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Den Krebs an der Wurzel packen

Medizin. - Harold Varmus ist einer der Pioniere der Krebsforschung. Er bewies sehr früh, dass veränderte Gene zur Entstehung von Krebs führen - und erhielt dafür den Medizinnobelpreis. Auf dem europäischen Krebskongress Ecco 13 in Paris hat sich Harold Varmus stark gemacht für ein Forschungsprojekt, das es in dieser Größe noch nie gegeben hat. Seine Vision: ein Krebs-Genom-Projekt, in dem alle genetischen Veränderungen von Krebszellen erfasst werden.

Von Martin Winkelheide |
    Vor einigen Jahren noch war die chronische myeloische Leukämie, eine spezielle Form von Blutkrebs, eine unheilbare Krankheit. Dann kam "Gleevec". Ein Medikament, das ein krankhaft verändertes Protein des Tumors blockiert. Eine Erfolgsgeschichte der Krebsforschung, sagt Harold Varmus, Direktor des Memorial Sloane-Kettering Krebsforschungszentrums in New York.

    " Heute können wir die Krankheit sehr effektiv behandeln, mit einem kleinen, maßgeschneiderten Molekül. Menschen, die früher gestorben wären, führen ein ganz normales Leben. Sie müssen nur einmal am Tag eine Tablette einnehmen. "

    Nach Ansicht von Varmus gibt es noch zu wenige Medikamente, die gegen spezifische Eigenheiten von Tumoren gerichtet sind - wie "Gleevec", das Brustkrebsmedikament "Herceptin" oder das Lungenkrebsmedikament "Tarceva".

    " Wahrscheinlich könnten gegen beinahe alle Tumore solche zielgerichteten Medikamente entwickelt werden. Dazu müssen wir aber verstehen, wie sich die Tumorzellen von gesunden Zellen unterscheiden, welche genetischen Defekte sie aufweisen. Mit diesem Wissen können wir dann beginnen, neue Therapien zu entwickeln."

    Krebszellen unterscheiden sich von gesunden Körperzellen in ihrem Erbgut. In den letzten Jahrzehnten haben Forscher entdeckt, dass Veränderungen in bestimmten Genen dafür verantwortlich sind, dass sich Krebszellen schneller teilen, dass sie unsterblich sind, dass sie wandern, in gesundes Gewebe eindringen und Tochtergeschwülste ausbilden. Aber trotz intensiver Forschung ist bislang nur ein Bruchteil der genetischen Veränderungen bekannt, die Krebszellen so gefährlich machen.

    " Den Krebs gibt es nicht. Es gibt vielleicht 50, 100 verschiedene Tumor-Erkrankungen. Und wenn wir uns die Gene anschauen, werden wir vielleicht feststellen, dass es noch viel mehr sind."

    Harold Varmus plädiert deshalb für eine systematische Erfassung der genetischen Besonderheiten von Tumoren. Fünf Jahre nach Abschluss des Human Genom Projektes ist seiner Meinung nach die Zeit reif für ein "Human Cancer Genome Project", um den Kampf gegen den Krebs voranzutreiben.

    " Wir schätzen, dass das Projekt mit der Technik von heute etwa 1,5 Milliarden Dollar kosten wird - auf zehn Jahre verteilt. Viele von uns glauben, dass das eine vernünftige Investition ist, denn wir werden sehr viel Neues über die verschiedenen Krebserkrankungen lernen."

    Im Human Genom Projekt wurde die Reihenfolge der drei Milliarden Bausteine des Erbgutes eines Modellmenschen bestimmt.

    Im Krebs-Genom-Projekt soll das Erbgut von 12.500 Tumorproben analysiert - also die Reihenfolge der drei Milliarden Erbgut-Bausteine in den Krebszellen bestimmt werden - das entspricht dem Sequenzieraufwand von 12.500 Human-Genom-Projekten.

    " Die Datenbank sollte jeweils zwei- bis dreihundert Datensätze der verschiedenen Tumorarten enthalten. Dann können wir sehen, welche Veränderungen nur wegen der genetischen Instabilität der Tumoren entstanden sind. Und welche Veränderungen wichtig sind, weil sie dem Tumor einen Vorteil bringen. Solche Mutationen werden dann in vielen Tumorproben zu finden sein."

    Potentielle Geldgeber - wie die Nationalen Gesundheitsinstitute in den USA - reagieren noch zurückhaltend auf die Pläne. Einige Kritiker fürchten, aus kleineren aber wichtigen - Krebsforschungsprojekten könnten Mittel abgezogen werden - zu Gunsten des Mammut-Vorhabens. Und es gibt ganz grundsätzliche Bedenken: Das Krebs-Genom-Projekt wird zunächst kaum mehr sein als eine gewaltige Datensammlung. Diese ungeheuren Datenmengen zu sichten, zu bewerten und Ansätze für neue Medikamente zu entwickeln - das wird die eigentliche Herausforderung sein.