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DDR-Politiker mit Weimarer Vergangenheit

Otto Grotewohl gehörte nicht zu den Ikonen des DDR-Sozialismus. Er war ein erst relativ spät zum Kommunismus konvertierter Sozialdemokrat. Insofern ist sein Lebenslauf exemplarisch für die ideologischen Häutungen, die viele Sozialdemokraten nach der Zwangsvereinigung 1946 vollzogen.

Von Jürgen Weber | 04.01.2010

    Otto Grotewohl, der erste Ministerpräsident der DDR, war ein befähigter Redner. Einen Beweis dafür liefert seine Regierungserklärung am 12. Oktober 1949 anlässlich der Gründung der DDR in Ost-Berlin.

    "Diese deutsche Regierung ist eine Regierung der Arbeit, eine Regierung der Demokratie und eine Regierung des Friedens. Wir tauschen nicht die Verfassung gegen ein Besatzungsstatut. Viel zu hoch schätzen wir unsere eigene Handlungsfreiheit, die die befreiende Tat der Sowjetregierung uns gegeben hat. Jetzt gilt es, diese Handlungsfreiheit richtig zu nutzen im Interesse des Friedens und zum Wohle des deutschen Volkes."
    Anders als die meisten Spitzenpolitiker der SED, konnte Otto Grotewohl seine Zuhörer rhetorisch beeindrucken und für sich gewinnen. Das ist aber noch das Positivste, was lange Zeit über ihn zu lesen war.
    Grotewohl ist kein Demagoge, der selbst nicht glaubt, was er sagt. Grotewohl glaubt alles, was er sagt. Er steigert sich in diesen Glauben hinein und darum reißt er mit.
    So beschrieb ihn Erich Gniffke, ein langjähriger Freund und politischer Weggefährte, selbst 1946 Mitbegründer der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Als Lob war das aber nicht gedacht. Vielmehr kritisierte er Grotewohls Anpassungsbereitschaft an die Verhältnisse in der Ostzone. Gniffke hingegen floh nach Westdeutschland, weil er – anders als Grotewohl - die Umgestaltung der SED in eine stalinistische Diktaturpartei nicht mitmachen wollte. Grotewohl hatte sogar an der Verfolgung ehemaliger Sozialdemokraten nichts auszusetzen, wie er im internen Machtzirkel zu erkennen gab:

    Ich für meinen Teil muss sagen, wenn solche Krankheitskeime durch Leute in unsere Organisation hineingetragen worden sind, zu denen ich einmal gehörte und die heute bei uns wirken, dann werde ich meine Ehrenpflicht darin sehen, eine solche Marodeur Politik in unserer Partei unmöglich zu machen.

    Wer war Otto Grotewohl? In der Weimarer Republik ein überzeugter Sozialdemokrat und Minister im Freistaat Braunschweig. Nach 1945 Vorsitzender der Sozialdemokratie in der Sowjetischen Besatzungszone; und nach der Zwangsvereinigung der SPD mit der Kommunistischen Partei – neben dem Altkommunisten Wilhelm Pieck – einer der beiden Vorsitzenden der neuen SED.

    Wie konnte aus dem Demokraten und Republikaner ein ranghoher Repräsentant der zweiten Diktatur auf deutschem Boden werden?

    Diese Frage versucht Dierk Hoffmann mit seiner neuen Grotewohl-Biografie zu beantworten. Er taucht tief in die Quellen ein. Auf 700 Seiten breitet er ein Politikerleben in allen Einzelheiten aus, in denen sich die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts in ihren hoffnungsvollen, vor allem aber unrühmlichen Aspekten widerspiegelt.

    Grotewohl ist vor allem als DDR-Politiker im Gedächtnis geblieben. Über seine Karriere in der Weimarer Republik ist fast nichts bekannt. 1894 in Braunschweig geboren wuchs Grotewohl in einem ärmlichen Arbeiterhaushalt auf und lernte den Beruf eines Buchdruckers. Früh schloss er sich dem linken Flügel der Sozialdemokratie im Freistaat Braunschweig an und stieg in wenigen Jahren vom Landtagsabgeordneten zum Minister für Volksbildung auf, danach zum Minister für Justiz und Inneres. Er wurde Präsident der Landesversicherungsanstalt und schließlich Reichstagsabgeordneter bis 1933.

