Brutaler Egoismus der Macht-Elite und blanker Terror lähmen den Staat inzwischen derart, dass er dem Wachstum gewaltiger Probleme fast tatenlos zuschaut: Die Hauptstadt Dhaka zum Beispiel erstickt in Abgasen; 30 Millionen Bangladeshis trinken arsenverseuchtes Grundwasser; die für 75 Prozent der Exporterlöse zuständige Textilindustrie ist, mangels aktiver Wirtschaftspolitik, binnen eines Jahres um ein Drittel geschrumpft.
Bangladesh, das östliche Bengalen, gelegen im Delta von Ganges, Brahmaputra und Meghna – ist knapp doppelt so groß wie Bayern. Tausend Menschen leben auf einem Quadratkilometer; die meisten kämpfen täglich ums Überleben.
Rikscha-Fahrer wie Mohammad Suleiman zum Beispiel, der sich – wie 600.000 Kollegen – Tag für Tag durch den Smog von Dhaka quält. Mohammad lebt abseits der Durchgangsstraße von Dhaka City. Auf sumpfiger Baubrache zwischen zwei Hochhäusern hat er einen Verschlag aus Blech, Bambusgeflecht und Brettern gemietet, errichtet auf einem Fundament aus Lehm.
"Acht Stunden täglich fahre ich”, sagt Mohammad und deutet auf sein mit einer Traumlandschaft bemaltes Gefährt.
Diese Rikscha gehört einem Polizisten. 100 Taka, zwei Euro, zahle ich pro Tag dafür, dass ich sie benutzen darf – von sechs Uhr früh bis zwei Uhr nachmittags. Mir bleiben etwa 150 Taka am Tag. Diese Arbeit, sage ich Ihnen, ist schon hart. Grade eben habe ich zwei dicke Damen durch die halbe Stadt gefahren. Da schwitzt man furchtbar viel, und abends tun einem die Muskeln weh in Armen und Beinen.
Ein schmächtiger, ausgezehrt wirkender Mann mit vom Betel-Kauen roten Zähnen; früh gealtert, langsame Bewegungen; ein Gesicht, aus dem Melancholie und Schicksalsergebenheit sprechen.
Mohammads achtjährige Tochter Soraya besucht eine so genannte Slumschule – gebaut vor 30 Jahren auf dem Campus des renommierten "Notre Dame College" der katholischen Kirche. Die Priester, sagt Lehrerin Bela Cruze, wollten schon früh ein Zeichen setzen gegen das Elend in den Slums, die damals in Dhaka zu wachsen begannen.
Mittlerweile besuchen über tausend Kinder und, abends, Erwachsene die vom deutschen Hilfswerk "Misereor" geförderte Grundschule – unterrichtet von 32 Lehrern in baufälligen Pavillons.
Das Dach unseres Schulgebäudes ist alt. Es leckt überall. Außerdem liegt der Fußboden sehr niedrig. Nach einer Stunde Regen ist er überflutet. "Kinder, haltet euer Papier und eure Bleistifte fest", rufe ich dann, aber den meisten fällt alles ins Wasser. Letztes Jahr war es besonders schlimm. Die Kinder schrieben gerade eine Arbeit, als es zu schütten begann und gar nicht mehr aufhörte. Es regnete und regnete, und wir waren in diesem Gebäude gefangen. Um einigermaßen trocken zu bleiben, drängten wir uns im Lehrerzimmer zusammen, dem einzigen Raum, der etwas höher liegt. Aber die Tische und Stühle! Schauen Sie mal, wie die aussehen. Drei, vier Monate jedes Jahr stehen die Möbel im Wasser und gehen davon natürlich kaputt. Wir haben einfach keinen trockenen Platz für sie.
Heute, an einem sonnigen Vormittag, repetieren Kinder der dritten und vierten Klasse Kernsätze der Geschichte von Bangladesh – im liebevoll angelegten Blumengarten der Schule. In den durch bloße Bambuswände getrennten Klassenzimmer ist Unterricht nur bedingt möglich – was den Kindern, sagt Bela, egal ist. Sie stehen morgens um sieben vor dem Schultor – bei jedem Wetter.
