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StartseiteDie neue PlatteFeinsinn zwischen Orient und Okzident 02.04.2018

Debüt-CD von Kian SoltaniFeinsinn zwischen Orient und Okzident

Sein österreichisches Zuhause prägte ihn, aber auch seine iranische Abstammung. So wählte Kian Soltani neben Musik von Schubert und Schumann auch persische Volkslieder für seine neue Einspielung "Home". Begleitet von Aaron Pilsan gibt der Cellist ein überaus sinnliches CD-Debüt.

Am Mikrofon: Klaus Gehrke

Nahaufnahme des österreichisch-iranische Cellisten Kian Soltani, zu sehen außerdem die Celloschnecke (Holger Hage / Deutsche Grammophon)
Der österreichisch-iranische Cellist Kian Soltani (Holger Hage / Deutsche Grammophon)
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Home kann man mit Haus oder Wohnung übersetzen – allerdings auch mit Zuhause oder Heimat. Mit Heimat hat in gewisser Weise tatsächlich die Debüt-CD des österreichisch-iranischen Cellisten Kian Soltani zu tun, der zusammen mit dem Pianisten Aaron Pilsan Werke von Franz Schubert, Robert Schumann und Reza Vali für das Label Deutsche Grammophon eingespielt hat.

Musik: Robert Schumann, Adagio und Allegro As-Dur, op. 70, Langsam, mit innigem Ausdruck

Sehnsuchtsvoll und träumerisch: So beginnt das Adagio aus Robert Schumanns op. 70, das er mit der Spielanweisung "langsam, mit innigem Ausdruck" versah. Das im Februar 1849 komponierte Stück war ursprünglich für das Ventilhorn gedacht. Doch die Fassung für das Cello mit seinem sinnlichen Ton kommt möglicherweise der eigentlichen Intention Schumanns näher – der Flucht in träumerische Welten angesichts einer für ihn eher unerfreulichen Realität.

Musik: Robert Schumann, Adagio und Allegro As-Dur, op. 70, Langsam, mit innigem Ausdruck

Als Schumann Mitte Februar 1849 das Adagio und Allegro As-Dur schrieb, befand Dresden sich im revolutionären Ausnahmezustand – sehr zum Leidwesen des überaus lärmempfindlichen Komponisten, der kurz zuvor eine schwere Depression überwunden hatte. Während Richard Wagner aktiv am politischen Geschehen teilnahm, zog Schumann sich davon eher zurück. Gleichwohl lösten die Ereignisse in ihm einen starken Kreativschub aus: 1849 zählt zu den Jahren, in denen Schumann die meisten Werke, auch einige republikanisch angehauchte Chor- und Klavierstücke, komponierte.

Eusebius und Florestan in den Fantasiestücken vereint

Im Gegensatz dazu stehen die in romantischen Traumwelten versponnenen "Drei Fantasiestücke" op. 73. Sie entstanden im selben Zeitraum wie das Adagio und Allegro. Und auch in diesen "Fantasiestücken" lässt Schumann seine beiden Alter Egos, den eher melancholischen Eusebius und den draufgängerischen Florestan, anklingen. Beide Charaktere arbeitet der Cellist Kian Soltani sehr sorgfältig und feinfühlig heraus – mal mit einem sehr lyrisch singenden, mal mit einem robust kräftigen Ton, wie hier im dritten der Fantasiestücke.

Musik: Robert Schumann, Drei Fantasiestücke, op. 73, Rasch und mit Feuer

Ähnlich wie Schumann lebt auch Kian Soltani in zwei Welten – doch die sind bei ihm ganz real: Der in Bregenz geborene Sohn iranischer Eltern wuchs mit beiden Kulturen auf. Er liebt die Musik Schumanns und Schuberts ebenso wie traditionelle und zeitgenössische Werke aus dem Iran. Insofern versteht er seine Debüt-CD mit dem Titel "Home" als Hommage an seine familiären Wurzeln und die österreichische Heimat.

