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StartseiteKalenderblattDer Fall von Calais07.01.2008

Der Fall von Calais

Vor 450 Jahren eroberten die Franzosen das letzte englische Besitztum auf dem Festland

Das 16. Jahrhundert war das Jahrhundert, in dem die großen Nationen von heute auf den Plan traten und um die Vorherrschaft in Europa kämpften, unheilvoll angefeuert vom Streit um die richtige Religion. Die Eroberung der Stadt Calais, die über 200 Jahre lang zu England gehört hatte, durch Frankreich spielte dabei vor 450 Jahren eine besondere Rolle.

Von Beatrix Novy

Stürmische Zeiten gibt es in Calais auch heute noch. (AP)
Stürmische Zeiten gibt es in Calais auch heute noch. (AP)

Lange vor dem deutsch-britischen Handtuchstreit auf Mallorca waren nicht die "Hunnen", vulgo: Deutsche - Britanniens Lieblingsfeinde, sondern die Franzosen. Gegensätzlicher können Nationen ja auch nicht sein: Musette contra Dudelsack, Steak- and Kidney Pie contra Filet de boeuf Richelieu, Tweedjumper contra Chaneljäckchen. Dabei waren in den Jahrhunderten, als von Nationalstaaten noch keine Rede war, beide Völker eng verbunden: von den ersten belgischen Siedlerstämmen der Vorrömerzeit über die Normannenkönige - bis zur Eroberung von Calais durch die Franzosen am 7. Januar 1558. Über 200 Jahre lang hatte die Stadt am Ärmelkanal zu England gehört.

" Wenn ich einmal tot bin, wird man in meinem Herzen Philip finden - und Calais "

Soll Englands Königin Mary, die blutige Mary, ausgerufen haben, als sie die Nachricht hörte. Philip, das war Philip II. von Spanien - ihr Ehemann. Er hatte sie, die Tochter Heinrichs VIII., geheiratet, um einen Erben mit ihr zu zeugen und England für den Katholizismus zu retten in diesem von Religionskonflikten zerrissenen 16. Jahrhundert. Doch mit dem englisch-spanischen Erben wurde es nichts. Philip ging zurück nach Spanien, scheute sich aber nicht, die Engländer, die ihn gar nicht mochten, in seinen Krieg mit Frankreich um die Vormachtstellung in Europa einzuspannen. So ging Calais verloren - das letzte, schwer befestigte Stückchen englischen Bodens auf dem Kontinent; Relikt des 100jährigen Krieges, der schon 1453 zu Ende gegangen war.

Nachdem die französische Capetinger-Dynastie erloschen war, hatte 1339 der englische König Edward III. Anspruch auf den französischen Thron erhoben, was durchaus in der Logik der vielfach verschwägerten Dynastien lag; Wilhelm der Eroberer hatte drei Jahrhunderte zuvor die Insel ja auch mit dem Hinweis auf seine englische Verwandtschaft in Besitz genommen. Immer gab es große französische Gebiete, die zur englischen Krone gehörten. Edward III. aber wollte das ganze Land. 1346 vernichteten seine walisischen Langbogenschützen das edle, aber unbeholfene französische Ritterheer, danach wurde Calais belagert, das zäh widerstand - bis sich die Bewohner keine Gnade mehr erhoffen durften. Die Historikerin Barbara Tuchman

" Barhäuptig ritt der verwundete Stadthauptmann Jean de Vienne durch das Stadttor auf die Engländer zu. Er hatte sein Schwert zum Zeichen der Unterwerfung verkehrt herum in der Hand und übergab die Schlüssel der Stadt. Hinter ihm gingen barfüßig sechs der reichsten Bürger der Stadt mit Stricken um den Hals zum Zeichen, dass die Sieger sie nach Belieben hängen könnten. In dieser dunklen Stunde wurde unter den Blicken der hohläugigen und verzweifelten Stadtbewohner eine heilige französische Sache geboren: Calais zurück zu gewinnen. " (Barbara Tuchmann, Der ferne Spiegel)

Diese Fußnote der Geschichte verarbeitete Auguste Rodin in seiner Skulptur "Die Bürger von Calais", Georg Kaiser machte ein Theaterstück daraus. "Calais", mehr als ein Name, stand immer für einen Mythos.

Als 1453 der Hundertjährige Krieg endete, blieb auf dem Festland nur Calais in englischer Hand - und, wie Barbara Tuchman schrieb, "ein leerer Anspruch auf die Krone".

" Zwischen Frankreich und England hinterließ der Krieg eine Erbschaft gegenseitiger Feindseligkeit, die andauern sollte, bis die Notwendigkeit eine Allianz am Vorabend des Jahres 1914 forderte. "

Die gemeinsame Kultur und Sprache, die nicht nur die englische und französische Oberschicht verbunden hatte, zerfiel. Die englische Literatur setzte zu selbständigen Höhenflügen an. Mit dem Fall von Calais 1558 konnte la belle terre de France endgültig zusammenwachsen, während England sich als Seemacht nach Übersee aufmachte und Philip von Spanien in Mary Tudors protestantischer Nachfolgerin, Elisabeth I., eine mächtige Feindin erwuchs. Das Zeitalter der Nationen hatte begonnen. Und Calais, in zwei Weltkriegen schrecklich mitgenommen, ist den meisten als der Ort bekannt, wo die Fähre nach Dover ablegt. Nach Dover in England.

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