"Die meisten Slumkinder gehen nicht zur Schule", sagt etwas bitter Belas Kollegin, Schwester Mary Clara. "Sie arbeiten 18 Stunden täglich als Haussklaven, schleppen Ziegel beim Straßenbau oder werden als Kameljockeys in den Mittleren Osten verkauft." – Mädchen sind besonders schlimm dran. Mit spätestens elf oder zwölf beginnt auch für Mary Claras Schülerinnen der Ernst des Lebens
Unsere Mädchen aus den Slums bekommen von früh auf keine ordentliche Ernährung, und sobald sie in der fünften oder sechsten Klasse sind, werden sie verheiratet. Sie bekommen ihr erstes Baby, ihr Gesundheitszustand verschlechtert sich weiter. Natürlich heiraten diese Mädchen viel zu früh, aber die Eltern haben keine Wahl. Sie müssen ihre Töchter mit zehn oder zwölf Jahren verheiraten, besonders wenn sie hübsch sind. Es gibt nämlich, wissen Sie, sehr schlechte Menschen in den Slums. Für die ist ein lediges Mädchen nichts als Freiwild, das geraubt oder entführt werden darf. Die Slums hier werden von Verbrechern kontrolliert, zu denen jeder geht, der Probleme hat – zum Beispiel mit einem Nachbarn. "Hier hast du Geld,", sagt der Slumbewohner zum Verbrecher, "löse das Problem für mich." – Weil diese Verbrecher sehr mächtig sind, nennen wir sie "godfathers". Ein "godfather" kann dir alles wegnehmen und dich sogar umbringen. Lokale Politiker wie die Bezirksvorsitzenden der großen Parteien sind die wichtigsten "godfathers". Sie halten sich ganze Banden von Bewaffneten, sie sind stets dabei, wenn eine größere Summe Geldes den Besitzer wechselt. Von der Mitgift meiner Tochter erhalten sie ihren Anteil; sie kassieren 50.000 Taka, wenn ich ein Haus baue. Zahle ich nicht, bringen sie mich um.
Dhaka – grauer, flächenfressender Moloch unter einer erstickenden Glocke aus Abgasen und Verkehrslärm. Viele Mietshäuser: Betonskelett, braune Ziegel, in den Himmel ragender rostiger Baustahl. Nach vier, fünf Etagen ging den Bauherren das Geld aus – für weitere Etagen, für ein Dach.
Protz-Architektur im reichen Stadtteil Gulshan: lila glitzernde Glaspaläste, weiße Apartment-Komplexe in geschwungenen Formen – davor hohe Mauern und jede Menge Sicherheitskräfte. Das graue Parlament auf seinem künstlich angelegten Hügel ähnelt einer mittelalterlichen Trutzburg, die mit vier Ecktürmen bewehrte US-Botschaft einer Disneyland-Kopie jener roten Forts, mit denen vor 300 Jahren indische Maharadschas Macht demonstrierten.
Zehn Millionen Menschen; Frauen und Kinder in zerrissenen Kleidern, die in Abfallhaufen stochern – gemeinsam mit Krähen, Katzen und räudigen Hunden; Bettler mit grotesk verkrümmten Gliedern. Darüber Werbetafeln, die Babynahrung anpreisen, neueste Fernseh- und Computertechnik, vorsorgliche Mammographie. Für neueste Streifen aus Bombays Traumfabriken werben glutäugige Helden, üppigen Schönheiten, Lautsprecherwagen.
Bengalen – Randzone des indischen Subkontinents, überrollt – in drei Jahrtausenden – von immer neuen Eroberern und kulturellen Einflüssen; ein Volk, das, um zu überleben, viel Neues absorbierte. Nach buddhistischen Herren kamen Hindus; um 1200 in den Osten Muslime; seit 1757 kontrollierte Großbritannien Bengalen.
Eine, in weiten Teilen, mystische Literatur und Musik fand ihren Höhepunkt in Rabindranath Tagore – in jenem Kosmopoliten, Dichter, Philosophen, Musiker und Zeichner, der als Vater der modernen Kultur Bengalens gilt. Tagore, weder Muslim noch Hindu, inspirierte mit seinen Liedern den Befreiungskampf des Subkontinents; er ist Autor der Nationalhymne Indiens und der Hymne von Bangladesh.
Ostbengalen – zu knapp 90 Prozent muslimisch, zu zehn Prozent hinduistisch – gehörte 24 Jahre zu Pakistan, bevor es sich 1971 von Islamabad löste und den Namen Bangladesh annahm. Es folgten Chaos, Attentate, Militärdiktatur. Seit 1990 herrscht formal Demokratie; die politische Gewalt hat eher zugenommen.
Immer wieder, zum Beispiel, kommt es zu Übergriffen von Muslimen gegen Hindus – mal als Reaktion auf Hindu-Gewalt gegen Muslime in Indien; mal als Teil des parteipolitischen Wahlkampfs wie zuletzt 2001.
In der Stadt Bula – berichtet ein Intellektueller, der ungenannt bleiben möchte – ermordeten Anhänger der "Bangladesh National Party”, BNP, prominente Hindus, weil Hindus als Anhänger der Konkurrenz-Partei "Awami-Liga” gelten. Hindu-Frauen wurden vergewaltigt, Hunderte Familien von ihrem Land vertrieben.
Nach den Ausschreitungen in Bula floh meine Nichte nach Dhaka und lebte sechs Monate lang in meinem Haus. Inzwischen ist sie nach Bula zurückgekehrt, hat aber wie ihre Freunde Angst, das College zu besuchen. Immer wieder nämlich kommt es dort zu Anschlägen auf Hindu-Studenten. Eine weitere meiner Nichten ist deshalb vor kurzem nach Indien geflohen.
