
Der Wirtschaftsausschuss des Bundestags sowie der Tourismuskoordinator der Bundesregierung plädieren für eine deutliche Aufweichung des derzeit geltenden Öffnungsverbotes.
Der Vorsitzende des Ausschusses, von Stetten (CDU), sagte der "Bild"-Zeitung, der Bundestag entscheide über die Sonntagsarbeitszeiten und die Bundesländer über die Sonntagsöffnungszeiten. Er sei in beiden Fällen "für eine großzügige Ausweitung der bisherigen Regelungen". Zuvor hatte bereits der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels eine völlige Freigabe der Ladenöffnungszeiten an Sonntagen gefordert.
Tourismuskoordinator: Flexiblere Öffnungszeiten um mit Online-Handel mitzuhalten
Der Tourismuskoordinator der Bundesregierung, Ploß (CDU), führte in den Zeitungen der Funke-Mediengruppe an: "Ob Urlauber sich für Deutschland entscheiden, hängt auch von attraktiven Geschäften und Verkaufsangeboten ab." Er könne die Argumente des Handels "auch aus tourismuspolitischer Sicht sehr gut nachvollziehen".
Die derzeitigen Regelungen stammten noch aus einer Zeit, "in der es keinen Online-Handel gab", sagte Ploß weiter. "Flexiblere Öffnungszeiten würden es den deutschen Einzelhändlern ermöglichen, im Wettbewerb mit den immer verfügbaren Online-Händlern mitzuhalten". Zudem würden liberalere Regeln den deutschen Innenstädten einen Schub verleihen.
Auch der FDP-Vorsitzende Kubicki sagte der "Bild"-Zeitung: "Eine echte Flexibilisierung wäre dringend notwendig. Wer Läden zwangsweise geschlossen halten will, darf sich nicht über sterbende Innenstädte beschweren."
Verdi: Instrument im Verdrängungswettbewerb
Von Gewerkschaftsseite kam dagegen Widerspruch. Verdi-Vorständin Zimmer erklärte: "Auf den Vorschlag des HDE, die Sonntagspause im Handel komplett zu streichen, brauchte man nur zu warten - nachdem die Bundesregierung bereits weitere Sonntagsarbeit für Bäckereien und Konditoreien angekündigt hat." Dies sei aber "der falsche, arbeitsnehmerfeindliche Ansatz". Der Sonntag sei "für die Beschäftigten der einzige verlässlich planbare freie Tag, an dem Zeit für körperliche und mentale Entlastung in diesem anstrengenden Job bleibt".
Längere Ladenöffnungszeiten brächten nicht automatisch mehr Umsatz und auch keine lebendigen Innenstädte, sagte Zimmer. "Im Gegenteil: Sie sind ein starkes Instrument im Verdrängungswettbewerb der großen Handelskonzerne. Sie führen zur Verlagerung von Umsätzen vom Land hin zu den Städten und von kleinen mittelständischen Betrieben hin zu den Handelsriesen, die Sonntagsarbeit viel leichter organisieren können." Die Folge seien "immer trostlosere Innenstädte mit den immer gleichen Ketten".
Auch der Sozialverband Deutschland wehrt sich gegen eine Aufweichung des Sonntagsschutzes. Die Vorstandsvorsitzende des SoVD, Engelmeier, sagte den Funke-Zeitungen, der Sonntag sei verfassungsrechtlich geschützt und weit mehr als ein Wirtschaftsfaktor, er sei ein unverzichtbarer Tag für Erholung, Familie und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sonntagsarbeit sei dort notwendig, wo sie der Daseinsvorsorge diene, also etwa im Gesundheitswesen oder bei Polizei und Verkehr. In anderen Bereichen müsse sie aber die Ausnahme bleiben, betonte Engelmeier.
EKD: Freier Sonntag für die Gesellschaft als Ganzes wertvoll
Auch die Kirchen lehnen eine Ladenöffnung an Sonntagen ab. Der freie Sonntag sei für die Gesellschaft als Ganzes wertvoll, unabhängig davon, ob ein Mensch an Gott glaube oder nicht, sagte ein EKD-Sprecher der in Düsseldorf erscheinenden "Rheinischen Post". Es brauche einen Tag in der Woche, an dem möglichst viele Menschen gleichzeitig frei hättten.
Ausgelöst wurde die neue Diskussion von der Ankündigung der Bundesregierung, die Öffnungszeiten für Bäckereien und Konditoreien an Sonntagen zu verlängern. Laut einem Beschlusspapier sollen die neuen Regeln zum Jahreswechsel in Kraft treten. Im Entwurf aus dem Bundesarbeitsministerium hieß es dazu, Bäckereien sollen sonntags bis zu acht Stunden öffnen dürfen, öffentliche Bibliotheken bis zu sechs Stunden.
Diese Nachricht wurde am 07.07.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.