Feinfühliger Partner am Klavier: Aaron Pilsan

Ein geradezu perfekter Klavierpartner für Kian Soltani ist Aaron Pilsan, der interessanterweise aus dem wenige Kilometer südlich von Bregenz entfernten Dornbirn stammt. Er begleitet den Cellisten mit Verve und Präsenz, ohne sich jedoch in den Vordergrund zu spielen. In den lyrischen Passagen agieren die beiden immer äußerst gefühlvoll und zurückhaltend. Den zweiten Satz von Franz Schuberts berühmter "Arpeggione-Sonate" gestalten Kian Soltani und Aaron Pilsan mit einer bemerkenswerten, manchmal geradezu zerbrechlich wirkenden Pianissimo-Kultur, mit überaus zarten Melodiebögen und sanft hingehauchten Phrasen.

Musik: Franz Schubert, Arpeggione-Sonate, D 821, Adagio

Schubert komponierte die "Arpeggione"-Sonate 1824 übrigens für das gleichnamige Instrument, einem Zwitter aus Cello und Gitarre, das aber rasch aus der Mode kam. Seit langem gehört sie zur anspruchsvollen Celloliteratur. Neben ihr haben Soltani und Pilsan auch eine Bearbeitung von Schuberts Lied "Nacht und Träume" für das Album ausgewählt – und das nicht ohne Grund. Im Booklet beschreibt Kian Soltani es folgendermaßen: "'Nacht und Träume' besitzt nicht nur eine enorme emotionale Tiefe, es gibt auch Verbindungen zum langsamen Satz der Arpeggione-Sonate, der letztlich eben ein einfaches Lied ist."

Musik: Franz Schubert, Nacht und Träume, D 821

Für sein emotional hingebungsvolles und farbig expressives Spiel wird der 26-jährige Kian Soltani auf den großen internationalen Bühnen gefeiert. Nach seinem Debüt 2011 im Wiener Musikvereinssaal gewann er zwei Jahre später den Internationalen Paulo-Cello-Wettbewerb in Helsinki. Neben seiner Arbeit als Konzertsolist und Kammermusikpartner mit Auftritten im In- und Ausland ist Soltani auch als Erster Cellist im von Daniel Barenboim gegründeten West-Eastern-Divan Orchestra tätig. In der neuen Spielstätte des Orchesters, dem Pierre-Boulez-Saal der Barenboim-Said-Akademie in Berlin, war er bereits mehrfach zu hören; beispielsweise spielte der Cellist dort zusammen mit dem von seinem Vater gegründeten Shiraz-Ensemble traditionelle persische Musik. Diese findet sich auch auf der vorliegenden Debüt-CD "Home" – und rundet damit das Bild des sehr facettenreichen Cellisten ab.

Valis persische Volkslieder zum ersten Mal eingespielt

Die hier erstmals eingespielten sieben persischen Volkslieder für Violoncello und Klavier stammen vom iranischen Komponisten Reza Vali. Er hat ähnlich wie Béla Bartók originale Melodien seiner Heimat verarbeitet oder Motive stilistisch nachempfunden und mit westlichen Harmonien kombiniert. In "Das Mädchen von Shiraz" beispielsweise zitiert Vali kurz vor Schluss Wagners "Tristan"-Motiv.

Musik: Reza Vali, Sieben persische Volkslieder, Das Mädchen von Shiraz

Kian Soltani und Aaron Pilsan spielten die Nummer 3 aus den "Sieben persischen Volksliedern" von Reza Vali. Außergewöhnliche Musikalität und beeindruckend sensibles Zusammenspiel: Mit dieser klingenden Visitenkarte zeigen der Cellist und sein Klavierbegleiter, dass sie zum einen die berühmten Klassiker wie Schubert und Schumann souverän beherrschen und ihnen noch ein paar neue Klangfacetten abgewinnen können. Zum anderen präsentieren die beiden mit Leidenschaft, Witz und Virtuosität interessante Musik, die "Heimat" zwischen Orient und Okzident thematisiert.

Musik: Kian Soltani, Persischer Feuertanz

"Persischer Feuertanz": So nennt Kian Soltani diese Komposition für Violoncello solo, die er entsprechend feurig gespielt hat. Die Debüt-CD "Home", aufgenommen zusammen mit dem Pianisten Aaron Pilsan, ist beim Label Deutsche Grammophon erschienen.

HOME - Schubert, Schumann, Vali
Kian Soltani, Violoncello
Aaron Pilsan, Klavier
Label: Deutsche Grammophon, LC 00173 Best.Nr 4798100

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