"Hindus wurden von den Herrschenden in Bangladesh schon immer diskriminiert", erklärt der Dhakaer Journalist Afsan Chowdhury. 1965, während eines Kriegs mit Indien, erließ Pakistans Militärregime den sogenannten "Enemy Property Act". Nach diesem Gesetz verfiel alles Eigentum von Pakistanern, die in Indien lebten, dem Staat – als sogenanntes "Feindeigentum".
Der Krieg endete nach 17 Tagen, das Gesetz aber galt in Bangladesh weitere 36 Jahre. Eine Regierung nach der anderen nutzte es, um Hindus zu enteignen. Erst im April 2001 wurde der "Enemy Property Act" abgeschafft.
"Der Islam in Bangladesh", sagt Chowdhury, "hat sufistische Wurzeln; ihn prägen Mystizismus und auch Toleranz; unser Islam ist stark vom Hinduismus beeinflusst, mit dem er symbiotisch verbunden ist." Hindus und Muslime in Bangladesh feiern, so der Journalist, die Feste der jeweils anderen Religion gemeinsam. Muslimische Übergriffe gegen Hindus seien denn auch nicht religiös motiviert, sondern das Werk gewissenloser Politiker.
Die Übergriffe gegen Hindus nach den letzten Wahlen sind als parteipolitisch motivierte Strafaktion zu verstehen: BNP-Anhänger gingen gegen Hindus vor, weil die traditionell Awami-Liga wählen. – Interessant ist, dass in Wahlbezirken, die die Partei "Jamaat-i-Islami" gewonnen hatte, so gut wie keine Gewalt auftrat. Die Parteiführung hatte Übergriffe offenbar untersagt.
Die Partei "Jamaat-i-Islami" gilt im Westen als fundamentalistisch; ihr werden Kontakte zum islamistischen Terror nachgesagt. "Jamaat"-Führer Motiur Rahman Nizami, ein freundlicher älterer Herr mit etwas stechenden Augen und sorgsam gepflegtem weißem Bart, gibt sich konziliant. "Zwinge ich meine Mitarbeiter hier im Büro, einen Bart zu tragen?" fragt er. "Demonstriere ich dagegen, dass Millionen unserer Frauen ohne Kopftuch umherlaufen?"
"Meine Religion aber will ich ausüben", sagt Nizami dann und empört sich darüber, dass der Oberste Gerichtshof religiöse Urteile, so genannte "Fatwas", für ungesetzlich erklärt hat.
Seit der britischen Kolonialzeit gibt es bei uns ein Familienrecht für Hindus und eins für Muslime. Wir Muslime nun befragen in Zweifelsfällen unsere Rechtsgelehrten, deren Gutachten zu Fragen der Sharia wir als "Fatwa" bezeichnen. Niemand kann uns dies verbieten. Das wäre ein Verstoß gegen die Freiheit des Denkens und der Rede. Außerdem wird ja wohl allein durch "Fatwa"-Urteile kein Staat islamisch.
Ein 'Fatwa'-Todesurteil immerhin vertrieb 1993 die feministische Autorin Taslima Nasreen aus Bangladesh "Diese Frau hat breite Schichten unserer Gesellschaft beleidigt", antwortet der "Jamaat"-Führer, "einer Gesellschaft, die wir schon ganz gern durch islamische Gesetze regiert wüssten."
Der US-Präsident legt bei seinem Amtseid die Hand auf die Bibel. Die britische Monarchin versteht sich als Hüterin des anglikanischen Glaubens; und wer in Großbritannien Jesus Christus beleidigt, wird nach einem Blasphemie-Gesetz bestraft. All das gilt nicht als Fundamentalismus. Erheben jedoch Bürger eines muslimischen Landes ihre Stimme zugunsten islamischer Gesetzgebung, dann werden sie gleich als Fundamentalisten gebrandmarkt. Das halte ich für nicht fair gegenüber uns Muslimen.
"Jamaat-i-Islami" – 16 Sitze im Parlament, Koalitionspartner der herrschenden BNP; ohne großen Einfluss allerdings, da die BNP auch allein über die absolute Mehrheit verfügt. "Kein Grund zur Panik bei Ihnen im Westen also", meint Afsan Chowdhury.
"Jamaat-i-Islami" ist meiner Meinung nach keine extremistische oder gar terroristische Partei in dem Sinne, wie sie der Westen neuerdings überall wittert. Diese Partei trennen Welten von "Al Qaida". Natürlich, "Jamaat" hat bewaffnete Kader. Aber die hat auch die BNP, die hat die "Awami-Liga", die haben fast alle Parteien und viele Geschäftsleute in diesem Land. Waffen spielen eine sehr spezielle Rolle im politischen Alltag von Bangladesch.
