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StartseiteCampus & KarriereDer Bahnhofsforscher im Doktorandencamp12.08.2004

Der Bahnhofsforscher im Doktorandencamp

Doktorand untersucht das Verhältnis von Technik und Menschen an Bahnhöfen

<strong> Wer sich in diesen Wochen in den Bahnhofshallen zwischen Frankfurt und Leipzig, Mannheim und Berlin umschaut, stößt vielleicht auf einen blonden jungen Mann mit einer Videokamera. Die Kamera hat ihm das Darmstädter Doktorandencamp zur Verfügung gestellt. Der Grund: In einer soziologischen Dissertation soll herausgefunden werden, wie sich das Verhältnis von Technik und Menschen an so zentralen Orten wie Bahnhöfen oder Häfen entwickelt. </strong>

Von Ludger Fittkau

Lars Frers, der Bahnhofsforscher im Doktorandencamp (Ludger Fittkau)
Lars Frers, der Bahnhofsforscher im Doktorandencamp (Ludger Fittkau)

Lars Frers meldet sich ordnungsgemäß am Infopoint in der Schalterhalle des Darmstädter Hauptbahnhofs an, bevor er mit seiner Forschung beginnt. Denn Bahnhöfe sind das Forschungsfeld des Diplomsoziologen im Darmstädter Graduiertenkolleg ‚Technisierung und Gesellschaft'. Um Material für seine Dissertation zum Thema "'Technisierte Stadträume und urbanes Leben" zu sammeln, hält sich Frers stundenlang mit der Videokamera in Bahnhofhallen auf - zum Beispiel in Darmstadt:

Es ist auch so, dass der Darmstädter Bahnhof für Bahnhöfe in mittlerer Größe schon beispielhaft aufgebaut ist. Er hat auch diesen Wandel durchgemacht vom Fernbahnhof zum Bahnhof mit Mischnutzung, das heißt mit Einkaufsmöglichkeiten und so weiter. Das macht ihn auch aus allgemeiner Sicht interessant. Als Kontrastbahnhöfe gibt es dann Großstadtbahnhöfe wie Frankfurt und Leipzig oder Berlin-Ostbahnhof und Zoo. Ansonsten schaue ich mir noch ein paar große Bahnhöfe an wie Kiel, Rostock, Mannheim und Kassel Willhelmshöhe.

Bevor er sich die Bahnhöfe vornahm, hat Lars Frers seine beobachtende Forschungsmethode bereits am Potsdamer Platz in Berlins Mitte erprobt. Es geht ihm darum, die Wechselbeziehungen zwischen Mensch, Raum und Technologie möglichst detailliert zu erfassen. Mit der Videokamera hält er zum Beispiel die Unterschiede fest, die verschiedene Altersgruppen im Umgang mit Fahrkartenautomaten zeigen. Leute ab 40 gehen nämlich ganz anders mit den Automaten um als jüngere Menschen, beobachtet Frers:

Man sieht schon in der Annäherung an den Automaten eine deutlich skeptischere, verzögerte Bewegung zum Automaten hin ,eine längere Orientierungsphase mit dem Touch-Screen. Die Abbruchrate und die Bedienungsdauer ist viel höher bei älteren Leuten ab 40, außer wenn es Urban Professionals sind.

Urban Professionals - das sind Menschen, die sich beispielsweise auf dem Arbeitsweg virtuos und routiniert durch den öffentlichen Raum bewegen. Doch eine gewisse Professionalität zeigen nicht nur Berufspendler in Bahnhofshallen, sondern auch ganz andere Gruppen, stellt Frers fest, wenn er die Kamera für seine Videoanalyse laufen lässt:

Dass mich zum Beispiel ein Obdachloser anspricht, beim Aufnehmen: "Haste mal ne Mark." Ich will jetzt gar nicht beim Aufnehmen stören, so was sagen die dann zum Teil sogar. Oder irgend jemand anderes fragt mich nach irgendetwas oder erkundigt sich sogar, was ich da aufnehme.

Ob bei Verkäufern von Obdachlosenzeitungen, Bettlern oder Straßenmusikanten - auch jenseits bürgerlicher Normalität gibt es im Bahnhof klare Regeln, die den Soziologen interessieren:

Ich kenne das eher von größeren Städten, dass dort zum Teil eine Art Rotationssystem eingeführt wurde, dass also zum Beispiel in Berlin morgens ausgelost wird, welche Musiker an welchen Bahnhöfen, S- und U-Bahnhöfen musizieren dürfen.

Wie reagiert jetzt jemand auf Sicherheitspersonal? Manchmal wird man auch drauf gestoßen. Als ich jetzt in Leipzig war, bin ich innerhalb der ersten 20 Minuten, die ich da war, dreimal von unterschiedlichen Sicherheitskräften angesprochen worden. Ich sollte mich woanders hinsetzen oder stellen, das ginge da nicht und so weiter.

Da habe er am eigenen Leib gespürt, dass Bahnhöfe schon sehr durchkontrollierte Räume seien, so Frers. Auch um Wirkung von Kontrolltechniken geht es ihm in seiner Arbeit. Wobei nicht immer technische Geräte oder Wachdienste allein eine Kontrollfunktion ausüben, so der Darmstädter Doktorand. Sondern auch Menschen, von denen man es nicht auf den ersten Blick erwartet:

Eine Art von indirekten Sicherheits- oder Polizeikräften ist das Reinigungspersonal. Obwohl man eigentlich denkt, das sind auch irgendwie Leute, die eine schmutzige Arbeit machen und obwohl man sie nicht unmittelbar damit verbindet - aber ich glaube, sie erfüllen eine sehr wichtige Funktion.

Dass er mit seiner Videokamera und später mit seiner Dissertation auch selbst eine Kontrollfunktion zum Beispiel für das Bahnmanagement ausüben könnte- das ist Lars Freas durchaus bewusst:

Deswegen will ich mich auch nicht völlig ins Verborgene stellen und von da auch meine Beobachtungen machen, weil ich dann ja sozusagen in der gleichen Logik arbeite wie andere Überwachungssysteme. Wenn auch nicht in der gleichen Absicht, so doch in der gleichen Form.

Am Ende des Sommers wird Lars Freas seinen Beobachtungsposten in den Bahnhofhallen der Republik erst mal räumen und gen Norden ziehen. Vielleicht liegt es daran, das der Doktorand in Cuxhaven geboren ist: Neben Bahnhöfen wird er als weitere technisierte Räume dann große Häfen an Nord- und Ostsee in den Blick nehmen.

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