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StartseiteArtikel 19Der Fall Akbar Gandschi (Iran)06.08.2001

Der Fall Akbar Gandschi (Iran)

Der Iraner Akbar Gandschi nahm im April 2000 an der Iran-Konferenz der Heinrich-Böll-Stiftung teil. Diese Veranstaltung bot den Konservativen einen willkommenen Anlass, einen Großteil der oppositionellen Elite hinter Gitter zu bringen. Insgesamt 19 iranische Intellektuelle waren nach Berlin gekommen, um über die Perspektiven der iranischen Politik nach den Parlamenswahlen zu reden. Die iranische Exilopposition ließ sie nicht zu Wort kommen. Vor allem Akbar Gandschi wurde beschimpft. Der Journalist, der heute zu den wichtigsten Köpfen der Reformbewegung zählt, war einst, unter Khomeyni, Mitglied der gefürchteten Revolutionswächter.

Katajun Amirpur

Als sie eine Aufzeichnung der Konferenz sahen, muss einigen Konservativen eine Idee gekommen sein. Das iranische Fernsehen, das ihnen untersteht, montierte die Szenen neu zusammen. Dadurch wurde suggeriert, Exilopposition und Reformbewegung hätten in friedlichem Einvernehmen Mittel und Wege zum Sturze des iranischen Systems ersonnen. Die iranische Justiz erhob Anklage gegen alle Konferenzteilnehmer.

Zwar bot die Konferenz einen willkommenen Anlass, aber der Grund warum man Gandschi hinter Gitter sehen möchte, ist eigentlich ein anderer. Im Herbst 1998 kam es in Iran zu einer Serie von Morden an kritischen Intellektuellen. Zuerst wurden zwei Schriftsteller erdrosselt. Dann fand man den Politiker Dariusch Foruhar und seine Frau erstochen und erwürgt. Eine Abteilung des Geheimdienstes, die gegen den moderaten Präsidenten Khatami intrigiert hatte, musste schließlich zugeben, für die Morde verantwortlich zu sein. Der zuständige Minister trat zurück, aber an die eigentlichen Hintermänner wagte sich keiner heran. Obschon alle ahnten, wer für die Verbrechen verantwortlich ist. Wohl auch deshalb wurde die Beerdigung der Foruhars zu einer beispiellosen Kundgebung für die Opposition und gegen das Establishment.

Einer benannte dann schließlich doch die Hintermänner. In einem Buch machte Akbar Gandschi Personen mit den Pseudonymen Master key und Rote Exzellenz für die Morde verantwortlich und zwar nicht nur für die Mordserie vom Herbst 1998, sondern für mehr als achtzig Morde, die in den neunziger Jahren im In- und Ausland verübt worden sind. Das Buch wurde zu einem Bestseller, innerhalb von vier Wochen erreichte es 27 Auflagen. Der Code war nicht schwer zu entschlüsseln gewesen. Hinter der roten Exzellenz verberge sich Ex-Staatspräsident Rafsandschani, den Master Key identifizierte die Öffentlichkeit als den ehemaligen Geheimdienstminister Ali Fallahian.

Aber nicht nur mit seinen Enthüllungen hat sich Gandschi bei den Konservativen unbeliebt gemacht. Er ist einer der herausragendsten Vertreter der iranischen Reformbewegung und obwohl diese Bewegung in den letzten Monaten zahlreiche Rückschläge hat hinnehmen müssen, sind Leute wie Gandschi fest überzeugt von ihrem längerfristigen Erfolg.

Ich glaube an die Zukunft dieser Bewegung. Wieso? Weil diese Bewegung in der Gesellschaft verankert ist. Von den 60 Millionen Einwohnern dieses Landes sind 45 Millionen jünger als 34 Jahre. Wieso nehme ich die Zahl 34? Die 1 bis zwanzigjährigen sind nach der Revolution zur Welt gekommen und die damals vierzehnjährigen und jüngeren haben nicht für die Verfassung der Islamischen Republik Iran gestimmt. Diese fünfundvierzig Millionen, von denen ich sprach, haben nicht an der Abstimmung über das Grundgesetz teilgenommen. Das heißt, eine Minderheit der heute lebenden Bevölkerung hat für dieses Grundgesetz gestimmt. Jetzt gibt es eine andere Generation und diese Generation hat andere Erwartungen, andere Ideale, Ziele. Diese Generation hat mit der Vergangenheit und der Tradition gebrochen. Sie ist aus nach Neuem, und sie sagt zu allem JA, was neu ist. Das sieht man auf allen Ebenen: im Kino, der Musik, der Kleidung, der Art zu reden und zu leben. Immer.

Zweifelsohne will die Bevölkerung Reformen, das hat sie inzwischen bei vier Wahlen bewiesen. Wurde Gandschi deshalb zu solch einer hohen Haftstrafe verurteilt? Weil die Konservativen an ihm ein Exempel statuieren wollen? Allerdings ist die konservativ dominierte Justiz sich offensichtlich nicht einig, wie mit den Kritikern des Systems umzugehen ist. Im Januar wurde Gandschi zu zehn Jahren Gefängnis und fünf Jahren Verbannung verurteilt. Wenige Monate später verkürzte dann das Berufungsgericht seine Strafe auf sechs Monate.

Schließen kann man daraus, dass wohl nicht das gesamte konservative Lager meint, die Reformbewegung sei mit absoluter Härte und Brutalität zu zerschlagen. Allerdings scheinen die etwas moderateren unter den Konservativen, nicht die Oberhand zu haben. Am 15. Juli wurde Gandschi erneut verurteilt, zu sechs Jahren Haft. Im Gefängnis befindet er sich übrigens in guter Gesellschaft. Siebenundzwanzig Journalisten sind zurzeit in Haft, Reporter ohne Grenzen nennt Iran das größte Journalistengefängnis der Welt. Die Konservativen versuchen, die kritische und unabhängige Presse, ein wesentlicher Motor der Reform, mundtot zu machen. Aber so viele Zeitungen sie in den vergangenen Monaten auch verboten haben, es wurden immer neue gegründet. Die iranische Reformbewegung hat also nicht resigniert, im Gegenteil. Auch deshalb ist unwahrscheinlich, dass die Haft Gandschi brechen wird. Er weiß, wofür er kämpft.

Ich habe keinen Zweifel daran, dass die Zukunft unseres Landes die Demokratie ist, ich habe keinen Zweifel daran, dass die Zukunft unseres Landes die zivile Gesellschaft ist. Vielleicht müssen wir ein, zwei, drei oder auch viele Jahre kämpfen, aber letztendlich gibt es keinen anderen Weg.

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