Freitag, 20. Mai 2022

Kaspar Colling Nielsen: „Mount Kopenhagen“
Der Berg als visionäres Terrain

In seinem Erzählband "Mount Kopenhagen" entwirft der dänische Autor Kaspar Colling Nielsen eine Welt mit Vogelmenschen, neuen Klimazonen und einer Gesellschaft, die im Schatten des Berges bizarrste Lebensweisen ausprägt. Dabei entstehen kleine Zivilisations- und Schöpfungsgeschichten.

Von Samuel Hamen | 18.01.2022

Kaspar Colling Nielsen - Mount Copen Hagen
Kaspar Colling Nielsen entwirft in "Mount Kopenhagen" eine irreal anmutende Welt, die zugleich nur ein leicht verzerrtes Abbild des Kapitalismus ist. ((Foto: Isak Hoffmeyer, Buchcover: Heyne Hardcore Verlag))
Der fiktive Mount Kopenhagen, der eigentliche Protagonist in Kaspar Colling Nielsens gleichnamigem Erzählband, erinnert an die großen Bauprojekte der Menschheitsgeschichte, an die Chinesische Mauer oder den Panama-Kanal:

"Vor langer Zeit beschloss die dänische Regierung, einen Berg auf Avedøre Holme errichten zu lassen. Der Bau dauerte 200 Jahre. Am Ende ragte der Berg 3.500 Meter in die Höhe, hatte einen Umfang von 55 Kilometern und eine Fläche von 590 Quadratkilometern."

Menschheitstraum und XXL-Baustelle, Landschaftsreplikat und Kapital-Investment: Der Mount Kopenhagen ist in jeder Hinsicht ein besonderes Wahrzeichen. Der narrative Clou besteht darin, dass dessen megalomanische Einzigartigkeit in Nielsens 17 Erzählungen gar nicht groß thematisiert wird. Der Bau mitsamt riesigem Blitzableiter und einer Kompostieranlage in seinem hohlen Innern ist abgeschlossen; schon entstehen Wohnsiedlungen an seinen Hängen, während sich in den Wäldern Wildkatzen, Papageientaucher und Bergziegen ansiedeln.

"Eine Etappe der Tour de France wurde am Berg ausgerichtet, und ein bekannter Dichter und Radsportkommentator äußerte sich in diesem Zusammenhang wie folgt: 'Der Berg ist künstlich und kein natürlicher Teil der Landschaft, hat aber doch Bestandsrecht. Dieses von Menschen geschaffene, babelartige Ungetüm ist von der Natur akzeptiert worden.'"

In dieser topographischen Anomalie, in der Natur zerstört wurde, um sie in anderer Form wieder aufleben zu lassen, in diesem bizarren Areal siedelt der Autor seine irrealen, ja irrealistischen Erzählungen an. Es sind kleine Zivilisations- und Schöpfungsgeschichten, die vom Leben und Sterben, vom Glück und Unglück im Schatten des Berges künden.

Tierische Verwandlungen

In "Der Pelikan" entscheidet sich etwa ein Mann namens Jan Peter Lassen zu einer Operation, um ein sogenannter Vogelmensch zu werden: Beide Beine werden amputiert und gehäutet, die Hautlappen an Rücken und Arme angenäht. Fertig ist das Monster, der neue Mensch, für den ein Kindheitstraum in Erfüllung geht:

"Mit der Zeit wurde Jan Peter ein hervorragender Flieger. Er lernte, die thermischen Winde zu nutzen, und schwebte mit nur wenigen Flügelschlägen vom Mount Kopenhagen bis nach Hellerup."

In anderen Geschichten obduzieren Vater und Sohn einen Wichtel, entdeckt ein Mann seine magnetischen Kräfte, springt ein anderer in den Tod, nur um in einem Kompost-Mus zu landen, in dem er zur Schabe degeneriert.

Eine große Allegorie

Nielsens "Mount Kopenhagen" ist nicht nur "ein riesiges, in sich abgeschlossenes Ökosystem", sondern bringt auch ein beeindruckendes Literatursystem hervor. Was auf Anhieb wie eine Stücke-Sammlung wirkt, die sich im Leerlauf des Exzentrischen verausgaben könnte, entpuppt sich als gleichermaßen unterhaltsames wie verstörendes Angebot, sich eigener imaginativer Selbstverständlichkeiten zu entledigen. In einem einfachen Satz-für-Satz-Stil, der sich geradezu konträr zu der Extravaganz der Geschichten verhält, legt Nielsen Episoden vor, in denen Werte wie Normalität, Würde und Zivilisiertheit ihre beruhigende Sicherheit einbüßen.

Als Allegorie erlaubt der "Mount Kopenhagen" alle möglichen Lesarten. Der Berg ist ein visionäres Terrain, auf dem Mensch und Natur kohabitieren können, ein Schattenland, in dem das Irrationale zu Tage tritt. Es ist ein nur leicht verzerrtes Abbild davon, wie der Kapitalismus alles und alle in sein Regime eingliedert. Selbst in diese fantastische Gegenwelt dringt er ein und macht sich in Form von Konsortien, Tourismus und Bodenspekulanten breit.

Der Kampf um den Gipfel

Am Ende des knapp 200-seitigen Buches werden die Vogelmenschen, die sich zu einem weltweit agierenden Unternehmen zusammengeschlossen haben, vom dänischen Militär um Hilfe gebeten. Der Mann mit den Magnetkräften, dessen Körper zum Metallpanzer wurde, will aus ungeklärten Gründen den Gipfel erklimmen. Die Vogelmenschen sollen ihn auf Geheiß eines Generals mit Steinwürfen außer Gefecht setzen.

"Als er den Blitzableiter in der Ferne erkennt, mobilisiert er all seine Energie. Das Unwetter wird noch stärker, immer mehr Blitze zucken in die Konstruktion, und auch Flemming wird getroffen. Für einen Moment scheint er einen Teil seiner Kraft zurückzugewinnen. Er richtet sich auf und beginnt, in Richtung Gipfel zu laufen. Dann ist die Sicht vollkommen weg. Alles ist weiß von Schnee. Nur der Steinregen geht weiter, und das früher so schön glänzende Metall ist mehr und mehr verbeult und löchrig."

Der Magnetmann erreicht den Gipfel und wird dort tödlich vom Blitz getroffen. Die Wohlhabenden an den Berghängen werden 300 Jahre alt und stehen wie "dünne Säulen aus hautfarbenem Gelee" in ihren Edelhäusern. Die Vogelmenschen erheben sich als neue Spezies in die Lüfte. Kaspar Colling Nielsens Band "Mount Kopenhagen" ist eine faszinierende Unmöglichkeit, ein Phantasma der Zukunft. Trotz dieser Ferne liest er sich, als wären die Figuren und Ideen des Buches bereits ganz dicht an uns herangerückt.
Kaspar Colling Nielsen: „Mount Kopenhagen“, Erzählungen
Aus dem Dänischen von Günther Frauenlob. Heyne Hardcore, 208 Seiten, 20 Euro