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StartseiteKultur heuteDen Bilbao-Effekt lieber vergessen23.03.2013

Den Bilbao-Effekt lieber vergessen

Akademie der Künste in Berlin untersucht die Rolle der Kultur als Motor der Stadtentwicklung

Mit der Ausstellung "Kultur:Stadt" hinterfragt der Kurator Matthias Sauerbruch die Vorstellung, ein architektonisches Highlight könnte eine Stadt attraktiv machen. 37 gelungene und misslungene Projekte zeigen auf, dass Gigantomanie selten ein Erfolgsrezept ist.

Von Carsten Probst

Das Guggenheim-Museum in Bilbao taugt nicht als Vorbild für alle Projekte. (AP Archiv)
Das Guggenheim-Museum in Bilbao taugt nicht als Vorbild für alle Projekte. (AP Archiv)

Niemand weiß genau, wer den Begriff "Bilbao-Effekt" eigentlich erfunden hat. Dafür weiß man sehr genau, was damit gemeint ist. Es muss irgendwann nach dem Jahr 1997 gewesen sein, nach der Fertigstellung des Guggenheim-Museums in Bilbao. Die relativ unansehnliche baskische Industriemetropole hatte den US-amerikanischen Architekten Frank Gehry angeheuert, um ihrem wirtschaftlichen Verfall ein architektonisches Highlight entgegenzusetzen, von der man sich einen Aufschwung als Touristenort versprach.

Der darauf folgende Aufschwung infolge eines massenhaft einsetzenden Fremdenverkehrs elektrisierte die gesamte Region fast noch mehr als der Museumsbau, der gern als gebaute Skulptur beschrieben wird, die sich von ihrem Inhalt als Museum emanzipiert hätte.

Der Bilbao-Effekt rief sofort etliche Nachahmer auf den Plan, nicht nur in chronisch graumäusigen Städten, wie dem nordrhein-westfälischen Herford, in denen man glaubte, eine neue Zauberformel zur Selbstvermarktung gefunden zu haben. Auch durchaus ansehnliche Städte verfielen der neuen architektonischen Ikonomanie wie London mit seinem Ausbau der Tate Modern oder das andalusische Cordoba mit seinem vergangenes Jahr fertiggestellten Designzentrum. In Deutschland demonstriert das Hamburger Elbphilharmonie-Projekt nachhaltig eindrucksvoll, wie stark die Sehnsucht von Stadtverwaltungen nach einer gebauten Corporate Identity ist und wie Architekten dabei zu Imagedesignern werden.

Genau das ist die Frage, um die es dem Architekten Matthias Sauerbruch bei der von ihm in der Akademie der Künste kuratierten Ausstellung geht. Wann gelingt ein Vorzeigeprojekt - und wann nicht? Wo wird die architektonische Ikone zur Aufwertung einer Stadt - und wo wird sie zur Überforderung von Architekt, Gebäude und Stadt gleichermaßen. Bilbao taugt nicht immer als leuchtendes Vorbild.

In den beiden Ausstellungshallen stehen in loser Anordnung 37 Modelle von gebauten Kulturprojekten aus den letzten fünf Jahrzehnten. Auf Tabletcomputern kann man während des Rundganges multimediale Informationen und Kurzfilme abrufen. Unter dem Titel "Vom Forum zur Ikone" stehen im ersten Saal die großen Pionierbauten wie das Opernhaus in Sidney oder das Centre Pompidou in Paris, die man mittlerweile wie selbstverständlich als Fixsterne für die architektonische Nachkriegsmoderne aufruft. Oder andere, die zeigen, wie problematisch genau diese Ikonomanie schon in den 50er- und 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts war, denn auch das von Hans Scharoun geplante und bis heute unbefriedigende Berliner Kulturforum findet sich hier mit der Neuen Nationalgalerie von Mies van der Rohe.

Geradezu drastisch führt Peter Eisenmans Galizische Kulturstadt in Santiago de Compostela die Gefahren des Scheiterns solcher Prestigeprojekte für arme Regionen vor Augen. Kritiker sprechen nur noch von einem gigantischen, finanziellen Bonanza, auf das sich die spanische Region 2001 eingelassen habe. Nach mehr als zwölf Jahren Bauzeit sind die Kosten explodiert und die Gebäude immer noch nicht fertiggebaut. Die Euro-Krise verhindert alles Weitere - eine riesige Kulturruine ist entstanden.

Positive Beispiele sieht Sauerbruch immer dort, wo die städtischen Gegebenheiten mit Kosten und Nutzen zusammenkommen. Oft sind es eher kleinere Projekte, die zu den besonders erfolgreichen zählen. Umnutzungen von Altbauten etwa: Nicht von ungefähr stehen das Ruhrgebiet und Berlin hier mit mehreren Projekten Pate, etwa mit der Zeche Zollverein in Essen oder dem Berliner Radialsystem.

Eine weitere gelungene Strategie bezeichnet Sauerbruch als "Akupunkturen" des Stadtbildes, also eher kleinen architektonischen Setzungen mit großer Wirkung: wie das amorphe Kunsthaus in Graz mit seinem blauen, gebogenen Dach. Oder auch das Museum für die Sammlung Gunzenhauser in Chemnitz, das 2010 zum Museum des Jahres erkoren wurde und keineswegs das ganze Stadtbild beherrschen muss, um das Stadtbild dennoch nachhaltig zu verändern.

Ein besonderer Fokus kommt für Matthias Sauerbruch den Bibliotheken zu. Völlig konträr zum allgemeinen Internet und E-Trend entwickeln sich große Bibliotheken mehr und mehr zu sozialen Zentren in Städten, was in Seattle und Birmingham ebenso zu beobachten ist, wie beim vor drei Jahren eröffneten Jacob- und Wilhelm-Grimm-Zentrum von Max Dudler in Berlin.

All diese Beispiele stellen für Sauerbruch ein Plädoyer für eine Architektur dar, die vorhandenen Strukturen neuen Glanz verleiht, weil sie mit diesen Strukturen arbeitet, ohne sie zwanghaft sprengen zu müssen.

Vergesst Bilbao, lautet die Botschaft. Dann kann gebaute Kultur gelingen.

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