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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDer endgültige Sargnagel für das Reich Napoleons11.03.2013

Der endgültige Sargnagel für das Reich Napoleons

Gerd Fesser: "1813. Die Völkerschlacht bei Leipzig", Bussert & Stadeler Verlag

In der Völkerschlacht von Leipzig standen sich vom 16. bis zum 19. Oktober 1813 mehr als 600.000 Soldaten aus zwölf Staaten gegenüber. Der Historiker Gerd Fesser hat nun eine detaillierte Beschreibung der Schlacht vorgelegt, die das Ende des napoleonischen Reiches endgültig besiegelte.

Von Paul Stänner

In einer historischen Gefechtsdarstellung schießen am 20.10.2012 in Markkleeberg (Sachsen) Teilnehmer in Uniform zum  Jahrestag der Völkerschlacht (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)
In einer historischen Gefechtsdarstellung schießen am 20.10.2012 in Markkleeberg (Sachsen) Teilnehmer in Uniform zum Jahrestag der Völkerschlacht (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)

"Am 14. Oktober traf Napoleon in Leipzig ein. Ihm war klar geworden, dass er keinerlei Chance mehr besaß, eine der drei gegnerischen Armeen einzeln zu vernichten. Schlesische Armee und Nordarmee hatte sich vereinigt, die Hauptarmee war von Süden her in Anmarsch. Napoleon hatte sich bereits entschlossen, alle seine Truppen um Leipzig zu konzentrieren und die große Entscheidungsschlacht zu schlagen."

... von der er bereits ahnte, dass er sie verlieren würde. Gerd Fesser beginnt seine Darstellung von Napoleons Untergang in Leipzig mit dem Jahr 1808, als der Imperator auf dem Gipfel seiner Macht stand. Er schildert die politische und militärische Entwicklung, die hohen Bündnisse und die Eigenmächtigkeiten von Untergegebenen, die in ihrer Gesamtheit dafür sorgten, dass gegen den übermächtig erscheinenden, fast immer siegreichen Franzosen eine breite, europäische Front zusammengefügt wurde.

Nach Napoleons Rückzug aus Russland gewann diese Entwicklung eine neue Dynamik. In der Politik, aber auch in der breiten Bevölkerung Deutschlands glaubte man jetzt eine Chance zu haben, die französische Besatzungsmacht zu überwinden. Fesser beschreibt nicht nur die Strategien der Regierenden, sondern auch die Stimmung in der Bevölkerung, die von Denkern und Autoren wie Achim von Armin, Friedrich Schlegel, Theodor Körner angefeuert wurde – und er unterschlägt auch nicht den gelegentlich nationalistischen Umschlag in einen blindwütigen Hass auf alles Französische schlechthin. All dies führte zum Oktober 1813.

"Am Morgen des 16. Oktober begann die Völkerschlacht. Der Tag zog mit Nebel und Nieselregen herauf. Östlich der Pleiße führte General Wittgenstein das Kommando. Seine Truppen griffen in vier Kolonnen an. Österreichische Truppen unter General Johann Graf Klenau und russisch-preußische Truppen unter General Andrej Gortschakow ging in Richtung Liebertwolkwitz, russisch-preußische unter Eugen von Württemberg in Richtung Wachau, preußisch-russische Truppen unter General Kleist in Richtung Markkleeberg."

Bis in die kleinsten Details, mit Uhrzeit und Wetterbericht, unterstützt von schematischen Karten, die die Truppenaufstellungen und – Bewegungen zeigen, werden die drei Tage nachvollzogen, an denen die eigentliche Schlacht tobte. Außerdem hatten auch an anderen Schauplätzen wie zum Beispiel der Stadt Möckern nahe Magdeburg, kleinere Schlachten stattgefunden.

All diese Ereignisse bieten Fesser Gelegenheit, die militärischen Erfolge und Niederlagen zu schildern und die an den Schaltstellen handelnden Personen darzustellen: den ewig zögernden preußischen König Friedrich Wilhelm III., den Fesser als "fischblütig" beschreibt. Oder den französischstämmigen schwedischen Kronprinzen Bernadotte, der die Nordarmee befehligte und versuchte, sich so weit wie möglich aus den Kämpfen herauszuhalten, weil er auf eine Karriere in Schweden hoffte - für den Fall der französischen Niederlage. Oder in Frankreich - für den Fall von Napoleons Sieg. Und natürlich Adolf von Lützow, der das nach ihm benannte Freikorps gegründet hatte.

Neu war in diesem Krieg die Beteiligung von gewöhnlichen Bürgern, also nicht gezogenen Soldaten, in den Gefechten. Der Kampf gegen Napoleon war ein Volkskrieg gegen die Besatzer. In Fessers Buch ist ein Brief von General Gneisenau an den Staatskanzler Hardenberg abgedruckt:

"Die Landwehren spielten mit die vorzüglichste Rolle, namentlich das Bataillon Sommerfeld aus dem Hirschberger Kreis, großenteils aus Leinewebern bestehend. Möchten Ehrwürdige Exzellenz diese braven, armen Leute sehen, wie sie der notwendigsten Kleidungsstücke ermangeln und den Krankheiten und der Ermattung erliegen, es würde Ihnen das Herz pressen."

Dem Buch ist ein Glossar angefügt, das die wichtigsten Personen und Begriffe erläutert. Dazu kommt noch ein Anhang mit historischen Quellen, die die Emotionen nacherleben lassen, die die Menschen in jenen Tagen beherrscht haben müssen. So berichtete der Leibarzt Johann Christian Reil an den Freiherrn vom Stein über die Lazarette:

"Auf dem offenen Hof der Bürgerschule fand ich einen Berg, der aus Kehricht und Leichen meiner Landsleute bestand, die nackt lagen und von Hunden und Ratten angefressen wurden, als wenn sie Missetäter und Mordbrenner gewesen wären."


Gerd Fesser: 1813. Die Völkerschlacht bei Leipzig
Bussert & Stadeler Verlag
176 Seiten, 19,90 Euro
ISBN: 978-3-94211-515-5

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