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StartseiteKultur heuteBallermann oder Brauchtum22.02.2020

Debatte um Kölner KarnevalBallermann oder Brauchtum

Schlangen vor den Kneipen, Müll auf der Straße und Ballermann-Musik statt Brauchtum-Klassiker. Ist der Kölner Karneval am Ende nur noch ein Event für Touristen? Oder reicht die Lust am Singen und Tanzen, um den Karneval vor dem Abgrund zu retten? Zur Not hilft die Kirche.

Von Beatrix Novy

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Eine Gruppe verkleideter Karnevalisten nimmt vor dem Kölner Dom zwei japanische Touristinnen in den Arm (Roberto Pfeil / dpa)
Japanische Touristinnen mitten im Karnevalsgetümmel vor dem Kölner Dom (Roberto Pfeil / dpa)
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Tourismus bringt Geld. Deshalb gilt er als gutes Geschäft. Allerdings bringt er auch Touristen, und wenn das Geschäft besonders gut läuft, zu viele von ihnen. Vor allem die beliebten Städte des guten alten Europa rufen den Notstand aus, weil zu viele Besucher die Motive für ihren Besuch zu beseitigen drohen. Aber nicht nur Barcelona, Hallstatt oder Venedig hadern mit den unerwünschten Nebenwirkungen des regen Zulaufs. Auch die Stadt Köln, mit Barcelona nicht zu vergleichen und auch sonst kein Highlight in gängigen Reiseführern, bangt mal wieder um ihre profitabelste Marke, den Karneval. Die konsequente kommerzielle Ausweitung der Spaßzone hat aus einem Fest fantasievoller Verkleidungskünste, Vielfalt und Tradition ein Ballermann-Event gemacht, wie man es überall haben kann: Damit wäre das diesjährige Karnevalskritik-Thema für die Leserbriefseiten gesetzt.

Nicht dass da nichts dran wäre: Der Anteil öffentlicher Sauforgien vor allem unerprobten Jungvolks ist definitiv sichtbarer, die Schlangen vor den Kneipen sind immer länger geworden. Daher rührt, à propos, eine Binnendebatte um die Drängelgitter, mit denen Kneipenbetreiber die Massen vor ihren Türen bändigen. Die Stadt hat sie verboten. Eine Aufzählung im Lokalblatt zitierte ausschließlich im Konjunktiv Beispiele für Drängelgitter-Unglücksfälle, die noch nie da waren - ein Stück karnevalistischer Verwaltungsfantasie.

Funky Maries statt Funkenmariechen

Schlangen gab es früher nicht, da tanzte man in so eine Kneipe einfach rein. Aber das wissen die Jüngeren nicht mehr und unterhalten sich, auch dank der Drängelgitter, stundenlang bestens in ihrer Schlange. Früher gab es auch nicht Hunderte von Rockbands, die den Karneval rauf und runter besingen und im Marathon von Sitzung zu Sitzung hetzen, es gab keine Funky Marys, Cheerleader-Attrappen des Funkenmariechens, es gab keine Büttenredner, die eher ganzjährig einsetzbares und oft vollprofessionelles Kabarett machen. Es mussten keine Flüstersitzungen erfunden werden gegen den irren Lautstärke-Trend herkömmlicher Veranstaltungen. Und es gab keine Karnevalstouristen mit fest gebuchten Terminen für besonders volkstümliche Veranstaltungen, aufgespürt von findigen Reiseveranstaltern. Da ist ein Geheimtipp, wie es Geheimtipps so an sich haben, schnell keiner mehr und die Sache platzt aus den Nähten.

Feiern auf vielfältige Art

Aber bringt das alles den Karneval an den Rand des Abgrunds? Die Streitfrage, wieviel Event das Brauchtum verkraften kann, stand hinter einer altersgemischten Umfrage des Kölner Stadt-Anzeigers. Was gehört für wen zum Karneval unbedingt dazu? Alkohol? Die Jungen und Jüngsten sagen ja; die Älteren wissen schon, dass es auch ohne Exzesse geht - der Weg zur Weisheit war vor tausend Jahren auch nicht kürzer. Interessanter ist das Verhältnis zu den verschiedenen Formen, neudeutsch: Formaten des Feierns. Neben den Hits der beliebtesten Karnevalsbands wollen jüngere Leute die Originale aus der Vorzeit wieder hören, Karl Berbuer, Willi Ostermann, die Vier Botze.

Kirche und Karneval

Während die links-alternativen Sitzungen, allen voran die berühmte Stunksitzung, die einst die rheinischen Saturnalien aus dem Muff der verspießerten Sitzungssäle holte, von der nachfolgenden Generation weniger geschätzt werden. Aber an der Spitze der Beliebtheit stehen bei allen Altersgruppen diese drei Karnevalbeschäftigungen: Lieder singen. In der Kneipe tanzen und singen. Auf der Straße singen und tanzen.

Zum Schluss eine Szene aus einer katholischen Messe, einem Sechswochenamt für eine Verstorbene. Der Pfarrer hielt eine würdige Predigt. Er vergaß danach nicht zu erwähnen, dass die Karten für die Karnevalssitzung der Pfarre ab sofort im Pfarrbüro erhältlich seien.

Zur Not wird noch die Kirche dafür sorgen, dass etwas so gründlich Integriertes wie der Kölner Karneval nicht kaputtzukriegen ist.

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