Mittwoch, 30. November 2022

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Debatte um Nutzer-Kommentare und Klarnamenpflicht
"Hinrichtungsstätten für Euch Volksverräter"

Sollen User Artikel kommentieren dürfen? Und müssen sie das mit ihrem Klarnamen tun? Die Online-Redaktionen deutscher Medien beantworten diese Fragen von je her unterschiedlich. Einfache Antworten gibt es bis heute nicht - und der Ton wird rauer.

Frank Rugullis im Gespräch mit Christoph Sterz / Text von Michael Borgers | 17.09.2018

    Der Online-Kommentarbereich von MDR Sachsen-Anhalt.
    Der MDR Sachsen-Anhalt gibt unter Artikeln nur ausgewählte Kommentare frei. (Deutschlandfunk / Michael Borgers)
    "Warum wir die Kommentarfunktion abschalten" - vor gut einem Monat wandte sich die Chefredakteurin der "Deutschen Welle", Ines Pohl, unter dieser Überschrift an ihre Nutzer. Und begründete: "Es waren immer dieselben Nutzer, die unter dem Deckmantel eines Alias-Namens unsere Kommentarfunktion für die Absonderung von Hassbotschaften nutzten". Die Anonymität im Netz ziehe auch bei der Deutschen Welle zunehmend so genannte "Trolle" an.
    "Spiegel Online" ist schon seit längerem dazu übergegangen, ihr - grundsätzlich noch eingerichtetes - Forum beim "Thema Flüchtlinge" nicht mehr zu aktivieren. Eine "gewissenhafte Moderation nach den Regeln unserer Netiquette" sei angesichts "so vieler unangemessene, beleidigende oder justiziable Forumsbeiträge kaum mehr möglich", heißt es auch aktuell unter einem Aufmacher-Artikel zum Thema "Integration von Zuwanderern".
    Broder: Wichtig ist die "Tonalität" eines Mediums
    Für Henryk M. Broder ist die Diskussion um die Kommentarfunktion und Klarnamen auch eine um die "Tonalität" eines Mediums. So hätten sich "Spiegel", für den Broder früher selbst gearbeitet hat, und "Spiegel Online" in den vergangenen Jahren zu einer "Mischung aus Autorität und Ratgeber" entwickelt. Das führe dazu, dass sich Leser bevormundet fühlten und sich entsprechend äußerten, sagte der Journalist im Gespräch mit @mediasres. Beim Blog "Achse des Guten", den Broder mitbetreibt, erhalte man kaum Hass-Post. "Wir staunen selber, dass die meisten Beiträge qualifiziert sind und das Bedürfnis haben, etwas hinzuzufügen." Der Blog beschäftigt einen Redakteur für die Moderation der Kommentare; Leser dürfen grundsätzlich nur unter ihrem Klarnamen posten.
    Der Journalist und Buchautor Henryk M. Broder zu Gast in der ARD Talkshow Hart aber frair
    Henryk M. Broder: Als Autor für "Welt" und "Achse des Guten" - und viele Jahre gern gesehener Gast in Talk-Shows. (imago / Horst Galuschka)
    Gesetzliche Klarnamenpflicht?
    Medienwissenschaftler Stephan Weichert, der in diesem Jahr eine Studie zu Hasskommentaren im Netz veröffentlicht hat, sagt im Interview mit dem Online-Portal "Meedia", er könne einen vollständigen Rückzug zwar nachvollziehen. Doch im Fall der "Deutschen Welle" sei die Entscheidung auch "sehr gewagt, weil es die Problematik nicht wirklich löst". Denn so würden sich "Hassprediger und Trolle einfach in andere Foren verziehen und dort weiter ihr Unwesen treiben".
    Der ehemalige hessische Grünen-Landtagsabgeordnete Daniel Mack hatte vergangene Woche mit seiner Forderung nach einer gesetzlichen Klarnamenpflicht auf Twitter eine Diskussion ausgelöst. Die meisten Nutzer äußerten sich ablehnend. So erwiderte die Journalistin und "Hoaxmap"-Gründerin Karolin Schwarz: "Mit Klarnamen unterwegs sein muss man sich leisten können" - und verwies auf ihre persönlichen negativen Erfahrungen, weil sie unter ihrem tatsächlichen Namen veröffentlicht. Justiziable Kommentare gebe es zudem auch unter Klarnamen.
    MDR: Sehr gut geschultes Personal für Kommentare
    Der "Mitteldeutsche Rundfunk" (MDR) erklärte vergangene Woche öffentlich, warum er nach Prüfung fast die Hälfte aller mehr als 1500 Kommentare unter Beiträgen zu einem bestimmten Thema - dem Tod eines 22-Jährigen im sachsen-anhaltinischen Köthen - nicht publiziert hat.
    Insgesamt sei eine "starke Zunahme von Hasskommentare und rechtsextremen Äußerungen" in den vergangenen drei Jahren festzustellen, sagte Frank Rugullis, Onlinechef des MDR in Sachsen-Anhalt, dem Deutschlandfunk. Als aktuelles Beispiel zitierte er diese Online-Zuschrift: "Während Ihr Idioten über die AfD herzieht, führen wir still und leise unseren Plan aus: Listen von Kommunistenschweinen und Pfaffen abgleichen, Namen und Adressen überprüfen und geheime Hinrichtungsstätten für Euch Volksverräter vorbereiten." In diesem Fall plane man, Strafanzeige zu stellen. Auch wenn man juristisch nicht immer Erfolg habe, gehe es doch darum, dem Online-Nutzer zu signalisieren, dass es sich im Kommentarbereich um keinen rechtsfreien Raum handele.
    Eine komplette Sperrung wie im Fall der Deutschen Welle sei beim mdr aber "kein Thema", unterstrich Rugullis. Man wolle das "Feedback haben, um besser zu werden und mehr Qualität abzuliefern". Der Redakteur plädierte deshalb in @mediasres: "Wir müssen als Onlineredaktion dafür sorgen, dass die besten Leute im Innendienst in die Kommentarverwaltung kommen." Denn dort könnten Online-Journalisten, indem sie gut vorbereit und professionell arbeiteten, besonders gut Haltung zeigen.