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Der andere Avatar

Clash zwischen virtueller und realer Welt - Hosoda Mamorus Anime "Summer Wars" ist eine kluge Reflexion unserer Gegenwart. Dem japanischen Regisseur gelingt eine Mischung aus Familiengeschichte, romantischer Komödie und Cyber-Thriller.

Von Rüdiger Suchsland |
    Es ist Sommer, und die beiden Klassenkameraden Natsuki und Kenji fahren für vier Tage aufs Land. Genauer gesagt: Sie fahren zu Natsukis Großmutter. Sie ist der Sproß einer alten Samurai-Familie, überaus streng deren Traditionen verhaftet, und die ganze Familie, die über Japan verstreut ein modernes Leben lebt, kommt zu diesem Familientreffen in einem altmodischen, traditionell-japanischen Landhaus, und wird sich für diese vier Tage den altmodischen Vorstellungen der Großmutter anpassen.

    Natsuki und Kenji sind 16 Jahre alt, und ahnen noch nicht, was wir Zuschauer schon spüren: Das sie nämlich ein Liebespaar werden im Laufe des Films.
    Warum die kesse Schulschönheit Natsuki den schüchternen Schlaks Kenji gefragt hat sie zu begleiten, hat aber auch einen objektiven Grund: Sie möchte ihrer Oma eine Freunde machen, indem sie zum Schein einen "vorzeigbaren" Verlobten präsentiert, und Kenji soll diese Rolle spielen.

    Bleibt man an der Oberfläche von "Summer Wars", handelt es sich also um eine eingängige, leichte, sehr unterhaltsame Sommerkomödie, die Sommerferien als Stunde der Adoleszenz schildert, intelligent mit Klischees spielt und von japanischen Traditionen erzählt.

    Aber "Summer Wars" von Hosoda Mamoru ist viel mehr: Denn nur am Anfang bleibt das friedliche Landleben ungestört, bald bricht die Gegenwart mit solcher Macht in die Idylle ein, dass selbst die Großmutter dies nicht mehr ignorieren kann - dabei sind ihr dann allerdings ein paar alte Samurai-Tugenden durchaus behilflich.

    "Summer Wars" ist ein Anime, also ein Animationsfilm im typisch japanischen Stil, also ganz anders als Disney, nicht so niedlich in den Bildern und nicht so harmonisch in seiner Handlung und daher unbedingt auch für Erwachsene gedacht.

    Aber auch gemessen am visuellen Wagemut und an den Verrücktheiten, die man von Animationsfilmen aus Japan in den letzten Jahren schon gewohnt war, stellt "Summer Wars" etwas Neues und höchst Besonderes dar. Denn unter der Oberfläche ist dies ein Stück Zeitdiagnose, eine bemerkenswerte, einfallsreiche, kluge Reflexion unserer Gegenwart, die sich nicht in billige Auswege flüchtet.

    Es geht um etwas sehr Zeitgemäßes: um Soziale Netzwerke. Da war einmal eine Familie, wie die von Natsuki. Heute meint man damit Internet-Gemeinschaften wie Facebook.

    Im Film, der in einer sehr sehr nahen, unserer Gegenwart ganz ähnlichen Zukunft spielt, heißen sie "Oz" - wie das Land des Zauberers in Victor Flemmings Hollywood-Musical "Das Zauberhafte Land".

    "Welcome to the world of Oz..."

    In diesem Zauberland "Oz" kann man sich verlieren, und die Welt um sich vergessen. Es geht aber auch umgekehrt: Das soziale Netzwerk macht sich selbstständig, und versucht, die Herrschaft über die reale Welt zu übernehmen. So weit hergeholt ist das, wie wir wissen, keineswegs: Neulich erst trafen sich der britische Premierminister David Cameron und Facebook-Boss Mark Zuckerberg und verhandelten wie zwei Staatschefs.

    Die Internet-Plattform "Oz" ist ebenso spektakulär und verführerisch, wie gefährlich. Denn bald entfaltet sie ein gefräßiges, höchst bedrohliches Eigenleben, und es kommt zum Clash zwischen virtueller und realer Welt.

    Visuell ist das atemberaubend: Hosoda entfaltet einen Bilderrausch, einen faszinierenden Wirbelsturm aus Farben und Zeichen voller "Whow"-Momente, und lässt den Zuschauer dabei begreifen, was die Existenz virtueller Parallelwelten wirklich bedeutet, vor allem wenn sich die eine Welt mit der anderen vermischt. In dieser Hinsicht ist "Summer Wars" der bessere "Avatar", und im Gegensatz zu James Camerons geistig doch eher banalem Welterfolg tatsächlich auf der Höhe seines Themas.

    Traditionalismus gegen Hyperfuturismus - selten wurde dieser Gegensatz, der unsere Moderne prägt, so präzis geschildert. Hosoda präsentiert dabei keine konservative Botschaft. Vielleicht ist es "typisch japanisch", dass es hier nicht um einen Gegensatz zwischen "realer" und "virtueller" Welt, zwischen Gut und Schlecht geht.

    Das eine hat ganz selbstverständlich mit dem anderen zu tun, und ist aus ihm hervorgegangen. Und darum kann das in sein Gegenteil verkehrte Neue, die sich selbstständig machende und übergriffige virtuelle Welt, nur durch Verständnis und Einfühlung kuriert werden.

    So ist "Summer Wars" beides zugleich: ein Cyber-Thriller, der im Vergleich zu den Abenteuern der Hollywood-Macho Cameron und Nolan, im Vergleich zu "Avatar" und "Inception" sehr geerdet wirkt. Und es ist ein Familienfilm für jung und alt, der die Familie feiert ohne sie verklären, der für ein Zusammenleben der Generationen plädiert, nicht für ein Unterordnen der einen ohne die andere.

    Das ist dann eben nicht moralisierend, sondern ganz einfach humanistisch. Und dabei überaus charmant. Der Charme und die Eleganz von "Summer Wars" liegt allerdings in den Bildern des Films. Sie muss man sehen. Ganz einfach.