleme afrikanischer Migranten in Hamburg, und zum Schluss stellen wir die auch kulturhistorisch bewegte Geschichte einer bekannten Werbefigur vor, des Sarotti-Mohren.</strong>

Von Gaby Mayr

Afrika kommt im globalisierten Wettbewerb nicht von der Stelle, ja es fällt sogar zurück. Was zum Beispiel daran liegt, dass der Kontinent unter dem Preisverfall seiner Rohstoffe auf dem Weltmarkt und der Konkurrenz hochsubventionierter Agrarprodukte aus den USA und Europa leidet.
Der Soziologe Gerhard Hauck hat vor drei Jahren in seinem Buch "Gesellschaft und Staat in Afrika" weitere Hemmschuhe für die wirtschaftliche Entwicklung genannt: So haben Menschen dort oftmals kein Interesse, Neues zu entwickeln und zu produzieren - stattdessen verwenden sie ihre Energie lieber darauf, sich Pfründe aus der Staatskasse zu sichern.
Der Schweizer Ethnologe Davig Signer bringt bei der Ursachenforschung für Afrikas Stillstand jetzt einen ganz anderen Faktor ins Gespräch: die Hexerei. Gaby Mayr hat sein Buch "Die Ökonomie der Hexerei" gelesen:


Wir sind abergläubische Leute", sagt die ghanaische Schriftstellerin Amma Darko. In ihren Romanen spielt Hexerei eine wichtige Rolle.

Wir leben damit, du hörst jeden Tag davon. Man muss da nicht groß recherchieren. Es ist überall. Es ist wie essen.

Das Huhn, dessen Opferung den Ort des Verbrechens reinigen soll. Die alte Frau, die als Hexe bezichtigt wird, weil einige Menschen in ihrem Dorf erkrankt sind. Szenen aus dem Alltag in Ghana - in Amma Darkos Geschichten und in der Realität.
Wissenschaftlich hat jetzt der Schweizer Ethnologe David Signer die Hexerei in Afrika unter die Lupe genommen. Anfangs versuchte er, Interviews mit traditionellen Heilkundigen zu machen. Die klassische Methode sozialwissenschaftlicher Forschung brachte ihn allerdings nicht weit:

Die haben oft gar nichts zu sagen. Die blicken irgendwie leer in die Luft. Und erst ging ich so aus reiner persönlicher Neugierde als Klient zu den Heilern und hab dann sofort gemerkt: Das ist viel spannender. Da erfährt man viel mehr.

Als "Klient", als Patient besuchte David Signer über einen Zeitraum von mehreren Jahren zahlreiche Heilkundige.

Plötzlich hörten wir die wimmernde Stimme Ahissias aus dem Fenster. 'Sie ist jetzt in Trance’, sagte jemand. 'Die Geister sind in sie gefahren.’ Nun wurden wir also zur Priesterin der Geister hereingerufen.... Ahissia sprach in Trance aus dem Dunkel. Die Geister existierten - für uns - nur in der Sprache, der Stimme, diesem rhythmischen Singsang. Offenbar klappte die 'Übertragung’ nicht einwandfrei. Die Interpretin musste zuerst einige Male zurückfragen, bevor die Séance beginnen konnte. 'Die Geister sprechen jetzt durch sie’, erklärte der Übersetzer in der Zwischenzeit. 'Sie wird sich nachher an nichts mehr erinnern können.’ 'Was möchtet ihr?’ fragte Ahissia.

David Signer nähert sich den Geistern und ihren menschlichen Sprachrohren mit einer gehörigen Portion Skepsis. Manche Heilkundige versetzen sich in Trance, um zu sehen. Andere werfen Kaurimuscheln und lesen aus deren Anordnung, worunter ein Patient leidet, was - genauer: wer - die Ursache des Leidens ist und welches Opfer gebracht werden muss, um die - körperliche oder seelische - Krankheit zu kurieren. Viele arbeiten mit einem Fetisch, also einer Figur, die einen Geist beherbergt, der Nahrung braucht, Vorlieben pflegt und Abneigungen, zum Beispiel gegen Wasser. Manche Heilkundige verabreichen Medizin.
Nur selten ist Signer auf Betrüger gestoßen wie den, der die Geräusche seines angeblich sprechenden Fetisches mit einer in seiner Zahnlücke untergebrachten Pfeife produzierte. Oft war der Schweizer Wissenschaftler beeindruckt:

Ich hab anfangs mir wirklich den Kopf zerbrochen und versucht, das mit x-verschiedenen Theorien irgendwie zu erfassen. Heute muss ich sagen, da bleibt einfach ein Stück Rätsel. Es gibt Heiler, die da ganz Erstaunliches zuwege bringen, insbesondere mein Hauptinformant Coulibaly, der später auch mein Freund wurde, der war zum Beispiel sehr stark in der Trauminterpretation. Und das ging nicht etwa bloß so weit, dass er einen erzählten Traum gedeutet hätte, sondern er wusste bereits, was die Leute geträumt haben.

Signer verwendet einen Gutteil seines 450 Seiten starken Buches darauf, die Leser mitzunehmen in die Welt von Fetischpriestern und Heilerinnen. Spannend beschreibt er seine Erfahrungen mit dem Übersinnlichen. Durch seine Schilderungen des Heiler-Alltags jenseits der Rituale beginnt man langsam zu verstehen, nach welcher Logik das Magische funktioniert:

Mangels Fahrzeug saßen wir noch einen Tag in Bandiagara fest...Coulibaly bat mich, ich solle in meinem Heft nachschauen, was wir noch alles opfern müssten und es ihm aufschreiben. Er wollte auch noch zusätzlich ein Huhn opfern für die Rückreise. Da wir knapp bei Kasse waren und ich das restliche Geld immer noch nicht hatte wechseln können, fand ich eher, wir sollten jetzt nicht noch zusätzliche Ausgaben tätigen. Er hingegen war überzeugt, die vielen Probleme, die wir die letzten Tage mit den Fahrzeugen hatten, rührten daher, dass wir noch nicht alle Opfer gemacht hätten.

Wer mit den Geistern lebt, findet eine Erklärung für jedes Unglück und jedes Leiden - sei es ein anhaltender Kopfschmerz oder eine schlechte Ernte, Impotenz oder Unfruchtbarkeit, ein bösartiger Chef oder ein krankes Kind: Die vom Unglück getroffene Person hat etwas getan oder unterlassen und damit jemanden gegen sich aufgebracht. Der Empörte sorgt dafür, dass der "Übeltäter" mit einem bösen Zauber belegt wird. Beim "Übeltäter", der sich wahrscheinlich gar keiner Schuld bewusst ist, treten Symptome auf. Heilkundige sind nun mit Hilfe ihrer Rituale in der Lage, den Verursacher des Unglücks oder Leidens zu erkennen. Und sie können auch ermitteln, welches Opfer gebracht werden muss, um den bösen Zauber außer Kraft zu setzen. Wenn dennoch keine Besserung eintritt, war das Opfer zu klein oder der böse Zauber zu stark.
Wer an die Macht der Geister glaubt, lebt in ständiger Angst, mit einem bösen Zauber belegt zu werden.

Es ist eine Illusion zu glauben, dass gebildete oder städtische oder wohlhabende Kreise nun immunisiert wären gegen diese Ängste, ganz im Gegenteil. Weil umso höher man steigt auf der sozialen Leiter, umso mehr hat man die Neider zu fürchten. Ich glaube, es ist sehr schwierig, sich von diesen Ängsten frei zu machen.

Die zentrale These in Signers Buch lautet nun: Die Furcht, von Neidern verhext zu werden, ist ein wichtiger Grund für die Stagnation in Afrika. Wer es nämlich zu etwas bringt, wird alles tun, um bei seinen Mitmenschen keinen Neid aufkommen zu lassen. Statt das erarbeitete Geld in das weitere Fortkommen, in einen eigenen Betrieb zum Beispiel, zu investieren, wird es eher verteilt, nur um ja keinen Anlass für einen bösen Zauber zu liefern.

Derjenige, der mehr hat, der wird durch die Neider in gewisser Weise eingeschüchtert eben zu verteilen, im Sinne von: Wenn du nicht verteilst, dann holt es sich die Hexe eben gewaltsam. Es gibt viele Sprichwörter, die in die Richtung gehen: Es gibt zum Beispiel eines im Senegal, das heißt übersetzt: Wenn ich nicht dein Geld fressen kann, dann fresse ich dich.

Weil die größten Neider oft Familienmitglieder und Nachbarn sind, ist immer Vorsicht geboten, wenn Nahestehende um Unterstützung bitten. Da kann man eigentlich nicht "nein" sagen. Natürlich ist nicht jede Hilfe für Verwandte der Angst vor Hexerei geschuldet. Aber David Signer schildert in seinem Buch "Die Ökonomie der Hexerei" eindrucksvoll, wie die Furcht vor dem bösen Zauber sich wie Mehltau über Eigeninitiative und Abweichung vom Mittelmaß legt.

Gerade weil Signer seine These plausibel entwickelt, ist es bedauerlich, dass auch er der unter deutschsprachigen Wissenschaftlern grassierenden Krankheit erliegt, die eigenen Forschungsergebnisse in vorgefundene Theoriegebäude zu pressen. Signers Herz schlägt offenbar für die Psychoanalyse. Die im Europa des 19. Jahrhunderts für bürgerliche Kreise konzipierte Theorie liefert für Afrikas Geisterwelt allerdings kaum Erkenntnisgewinn, und die Aneinanderreihung von Kollegen-Zitaten beeinträchtigen stellenweise den Lesegenuss. An anderer Stelle dagegen hätten einige Zusatzinformationen gut getan. Signers Recherche leidet ein wenig unter seinem unreflektierten Männer-Blick. Als männlicher Forscher sind seine Informanten überwiegend Männer, und die geben neben vielem Interessanten auch - lange überlieferte und ganz persönliche - Klischees über Frauen zum Besten. Das ist nichts Neues in der ethnologischen Forschung. Aber im 21. Jahrhundert muss ein Wissenschaftler diesen Mechanismus durchschauen und zum Thema machen.

Später fragte ich Mathurin, warum es in Tengouélan keine praktizierenden Männer gebe....’Der Mann ist in den Straßen, dann sieht er irgendwo Essen an einem Stand, das ihm (als Heiler) verboten ist, aber er denkt: Ach was. Dann verliert er seine Sehergabe. Die Frauen können besser gehorchen.’.... Er vertrat auch die Theorie, dass Frauen besser als Männer für die Hellseherei prädestiniert seien wegen ihrer Eifersucht, die sie kleinste Zeichen lesen lasse.

Nun ist fraglich, ob Frauen tatsächlich eifersüchtiger sind als Männer. In polygamen Gesellschaften, wie sie in Afrika nicht selten sind, wäre weibliche Eifersucht allerdings leicht zu erklären, weil Frauen in ständiger Angst vor einer Nebenbuhlerin leben müssen. Und wenn Frauen "besser gehorchen", wäre das kein Wunder in Gesellschaften, die weiblichen Gehorsam auf vielerlei Weise erzwingen. Von solchen Zusammenhängen erfährt man bei Signer fast nichts. Ebenso wenig wie über diejenigen, die am meisten unter dem Hexenglauben leiden. Für die Hexenwahn nicht aufstiegshemmend ist, sondern lebensgefährlich.
Godwin Kudese arbeitet in Nordghana in einem Projekt, das Menschen schützen will, die der Hexerei bezichtigt werden:

Die Leute haben Probleme, sie finden keine Lösung. Statt dessen machen sie Schwächere zu Sündenböcken. In unserer Gesellschaft sind Frauen Menschen zweiter Klasse in den Familien. Sie sind die Schwächsten. Vor allem trifft es die Älteren, die sich nicht verteidigen können - auf sie wird die Schuld abgeladen. Sie werden gelyncht, sie werden gesteinigt und geschlagen, bis sie sterben.

Gaby Mayr über David Signer "Die Ökonomie der Hexerei oder Warum es in Afrika keine Wolkenkratzer gibt", Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2004, 440 Seiten, 22 Euro

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