Sonntag, 02. Oktober 2022

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Der 24-Stunden-Ring

Es hat schon etwas von Gigantomanie, was Gustav Kuhn gerade in Erl versucht: er und seine Musiker wollen Wagners "Ring" binnen 24 Stunden aufführen – szenisch, versteht sich! Gut, strenggenommen läuft das "Rheingold" – das im Untertitel ja "Vorspiel" heißt – am Vorabend, bevor sich dann tatsächlich innerhalb eines Tages "Walküre", "Siegfried" und die finale "Götterdämmerung" ereignen sollen.

Von Jörn Florian Fuchs | 23.07.2005

    Kuhn will mit dieser – übrigens nur einmal geplanten Aktion – zeigen, dass man Wagners "Ring" eben nicht, wie etwa in Bayreuth, an sechs Tagen aufführen, und noch dazu einigen Musikern Assistenten geben muss. In Erl spielt man durch, kein Musiker wird ersetzt oder ergänzt, nur die umfangreiche Sängerschar darf sich, was die Hauptakteure betrifft, zum Teil 'zweitbesetzen’.

    Auf der anderen Seite möchte Kuhn dem Publikum eine neue Sicht- und vor allem Hörweise auf Wagners Tetralogie geben: denn nur die komprimierte Aufführung, das quasi pausenlose Erleben ermögliche es, die in der Partitur vorhandenen Feinheiten zu erkennen. Als Beispiel nennt Kuhn das Liebesmotiv aus der "Walküre". Zu Anfang kommt es noch in zärtlichem Dur, später aber in melancholischem Moll:

    "Das erleben Sie hautnah, dass sich plötzlich dieses Walküre-Motiv umdreht und das erleben Sie nicht, wenn Sie am nächsten oder am übernächsten Tag kommen. Es ist diese geniale Konstruktion Wagners, die, je dichter man sich macht, desto aufwühlender wird es."

    Kuhn zeigt in seiner Deutung des "Rings" zunächst das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Milieus: so langweilt sich im "Rheingold" ein luxusverwöhntes und sehr irdisches Paar – Wotan und seine Gattin schlürfen Cocktails, rauchen und warten auf ihre neue Burg. Die wird erbaut von zwei riesenhaften Sportlern, Fafner und Fasold erscheinen als Eishockey- bzw. Baseballspieler. Das Götter-Gegenpaar Donner und Froh sind dagegen ziemlich harm- und machtlose Golfer. Und Alberich, dessen Fluch das ganze Weltuntergangsgeschehen erst ins Rollen bringt, der ist ein häßlicher Spießer und blickt neidisch auf die bessere Gesellschaft da oben.

    Was im "Rheingold" noch etwas derb, aber gekonnt naturalistisch daherkommt, entwickelt sich in den folgenden drei ‚Akten’ des Weltendramas hin zu einer immer abstrakter werdenden Szenerie. Integraler Bestandteil sind allerdings die zahlreichen Tiroler Schulkinder, die in diversen Rollen die Bühne bevölkern – mal sind sie Nibelungen, mal ein Teil von Brünhilds Feuerfelsen und am Ende nehmen sie sogar den Ring zurück und werden ihn wohl in den Rhein tragen – so hoffen wir zumindest.

    Da sich das Orchester im Erler Passionsspielhaus auf der Bühne befindet und von den Sängern nur durch einen Gaze-Vorhang getrennt ist, arbeitet Kuhn mit einer ausgeklügelten Lichtregie, hält sich aber notgedrungen fern von großen Theaterprospekten.

    "Wenn man noch an das Guckkasten-Theater glaubt und meint, damit etwas bewirken zu können, dann ist das hier der falsche Platz. Es ist eine spartanische Bühne mit wunderbaren akustischen Möglichkeiten, die wir, glaube ich, auch ausnutzen, aber die Bühne zwingt einen, ständig zu erfinden. "

    Die Mischung aus reduzierter Kulisse, Lichteffekten und – wenn man so möchte – Elementen des Volkstheaters funktioniert; immer wieder gelingen frappierende, berührende Momente, meist hergestellt mit einfachsten Mitteln; hinzu kommt die genaue und fast immer auch stimmige Personenzeichnung.
    Auch der musikalische Part überzeugt: Kuhns Dirigat ist ausgewogen, zugleich sehr dynamisch und an einigen ‚geeigneten’ Stellen – zur Freude des inzwischen recht internationalen Publikums – auch durchaus breit.

    Nach dem 24-Stunden-Ring erarbeitet man in Erl nächstes Jahr den "Tristan", dann – wie könnte es auch anders sein – folgt das Erlösungsdrama "Parsifal". Danach will Kuhn eine Art historisch-genetische Wagnerlektüre anbieten, die Opern sollen in der Reihenfolge ihres Entstehens gespielt werden. Und das sieht so aus:

    "Wir beginnen mit "Rheingold", dann kommt die "Walküre", dann "Siegfried" 1. und. 2. Akt, dann kommt der "Tristan". Dann kommt eine etwas größere Lesung "Meistersinger" mit anschliessendem 3. Akt "Siegfried", dann die "Götterdämmerung" und dann "Parsifal"."

    Es ist also noch viel zu erwarten vom umtriebigen Gralshüter aus Tirol.

    Weitere Informationen unter:

    Tiroler Festspiele Erl