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Der geheimnisvolle Koffer

Der Koffer, den 1939 Robert Capa vor seiner Flucht vor den Nazis einem Freund übergeben hatte, wurde kürzlich wiederentdeckt. Die darin enthaltenden Negative der Fotografen Robert Capa, Gerda Taro und David Seymour werden nun ausgestellt und bieten einen Einblick in die Arbeitsprozesse der drei Legenden.

Von Sacha Verna | 04.10.2010

Zuerst zu dem, was der mexikanische Koffer nicht enthielt: Die Negative zu Robert Capas "Fallendem Soldaten”, die Aufschluss darüber hätten geben können, ob eines der berühmtesten Kriegsbilder der Fotografiegeschichte gestellt war oder nicht.

Nun zu dem, was die drei Kartonschachteln tatsächlich bargen, die sich seit 2007 im Besitz des von Capas Bruder Cornell Capa gegründeten International Center of Photography befinden: 4500 Negative, entstanden in Spanien während des Bürgerkriegs zwischen 1936 und 1939. Es handelt sich dabei um jene Bilder, mit denen Robert Capa, Gerda Taro und der Chim genannte David Seymour die Grundlagen der modernen Kriegsfotografie legten. Capa, Taro und Chim stellten den Krieg nicht mehr nur als Kampf an der Front dar. Sie zeigten der Weltöffentlichkeit in ihren Reportagen in Publikationen wie Life oder Vue zum ersten Mal, wie sich der Krieg auf die Zivilbevölkerung auswirkte, welche Flüchtlingsströme er auslöste und wie ein Land daran kaputt ging.

Die Kuratorin der Ausstellung Cynthia Young hat die vergangenen drei Jahre damit verbracht, den Inhalt des sogenannten mexikanischen Koffers auszuwerten. Robert Capa hatte die Negative 1939 kurz vor seiner Flucht vor den Nazis in Paris einem Freund übergeben, mit dem Auftrag, sie ihm nach New York nachzuschicken. Dort trafen sie allerdings nie ein. Die Schachteln tauchten erst 1999 in Mexiko auf dem Speicher eines verstorbenen mexikanischen Diplomaten wieder auf. Von da aus gelangten sie nach komplizierten Verhandlungen mit den Erben des Diplomaten nach New York und wurden von Cornell Capa anstelle seines Bruders und mit fast siebzigjähriger Verspätung in Empfang genommen.

So spektakulär dieser Fund war, so reichhaltig ist, was das International Center of Photography in "The Mexican Suitcase” präsentiert. Die Bilder stammen zu je einem Drittel von Robert Capa, Gerda Taro und Chim. Für die Ausstellung wurden sie auf Kontaktbögen übertragen, was es Besuchern erlaubt zu verfolgen, wie es zu einzelnen zum Teil legendär gewordenen Aufnahmen kam. Zum Beispiel lassen sie die beinahe cinematografische Arbeitsweise Robert Capas erkennen. Dazu Cynthia Young:

"Als er gegen Ende des Krieges die Spanischen Flüchtlinge in den Internierungslagern im Süden Frankreichs fotografierte. Oder im Fall von Chim die fast schon über Propagandahaften Bilder, die er beim Fall von Madrid 1936 machte, in denen er die Republikaner als Retter von Kunstwerken und Kultur darzustellen versuchte. Die Kontaktbögen enthalten enorm viele Informationen darüber, wie die Fotografen einzelne Bildergeschichten erarbeiteten und was sie damit sagen wollten."

Daraus, dass sie uneingeschränkt auf der Seite der Republikaner standen, hatten Robert Capa, Gerda Taro und Chim freilich nie einen Hehl gemacht. Der mexikanische Koffer verrät, wie eng die Drei zusammenarbeiteten.

"Das beweist allein die Tatsache, dass sie diese Negative zusammenpackten und beschrifteten, vielleicht für ein Projekt, das nie realisiert werden konnte. Sie betrachteten ihr Studio als Kooperative, als eine Art Agentur, bevor es Magnum gab, wo sie ihre Arbeit diskutieren und sie gemeinsam an Publikationen verteilen konnten. Ohne den Koffer würden wir das nicht verstehen."

Ist Robert Capas Bild des "Fallenden Soldaten” gestellt oder nicht? Die Frage erscheint am Ende dieser Ausstellung unerheblich. Fotojournalimus ist nie objektiv. Der Fotograf ist immer Teil des Geschehens und damit Vermittler einer Botschaft und sei es einer, die der Betrachter missversteht. Die Botschaft des mexikanischen Koffers ist allerdings unmissverständlich: Keine politische Sache der Welt ist das menschliche Elend je wert, das ein Krieg fordert.