Politik in Bangladesh – ein auch mit Waffen gefochtener Kampf zwischen, insbesondere, zwei Parteien: Die "Awami-Liga", geführt von Hasina Wazed, Tochter des 1975 ermordeten Staatsgründers Mujibur Rahman, kämpft gegen die zur Zeit regierende BNP, geführt von Khaleda Zia, Witwe des 1985 ermordeten Militärdiktators Zia-Ul-Rahman.
Dreimal schon haben die Damen einander abgelöst im Amt des Premierministers; ihre Parteien bekämpfen sich gegenseitig mit Generalstreiks und roher Gewalt.
Bisweilen wird im Wahlkampf – vor allem bei Übergriffen gegen Minderheiten – ganz bewusst das Mittel der Vergewaltigung eingesetzt. Die Moral des politischen Gegners soll untergraben, seine Familie erniedrigt werden. Leider nehmen solche Vorfälle seit einiger Zeit zu. Kürzlich hat sogar ein Vertreter der Vereinten Nationen kritisiert, dass politische Führer in Bangladesch Töchter ihrer Konkurrenten aus anderen Parteien vergewaltigen. So etwas geschieht in diesem Lande.
"Programmatische Unterschiede zwischen BNP und "Awami-Liga" gibt es nicht", meint der Dhakaer Politologe Philip Gain. "Es geht ausschließlich um Macht und Pfründe. Fast jeder ist bestechlich; Khaleda überzieht, sobald sie an der Macht ist, Hasina mit Korruptionsverfahren – und umgekehrt, wobei niemand ein Urteil befürchten muss: Weite Teile des Gerichtswesens liegen – aufgrund von Trägheit, Bürokratie und Parteienstreit – im Koma."
"Ihr Personal rekrutieren die Parteien aus der Schar der Arbeitslosen ohne Berufsausbildung oder gar Hochschulabschluss", sagt Afsan Chowdhury, "unter Menschen also, die eine Chance, gutes Geld zu verdienen, nur als Verbrecher haben."
Politische Macht in Bangladesch stützt sich heute fast ausschließlich auf die wirtschaftliche und physische Macht von Verbrechern. Das war so unter der vorigen Regierung; es ist so unter der jetzigen. – Um überhaupt Wahlen abzuhalten, bedarf es eines gewaltigen Aufgebots an Sicherheitskräften; jeder hat Angst, man könne entdecken, wen er wählt; politische Demonstrationen sind stets gewalttätig. – Kurz, Gewalt ist zur Dominante unseres politischen Alltags avanciert. Dies ist so, weil die Parteien sich sehenden Auges in die Hände von Verbrechern begeben haben. Die enge Symbiose von Politik und Verbrechen verkörpert den Kern des "godfather-Syndroms", unter dem wir leiden.
Das Volk von Bangladesh führt derweil seinen Kampf, gegen drückendes Elend, auf eigene Faust – nicht ohne Erfolg:
Die Reisproduktion ist derart gestiegen, dass Bangladesh heute Selbstversorger ist und sogar während der Flutkatastrophe 1998 keine Hungersnot erlebte. Das Bevölkerungswachstum ist binnen 20 Jahren von vier auf 1,6 Prozent gesunken; und Bangladeshs Frauen haben ihr gesellschaftliches Gewicht deutlich erhöht.
Nach wie vor aber sind die Frauen, zweifellos, den Männern untertan; auf ihrem Rücken werden Mitgiftstreitereien ausgetragen; sie bekommen weniger zu essen als Ehemann, Vater und Sohn – obwohl sie das Gros der Arbeit verrichten, derweil die Männer Reiswein trinken.
Andererseits haben Hilfsorganisationen wie die "Grameen Bank" vielen Frauen den Aufbau einer Existenz ermöglicht und weibliches Selbstbewusstsein verbreitet. Der Bildungsstand von Frauen nähert sich allmählich dem der Männer an; in vielen Textilfabriken gibt es heute gleiches Geld für gleiche Arbeit – Entwicklungen, die den führenden Wirtschaftswissenschaftler Bangladeshs, Hossain Zillur Rahman, leidlich optimistisch in die Zukunft schauen lassen.
Viele Frauen in Bangladesch wollen heute ihr eigenes Geld verdienen – was auf Einstellungsänderungen auch bei unseren Männern zurückzuführen ist. Sie sehen einfach, dass da Einkommen für die Familie herausspringen könnte, ein besserer Status für sie selbst, eine Chance für ihre Kinder, zur Schule zu gehen. – Und wissen Sie noch, wie vor zehn Jahren unsere Frauen, in Kopftücher und Schleier gehüllt, die Straßen entlang huschten? Heute sehen Sie morgens um sieben in den Straßen von Dhaka Tausende junger Frauen in die Textilfabriken gehen; und keine einzige trägt ein Kopftuch. – Ja, wir sind ein Volk von Pragmatikern. Und genau deshalb verkörpert das größte Problem unseres Landes der Staat. Unsere Politiker haben nichts als ihren Vorteil im Blick. Und mit parteipolitisch motivierter Bürokratie hindern sie einfache Bürger daran, etwas zu unternehmen. – Wir Bangladeschis, sage ich Ihnen, brauchen den Staat nicht. Wir brauchen keine helfende Hand, wir brauchen ausschließlich die Chance, etwas zu tun. Dann werden wir unseren Weg machen.
Bangladesh, das östliche Bengalen, gelegen im Delta von Ganges, Brahmaputra und Meghna – ist knapp doppelt so groß wie Bayern. Tausend Menschen leben auf einem Quadratkilometer; die meisten kämpfen täglich ums Überleben.
Rikscha-Fahrer wie Mohammad Suleiman zum Beispiel, der sich – wie 600.000 Kollegen – Tag für Tag durch den Smog von Dhaka quält. Mohammad lebt abseits der Durchgangsstraße von Dhaka City. Auf sumpfiger Baubrache zwischen zwei Hochhäusern hat er einen Verschlag aus Blech, Bambusgeflecht und Brettern gemietet, errichtet auf einem Fundament aus Lehm.
"Acht Stunden täglich fahre ich”, sagt Mohammad und deutet auf sein mit einer Traumlandschaft bemaltes Gefährt.
Diese Rikscha gehört einem Polizisten. 100 Taka, zwei Euro, zahle ich pro Tag dafür, dass ich sie benutzen darf – von sechs Uhr früh bis zwei Uhr nachmittags. Mir bleiben etwa 150 Taka am Tag. Diese Arbeit, sage ich Ihnen, ist schon hart. Grade eben habe ich zwei dicke Damen durch die halbe Stadt gefahren. Da schwitzt man furchtbar viel, und abends tun einem die Muskeln weh in Armen und Beinen.
Ein schmächtiger, ausgezehrt wirkender Mann mit vom Betel-Kauen roten Zähnen; früh gealtert, langsame Bewegungen; ein Gesicht, aus dem Melancholie und Schicksalsergebenheit sprechen.
Mohammads achtjährige Tochter Soraya besucht eine so genannte Slumschule – gebaut vor 30 Jahren auf dem Campus des renommierten "Notre Dame College" der katholischen Kirche. Die Priester, sagt Lehrerin Bela Cruze, wollten schon früh ein Zeichen setzen gegen das Elend in den Slums, die damals in Dhaka zu wachsen begannen.
Mittlerweile besuchen über tausend Kinder und, abends, Erwachsene die vom deutschen Hilfswerk "Misereor" geförderte Grundschule – unterrichtet von 32 Lehrern in baufälligen Pavillons.
Das Dach unseres Schulgebäudes ist alt. Es leckt überall. Außerdem liegt der Fußboden sehr niedrig. Nach einer Stunde Regen ist er überflutet. "Kinder, haltet euer Papier und eure Bleistifte fest", rufe ich dann, aber den meisten fällt alles ins Wasser. Letztes Jahr war es besonders schlimm. Die Kinder schrieben gerade eine Arbeit, als es zu schütten begann und gar nicht mehr aufhörte. Es regnete und regnete, und wir waren in diesem Gebäude gefangen. Um einigermaßen trocken zu bleiben, drängten wir uns im Lehrerzimmer zusammen, dem einzigen Raum, der etwas höher liegt. Aber die Tische und Stühle! Schauen Sie mal, wie die aussehen. Drei, vier Monate jedes Jahr stehen die Möbel im Wasser und gehen davon natürlich kaputt. Wir haben einfach keinen trockenen Platz für sie.
Heute, an einem sonnigen Vormittag, repetieren Kinder der dritten und vierten Klasse Kernsätze der Geschichte von Bangladesh – im liebevoll angelegten Blumengarten der Schule. In den durch bloße Bambuswände getrennten Klassenzimmer ist Unterricht nur bedingt möglich – was den Kindern, sagt Bela, egal ist. Sie stehen morgens um sieben vor dem Schultor – bei jedem Wetter.
"Die meisten Slumkinder gehen nicht zur Schule", sagt etwas bitter Belas Kollegin, Schwester Mary Clara. "Sie arbeiten 18 Stunden täglich als Haussklaven, schleppen Ziegel beim Straßenbau oder werden als Kameljockeys in den Mittleren Osten verkauft." – Mädchen sind besonders schlimm dran. Mit spätestens elf oder zwölf beginnt auch für Mary Claras Schülerinnen der Ernst des Lebens
Unsere Mädchen aus den Slums bekommen von früh auf keine ordentliche Ernährung, und sobald sie in der fünften oder sechsten Klasse sind, werden sie verheiratet. Sie bekommen ihr erstes Baby, ihr Gesundheitszustand verschlechtert sich weiter. Natürlich heiraten diese Mädchen viel zu früh, aber die Eltern haben keine Wahl. Sie müssen ihre Töchter mit zehn oder zwölf Jahren verheiraten, besonders wenn sie hübsch sind. Es gibt nämlich, wissen Sie, sehr schlechte Menschen in den Slums. Für die ist ein lediges Mädchen nichts als Freiwild, das geraubt oder entführt werden darf. Die Slums hier werden von Verbrechern kontrolliert, zu denen jeder geht, der Probleme hat – zum Beispiel mit einem Nachbarn. "Hier hast du Geld,", sagt der Slumbewohner zum Verbrecher, "löse das Problem für mich." – Weil diese Verbrecher sehr mächtig sind, nennen wir sie "godfathers". Ein "godfather" kann dir alles wegnehmen und dich sogar umbringen. Lokale Politiker wie die Bezirksvorsitzenden der großen Parteien sind die wichtigsten "godfathers". Sie halten sich ganze Banden von Bewaffneten, sie sind stets dabei, wenn eine größere Summe Geldes den Besitzer wechselt. Von der Mitgift meiner Tochter erhalten sie ihren Anteil; sie kassieren 50.000 Taka, wenn ich ein Haus baue. Zahle ich nicht, bringen sie mich um.
Dhaka – grauer, flächenfressender Moloch unter einer erstickenden Glocke aus Abgasen und Verkehrslärm. Viele Mietshäuser: Betonskelett, braune Ziegel, in den Himmel ragender rostiger Baustahl. Nach vier, fünf Etagen ging den Bauherren das Geld aus – für weitere Etagen, für ein Dach.
Protz-Architektur im reichen Stadtteil Gulshan: lila glitzernde Glaspaläste, weiße Apartment-Komplexe in geschwungenen Formen – davor hohe Mauern und jede Menge Sicherheitskräfte. Das graue Parlament auf seinem künstlich angelegten Hügel ähnelt einer mittelalterlichen Trutzburg, die mit vier Ecktürmen bewehrte US-Botschaft einer Disneyland-Kopie jener roten Forts, mit denen vor 300 Jahren indische Maharadschas Macht demonstrierten.
Zehn Millionen Menschen; Frauen und Kinder in zerrissenen Kleidern, die in Abfallhaufen stochern – gemeinsam mit Krähen, Katzen und räudigen Hunden; Bettler mit grotesk verkrümmten Gliedern. Darüber Werbetafeln, die Babynahrung anpreisen, neueste Fernseh- und Computertechnik, vorsorgliche Mammographie. Für neueste Streifen aus Bombays Traumfabriken werben glutäugige Helden, üppigen Schönheiten, Lautsprecherwagen.
Bengalen – Randzone des indischen Subkontinents, überrollt – in drei Jahrtausenden – von immer neuen Eroberern und kulturellen Einflüssen; ein Volk, das, um zu überleben, viel Neues absorbierte. Nach buddhistischen Herren kamen Hindus; um 1200 in den Osten Muslime; seit 1757 kontrollierte Großbritannien Bengalen.
Eine, in weiten Teilen, mystische Literatur und Musik fand ihren Höhepunkt in Rabindranath Tagore – in jenem Kosmopoliten, Dichter, Philosophen, Musiker und Zeichner, der als Vater der modernen Kultur Bengalens gilt. Tagore, weder Muslim noch Hindu, inspirierte mit seinen Liedern den Befreiungskampf des Subkontinents; er ist Autor der Nationalhymne Indiens und der Hymne von Bangladesh.
Ostbengalen – zu knapp 90 Prozent muslimisch, zu zehn Prozent hinduistisch – gehörte 24 Jahre zu Pakistan, bevor es sich 1971 von Islamabad löste und den Namen Bangladesh annahm. Es folgten Chaos, Attentate, Militärdiktatur. Seit 1990 herrscht formal Demokratie; die politische Gewalt hat eher zugenommen.
Immer wieder, zum Beispiel, kommt es zu Übergriffen von Muslimen gegen Hindus – mal als Reaktion auf Hindu-Gewalt gegen Muslime in Indien; mal als Teil des parteipolitischen Wahlkampfs wie zuletzt 2001.
In der Stadt Bula – berichtet ein Intellektueller, der ungenannt bleiben möchte – ermordeten Anhänger der "Bangladesh National Party”, BNP, prominente Hindus, weil Hindus als Anhänger der Konkurrenz-Partei "Awami-Liga” gelten. Hindu-Frauen wurden vergewaltigt, Hunderte Familien von ihrem Land vertrieben.
Nach den Ausschreitungen in Bula floh meine Nichte nach Dhaka und lebte sechs Monate lang in meinem Haus. Inzwischen ist sie nach Bula zurückgekehrt, hat aber wie ihre Freunde Angst, das College zu besuchen. Immer wieder nämlich kommt es dort zu Anschlägen auf Hindu-Studenten. Eine weitere meiner Nichten ist deshalb vor kurzem nach Indien geflohen.
"Hindus wurden von den Herrschenden in Bangladesh schon immer diskriminiert", erklärt der Dhakaer Journalist Afsan Chowdhury. 1965, während eines Kriegs mit Indien, erließ Pakistans Militärregime den sogenannten "Enemy Property Act". Nach diesem Gesetz verfiel alles Eigentum von Pakistanern, die in Indien lebten, dem Staat – als sogenanntes "Feindeigentum".
