Dienstag, 16. August 2022

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Der Gegnerforscher

Die Karriere: mit 23 nationalsozialistischer Studentenfunktionär, ein Jahr später, als seine Partei an die Macht kommt, am Rausschmiß nicht konformer Wissenschaftler beteiligt; im nächsten Jahr Promotion und Assistentenstelle in Heidelberg, Institutsgründung und -leitung an der Königsberger Universität, zugleich Eintritt in den Geheimdienst der SS, wo er es in den folgenden neun Jahren bis zu einem dem Generalmajor vergleichbaren Rang bringt. Zwei Jahre nach der Promotion: Habilitation, vier Jahre später Gründung und Leitung einer neuen Fakultät an der hauptstädtischen Universität; drei Jahre später hauptberuflich zum Außenministerium, Gesandter 1. Klasse. Nach Machtverlust seiner Partei als 36jähriger kurzzeitig Landarbeiter, mehrjähriger Gefängnisinsasse, mit 44 Jahren Verleger in der jungen Bundesrepublik, Dozent an einer führenden Managerschule, mit 47 Werbeleiter eines Fahrzeugbau-Unternehmens, dann bis zur Rente selbständiger Untemehmensberater. Die deutsche Geschichte macht’s möglich: den Lebenslauf des SS-Führers Franz Alfred Six, den Lutz Hachmeister in seinem Buch "Der Gegnerforscher" darstellt. Der Titel benennt das Arbeitsgebiet, dem der Professor der Zeitungswissenschaft seinen Aufstieg verdankte.

Elvira Högemann | 12.08.1998

    Hachmeisters Interesse richtet sich in gleicher Weise auf die Person wie auf die Institutionen, deren tätiger Teil sein Held war. Kein geradlinig erzählter Lebenslauf erwartet den Leser; er muß in den Institutionen ein ganzes Bündel von Biographien verfolgen, die sich überraschend immer wieder zusammenfinden.

    Der NS-Studentenbund diente vielen Funktionären als Sprungbrett für die Karriere, die Hand in Hand ging mit dem Kampf gegen liberale, unerwünschte Professoren. In dieser Situation promovierte Six mit einer 75 Seiten starken Dissertation, die sich mit der NSDAP-Propaganda befaßte, auf eine karge Literaturliste und reichlich Hitler- wie Goebbels-Zitate stützte.

    Seine Institutsgründung im damaligen Königsberg betrieb Six unter speziellem Blickwinkel: die Presse der östlichen Nachbarn sollte durchforscht werden. An der Auswertung dieser Medien war der SD, sein neuer Dienstherr, stark interessiert. Six arbeitete ab 1935 hauptamtlich für den Geheimdienst der SS, acquiriert von Heydrichs rechter Hand, Reinhard Höhn. "Er wurde sofort Amtschef für Presse und Schrifttum", so Lutz Hachmeister, "und hatte da mit 27 Jahren natürlich die Chance, gleich mit 30-40 Mitarbeitern, das gesamte Pressewesen zu durchforsten, Druck auf einzelne Journalisten auszuüben und natürlich auch zum ersten Mal ein wirkliches Machtgefühl zu empfinden."

    Synergetisch floß die Arbeit der forschenden Zeitungsleser in die Informationen des SD ein, andererseits ermöglichte die Institutsbasis dem nebenberuflichen Akademiker, in kürzester Zeit eine Habilschrift vorzulegen. Sein Forschungsgebiet erstreckte sich nun auf die Gesamtheit des "Gegners". Mit Six' eigenen Worten: "Innerhalb der antivölkischen Front sammeln sich Marxismus, Judentum und Freimaurerei zu einem einhelligen Liberalismus, welcher daraufhin als Gesamterscheinung zu erfassen und im Ganzen aufzulösen wäre."

    Als Chef von schließlich (1939) drei Zentralabteilungen des SD-Hauptamtes hat Six die Qualität der schwarzen Listen verantwortet, die seine SS-Kameraden dann beim Einmarsch in die jeweiligen Länder abarbeiteten. Niemand hat das kompetenter beschrieben als Six' damaliger Untergebener Adolf Eichmann: "Dr.Six bearbeitete die weltanschauliche Gegnerbekämpfung auf rein wissenschaftlicher Basis. Er hatte seine Augen und Ohren überall und wußte genau, wer diese und jene Institution leitete, wer dieser oder jener war. Es ist klar, daß wir unter einem solchen Amtschef Märchen wie 'Die Weisen von Zion' oder Ritualmorde glatt von der Hand wiesen. Uns ging es darum, Erkenntnisse zu sammeln, und diese Aktivität lief vor dem Krieg auf vollen Touren. Nach Kriegsbeginn sank die wissenschaftliche Arbeit ab, zumal die Sachbearbeiter anderen, wichtigeren Kriegsaufgaben zugeführt wurden."

    Exemplarisch wie Eichmann bei solchen Aufgaben: Horst Mahnke, Doktorand bei Six in Königsberg, seit 1936 beim SD, akademischer Zuarbeiter für den Professor in Fragen des marxistischen Gegners. Er bereitete unter Six' Leitung das sogenannte Unternehmen Seelöwe, also den Überfall auf Großbritannien, "gegneranalytisch" mit vor, wickelte die SD-Geschäfte bei der Einverleibung des Memellandes ab und war auch bei Six’ "Vorauskommando Moskau" mit dabei. Nach dem Krieg dann Ressortleiter beim "Spiegel".

    Six selbst wurde beim Anschluß Österreichs zum Leiter des SD-Kommandos in Wien bestimmt. Hier erledigten, soweit man weiß, andere die Drecksarbeit, Six beschlagnahmte hauptsächlich Akten und Bibliotheken zur gründlichen Auswertung. Obwohl das Selbstverständnis der SS ausdrücklich verlangte, daß jedes Mitglied des Ordens zum Töten herangezogen wurde, soll es bei Six' späteren Einsätzen in Frankreich, in Jugoslawien und der Sowjetunion genauso unblutig zugegangen sein. Hachmeister dazu: "Interessanter als die Frage, ob er persönlich an Exekutionen zum Beispiel während des Rußlandfeldzugs teilgenommen hat, ist die Erkenntnis, daß jemand, der sehr hoch in der Bürokratie wirkt, durch die Dynamik eines Arbeitsstiles sehr, sehr viel bewirken kann - und durch das Antreiben seiner Mitarbeiter. Sein im Nachhinein prominentester Mitarbeiter Adolf Eichmann, den hat er richtig geschult und trainiert in dem Gefühl: ich betreibe eine wissenschaftliche, weltanschauliche große Arbeit, indem ich die Juden in irgendeiner Form von A nach B verfrachte, indem ich an der Endlösung der Judenfrage maßgeblich mitwirke. Und das ist eine - quasi keine Drecksarbeit, wie wir sie heute definieren würden, sondern eine Arbeit, die im Interesse des Endsieges, im Interesse des Großdeutschen Reiches wichtig ist und eine wissenschaftliche Fundierung hat. Und das hat Six seinen Mitarbeitern, von denen ja viele letztlich in die Tötungsarbeit übergingen, beigebracht, und deshalb ist er eine wichtige Figur, die in der konventionellen Geschichtsschreibung eher vernachlässigt wird."

    Durch Hachmeisters Arbeit rückt die SS als machtausübende, systematisch Verbrechen verübende Institution wieder ins Blickfeld. Das geschieht nicht allzu häufig, die deutsche Geschichtswissenschaft hat eher einen Bogen um dieses Thema gemacht. Eine systematische Analyse der Führungsgruppe des NS-Terrorapparates steht immer noch aus.

    Six' Analysen hatten gut in die Kriegsvorbereitung gepaßt, und eventuell hätte ein von der SS beherrschtes Europa seine weltanschaulichen Großentwürfe verwenden können - je länger aber der Krieg dauerte, um so weniger wurde seine Arbeit nachgefragt. Er verlagerte seinen Schwerpunkt an die Auslandswissenschaftliche Fakultät, die in Berlin auf sein Betreiben (und für ihn als Dekan) installiert worden war, und unterstellte sich ganz dem Auswärtigen Amt. Als Leiter der Kulturpolitischen Abteilung brillierte er mit Vorschlägen wie: den Tag des Einmarsches in die Sowjetunion als "Jahrestag des europäischen Freiheitskampfes gegen die Überflutung Europas durch den Bolschewismus" zu begehen.

