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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDer Bombenangriff auf Dresden22.01.2009

Der Bombenangriff auf Dresden

Historikerkommission untersuchte die alliierten Luftangriffe im Februar 1945

Da der Luftangriff und die starke Zerstörung Dresdens im Zweiten Weltkrieg bis heute für große Emotionen in der Bevölkerung sorgen, beauftragte die Stadt im Jahr 2005 eine Historikerkommission damit, Klarheit zu schaffen und die genaue Opferzahl zu ermitteln. In dieser Woche wird die Kommission ihre Arbeit beenden und dem Oberbürgermeister die Ergebnisse vorlegen.

Von Eva-Maria Götz

Blick vom Dresdener Rathausturm auf die zerstörte Stadt 1945 (AP Archiv)
Blick vom Dresdener Rathausturm auf die zerstörte Stadt 1945 (AP Archiv)
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Der 18. Geburtstag war am 12. Februar 1945, und am 13./14. kamen dann die Vernichtungsangriffe, von denen wir zum Teil auch schwer betroffen waren in unserer Gegend.

Der spätere Historiker und Journalist Götz Bergander, Jahrgang 1927, erlebte die Bombardierung Dresdens aus Sichtweite. Die Fabrik, in der sein Vater beschäftigt war, lag am Rande des Zentrums, das in den drei großen Angriffen schwer beschädigt wurde. Der junge Götz wurde zum Zeugen der Brände, die er mit Fotoapparat und Zeichenstift dokumentierte. Heute ist er das älteste Mitglied der Kommission, die im Auftrag des Oberbürgermeisters den genauen Ablauf der Angriffe und der anschließenden Räumarbeiten dokumentieren sollte.

"Draußen die Friedrichstrasse hoch kamen aus der Innenstadt viele Leute und die waren rußverschmiert und hatten Decken über den Köpfen, völlig verschmierte Augen, manche hatten die Brillen, die man so hinter dem Ohr festmacht mit Gummibändern, auf. Ich sagte, "wo kommen Sie denn her" und "Ja wir kommen aus der Waisenhausgasse", "vom Zwinger" und "alles brennt, alles brennt". Da konnten wir uns aber nun nichts rechtes vorstellen und standen dann auf dem Hof und hörten in der Ferne, dass wieder Alarm kam. "Die werden doch nicht noch einmal kommen? Gehen wir mal lieber in den Keller ". Ja und dann ging das richtig los, was wir auch mehr mitbekommen haben, der zweite Angriff, der auch doppelt so stark war wie der erste und der eigentlich der Stadt den Todesstoß versetzt hatte."

Unbekannte Augenzeugin

"Die Straßen, da war nun alles Phosphor, und das brannte ja, das mussten wir umgehen ...und so sind wir durch die engen Straßen durchgekommen, Es gab einfach keine Möglichkeit, dieser Feuersglut irgendwie zu entrinnen. Das ist alles so unerträglich geworden, die Hitze, Das sind so große Phosphorpfützen wieder gewesen, alles brannte."

Dieser Bericht einer unbekannten Überlebenden erschien bereits einige Tage nach ihren schrecklichen Erlebnissen im landesweit ausgestrahlten Radioprogramm. Eindringlich, ausführlich und nicht ohne Pathos schildert sie ihre Beobachtungen:

"Und da haben sich die Menschen aneinander geklammert und haben die brennenden Fetzen gerissen vom Leibe und Kindern geholfen. Die Kinder irrten ja herum, "Onkel, hilf mir doch, helft mir, ich brenne."

So nachvollziehbar es ist, dass Menschen, die solch traumatische Erfahrungen gemacht haben, sich dazu äußern und davon erzählen wollen, so zwiespältig ist der Eindruck, den diese Berichte hinterlassen, wenn man weiß, dass hier mit dem Horror und dem Leid der Opfer Politik gemacht wurde. Thomas Westphalen, Leiter des sächsischen Landesamtes für Archäologie und ebenfalls Mitglied der Kommission:

"Man muss sich vor Augen führen, dass unmittelbar vor dem 13. Februar 1945 Auschwitz befreit wurde, und die Nazi-Propaganda einfach auch reagieren musste und das konnte man natürlich machen, indem Kriegsverbrechen konstruiert wurden. Man kann zu den Angriffen stehen wie man will, sie auf eine Ebene mit KZs, mit Vernichtungslagern zu heben ist, glaube ich, nicht seriös."