    Er war der zweitjüngste Minister der Weimarer Republik – ein politisches Talent, Experte in finanz-, sozial- und schulpolitischen Fragen. Als Reichstagsabgeordneter reüssierte er dagegen weniger.

    Anders als Kurt Schumacher nutzte Otto Grotewohl den Reichstag nicht als Bühne zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Während Schumacher die NSDAP in einigen Reichstagsreden brillant attackierte, beschränkte sich Grotewohl auf sein Fachgebiet.

    Das Kapitel über die Verfolgung und innere Emigration Grotewohls im Dritten Reich ist spannend zu lesen. Es ist die Geschichte eines Politikers, der durch ein Kesseltreiben der Nationalsozialisten seine bürgerliche Existenzgrundlage verlor und nur mithilfe seines Parteifreundes Erich Gniffke, eines ausgesprochenen Überlebenskünstlers, sowie durch zahlreiche Berufswechsel wirtschaftlich über die Runden kam. Unter anderem versuchte er sich als Vertreter für Heißluftherde. Grotewohl geriet ins Visier der Gestapo, die ihn auch zweimal inhaftierte. Konkrete Widerstandsaktionen lassen sich jedoch nicht nachweisen. Sein Biograf urteilt sehr vorsichtig:

    Es hat den Anschein, dass bei ihm Entpolitisierung und Orientierungslosigkeit überwogen, was wiederum auch mit der ungewissen finanziellen Lage der Familie zusammenhing. Insofern lässt sich sein Verhalten am ehesten noch als Anpassung durch den Rückzug ins Private charakterisieren.

    Der umfangreichste Teil der Biografie ist dem erneuten politischen Aufstieg Grotewohls gewidmet – dieses Mal in der sowjetisch besetzten Zone und der späteren DDR. Dafür braucht der Leser Ausdauer. Bis in alle Einzelheiten rekonstruiert der Autor die Vorgänge, die das Ende der sozialdemokratischen Partei in der Ostzone und die Stalinisierung der SED herbeiführten.

    Als Regierungschef seit 1949 wurde Grotewohl zu einer Galionsfigur des SED-Staates. Er überstand alle Machtkämpfe. Beim Volksaufstand 1953 und auch später ging er kein Bündnis mit den Gegnern Ulbrichts ein, die den autokratischen Parteichef absetzen wollten. Er wartete ab, bis die Machtfrage geklärt war, und blieb dann in seinem Amt. Damit – so Dierk Hoffmann – hat er zur Stabilisierung der Diktatur erheblich beigetragen. Auch die Inszenierung des unerträglichen Stalinkultes in der DDR war ihm offenbar ein Anliegen. Öffentlich pries er den sowjetischen Diktator als den "Größten aller lebenden Menschen" und zeigte sich bei dessen Tod 1953 zutiefst erschüttert, wie private Tagebuchaufzeichnungen belegen. Dort schrieb er:

    Stalin ist nicht mehr, aber sein Werk, seine Lehre wird fortleben in den Jahrhunderten, sie wird alle Menschen des ganzen Erdballs erfassen und den jahrhundertealten Traum der Menschheit vom Glück und Frieden erfüllen.
    Dass Grotewohl keine Handlungsspielräume gehabt habe, bezweifelt sein Biograf. Er hätte, so der Autor, nicht alles mitmachen müssen und der SED den Rücken kehren können. Doch seine hohen Ämter wirkten auf ihn als Bleibeprämie und so machte er sich zum willfährigen Instrument der KPD. Wer sich für Otto Grotewohls Rolle im Machtapparat der frühen DDR interessiert, der ist mit dieser Untersuchung bestens bedient. Es ist ein wichtiges Buch für Leser, die die großen Zusammenhänge kennen und den kühlen Blick des Historikers Hoffmann zu schätzen wissen.

    Jürgen Weber über Dierck Hoffmann: "Otto Grotewohl. Eine politische Biografie". Veröffentlicht im Oldenbourg Wissenschaftsverlag, das Buch ist 721 Seiten stark und kostet 69 Euro und 80 Cent (ISBN-10 3486590324).