Der Krieg endete nach 17 Tagen, das Gesetz aber galt in Bangladesh weitere 36 Jahre. Eine Regierung nach der anderen nutzte es, um Hindus zu enteignen. Erst im April 2001 wurde der "Enemy Property Act" abgeschafft.
"Der Islam in Bangladesh", sagt Chowdhury, "hat sufistische Wurzeln; ihn prägen Mystizismus und auch Toleranz; unser Islam ist stark vom Hinduismus beeinflusst, mit dem er symbiotisch verbunden ist." Hindus und Muslime in Bangladesh feiern, so der Journalist, die Feste der jeweils anderen Religion gemeinsam. Muslimische Übergriffe gegen Hindus seien denn auch nicht religiös motiviert, sondern das Werk gewissenloser Politiker.
Die Übergriffe gegen Hindus nach den letzten Wahlen sind als parteipolitisch motivierte Strafaktion zu verstehen: BNP-Anhänger gingen gegen Hindus vor, weil die traditionell Awami-Liga wählen. – Interessant ist, dass in Wahlbezirken, die die Partei "Jamaat-i-Islami" gewonnen hatte, so gut wie keine Gewalt auftrat. Die Parteiführung hatte Übergriffe offenbar untersagt.
Die Partei "Jamaat-i-Islami" gilt im Westen als fundamentalistisch; ihr werden Kontakte zum islamistischen Terror nachgesagt. "Jamaat"-Führer Motiur Rahman Nizami, ein freundlicher älterer Herr mit etwas stechenden Augen und sorgsam gepflegtem weißem Bart, gibt sich konziliant. "Zwinge ich meine Mitarbeiter hier im Büro, einen Bart zu tragen?" fragt er. "Demonstriere ich dagegen, dass Millionen unserer Frauen ohne Kopftuch umherlaufen?"
"Meine Religion aber will ich ausüben", sagt Nizami dann und empört sich darüber, dass der Oberste Gerichtshof religiöse Urteile, so genannte "Fatwas", für ungesetzlich erklärt hat.
Seit der britischen Kolonialzeit gibt es bei uns ein Familienrecht für Hindus und eins für Muslime. Wir Muslime nun befragen in Zweifelsfällen unsere Rechtsgelehrten, deren Gutachten zu Fragen der Sharia wir als "Fatwa" bezeichnen. Niemand kann uns dies verbieten. Das wäre ein Verstoß gegen die Freiheit des Denkens und der Rede. Außerdem wird ja wohl allein durch "Fatwa"-Urteile kein Staat islamisch.
Ein 'Fatwa'-Todesurteil immerhin vertrieb 1993 die feministische Autorin Taslima Nasreen aus Bangladesh "Diese Frau hat breite Schichten unserer Gesellschaft beleidigt", antwortet der "Jamaat"-Führer, "einer Gesellschaft, die wir schon ganz gern durch islamische Gesetze regiert wüssten."
Der US-Präsident legt bei seinem Amtseid die Hand auf die Bibel. Die britische Monarchin versteht sich als Hüterin des anglikanischen Glaubens; und wer in Großbritannien Jesus Christus beleidigt, wird nach einem Blasphemie-Gesetz bestraft. All das gilt nicht als Fundamentalismus. Erheben jedoch Bürger eines muslimischen Landes ihre Stimme zugunsten islamischer Gesetzgebung, dann werden sie gleich als Fundamentalisten gebrandmarkt. Das halte ich für nicht fair gegenüber uns Muslimen.
"Jamaat-i-Islami" – 16 Sitze im Parlament, Koalitionspartner der herrschenden BNP; ohne großen Einfluss allerdings, da die BNP auch allein über die absolute Mehrheit verfügt. "Kein Grund zur Panik bei Ihnen im Westen also", meint Afsan Chowdhury.
"Jamaat-i-Islami" ist meiner Meinung nach keine extremistische oder gar terroristische Partei in dem Sinne, wie sie der Westen neuerdings überall wittert. Diese Partei trennen Welten von "Al Qaida". Natürlich, "Jamaat" hat bewaffnete Kader. Aber die hat auch die BNP, die hat die "Awami-Liga", die haben fast alle Parteien und viele Geschäftsleute in diesem Land. Waffen spielen eine sehr spezielle Rolle im politischen Alltag von Bangladesch.
Politik in Bangladesh – ein auch mit Waffen gefochtener Kampf zwischen, insbesondere, zwei Parteien: Die "Awami-Liga", geführt von Hasina Wazed, Tochter des 1975 ermordeten Staatsgründers Mujibur Rahman, kämpft gegen die zur Zeit regierende BNP, geführt von Khaleda Zia, Witwe des 1985 ermordeten Militärdiktators Zia-Ul-Rahman.