Doch genau das geschah. Der Rauch über den Ruinen war noch nicht verweht, da wurde der Angriff schon als größtes Verbrechen in der Menschheitsgeschichte stilisiert. Und das hatte noch einen Grund, wie wir den Schilderungen eines ebenfalls unbekannten Radioreporters vom xx.2. entnehmen können:

Unbekannter Zeitzeuge
"Alles was an historischen Bauten in Stein geformt Schönheit und Wert dieser Stadt ausmachte, ist ein Opfer der Flammen geworden.
Satanischer kann sich der Ungeist eines verrohten Vernichtungswillens nicht offenbaren, der mit Sprengbomben und Phosphor jahrhundertealte Kultur auslöscht.
Ich sah noch keine Stadt, in der sich der verbrecherische Vernichtungswille unserer Feinde so satanisch austobte wie hier in Dresden.
Das ist Mord, das ist Verbrechen, das ist teuflisch.
Jetzt nicht weich werden, jetzt hart sein, immer härter, jetzt nicht nachgeben, jetzt erst recht nicht!""

Zum letzten Mal appellierte die NS-Regierung durch die Medien an den Durchhaltewillen und den Fanatismus der Bevölkerung. Schüler wurden abkommandiert, um rund um die zerstörte Innenstadt einen Panzergraben auszuheben, am Ufer der Elbe wurden Abwehrgeschütze aufgezogen. Erst am 8. Mai 1945 war auch in Dresden der Krieg endgültig vorbei und Gauleiter Mutschmann, - der zwar versäumt hatte, Luftschutzkeller für die Bevölkerung anzulegen, nicht aber einen Bunker in seinem Privathaus einzurichten - auf der Flucht.

"Es ist einerseits, wie ich meine, der letzte Propagandasieg von Joseph Goebbels, dem es gelungen ist, unmittelbar nach dieser Katastrophe der Stadt in die internationale Öffentlichkeit hinein das Beispiel Dresden anzuprangern und mit spekulativ hohen Operzahlen zu verbinden. Das hat sich fortgesetzt zu Zeiten der DDR, wo man diese Propaganda jetzt gewendet hat gegen die, wie man so sagte, "angloamerikanischen Luftgangster", die sich jetzt mit Hitlers ehemaligen Generalen in der NATO zu einer erneuten Aggression gegen die "friedliebende DDR" und damit auch die Stadt Dresden rüsten."

Sagt der Potsdamer Militärhistoriker und Leiter der Kommission Rolf- Dieter Müller. Er versucht, die stark divergierenden Opferzahlen auch mit lokalen Befindlichkeiten zu erklären.

"Es gibt offenbar so einen ganz stark ausgeprägten Dresdner Lokalpatriotismus, der eingebettet ist in so eine Art "sächsische Sonderbewusstsein", wo also Dresden gesehen wurde und wird als eine Art Unschuld, das "Elbflorenz", das da also hingemeuchelt worden ist, völlig sinnlos, und nun am Ende des Krieges Opferzahlen hat erleiden müssen, die eine Kulturkatastrophe darstellen, eine menschliche Katastrophe ungeheuren Ausmaßes, das nicht zu vergleichen ist mit anderen ähnlichen Katastrophen, man musste also Hamburg mit 40.000 Toten unbedingt zahlenmäßig übertreffen, man musste Hiroshima mit bis zu 80.000 Toten unbedingt übertreffen."

Dabei stand die ungefähre Opferzahl bereits in den ersten Wochen nach den Februarnächten fest- deutscher Bürokratiegründlichkeit sei Dank:

"Im Altmarktbereich, wo ja also tausende von Opfern dann auch zusammengetragen worden sind, die man gar nicht mehr aus der Stadt heraustransportieren konnte, da kam es ja zu diesen Massenverbrennungen, wo man mehr als 6000 Leichen dort verbrannt hat, auch da wurden die Leichen aufbewahrt auf der Strasse, die Kriminalpolizei versuchte zu identifizieren, für jede einzelne Leiche wurden bis zu sechs Karteikarten angefertigt, wurden gezählt, wurden auf dem Friedhof noch mal gezählt, wurde überprüft, wo sie abgelegt worden sind und deswegen war unsere Dresdner Arbeit eben auch noch mal ein Einblick in diese deutsche Bürokratietradition, die es uns heute möglich macht, die damalige Arbeit zu rekonstruieren."

Die Zahl der Toten wurde auf 20.000 bis 25.000 geschätzt und das war die Zahl, die bis in die ersten Nachkriegsjahre gültig war, erinnert sich Götz Bergander:

"Es ging los, dass die SED in den ersten Veröffentlichungen von 25.000 Toten ausging, Dann plötzlich schnellte das in die Höhe. Da äußerte sich der sächsische Ministerpräsident Seydewitz mit einer gigantischen Zahl, dann irgendein SED-Mensch aus Berlin, der sagte dann auch 300.000 und das geriet dann völlig außer Kontrolle, und dann ging es los, dass also auch die Bevölkerung in Dresden selbst , vor allem aber auch viele in den Westen gegangene Dresdner sich einschalteten und der Streit darüber dauert nun schon 60 Jahre."

"Der Fall Dresden zeichnet sich durch eine Besonderheit aus. Es gab ja eine eingespielte Organisation im "Reich", die nach solchen Großangriffen in Aktion getreten ist, es gab klare Zuständigkeiten, und da gab es also nach jedem größeren Luftangriff, ob auf Hamburg, Pforzheim oder eben Dresden einen Abschlussbericht., der sehr detailliert für interne Zwecke Auskunft gab, wie viel Bomben sind abgeworfen, wie viel Gebäude sind zerstört worden, wie viele Menschen sind ums Leben gekommen. Nun gab es also sechs Wochen nach dem Angriff auf Dresden einen solchen vorläufigen Abschlussbericht, der eben eine Opferzahl von 25.000 insgesamt summierte. Und dieser Abschlussbericht ist nach 1945 verschwunden, er tauchte dann Anfang der 50er als dreiste Fälschung wieder auf, wo man aus diesem Bericht Zahlen zitiert, wo schlichtweg eine Null angehängt worden ist, wo aus geschätzten 25.000 Opfern 250.000 werden und auch Zahlen, die sich zu diesen 25.000 summieren bekommen schlichtweg eine Null angehängt."

Mittlerweile waren aus den ehemals Alliierten Feinde geworden. Mit den immensen Opferzahlen ließ sich im Kalten Krieg trefflich Stimmung gegen die angeblichen Imperialisten im Westen machen - ohne, dass die Bevölkerung das zunächst direkt mitbekam. Götz Bergander:

"Das hat uns damals überhaupt nicht interessiert. Man hatte so damit zu tun, etwas zu essen zu besorgen, zu organisieren, wie man sagte, also wir waren voll beschäftigt mit diesen Dingen des Überlebens. Und haben uns nicht damit beschäftigt, ob wir nun am Schlimmsten dran gekommen waren oder ob das Köln war."

Aber die Angst war da. Und die Demonstration von Stärke und militärischer Überlegenheit war vielleicht sogar ein Motiv für den massiven Bombenangriff der Engländer und Amerikaner gewesen:

"Ein Motiv war mit, den Russen zu zeigen, "what bomber command can do", also was ein Bomberkommando erreichen kann, anstellen kann, zerstören kann wie man das ausdrücken will."

Bis heute, fast 20 Jahre nach dem Untergang der DDR, ziert den Eingang zum wieder aufgebauten Zwinger eine Tafel, auf der "der Zerstörung der Stadt durch die angloamerikanischen Terrorbomber" und der "Befreiung vom Faschismus durch die Rote Armee" gedacht wird. Kommentarlos. Allerdings gab es seit den späten 80er Jahren auch eine private Initiative, die sich die Aufklärung der historischen Abläufe zum Ziel gesetzt hatte und deren Recherchen eine erste Grundlage für Arbeit der Kommission bildete.

"Es geht natürlich um den wichtigsten Einschnitt in unserer Stadtgeschichte, der per Zeitzeugenschaft noch nachvollziehbar ist. Man darf nicht quantifizieren, also ich gehöre nicht zu den quantifizierenden Historikern, die Totenzahlen nehmen um ein Ereignis zu qualifizieren. Aber es ist halt so, in unserer Stadtgeschichte ist der 13./ 14. Februar mit seiner Zerstörung, mit seiner völlig neu beginnenden Stadtgeschichte danach ein einschneidendes Ereignis, natürlich auch ein familiendeformierendes Ereignis. Es gab in vielen Familien viele Opfer zu beklagen, manche Familien sind ganz ausgelöscht worden."

Sagt der Leiter des Dresdner Stadtarchivs Thomas Kübler, in der Kommission zuständig für Koordination und den Aufbau eines Zeitzeugenarchivs. Dass die Arbeit der Historiker in Teilen der Bevölkerung anfangs mit großem Misstrauen betrachtet wurde, weiß er und gibt auch zu bedenken:

"Es ist so, dass natürlich die Dresdner eine bei weitem höhere Zahl als 25.000 gefühlt haben und das ist durch Filme und andere Zeitdokumente immer wieder unterstützt worden. Viele Leute geben sich auch heute noch nicht zufrieden, wenn im Abschlussbericht eine Zahl stehen wird, die dann ihren Erlebnissen nicht entspricht und das ist dann eben das Problem, wenn man quantifiziert: dann gerät man ganz schnell an den Abgrund, der zu ner falschen Qualifizierung führen kann."

Entsprechend genau und akribisch mussten die Historiker vorgehen, um die Gerüchte, die sich um die Tage und Nächte im Februar 45 ranken, zu verifizieren und gegebenenfalls zu widerlegen. Da ist zum einen die Frage, wie viele Flüchtlinge aus Schlesien sich in dieser Zeit im Innenstadtbereich aufgehalten haben. Die Rede ist von mehr als 100.000 Menschen, die sich mit ihren geretteten Habseligkeiten durch die engen Gassen gedrängt hätten. Zeitzeuge Götz Bergander widerspricht:

"Nein, die hat es in dieser Form nicht gegeben. Das waren vielleicht mal 10, 20 Fuhrwerke, die dann mal eben Halt machten oder auch zum großen Garten mal hinfuhren. Da war in den Ausstellungshallen ein großes Flüchtlingsdurchgangslager, dort gingen die dann hin und holten Futter und Wasser. Das die Straßen davon verstopft gewesen wären, da kann keine Rede von sein."

"Wenn hier extreme Verhältnisse geherrscht haben, dann müssen wir auch exemplarisch in den Straßen der Altstadt extrem hohe Opferzahlen finden, das heißt, wir haben versucht zu rekonstruieren, wer hat dort vor der Katastrophe gelebt, wer hat sich nach der Katastrophe als Lebender mit Schadensersatzansprüchen und ähnlichem wieder gemeldet, wo gibt es Zeitzeugenbereichte, die sagen können, wie viele Flüchtlinge in den Gebäuden aufgenommen worden sind und ähnliches. Und wir können erstaunlicherweise feststellen, dass in diesen extremst belasteten Straßenzügen doch rund ein Drittel der dort lebenden Bewohner den Angriff offenbar überlebt haben. Also auf das Zentrum insgesamt übertragen, ergibt sich dann die Vermutung, dass eben hier nicht hunderttausende in den engen Straßen der Altstadt ums Leben gekommen sein können, da hätte man Spuren finden müssen."

Doch bei dem Feuersturm, der sich durch die kaminartig engen Durchgänge wälzte, könnten die Leichen geschmolzen sein- bis zur völligen Auflösung. Um diese Frage zu klären, waren die Archäologen gefragt:

"In diesem Areal Dresdens ist in den 90er Jahren eine große Einkaufspassage gebaut worden, die Altmarktgalerie, und im Zuge dieses Neubaus sind die drei alten Ost- Weststraßen wieder hergestellt worden zumindest dem Namen nach. Bevor gebaut wurde, sind umfangreiche archäologische Untersuchungen durchgeführt worden auf diesem Areal, dass bis zum 13. / 14. Februar dicht bebaut war. Das war kleinbürgerliche Bewohnung, Bebauung, ein sogenanntes Kneipenviertel, ganz im Süden gabs eine Druckerei, also ausgesprochen dicht bebaut mit sehr alter Bausubstanz, die zum Teil ins Mittelalter zurückgeht."

Erklärt der Leiter des archäologischen Landesamtes Thomas Westphalen

""Bei diesen Untersuchungen sind eben auch die Keller wieder freigelegt worden, die zu den 1945 zerstörten Häusern gehörten, eines der überraschenden Ergebnisse war nun folgendes: a) konnten wir anhand der Funde, soweit sie Brandspuren aufwiesen, ungefähr Brandtemperaturen ermitteln und wir konnten als ein Ergebnis festhalten, dass ausgesprochen selten Reste von Toten zum Vorschein gekommen sind."

Die Keller in der Altstadt, in denen die Bewohner Zuflucht gesucht hatten, wurden in den Wochen und Monaten nach den Angriffen geräumt und mit dem Schutt der zerstörten Häuser aufgefüllt. Am den nun wieder freigelegten Wänden und Ziegeln lässt sich der Hitzegrad ermitteln.

"Man sieht vereinzelte Brandspuren, rechts zum Beispiel die Brandrötung. Sandstein ist in der Regel gelb, durch den Brand im Februar sind die Sandsteine gerötet, was man hier so ansatzweise sieht. Es war also sehr heiß, allerdings nicht so heiß, dass sich Glasflaschen, die sich hier in diesem Keller befunden haben, schmolzen-Bei welcher Temperatur schmelzen Glasflaschen? - Bei 800, 900 Grad. Man sieht, die Steine sind abgeplatzt, sind gerötet. Das heißt, dass es hier wirklich heiß war, allerdings nicht so heiß, dass Temperaturen, die Körper zum Schmelzen bringen, das heißt über 1300 Grad über längere Zeit, erreicht wurden."

Die meisten Opfer sind demzufolge nicht verbrannt, sondern erstickt, meint Professor Rolf- Dieter Müller:

"Wir haben Bergungsberichte, eben etwa aus dem März 1945, wo die Bergungsmannschaften die Keller freigeschaufelt haben und haben die Toten dort geborgen und diese Bergungsbericht besagen ganz eindeutig, dass 90 Prozent der Opfer, die dort in den Kellern gefunden worden sind, durch Sauerstoffmangel, durch Vergiftungen, durch Kohlenmonoxyd ums Leben gekommen sind und nur eine geringe Anzahl tatsächliche starke Brandspuren aufgewiesen hätten oder eben durch mechanische Verletzungen ums Leben gekommen sind."

Und diese Leichen wurden fast ausnahmslos gefunden und entweder verbrannt oder auf den städtischen Friedhof überführt und begraben. Archäologe Thomas Westphalen:

"In einem einzigen Fall ist ein Kellerraum untersucht worden, von uns geöffnet worden, der nach dem Krieg nicht mehr begangen wurde und da lag dann tragischerweise wirklich eine Familie mit 11 Individuen, sehr stark skelettiert, aber mit Kleidungsresten, Schmuck und so weiter. Dieser Befund ist insofern interessant: diese Familie ist in einem Gebiet aufgefunden worden, was ähnliche Zerstörungen aufwies wie hier die Webergasse, im Bereich des Neumarktes, in einem Keller, in dem eben tödliche Bedingungen herrschten. Ich sagte eben, wir hätten Schmuck und Kleidungsreste gefunden, Wenn wir wieder die Frage der Temperaturen angucken: es war nicht sehr heiß, es war absolut sauerstofffrei."

Doch die Kommission unter der Leitung von Professor Rolf- Dieter Müller wollte alle Zweifel ausschließen:

"Wenn mehr als 100.000 Flüchtlinge in der Stadt ums Leben gekommen sein sollten, dann müssen die ja irgendwo als abgängig registriert worden sein und die konnten nach der damaligen Kriegslage eigentlich nur aus Schlesien stammen, und wir haben also dort die entsprechenden Heimatbuchkarteien in Zusammenarbeit mit den entsprechenden Landsmannschaften durchgesehen, wir haben Vermisstenmeldungen, Todesmeldungen überprüft, um einen Anteil von schlesischen Flüchtlingen unter den Dresdner Opferzahlen identifizieren zu können und unser Ergebnis war auch in dieser Hinsicht negativ."

Die Gegenprobe wurde dann wieder in Dresden gemacht von der "Arbeitsgruppe statistisch- geographische Analyse". Götz Bergand:

"Ich meinte, dass wenn soviel Tote noch unter den Trümmern liegen geblieben sind, davon gehen ja viele aus, das die dann dort verrottet sind und nicht mehr auffindbar und die SED dann einfach alles rausgeschaufelt hat und platt gemacht, dann müsste man mal die Bergungsprotokolle, die es zu tausenden gibt, durchgucken, wo ist geborgen worden, und dann nimmt man einen Stadtplan von Dresden und markiert das. Und dann sehe ich ja, ob meinetwegen ein ganzes großes Stadtviertel leer bleibt. Das heißt: dort ist nicht geborgen worden. Und in jahrelanger Arbeit ist das ausgeführt worden, und auch zu meinem großen Erstaunen ist überall geräumt worden, also wenn man das graphisch vor sich sieht, muss man sagen, dass schon bis Kriegsende der größte Teil der Bergung vollzogen worden ist."

Fünf Jahre hat die Arbeit der Kommission gedauert. Das Ergebnis: in Dresden kamen in den drei großen Angriffen ca. 18.000 bis höchstens 25.000 Menschen ums Leben. Jeder einzelne war zuviel, wie Rolf- Dieter Müller zu bedenken gibt:

"Wir reden eben über Zahlen anstatt über konkrete Opfer. Wenn Sie die Bergungsberichte lesen, wie dort ein Keller geräumt wurde, 8 Personen gefunden, da ist eine alte Frau, eine Rentnerin darunter, eine Mutter mit zwei Kindern, auch der Umgang mit dieser Katastrophe in der Stadtgeschichte gewinnt ein anderes Gewicht und ein anderes Gesicht, wenn sich damit konkrete Schicksale verbinden. Und wir können etwa 10.000 Opfer auch namentlich identifizieren, und das gibt dann doch schon die Möglichkeit, mit einem solchen Fundus auch für die Zukunft politisch-historische Forschung zu unterstützen."

Das die Dresdner ihrer Toten nun würdig gedenken können und die Geschehnisse nicht länger zu Propagandazwecken- heute von Seiten der Neonazis- missbraucht werden, war Ziel und Zweck der Arbeit der Historiker. Das umfangreiche Zeitzeugenarchiv wird schon bald für Forschungsarbeiten zur Verfügung stehen, außerdem ist ein Totenbuch geplant, in dem die Lebensläufe und Schicksale der Opfer beschrieben werden.

"Nachdem die Opfergeneration schon fast verschwunden ist, wird sich die Frage stellen, wie geht die jüngere Generation, wie gehen zukünftige Generationen mit dieser Erinnerung an die größte Katastrophe der Stadtgeschichte um, und ich denke, bei Bildungsarbeit etwa in den Schulen, da wird man jetzt auch das Material haben, um einzelnen Schicksalen nachgehen zu können oder das Schicksal ganzer Straßenzüge zu rekonstruieren."

Sagt Rolf- Dieter Müller und Götz Bergand hofft:

"Und da muss man irgendwann mal, sollte mans auch mal akzeptieren, dass es nun mal weniger waren. Und eigentlich ist das ja eine gute Nachricht, dass es eben nicht zehn Mal so viele sind."

"In keiner anderen Stadt, die gleichviel zerstört worden ist, die hohe Verluste gehabt hat, ob das Köln ist oder Hamburg oder München oder irgendwo gibt es einen so erbitterten Streit darum."

"Für viele Leute bedeutet das einen Teil ihres Lebens. Und ich habe mit vielen vielen Augenzeugen gesprochen. Ich bin ja nun selber einer gewesen und konnte dann immer sagen: "Hören Sie mal, durch diese Straße, da bin ich selber durchgegangen oder durchgefahren mit dem Fahrrad, die war gar nicht gesperrt , wie alt waren Sie denn damals? Na, ich war 5. Aber mein Vati hat mir das erzählt, wollen Sie sagen, mein Vater hat gelogen? Ich sag, natürlich hat ihr Vater nicht gelogen, sondern er hat es damals so wahrgenommen, und Sie habens so aufgenommen." Also da kommen Sie nicht weiter, Sie werden wüst beschimpft, und da wird sich auch nichts ändern. Es hat sich für viele Leute so eingebrannt, als ein ungeheures Kriegsverbrechen der Alliierten."

"Dann bin ich in Richtung Hauptbahnhof gegangen, bin dann auf den Gleisen gegangen und bin dann da raus und da lagen die ersten Toten rum und dann räumten sie grade aus dem Hauptbahnhof die Toten raus und stapelten die, legten die da aus, also so wie Holzscheite, übereinander, und an den anderen Ausgängen wurde das ganze Gepäck gesammelt, und da bin ich dann nicht weiter gegangen, da habe ich mich erstmal irgendwo hingesetzt und hatte schon einen erheblichen Schock erlitten.

Die Bevölkerung hat nicht damit gerechnet. Aber Gauleiter Mutschmann hat das ja in seiner Aussage gesagt: "Ich musste zwar damit rechnen, aber dann dachte ich, es wird doch nichts passieren." Und das von dem oberstverantwortlichen Mann! Man hätte sicherlich manches tun können um das Schlimmste zu verhüten.

Unterschiedliche Wahrnehmungen gibt es hinsichtlich des Zusammenhalts der Familie. Also es sind sehr viele Familien auch durch die Situation des Hineinrennens in die Keller getrennt worden. Dann die Wahrnehmung in den Kellern, hängt sehr oft davon ab, wie aktiv man war, es gab viel Leute, die haben Vorbereitungen getroffen, die hatten also ne ganz andere Wahrnehmung, weil die waren aktiv. Viele Leute aber, die saßen nur unten drin und konnten nichts tun, und bekamen die Situation oftmals auch viel schrecklicher mit.

Der Mythos Dresden, der beruht darauf, dass die Stadt, so sagt man, am 13. Februar in Schutt und Asche gesunken sei, die Zerstörung waren total, in Häusern, von denen nur noch die Außenmauern standen, konnte keiner mehr wohnen. Aber das muss man einfach mal festhalten: es standen die Außenmauern und man hätte natürlich ganz anders nach dem Krieg bauen und planen können, das hat man bewusst nicht gemacht.

Und der Hauptgrund war aber wie bei all diesen Flächenangriffen, die Zerstörung der Verbindungswege, in Wahrheit ging es aber darum, die dichtbesiedelte Stadtmitte auszulöschen. Ob da nun Bunker da waren und die Bevölkerung geschützt oder die Bevölkerung noch da, interessierte die nicht, die Planer. Und insofern ist ja Dresden keine Ausnahme gewesen, es wurde nicht besonders schlimmer behandelt als andere Städte auch. Zum Beispiel die Stadt, die die höchsten Verlust hatte, was keiner so recht weiß, ist Pforzheim, 16.000 Menschen sind da ums Leben gekommen, die ganze kleine Stadt ist völlig weg gewesen, und so gibt es manche Städte, die einen höheren zerstörungsgrad als Dresden aufgewiesen haben. "

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