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StartseiteHintergrundDer Drahtseilakt des Präsidenten10.02.2007

Der Drahtseilakt des Präsidenten

Pakistan zwischen Fundamentalismus und Moderne

Der pakistanische Präsident Pervez Musharraf sitzt zwischen den Stühlen. Der internationalen Gemeinschaft reicht das Engagement gegen Islamisten nicht. Im eigenen Land wird es dagegen immer wieder scharf kritisiert.

Von Christoph Heinzle

Pervez Musharraf, pakistanischer Präsident, will sich in diesem Jahr vom Parlament wiederwählen lassen. (AP)
Pervez Musharraf, pakistanischer Präsident, will sich in diesem Jahr vom Parlament wiederwählen lassen. (AP)
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Die Altstadt von Lahore im äußersten Osten Pakistans zeugt von der Blütezeit der Mogulreiche im 16. und 17. Jahrhundert. Und die Badshahi-Moschee gleich neben dem gewaltigen Fort kündet vom strengen Glauben der muslimischen Herrscher. Doch die Altstadt Lahores mit ihren engen Gassen und belebten Basaren ist weniger für Sittenstrenge bekannt denn für Laster und Vergnügen.

"Viele Mädchen aus diesem Viertel gehen als Tänzerinnen nach Dubai, Kuwait, Saudi-Arabien oder gar nach Europa. Sie tanzen dort in Discos."

Beim Tanzen bleibt es dabei aber eher selten, räumt Akhtar ein. Der dickbäuchige und unrasierte Pakistaner ist Zuhälter von Beruf und lässt in einem der schmuddlig-heruntergekommenen Altstadthäuser anschaffen.

"Diese Gegend ist bekannt für das Geschäft der Prostitution. Aber wir respektieren hier auch religiöse Feste wie den Ramadan. Die meisten nehmen darauf Rücksicht."

Doch selbst im heiligen Fastenmonat Ramadan werden potenzielle Kunden auf der Straße offensiv angesprochen. Ob man nicht Lust habe auf ein halbes Stündchen mit einer Frau wie Praveen, wird man gefragt. Die 25-Jährige mit der dicken Schminke verdient das Geld für Akhtar. Die Prostituierte macht rasch klar, dass es mit der religiösen Ehrfurcht im Rotlichtviertel nicht sonderlich weit her ist.

"Während des Ramadan gibt es kaum Geschäft. Nicht weil die Kunden Rücksicht nehmen, sondern weil ihnen wegen der teuren Feste das Geld fehlt. Wir sind nur Prostituierte, weil uns die Armut dazu zwingt. Wir machen das nicht aus Vergnügen."

Früher war die Altstadt Lahores nicht nur für ihre leichten Mädchen bekannt, sondern auch für Kunstgenuss und hochklassige Unterhaltung. Nasir Pervez denkt mit Wehmut zurück. Seine Familie betreibt hier seit 40 Jahren eine Musikalienhandlung. Traditionelle pakistanische Instrumente wurden früher hier gebaut, sagt Pervez.

"Noch vor fünf Jahren kamen die Leute hierher, um sich Tanz anzusehen und gute Musik zu hören. Damit hatten sie ihren Spaß. Heutzutage hat jeder eine Satellitenschüssel oder Kabelfernsehen. Jetzt kommt man nur noch für die Prostituierten hierher. Das macht mich sehr traurig. Aber was soll man tun?"

Pakistan ist heute mehr denn je ein Land mit vielen Gesichtern. Es ist beeinflusst von globalen Trends, von westlichem Lebensstil. Aber Pakistan ist eben auch vor allem auf dem Land traditionell geprägt bis hin zu religiösem Extremismus. In Millionen-Städten wie Lahore sind die Grenzen fließend zwischen Tradition und Moderne, zwischen Liberalität und Fundamentalismus, gerade bei jungen Pakistanern der Mittel- und Oberschicht.

In Lahores Altstadt hat auch die alteingesessene Familie Salahuddin ihr Haveli, ein Haus in traditionell islamischer Architektur mit hohen Wänden und nur wenigen Fenstern nach außen, aber mit einem bezaubernden Innenhof in Sandstein und Marmor, mit einem Brunnen und viel Platz für Gäste. Mian Yousuf Salahuddin ist Geschäftsmann, früher war er auch Politiker. Er gilt als Partykönig Lahores. Auf Salahuddins Festen trifft sich seit drei Jahrzehnten, wer Rang und Namen hat in Pakistan: Sportler, Künstler, Models, Politiker und Bürokraten. Mick Jagger feierte schon hier, und Präsident Musharraf war in dem Haveli Salahuddins immer wieder zu Gast. Davon zeugen die Fotos an den Wänden des Hauses.