Dreimal schon haben die Damen einander abgelöst im Amt des Premierministers; ihre Parteien bekämpfen sich gegenseitig mit Generalstreiks und roher Gewalt.
Bisweilen wird im Wahlkampf – vor allem bei Übergriffen gegen Minderheiten – ganz bewusst das Mittel der Vergewaltigung eingesetzt. Die Moral des politischen Gegners soll untergraben, seine Familie erniedrigt werden. Leider nehmen solche Vorfälle seit einiger Zeit zu. Kürzlich hat sogar ein Vertreter der Vereinten Nationen kritisiert, dass politische Führer in Bangladesch Töchter ihrer Konkurrenten aus anderen Parteien vergewaltigen. So etwas geschieht in diesem Lande.
"Programmatische Unterschiede zwischen BNP und "Awami-Liga" gibt es nicht", meint der Dhakaer Politologe Philip Gain. "Es geht ausschließlich um Macht und Pfründe. Fast jeder ist bestechlich; Khaleda überzieht, sobald sie an der Macht ist, Hasina mit Korruptionsverfahren – und umgekehrt, wobei niemand ein Urteil befürchten muss: Weite Teile des Gerichtswesens liegen – aufgrund von Trägheit, Bürokratie und Parteienstreit – im Koma."
"Ihr Personal rekrutieren die Parteien aus der Schar der Arbeitslosen ohne Berufsausbildung oder gar Hochschulabschluss", sagt Afsan Chowdhury, "unter Menschen also, die eine Chance, gutes Geld zu verdienen, nur als Verbrecher haben."
Politische Macht in Bangladesch stützt sich heute fast ausschließlich auf die wirtschaftliche und physische Macht von Verbrechern. Das war so unter der vorigen Regierung; es ist so unter der jetzigen. – Um überhaupt Wahlen abzuhalten, bedarf es eines gewaltigen Aufgebots an Sicherheitskräften; jeder hat Angst, man könne entdecken, wen er wählt; politische Demonstrationen sind stets gewalttätig. – Kurz, Gewalt ist zur Dominante unseres politischen Alltags avanciert. Dies ist so, weil die Parteien sich sehenden Auges in die Hände von Verbrechern begeben haben. Die enge Symbiose von Politik und Verbrechen verkörpert den Kern des "godfather-Syndroms", unter dem wir leiden.
Das Volk von Bangladesh führt derweil seinen Kampf, gegen drückendes Elend, auf eigene Faust – nicht ohne Erfolg:
Die Reisproduktion ist derart gestiegen, dass Bangladesh heute Selbstversorger ist und sogar während der Flutkatastrophe 1998 keine Hungersnot erlebte. Das Bevölkerungswachstum ist binnen 20 Jahren von vier auf 1,6 Prozent gesunken; und Bangladeshs Frauen haben ihr gesellschaftliches Gewicht deutlich erhöht.
Nach wie vor aber sind die Frauen, zweifellos, den Männern untertan; auf ihrem Rücken werden Mitgiftstreitereien ausgetragen; sie bekommen weniger zu essen als Ehemann, Vater und Sohn – obwohl sie das Gros der Arbeit verrichten, derweil die Männer Reiswein trinken.
Andererseits haben Hilfsorganisationen wie die "Grameen Bank" vielen Frauen den Aufbau einer Existenz ermöglicht und weibliches Selbstbewusstsein verbreitet. Der Bildungsstand von Frauen nähert sich allmählich dem der Männer an; in vielen Textilfabriken gibt es heute gleiches Geld für gleiche Arbeit – Entwicklungen, die den führenden Wirtschaftswissenschaftler Bangladeshs, Hossain Zillur Rahman, leidlich optimistisch in die Zukunft schauen lassen.
Viele Frauen in Bangladesch wollen heute ihr eigenes Geld verdienen – was auf Einstellungsänderungen auch bei unseren Männern zurückzuführen ist. Sie sehen einfach, dass da Einkommen für die Familie herausspringen könnte, ein besserer Status für sie selbst, eine Chance für ihre Kinder, zur Schule zu gehen. – Und wissen Sie noch, wie vor zehn Jahren unsere Frauen, in Kopftücher und Schleier gehüllt, die Straßen entlang huschten? Heute sehen Sie morgens um sieben in den Straßen von Dhaka Tausende junger Frauen in die Textilfabriken gehen; und keine einzige trägt ein Kopftuch. – Ja, wir sind ein Volk von Pragmatikern. Und genau deshalb verkörpert das größte Problem unseres Landes der Staat. Unsere Politiker haben nichts als ihren Vorteil im Blick. Und mit parteipolitisch motivierter Bürokratie hindern sie einfache Bürger daran, etwas zu unternehmen. – Wir Bangladeschis, sage ich Ihnen, brauchen den Staat nicht. Wir brauchen keine helfende Hand, wir brauchen ausschließlich die Chance, etwas zu tun. Dann werden wir unseren Weg machen.