Sonntag, 02. Oktober 2022

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Der Folter auf den Grund gegangen

Der Fall eines Mörders, die Biografie des Physikers Stephen Hawking und nun die Folterer von Abu Ghraib - der Dokumentarfilmer Errol Morris geht in seinen Filmen seiner Verwunderung darüber auf den Grund, was die Menschen sind und warum sie tun, was sie tun. Sein Film "Standard Operating Procedure" hat nun in den USA der Debatte um die Folter neue Nahrung gegeben.

Von Gregor Peter Schmitz | 05.05.2008

    Errol Morris gehört nicht zur Riege aggressiver US-Dokumentarfilmer wie Michael Moore, die sich selber gerne ins Bild drängen, um ihre Botschaft zu transportieren. Morris lässt in seinem neuen Film "Standard Operating Procedure" lieber andere sprechen. Vor allem fünf Soldaten, die im US-Gefangenenlager Abu Ghraib irakische Insassen misshandelten - und dabei stolz für Fotos posierten, die zum Sinnbild für amerikanische Gräueltaten im Irak wurden.

    Doch hat Morris, der für seinen Film "The Fog of War" über die Erinnerung an den Vietnam-Krieg einen Oskar gewann, gerade dadurch viel zu sagen. Seine ausführlichen Interview-Szenen offenbaren faszinierende Einblicke in die Hintergründe der Misshandlungen. Besonders einprägsam: Die Gespräche mit Lynndie England - der blutjungen Soldatin, die fürs Foto einen jungen Iraker an einer Hundeleine herumführte und dabei stolz den Daumen hoch reckte.

    Sie sieht in Morris Film in manchen Einstellungen wie ein naives junges Mädchen aus, das nur aus Liebe zu einem älteren Soldaten in die Taten verwickelt worden zu sein scheint. Und dann wirkt England wieder rasant gealtert und ihr Blick völlig leer. Diese Interviews sind vielleicht noch erschreckender als die Fotos der Misshandlungen, die mittlerweile so bekannt sind. Denn sie offenbaren, dass keine "schwarzen Schafe" diese Taten verübten, wie die Bush-Regierung zu suggerieren versuchte. Sondern ganz gewöhnliche Soldaten.

    Morris beschränkt sich aber nicht nur auf Gespräche. Im Gegenteil: der Dokumentarfilm-Star hat keinen Aufwand gescheut. Fast fünf Millionen Dollar hat "Standard Operating Procedure" gekostet. Davon bezahlte Morris einen aufwendigen Soundtrack, Nachstellungen von Misshandlungs-Szenen durch Schauspieler, perfekte Kostüme. Von manchen Kritikern ist ihm deshalb sogar zu viel Nähe zu "Hollywood"-Filmen vorgehalten worden. Die "New York Times" notierte etwas säuerlich, wie viele Maskenbildner und Kostümberater Morris eingesetzt habe. Für Aufsehen sorgte auch, dass der Regisseur Gesprächspartner für ihre Mitarbeit entlohnte - darunter die verurteilten Soldaten.

    Doch Morris weiß: Man muss ordentlich Lärm machen, um mit diesem Thema durchzudringen. Denn zwar ist die Abscheu über die Untaten in Abu Ghraib auch in den USA mittlerweile groß. Aber klar ist auch: Viele Amerikaner wollen davon nach wie vor lieber nichts hören. Fast alle US-Filme zum Thema Irak und Kampf gegen den Terror sind bislang grandios gefloppt - selbst wenn sie mit Top-Stars wie Reese Witherspoone, Tom Cruise oder Tommy Lee Jones besetzt waren.

    Wohl daher begleitet Morris den Film auch mit einem Buch, das über die bloße Nacherzählung der Ereignisse weit hinausgeht - und weitere Einblicke in die Psyche der Täter vermittelt. Geschrieben hat er dies gemeinsam mit Autor Philipp Gourevitch, der durch eine exzellente Chronik des Genozids in Ruanda 1994 bekannt geworden ist.

    Das Buch und der Film ist der Höhepunkt einer Nabelschau, die in US-Intellektuellenkreisen zur Schmach von Abu Ghraib eingesetzt hat. Seit Monaten reist etwa der Psychologe David Zimbardo auf Vortragsreise durch Amerika. Zimbardo ist der Schöpfer des berühmten "Stanford Prison Experiment" in den 1970er Jahren - einem Modellversuch, bei dem Studenten per Zufall in Wärter und Gefangene eingeteilt wurden, und die Wärter bald die Gefangenen sadistisch quälten. Zimbardo stellt bei seinen Auftritten die schockierenden Videoaufnahmen vom Experiment damals in eine Reihe mit den neuen Fotos aus Abu Ghraib. Seine Schlussfolgerung: Ein entsprechendes Umfeld kann nach wie vor gewöhnliche Menschen in Teufel verwandeln.

    Morris argumentiert in seinem Film in ähnliche Richtung. Er zeigt sogar gewisses Verständnis für die jungen Soldaten, die in das Chaos von Abu Ghraib geworfen wurden. Für ihn ist das psychologische Terror-Klima ausschlaggebend, das in abgeschotteten Einrichtungen wie dem Gefangenen-Lager entstehen kann. Ein Klima, das sich letztendlich auch speist aus den Vorgaben aus dem Weißen Haus. Denn die Bush-Regierung hebelte im Kampf gegen den Terror vertraute gesetzliche Schranken rasch aus.

    Bezeichnend dafür: Die Misshandlungen in Abu Ghraib dauerten über drei Monate an, ohne dass höhere Autoritäten einschritten. Und kein wirklich hochrangiger Verantwortlicher ist bislang bestraft worden. Gerade erst kam heraus, dass höchste Vertreter der Bush-Regierung sich regelmäßig trafen, um über "harte Verhörmethoden" zu diskutieren.

    Morris' Film ist seit voriger Woche in den USA zu sehen. Aber weil nur wenige Zuschauer erwartet werden, nur in wenigen Kinos.