"Atmosphäre, Lebensweise und Temperament des alten Lahore gibt es immer noch. Lahore ist eine großartige Stadt. Die meisten Pakistaner sind ziemlich liberal, denke ich."

Salahuddin erlebte jedoch auch im vermeintlich liberalen Lahore immer wieder Eingriffe und Angriffe islamistischer Eiferer. Sie machten Front gegen Silvesterpartys und Stadtfeste, gegen westlichen Lebensstil und Frauen beim jährlichen Marathon. Das passe nicht zur liberalen Tradition der Stadt, meint Salahuddin.

"Ich habe den gleichen Respekt für Leute, die Jeans tragen, wie für Frauen in Burka, dem Ganzkörperschleier. Das ist Freiheit. Den Leuten in religiösen Parteien rate ich immer von Zwang ab. Wenn ihr etwas wollt, dann redet offen mit mir. Reden ist immer gut. Vielleicht lasse ich mich ja auch überzeugen. Aber wenn man mit dem Stock oder dem Gewehr in der Hand kommt, dann werde ich das natürlich nicht akzeptieren."

Etwas außerhalb Lahores liegt auf einem campusartigen Gelände das beeindruckende Hauptquartier der Jamaat-e-Islami. Sie ist die älteste, größte, einflussreichste religiöse Partei Pakistans. Seit 1941 propagieren und definieren ihre Führer den reinen Islam. Die Jamaat steht an der Spitze des fundamentalistischen Oppositionsbündnisses in Pakistan. Markenzeichen: scharfe Töne gegen Präsident Pervez Musharraf und gegen den Westen. Einer der Wortführer der Jamaat ist Munwar Hassan, der Generalsekretär der Partei.

"Die Stimmung in der Bevölkerung richtet sich völlig gegen Musharraf. Aber er wird eben von Amerika und dem Westen unterstützt. Doch die Amerikaner haben nie Demokratie unterstützt, sondern immer nur Despoten, Könige, Scheichs und Militärdiktatoren."

Die Jamaat-e-Islami hat bei den letzten Wahlen 2002 gerade mal elf Prozent der Stimmen bekommen. Doch sie gilt als bestorganisierte politische Kraft Pakistans mit Büros und Aktivisten in den hintersten Winkeln des Landes. Die Jamaat kann den Volkszorn schüren und Massen mobilisieren, ob gegen den Krieg in Afghanistan oder gegen die Mohammed-Karikaturen. Auch gegen Musharraf und seine Verbündeten wollen die Jamaatis im Wahljahr 2007 Stimmung machen.

"Millionen von Menschen haben bereits öffentlich protestiert. Die Massen wollen demonstrieren, sie haben ihre Ziele. Sie wissen, dass Pakistan eine amerikanische Kolonie ist und sie keine Grundrechte hier haben. Die Leute sind bereit, dagegen auf die Straßen zu gehen und damit Schluss zu machen."

Als Britisch-Indien 1947 geteilt und Pakistan unabhängig wurde, sollte das Land Zufluchtsort für die Moslems des Subkontinents sein. Eine Islamische Republik entstand. Staatsgründer Jinnah starb wenig später. Bis heute ist umstritten, ob der westlich gebildete Politiker eine klare Trennung von Staat und Religion im Auge hatte oder ein vom Islam bestimmtes Land.

De facto spielten Fundamentalisten und Geistliche lange nur Nebenrollen in Pakistan. Erst Ende der 70er Jahre gewannen die religiösen Parteien an Einfluss. Militärdiktator Zia ul-Haq betrieb die Islamisierung des Landes. Die sowjetische Besetzung Afghanistans machte Pakistan zur Basis für fundamentalistische Oppositionsgruppen.

Schicke Autos, coole Cafés und trendige Klamotten – das junge, moderne, urbane Pakistan gibt sich offen und westlich. Doch nicht allen gefällt die Globalisierung der Gesellschaft, meint der Politikwissenschaftler Hasan Askari Rizvi aus Lahore.

"Es gibt vor allem in den Städten moderne Pakistaner, die im Ausland gelebt haben, dort ausgebildet wurden, die von der Modernisierung und Globalisierung profitieren und von der Revolution in der Kommunikationstechnik. Das missfällt Teilen der Bevölkerung, die von religiösen Gruppen beeinflusst sind. Sie sehen Globalisierung und Modernisierung als Bedrohung ihrer Prinzipien. Sie kommen mit den Veränderungen nicht zurecht, die durch Fernsehen, Internet und internationale Medien hierher kommen. Konservative religiöse Elemente sehen das als kulturellen Angriff auf die Werte der pakistanischen Gesellschaft."

Die Spaltung der Gesellschaft spiegelt sich auch in der Politik wider. Seit einem Militärputsch 1999 führt General Pervez Musharraf das Land, inzwischen als Präsident. Im Ringen um internationale Anerkennung und Akzeptanz zuhause in Pakistan vollführt Musharraf eine Gratwanderung.

Empfang mit militärischen Ehren für George W. Bush in Islamabad im März vergangenen Jahres: Der US-Präsident ist wichtigster internationaler Partner, Geldgeber, Fürsprecher von Pervez Musharraf. Und der pakistanische Präsident wurde nach den Anschlägen vom September 2001 wichtigster Verbündeter des Amerikaners für seinen Krieg gegen den Terror in Südasien. Doch immer wieder gibt es Kritik am mangelnden Engagement Pakistans gegen den grenzüberschreitenden Terrorismus von und nach Afghanistan, vor allem gegen die Taliban. Doch US-Präsident Bush weiß, dass er trotz Mängeln keine Alternative zu Musharraf hat.

"Bestandteil meines Besuchs hier war es festzustellen, ob Präsident Musharraf noch so engagiert wir früher ist, diese Terroristen der Gerechtigkeit zuzuführen. Und er ist es. Er versteht, was auf dem Spiel steht, welche Verantwortung er hat und dass unsere Strategie in der Lage sein muss, den Feind zu besiegen."

Für Pakistan ist die Partnerschaft mit den USA im Anti-Terror-Kampf ein lohnendes Geschäft. Es hat in den vergangenen fünf Jahren viele Milliarden Dollar Hilfe aus Washington bekommen. Dafür muss Musharraf Erfolge vorweisen. Der General verbot zahlreiche extremistische Organisationen, ließ Hunderte Al-Kaida-Kämpfer verhaften und schickt seine Truppen immer wieder in Operationen gegen Al Kaida und Taliban in den Stammesgebieten an der afghanischen Grenze.

"Wir haben Strategien gegen Terrorismus und Extremismus entwickelt. Wenn uns mal etwas durchrutschen sollte, dann kann das an der Umsetzung liegen. Doch solange unsere Absicht, Entschlossenheit und Strategie klar sind, werden wir Fortschritte machen und Erfolg haben."

Doch Pervez Musharraf steht nicht nur im Anti-Terror-Kampf unter Druck. Der Westen will auch Fortschritte Richtung Demokratie sehen. General Musharraf ließ sich nach seinem Militärputsch nur durch eine umstrittene und viel kritisierte Volksabstimmung als Präsident bestätigen, nicht durch Wahlen.

Artig bekennt sich Musharraf immer wieder zu Demokratie und Mäßigung. Damit bedient er vor allem die ausländischen Erwartungen.

"Der Islam ist eine großartige Religion. Doch leider glaubt die Welt, der Islam fördere Militanz und Extremismus. Dabei soll er tolerant allen Religionen gegenüber sein. Mein Ziel für Pakistan ist eine aufgeklärte Gesellschaft."

Gebetsmühlenartig wiederholt Musharraf seine Vision von der aufgeklärten, moderaten Gesellschaft. Doch in den einflussreichen konservativen Kreisen Pakistans trifft der liberale Ansatz des Präsidenten auf Unverständnis und Widerstände, vor allem in den bis zu 20.000 Koranschulen des Landes, die immer noch großen Einfluss haben.

Im Schneidersitz schaukelnd rezitieren Schüler den Koran. Das Heilige Buch der Moslems steht im Zentrum der Ausbildung in der Lal Masjid Madrassa in Islamabad, einer der größten Koranschulen Pakistans mit 10.000 Jungen und Mädchen. Künftige Geistliche würden hier ausgebildet, gute Moslems, aber keine Terroristen, betont der stellvertretende Schuldirektor, Abdul Rashid Ghazi.

"Wir erziehen unsere Schüler zu Toleranz, nicht zum Extremismus. Wenn wir Terroristen heranbilden würden, warum sollten die Eltern ihre Kinder dann zu uns schicken? Und die Koranschulen werden von der Bevölkerung durch Spenden finanziert. Warum sollten uns die Menschen Geld geben, um Terroristen auszubilden. Wie soll das gehen?"

Wie Pilze schossen die pakistanischen Koranschulen in den 80er Jahren aus dem Boden und wurden zu Ausgangsbasen für die Gotteskrieger gegen die Sowjetarmee in Afghanistan und zu Geburtsstätten der Taliban. Doch nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wuchs der Druck auf Pakistan, gegen die Extremisten vorzugehen. Präsident Musharraf versprach, die Madrassas einzuschränken, schaffte es aber nicht. So zeigen dort Hardliner wie Ghazi auch heute offene Sympathie für die Taliban.

"Der Islam lehrt Widerstand und Selbstverteidigung, wenn ein Land unter Zwangsherrschaft steht. Die Taliban wehren sich, weil die Amerikaner wie im Irak ohne Grund auch nach Afghanistan gekommen sind. In beiden Ländern ist das Selbstverteidigung, ein Heiliger Krieg, eine gerechte Sache gegen Tyrannen und Aggressoren."

Im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet entscheidet sich nach Meinung vieler Experten, ob und wie schnell der Krieg gegen die Taliban gewonnen werden kann: eine Schicksalsfrage für Afghanistan, das 2006 das mit Abstand blutigste Jahr seit Sturz des Taliban-Regimes erlebt hat. Pakistan steht mehr unter Druck denn je, wie die harsche Kritik von Joanna Nathan klar macht, Afghanistan-Forscherin der International Crisis Group in Kabul.

"Die Taliban nutzen die Tatsache, dass die Grenze durchlässig ist und Pakistan nicht versucht, gegen die Taliban vorzugehen. Andere Beispiele haben gezeigt: Man kann Aufständische nicht besiegen, wenn sie sich frei über eine Grenze hinweg bewegen können und Zuflucht in einem anderen Land finden. Solange man den Kopf nicht abschlägt, kann man den Aufstand nicht niederschlagen."

Mit Blick auf die heikle Gemengelage im eigenen Land wehrt sich die pakistanische Regierung immer deutlicher. Hunderte pakistanischer Sicherheitskräfte seien im Anti-Terror-Kampf bereits gestorben, der Präsident selbst Ziel von Anschlägen geworden. Anschuldigungen Richtung Islamabad verletzten ihn, so Außenminister Kurschid Kasuri. Schließlich werde Pakistan von denselben Extremisten angegriffen.

Die pakistanische Regierung sitzt zwischen den Stühlen. Der internationalen Gemeinschaft reicht das Engagement gegen die Islamisten nicht. Im eigenen Land wird es dagegen immer wieder scharf kritisiert. Deshalb warnt Najam Sethi, Herausgeber der renommierten Wochenzeitung "Friday Times":

"Je mehr Musharraf für die USA tut, desto unpopulärer wird er in Pakistan. Das ist kontraproduktiv. Wenn die Amerikaner Musharraf etwas sagen wollen, sollten sie das vertraulich tun. Je mehr das öffentlich geschieht, desto mehr erscheint Musharraf als amerikanische Marionette und desto instabiler würde das ganze System wegen des bestehenden Anti-Amerikanismus."

So vollführt Pervez Musharraf weiter einen Drahtseilakt. Der pakistanische Präsident versucht, den Westen zufrieden zu stellen und die Konservativen im eigenen Land nicht zu sehr gegen sich aufzubringen. Zwischen Worten und Taten gibt es deshalb oft große Unterschiede. Beispiel: Koranschulen. Musharraf versprach immer wieder scharfe staatliche Kontrollen. Doch geändert hat sich fast nichts. Dabei gelten wenigstens einige hundert Madrassas als direkte Förderer extremistischer Ideologien und Gruppen. Doch Musharraf kann und will nicht massiv gegen Koranschulen generell vorgehen. Denn ihre Unterstützer, die fundamentalistischen Gruppen und Parteien, sind politisch und gesellschaftlich mächtig.

Viel mehr noch als auf die Politik setzt Musharraf aber auf die Armee, die ihn groß und mächtig werden ließ. Alle wichtigen Posten hat er mit aktiven oder pensionierten Offizieren besetzt. Die Armee hat immer mehr Funktionen in Staat und Gesellschaft übernommen. Der Armee als Institution mit klaren Regeln, mit Disziplin und Gehorsam gehört Musharrafs Vertrauen, nicht dem Parteiensystem.

2007 ist Wahljahr in Pakistan. Doch ein Jahr des Aufbruchs und des Neuanfangs wird es wohl kaum werden. Pervez Musharraf will sich im Herbst von der sicheren Mehrheit des derzeitigen Parlaments für weitere fünf Jahre als Präsident bestätigen lassen. Erst dann werden die Wähler zur Urne gebeten, um die Abgeordneten neu zu wählen. Und dann, so verspricht Musharraf, soll die Epoche der Liberalen, der Gemäßigten anbrechen.

"Moderate, aufgeklärte Kräfte müssen gegen die religiösen Elemente gewinnen, gegen die Dunkelmänner, wie ich sie nenne. Die müssen auf ihre frühere Größe zurück. Sie hatten nie mehr als drei oder vier Prozent. Jetzt haben sie bis zu 18 und regieren eine der vier Provinzen. Sie müssen besiegt werden."

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