Dienstag, 17. Mai 2022

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Der "Doctor Subtilis" der Theologie

Johannes Duns Scotus war ein Startheologe seiner Zeit. Im Jahr 1307 in Köln gestorben, hat er eine enorme Wirkung bis in die heutige Zeit. Diese Ansicht vertritt der Philosoph und Scotus-Experte Ludger Honnefelder. Scotus habe den freien Willen nicht nur als Freiheit von etwas verstanden, "sondern als Freiheit für etwas, nämlich sich an das zu binden, was wir als gut erkennen und erfassen", erläuterte Honnefelder.

Ludger Honnefelder im Gespräch mit Katja Lückert | 08.11.2008

Katja Lückert: Heute jährt sich der Todestag eines Startheologen aus dem Mittelalter aus Köln, wie es die lokale Presse etwas locker formulierte, zum 700. Mal, und tatsächlich befindet sich in der Kölner Minoritenkirche das Grab des in Schottland geborenen Johannes Duns Scotus. Er war im Jahr zuvor, 1307, nach Köln gekommen und dann vermutlich an der Pest dort gestorben. In diesem Jahr feiert man mit einem Festakt an der Universität und einem wissenschaftlichen Kongress den Dr. Subtilis, wie Duns Scotus wegen seiner scharfsinnigen Kritik genannt wurde. 1992 wurde er von Papst Johannes Paul II. selig gesprochen. Der Leiter des Albertus-Magnus-Instituts der Universität Bonn und Scotus-Experte Ludger Honnefelder, an ihn die Frage, Kardinal Meisner verlas den Brief des Papstes. Wie verhält sich die Theologe Ratzinger hier zu Scotus?

Ludger Honnefelder: Der Papst stellt in die Mitte seines Briefes einen Gedanken, der sich bei Duns Scotus besonders ausgeprägt findet, nämlich dass Gott die Liebe ist. Der Papst hatte ja seine erste Enzyklika unter dieses Thema gestellt: Gott ist die Liebe. Und Scotus begründet diesen Satz in seinem Werk damit, dass der höchste Vollzug des Menschen nicht allein in der Erkenntnis seiner Vernunft besteht, sondern im Vollzug seines Willens und die höchste Form des Willens ist, wenn ich die Liebe zu dem schlechthin Guten vollziehe. Und deshalb ist Gott, der die Güte selbst ist, am höchsten definiert, so Scotus, wenn wir ihn verstehen als die Liebe.

Lückert: Das Zusammenwirken von Vernunft und Religion war wichtig für Scotus. Mag das ein Gedanke sein, der ihn auch für uns heute noch so aktuell erscheinen lässt?

Honnefelder: In der Tat. Duns Scotus hat bis heute einen außerordentlich starkes Interesse der Philosophen auf sich gezogen. Und zwar deshalb, weil er die Frage stellt, wie müssen wir die philosophischen Möglichkeiten des Menschen denken, wenn der Mensch in der Lage sein soll, auch gewissermaßen Gott zu denken. Und das ist eine Provokation für die Philosophie, der er nachgegangen ist. Und das hat zu einem Umbruch in der Philosophie geführt, der von ihm ausgegangen ist, der bis zu Kant und in die Moderne reicht. Deshalb rechnet man ihn in der Philosophiegeschichte gewissermaßen in die erste Liga.

Lückert: Sie haben schon vom eigenständigen Wert der Willenskraft für unsere Entscheidungen gesprochen. Warum ist das für Duns Scotus so maßgeblich?

Honnefelder: Weil er der Meinung ist, dass der Vollzug der Freiheit, mit dem ich mich an etwas anderes binde, durch nichts anderes übertroffen werden kann. Und wenn dieser Vollzug der Freiheit darin besteht, nicht beliebiges zu tun, sondern sich an das zu binden, was ich als gut erkenne, dann muss darin die höchste Weise der menschlichen Existenz liegen.

Lückert: Und hält sich Gott dann auch an diese vernünftigen Regeln?

Honnefelder: Genau das nimmt Scotus an, dass er sagt, wenn wir den Willen denken als ein Vermögen, sich an das Gute zu binden und ein vollkommenes Wesen einen solchen Willen haben muss, dann können wir von Gott gar nichts anderes annehmen, als dass er aus freiem Willen in Liebe handelt. Das heißt, dieser Gott verliert für den Menschen den Schrecken oder die gewissermaßen Unerkennbarkeit. Und er gewinnt gewissermaßen ein Gesicht, und dieses Gesicht ist nach Scotus das der Liebe und das sieht er besonders repräsentiert in der Gestalt Christi.

Lückert: Vielleicht noch zum Abschluss die Frage, wie ist die Quellenlage bei den Duns Scotus? Was hat man, was weiß man über ihn? Was kann man wirklich wissen, was er geschrieben hat?

Honnefelder: Er hat eine enorme Wirkung gehabt, obwohl er mit 42 oder 43 gestorben ist. Und er hat sehr viele seiner Werke unfertig zurückgelassen, zum Teil in Schülernachschriften. Und es ist jetzt eine Sache der Forscher, genau herauszupräparieren, was sein authentisches Denken war. Aber man muss gewissermaßen zurückfragen, zum Teil mit kriminalistischen Mitteln, wie ist dieser enorme Einfluss, den er genommen hat, wie ist der an den Texten selbst, die von ihm selber stammen, festzumachen.

Lückert: Solche Kongresse können ja immer nur wieder einzelne historische Mosaiksteine aus einer bestimmten historischen Lage wieder genauer fassen. Gab es da für Sie eine Entdeckung, dass Sie sagten, das war jetzt ein besonders interessanter Punkt nach diesen drei Kongressen, die Sie jetzt erlebt haben?

Honnefelder: Ja, es gibt seit wenigen Jahren eine kritische Ausgabe seines Kommentars zu aristotelischen Metaphysik. Und diese Ausgabe erlaubt es gewissermaßen, in die Werkstatt seines Denkens zu gucken. Er denkt den Willen auf der einen Seite als ursprünglich frei und zugleich aber als Selbstbindung an das Gute, sodass hier Freiheit interpretiert wird als Selbstbindung. Und das ist ja für die Gegenwart ja ein hoch interessanter Gedanke. Und hier wird Willen nicht nur verstanden als Freiheit von etwas, sondern als Freiheit für etwas, nämlich sich an das zu binden, was wir als gut erkennen und erfassen.

Lückert: Dem Franziskaner Duns Scotus wird in diesem Jahr an verschiedenen Orten der Welt in Kongressen und Ausstellungen gedacht. Der Philosoph Ludger Honnefelder hielt einen der Festvorträge am gestrigen Abend in Köln.