    Abgetaucht in den Untergrund wie die meisten seiner Mitarbeiter, wurde Six 1946 verhaftet, in Nürnberg mitangeklagt und zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Ab hier schreibt Hachmeister bundesdeutsche Nachkriegsgeschichte: die erfolgreiche öffentliche Kampagne zur vorzeitigen Entlassung der in Landsberg einsitzenden Kriegsverbrecher erhielt ihre besondere Dynamik nicht zuletzt dadurch, daß in den meinungsbildenden Blättern ehemalige SD- und NS-Propaganda-Kollegen über die Materie berichteten. Six' Strafe wurde halbiert, 1952 kam er frei. "Er wurde dann im Zuge der Restauration nach vier Jahren aus dem Kriegsverbrechergefängnis in Landsberg wieder entlassen", so Hachmeister, "und hatte dort Friedrich Flick kennengelernt, in der Gefängnisbibliothek, der gab ihm Startkapital, um sich den Leske-Verlag zu kaufen, in Darmstadt. So war er sieben Jahre nach dem Ende des Dritten Reiches doch wieder publizistisch tätig."

    Nicht nur er. Es hat in den 50er Jahren in der bundesdeutschen Gesellschaft ganz offensichtlich Netzwerke gegeben, in denen sich die noch gar nicht so alten - SSIer gegenseitig weiterhalfen: die Publizistik der jungen Bundesrepublik war ein Feld, auf dem sie wichtige Positionen besetzten: der "Spiegel" leistete sich zwei ehemalige SS-Führer als Ressortleiter und insgesamt 12-14 Mitarbeiter aus diesem Spektrum. Ein noch größeres Tätigkeitsfeld, noch dazu unberührt von demokratischen Strukturen, bot die aufstrebende bundesdeutsche Wirtschaft. Lutz Hachmeister erläutert: "Einer dieser Knotenpunkte ist sicher die Bad Harzburger Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft, die von Reinhard Höhn über lange Zeit geleitet wurde, dem Chefideologen des SD und dem Ziehvater eigentlich auch von Six. Das war erst in zweiter Linie eine Management-Schule im Sinne einer Vermittlung von Theorie, es war in erster Linie ein Netzwerk für Stellenvermittlung: Abteilungsleiter, Hauptabteilungsleiterposten in der deutschen Industrie. Da wurden Leute gesucht, die zuverlässig waren in dem Sinne, daß sie Parteimitglieder waren, SS-,SD-Mitglieder, die Führungsqualitäten schon im Dritten Reich gezeigt hatten in schrecklichster Form."

    Six mauserte sich - nach einem Zwischenspiel beim dunkelbraunen Naumann-Kreis der FDP - unter den Fittichen von Bad Harzburg zu einem Marketing-Spezialisten. Durch Vermittlung von Albert Prinzing, SS-Mitglied seit 1935 und Six-Protegé, wurde er Marketingchef der Firma Porsche-Diesel, wo Prinzing Geschäftsführer war. Nach Auflösung des Unternehmens ließ sich Six als Unternehmensberater in Essen nieder, wo ihm seine vielfältigen Kontakte zu jetzigen Wirtschaftsmanagem und früheren SS-Kameraden zu Buch schlugen. Lediglich ein Beratungsprojekt mit Massey-Ferguson zerschlug sich, als die britische Firma dahinterkam, daß Six zu den Planern des Unternehmens Seelöwe gehört hatte.

    Gerade der Blick dieses Buches in die Frühgeschichte provoziert und verstört: SS-Seilschaften haben also an wesentlicher Stelle das Wirtschaftswunder organisiert? Wenn es ihnen gelungen ist, wichtige Positionen in dieser Nachkriegsgesellschaft einzunehmen - inwieweit haben sie diese Gesellschaft geprägt? "In jeder Hinsicht", so Hachmeister. "Ich glaube, daß es, abgesehen von der Dekapitierung der berühmten Helfer wie Göring, Goebbels, Himmler eine vollständige Kontinuität des Denkens und des Handelns gibt. Mit dem einzigen Unterschied, daß es inzwischen keine Siegernation mehr war, kein großes Reich, sondern eine besiegte Nation, in der man sich vorsichtiger und in neuen Konstellationen bewegen mußte. Aber das Denken in den alten Herrschaftskategorien und auch in den alten gesellschaftlichen Mustern ist vollkommen weiter tradiert worden, es gibt keine Stunde Null."

    Hachmeisters Buch wirft viele, bisher nicht untersuchte Fragen der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte auf. Sie bedürfen der Klärung.