Samstag, 26.09.2020
 
Seit 16:30 Uhr Forschung aktuell
StartseiteDlf-MagazinDer erste grüne OB in einer Landeshauptstadt03.01.2013

Der erste grüne OB in einer Landeshauptstadt

Vor dem Amtsantritt Fritz Kuhns in Stuttgart

Kommende Woche zieht Fritz Kuhn als erster grüner Oberbürgermeister einer Landeshauptstadt ins Stuttgarter Rathaus ein. In den Augen seines langjährigen Weggefährtens Rezzo Schlauch hinterlässt Noch-OB Wolfgang Schuster (CDU) seinem Nachfolger eine gut aufgestellte Stadt.

Von Michael Brandt

Fritz Kuhn (2.v.r, Bündnis 90/Die Grünen), feiert seinen Erfolg bei der Wahl des Oberbürgermeisters der Landeshauptstadt Stuttgart. (picture alliance / dpa / Marijan Murat)
Fritz Kuhn (2.v.r, Bündnis 90/Die Grünen), feiert seinen Erfolg bei der Wahl des Oberbürgermeisters der Landeshauptstadt Stuttgart. (picture alliance / dpa / Marijan Murat)

Fritz Kuhn sitzt im Sendestudio und grinst. Ihm gegenüber der
fränkische Kabarettist Frank Markus Barwasser, der im ZDF unter dem Künstlernamen Erwin Pelzig prominente Gäste interviewt. Pelzig ist für seine Spitzen bekannt, die er im gemütlichen fränkischen Dialekt versteckt und Kuhn wartet ab, was kommt.

"In der Zeit war mal gestanden, Sie sind wie ein Krokodil, das lange regungslos im Wasser liegt und dann - Zack - zuschnappt. Sie hätten ja unter Schröder Staatssekretär werden können - und jetzt Stuttgart - Zack. Sind Sie schon umgezogen nach Stuttgart?

"Noi, ich bin noch ..."

"Noi, wie Ihr sprechen dut."

Kuhn schnüffelt misstrauisch an einer himbeerroten Bowle, die der 57-Jährige trinken muss, bleibt bei allen Fragen aber hellwach und schlagfertig - zum Beispiel beim Thema Verkehr:

"Waren Sie schon beim Daimler und haben Ihren Antrittsbesuch gemacht, dass die wissen, wer unter denen regiert?"

"Ich war in den vergangenen Jahren schon oft beim Daimler, weil ich meine Kernidee, mit grünen Ideen schwarze Zahlen zu schreiben, ja immer verbreiten will. Die werden nicht bestimmen, was der Oberbürgermeister von Stuttgart macht. Keine Sorge, da bin ich selbstbewusst genug."

Umgezogen nach Stuttgart ist Kuhn mittlerweile, die ersten Personalentscheidungen für den Amtsantritt am kommenden Montag sind getroffen, aber ansonsten hat der erste grüne OB an der Spitze einer Landeshauptstadt die politische Debatte anderen überlassen. Zum Beispiel seinem langjährigen Weggefährten Rezzo Schlauch. Seit dem Wahlsieg war der gewichtige Alt-Grüne immer wieder an Kuhns Seite zu sehen, immer mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

"Also, ich würde sagen, nach dem überzeugenden Wahlerfolg besteht mit Sicherheit eine gespannte Erwartung."

Rezzo Schlauch sitzt entspannt und braun gebrannt in einem Stuttgarter Café. Das Treffen findet kurz vor Weihnachten statt, der ehemalige Fraktionschef der Grünen im Bundestag hat eben seinen Urlaub auf Lanzarote beendet - er trägt wieder Vollbart. - Er ist sich sicher, dass sein langjähriger politischer Weggefährte und Freund Fritz der Richtige für den OB-Posten ist. Obwohl oder gerade weil Stuttgart Sitz von Daimler und Porsche und damit Autostadt ist. Verkehrs- und feinstaubgeplagt sei die baden-württembergische Landeshauptstadt eigentlich reif für einen Grünen an der Spitze, meint Rezzo Schlauch:

"Das ist ein dickes Brett, das da gebohrt werden muss, weil Stuttgart über die Jahre hinweg sein lieb gewordenes Auto immer mit Zähnen und Klauen verteidigt hat. Und ich glaube, dass es da einen Weg geben muss, der die ökologische Brechstange vermeidet."

Denn mit der ökologischen Brechstange – wie es Schlauch nennt - haben die Grünen beim Thema Verkehr schlechte Erfahrungen gemacht: Beispielsweise Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der kurz nach seiner Wahl sagte, dass weniger Autos besser seien als mehr. Wenn Fritz Kuhn also im Gespräch mit den Autobossen etwas erreichen will, muss er verhandeln. Und das, so Rezzo Schlauch, kann er:

"Das weiß ich aus eigener Anschauung, er ist ein brillanter Verhandler. Und, was ja ganz wichtig ist als OB, er muss ja diese Verhandlungen auch in die Öffentlichkeit transportieren."

Während Kuhn sich bis Amtsantritt in politischer Zurückhaltung übt und Rezzo Schlauch auf Lanzarote urlaubte, zeigte ein anderer, wie es funktionieren kann, dieses Gespräch mit den Autobossen:

"Die Herkunftsstadt des Automobils wird zur Zukunftsstadt urbaner Mobilität."

Neben Daimler-Chef Dieter Zetsche saß der Stuttgarter Noch-OB, Wolfgang Schuster. Gemeinsam stellten sie die deutschlandweit größte Elektroautoflotte vor, die künftig in der Schwabenmetropole unterwegs sein wird. Der CDU-Politiker betonte:

"Wir müssen Antworten geben auf Klimawandel, auf die Begrenztheit fossiler Energieträger und - politisch gesehen - auf die Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger, dass sie in unseren Städten in einer hohen Lebensqualität leben wollen, das heißt mit einer Mobilität, die möglichst abgasfrei ist und ohne Lärmbelastungen."

Es geht in Stuttgart also bereits in die richtige Richtung, stellt Rezzo Schlauch fest. Und obwohl er vor 16 Jahren bei der Oberbürgermeister-Wahl gegen Schuster angetreten ist und verloren hat, spricht er mit Respekt von dessen Leistungen seitdem und erklärt:

"Dass Schuster in verschiedenen Bereichen, also in der Administration, in der Frage Integration und soziale Stadt und auch in der Umwelt durchaus respektable und akzeptable Dinge gemacht hat."

Auch in Schlauchs Augen hinterlässt Schuster seinem Nachfolger eine gut aufgestellte Stadt, ein "g`mähts Wiesle", wie es im Schwäbischen heißt. Was grüne Themen angeht, was aber vor allem auch die Stadtfinanzen betrifft. Die Vorstellung, dass ein Neuer alles anders machen muss als der Alte, sei ohnehin überholt, sagt der ehemalige grüne Bundes- und Landespolitiker, und er verspricht für Stuttgart einen neuen Politikstil:

"Klar ist, dass ein Grüner und dass Fritz Kuhn mit Sicherheit auch andere Nuancen setzt, einen anderen Stil hat, möglicherweise auch anders präsent ist in der Öffentlichkeit."

Und das war dann auch im ZDF bei Erwin Pelzig zu besichtigen. Anstatt die himbeerrote Bowle brav und schweigend zu trinken, wie es Schuster wohl getan hätte, verzog Fritz Kuhn das Gesicht und nahm kein Blatt vor den Mund.

"Die Bowle ist doch ein Traum, oder?"

"Ich tät’ so sagen, man darf nicht vorher riechen, dann geht’s."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk