Dienstag, 13.11.2018
 
Seit 19:15 Uhr Das Feature
StartseiteKalenderblattDéjà-vu-Erlebnis in Libyen15.04.2011

Déjà-vu-Erlebnis in Libyen

Vor 25 Jahren bombardierten US-Kampfflugzeuge Tripolis und Bengasi

Die aktuellen Luftangriffe auf Gaddafis Truppen riefen bei Beobachtern der Region ein Déjà-vu-Erlebnis hervor. Vor genau 25 Jahren reagierten die USA mit einem Vergeltungsschlag auf ein Bombenattentat auf US-Soldaten.

Von Tobias Mayer

Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi bei einem Treffen in Sabha, Libyen, im Jahr 2007. (dapd)
Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi bei einem Treffen in Sabha, Libyen, im Jahr 2007. (dapd)

Ein Reporter der BBC schilderte live die schweren amerikanischen Luftschläge auf Tripolis, die Hauptstadt Libyens, in den frühen Morgenstunden des 15. April 1986: Triebwerksdonner, Bomben, Flugabwehrgeschütze, Rauch über den Dächern der Stadt. Radio Tripolis verbreitete unterdessen Kampfparolen.

"Stellt euch den Amerikanern und Engländern! Lasst Euren Zorn raus, damit sie zerschmettert werden und eure Heimat geschützt ist."

"Die Angriffe waren begrenzt und zielgerichtet, um die Opferzahlen unter der libyschen Bevölkerung, mit der wir nicht im Streit sind, zu minimieren. Unsere Kräfte waren erfolgreich."

Der amerikanische Präsident Ronald Reagan erläuterte die Einzelheiten der Militäroperation, sie war ein Vergeltungsschlag. Zehn Tage zuvor hatte ein Bombenattentat auf die Diskothek "La Belle" in West-Berlin - seinerzeit ein beliebter Treffpunkt für US-Soldaten - drei Menschen das Leben gekostet, 250 Personen wurden teils schwer verletzt.

"Diese furchtbare Brutalität ist nur der jüngste Akt in Oberst Gaddafis Schreckensherrschaft. Wir haben den Beweis, dass der terroristische Bombenanschlag auf die Diskothek La Belle auf direkten Befehl des libyschen Regimes geplant und ausgeführt wurde."

Dieser Anschlag in Berlin war seinerseits die Reaktion auf die Versenkung zweier libyscher Kriegsschiffe im Mittelmeer kurz zuvor, nachdem die USA Gaddafi zum Hauptunterstützer des internationalen Terrorismus erklärt hatten.

Ziel der amerikanischen Luftangriffe am 15. April 1986 waren Militäreinrichtungen in Tripolis und Bengasi, darunter der sechs Quadratkilometer große Komplex von Bab al-Aziziya südlich der libyschen Hauptstadt. Dort befanden und befinden sich noch heute Kasernen, Gaddafis Kommandozentrale, die Residenz und auch sein Beduinenzelt für die heißen Sommernächte. In Deutschland wurde die amerikanische Militäroperation kontrovers diskutiert. Bundeskanzler Helmut Kohl erklärte sich aber solidarisch.

"Hunderte von amerikanischen Opfern internationaler Terroranschläge erklären die Erregung der amerikanischen Bevölkerung. Wir, die Bundesregierung, haben stets Gewalt abgelehnt. Wer aber wie Oberst Gaddafi selbst ständig Gewalt predigt und praktiziert, muss damit rechnen, dass sich die Betroffenen dagegen wehren."

In der Folge jener Ereignisse wurde Libyen international weitgehend isoliert und mit einem umfangreichen Wirtschaftsembargo belegt. Im Dezember 1988 stürzte ein Jumbo Jet der Pan Am nach einer Explosion an Bord auf das schottische Städtchen Lockerbie. Erst 2002 übernahm Libyen dafür die volle Verantwortung und zahlte umfangreiche Entschädigungen an die Familien der Opfer. Die Beziehungen zum Westen verbesserten sich. Muammar al-Gaddafi spielte bald wieder mit auf der politischen Weltbühne. Der erklärte Verzicht von Massenvernichtungswaffen Ende 2003 schließlich war ein geschickter Schachzug Gaddafis, für ihn ein kleines, aber überaus gewinnbringendes Zugeständnis. Hanspeter Mattes, Libyen-Experte vom Institut für Nahoststudien in Hamburg.

"Dieser Schritt war natürlich notwendig, weil Libyen die US-Sanktionen im Erdölbereich überwinden wollte. Das ist aber der einzige Punkt, wo die libysche politische Führung, wo Gaddafi auf den Westen, auf eine Forderung des Westens zugegangen ist."

Jetzt neigt sich die Ära Gaddafi dem Ende zu. Eine militärisch durchgesetzte Flugverbotszone in Libyen soll Gaddafi schwächen. Der Westen hat den Diktator fallen gelassen, die Aufständischen kontrollieren den Westen des Landes. Seit Februar inszeniert Gaddafi in bizarrer Art und Weise seine immer noch vorhandene Macht. Mehrfach wandte er sich in TV-Ansprachen an die ihm verbliebenen loyalen Anhänger just in dem Gebäude des Bab-al-Aziziya-Komplexes, das vor 25 Jahren ausgebombt wurde.

Gaddafi hat Bab al-Aziziya zur antiamerikanischen Kultstätte ausgebaut und im Hof nach den Luftschlägen von 1986 ein goldfarbenes Denkmal errichten lassen - in Form eines Unterarms, die Faust zerquetscht ein US-Kampfflugzeug - ein Wunschtraum, der für Gaddafi aktueller nicht sein könnte.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk