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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDer Buddenbrook-Effekt12.02.2009

Der Buddenbrook-Effekt

Über die Soziologie der Finanzkrise

Pünktlich zur globalen Finanzkrise veranstaltet das Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung eine dreiteilige Vortragsreihe mit dem Titel "Soziologie kapitalistischer Dynamik". Der Tübinger Soziologe Christoph Deutschmann analysiert die Gründe für das Versagen der Finanzmärkte und kommt dabei unter anderem zur Erkenntnis: Die westliche Nachkriegsgesellschaft ist mittlerweile zu reich, um genügend kreatives unternehmerisches Potenzial zu entwickeln. Der Buddenbrooks-Effekt hält uns gefangen!

Von Mirko Smiljanic

Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander.  (AP)
Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. (AP)
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Was waren das noch für Zeiten, als der alte Johann Buddenbrook die Maxime ausgab: "Mein Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, dass wir bey Nacht ruhig schlafen können." Alle hielten sich dran und wurden reich und reicher, nur der Urenkel Thomas Buddenbrook nicht. Er kaufte Mitte des 19. Jahrhunderts eine unreife Ernte zum halben Preis, die kurze Zeit später einem Hagelgewitter zum Opfer fiel. Das Desaster war der Anfang vom Ende des Handelshauses der Buddenbrooks! Was damals im kleinen Lübeck geschah - dass bei wachsendem Vermögen Spekulation wichtiger wird als seriöses Unternehmertum - beobachten wir heute auf globaler Ebene: Riskante Geschäfte mit faulen Immobilienkrediten waren bis vor Kurzem an der Tagesordnung, und als die Blase platzte, war das Jammern groß! Was läuft da aus dem Ruder? Vereinfacht gesagt - so der Tübinger Soziologe Professor Christoph Deutschmann - stimmt das Verhältnis zwischen den Reichen und den Armen nicht mehr. Es gibt zu viele Wohlhabende und zu wenig Arme, die wohlhabend werden wollen. Deutschmanns Antwort überrascht.

"Diese Polarisierung, die erzeugte ja eine Spannung! Auf der Seite der Vermögenslosen ist es so, die sind natürlich in einer sehr viel schlechteren Lage als die Reichen, aber der Witz ist, sie haben ja die Hoffnung auf die andere Seite zu kommen. Beten und Singen reichen dazu nicht aus, man muss arbeiten, aber die Vorstellung ist, wenn ich mich anstrenge, kann ich es schaffen auf die andere Seite zu kommen. Der Witz ist nun, dass genau diese Anstrengungen der Vermögenslosen wiederum die Verwertung, die Rendite des Kapitals der Vermögenden sicherstellen! Also nur, wenn es auf der anderen Seite Leute gibt, die sich abstrampeln, die nach oben wollen, kommt es zu dem seltsamen Phänomen, dass Kapital, dass sich Vermögen vermehrt."

Und genau da liegt das Problem der Bundesrepublik Deutschland. In der mehr als 60 Jahre währenden wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte hat sich die soziale wie ökonomische Struktur auf den Kopf gestellt. Gab es früher wenige Reiche und viele Arme, so ist heute die Zahl derer, die es "auf die andere Seite" geschafft haben sprunghaft angestiegen.

"Im Zuge dieses Aufschwungs ist es eben vielen Leuten gelungen, für sich den Traum vom Wohlstand zu erfüllen. Sie sind sozial aufgestiegen, die ganze soziale Struktur, die Pyramide hat sich verschoben, die Mittelschichten sind einfach sehr viel stärker geworden, gleichzeitig haben auch die Finanzvermögen, die Sachvermögen überhaupt, die Immobilienvermögen, haben sehr viel stärker zugenommen, als die allgemeine wirtschaftliche Leistung, und dadurch ist, wenn man so will, diese Grundspannung, die das System antreibt, die ist in gewisser Weise nivelliert worden, es gibt immer mehr Leute, die Geldvermögen besitzen und auch Renditen darauf kassieren wollen, und es gibt immer weniger Leute, die da noch hinkommen wollen und nach oben streben wollen."

Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. In den kommenden Jahren etwa werden in Deutschland Vermögen im Wert von zwei Billionen Euro vererbt! Geld und Grundstücke, Immobilien und Aktienpakete, ganze Firmen bis hin zu Kunst und Schmuck. Gleichzeitig nimmt aber die Zahl der Mittel- und Chancenlosen dramatisch zu.

"Die untere Hälfte der Gesellschaft, also die unteren 50 Prozent der Einkommenshierarchie, die haben gar kein Vermögen, und die haben auch zunehmend Schwierigkeiten, überhaupt noch am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, also in reguläre Jobs hineinzukommen. Also insofern kann man schon von einer Polarisierung sprechen, und diese Polarisierung wirkt sich ja auch zunehmend in der Mitte der Gesellschaft aus, wir haben ja die Studie des DIW 2007, dass also die Mittelschicht, die bisher immer zugenommen hat, wieder anfängt zu schrumpfen und zurückzugehen."

Ideal, so Christoph Deutschmann, sei ein pyramidenförmig aufgebauter Vermögensmarkt. Wenigen Reichen stehen viele möglichst junge Arme gegenüber. Schon dies konterkariert der demografische Wandel mit der Folge, dass in Deutschland immer mehr Alte und immer weniger Junge leben. Gleichzeitig dürfe es keine ständischen oder ethnischen Schranken geben - Fleiß und Kreativität sollten alleine über den Aufstieg entschieden. Aber selbst wenn all diese Faktoren erfüllt würden, weiß niemand, ob sich das wirtschaftliche Wachstum fortsetzt. Immerhin leben wir in einer historisch einmaligen Phase.

"Das Besondere ist in der Tat, wir haben in den letzten 50, 60 Jahren in Europa, überhaupt auf der ganzen Nordhalbkugel, keine großen Kriege mehr gehabt, keine großen Inflationen. Früher hat es das in Abständen von 20, 30 Jahren immer wieder gegeben, das hat zur Vermögensvernichtung geführt, das heißt, die Leute mussten in gewisser Weise von vorne anfangen, und die Frage ist, kann das gut gehen, kann das auf Dauer so weiter gehen?"

Zumindest nicht nach den bisherigen Mustern. Wir leben letztlich, sagt der Tübinger Soziologe, in einer Gesellschaft, die nicht mehr wächst. Das ist leicht daher gesagt, hat aber dramatische Konsequenzen.

"Das ist ja das Problem! Unsere Gesellschaft ist eine kapitalistische Gesellschaft, und das ist ein dynamisches System, es kann entweder nur wachsen, und wenn es nicht wächst, dann schrumpft es. Es ist wie beim Fahrrad, es geht entweder vorwärts, und wenn es nicht vorwärts geht, dann fällt es um. Und endloses Wachstum ist ganz sicher nicht möglich, das sagen ja auch die Umweltexperten, wir müssen uns also Gedanken machen, wie funktioniert eine Gesellschaft, die nicht mehr wachsen muss, die in einem stationärem Gleichgewicht bleiben kann, dass wir auf dem bestehenden Niveau einfach weiter machen."

Eine sozialistische Planwirtschaft wäre das schlechteste Gegenmodell, allerdings macht es für Deutschmann durchaus Sinn, mehr Kontrollmechanismen ins globale Wirtschaftsgeschehen einzuziehen. Dazu zählt die staatliche Überwachung des Finanzsystems, dazu zählt aber auch, dass Aktien nicht mehr auf Kredit gekauft werden dürften. Grundsätzlich, so Deutschmann, dürfte man mit Geld kein Geld mehr verdienen.

"Es müssen also ganz allgemein die Erwartungen der Vermögensbesitzer, dass eben Geld, Kapital eine Rente, einen Profit bringt, diese Erwartungen müssen zurückgeschraubt werden. Wir dürfen nicht einfach mehr davon ausgehen, dass Geld sich einfach vermehrt, das ist eigentlich eher der unwahrscheinliche Fall. Also diese Erwartung, durch Geld komme ich zu mehr Geld, das müssen wir drastisch zurückschrauben, denke ich!"

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