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"Der Heiligen Frauen Klang"

Am Mittelalter schätzen die Musikwissenschaftler gerade die Rauheit des Klangs der Original-Instrumente, die Innigkeit der uralten Responsorien. Beim Festival "montalbane", den Internationalen Tagen mittelalterlicher Musik, im sachsen-anhaltinischen Freyburg an der Unstrut wurde in diesem Jahr an Hildegard von Bingen und die Heilige Elisabeth erinnert.

Von Claus Fischer |
    "Ein fröhliches und schönes Lied werde ich singen von der Heiligen Elisabeth, die die Vögel in ihren Liedern feierten, als sie starb."

    Wie klingt die Heilige Elisabeth? Eine merkwürdige Frage, hat doch die ungarische Prinzessin und Ehefrau des Thüringer Landgrafen Ludwig keine Musik geschrieben. Aber die guten Taten, die sie vor allem in der letzten Phase ihres nur 24 Jahre währenden Lebens vollbracht hat, das Engagement für die Armen und Kranken, rief bereits wenige Jahre nach ihrem Tod die Dichter und Musiker des Mittelalters auf den Plan. Zum Beispiel Peter von Cambrai, der in einem gregorianischem Responsorium auf die Erzählung einer Zofe Elisabeths Bezug nimmt, sie habe Vogelstimmen aus dem Munde der Toten vernommen.

    In einem deutschen Messbuch der Benediktiner vom Ende des 13. Jahrhunderts findet sich der folgende Gesang, der höchstwahrscheinlich aus Anlass der Heiligsprechung Elisabeths im Jahr 1236 in Marburg komponiert wurde.

    "O Leuchte der Kirche, von der Ströme von Öl sich ergießen, du Heilmittel der Gnade und Speise des Glaubens! Schutz gewähre den Ängstlichen, Wärme den weniger Glühenden, sei den Trägen Antrieb."

    Es war ein spannendes Experiment, die Lebensgeschichte der Heiligen Elisabeth durch die Zusammenstellung und Aufführung möglichst zeitnaher musikalischen Quellen zu präsentieren, quasi im Spiegel der unmittelbar Nachgeborenen. Mit dem Instrumentalensemble Ioculatores und dem Männersextett amarcord aus Leipzig, sowie dem Ensemble Ars Coralis Köln haben drei Spitzengruppen der deutschen Alte-Musik-Szene die Aufgabe glänzend bestanden. Sowohl Dramaturgie als auch Interpretation unterstrichen einmal mehr den hohen Anspruch des Festivals montalbane in Freyburg an der Unstrut, das sich in den letzten 15 Jahren von einer improvisierten Veranstaltung weniger Enthusiasten zum wichtigsten Ort für die Aufführung mittelalterlicher Musik in Deutschland entwickelt hat. In Verbindung mit den authentischen Spielorten, etwa der romanische Doppelkapelle auf der Neuenburg oberhalb der Stadt, in der die Heilige Elisabeth nachweislich in den Jahren 1224 und 1225 ihre täglichen Gebete verrichtet hat, wurden die Konzerte zu einem einmaligen Erlebnis.

    Bereits etwa 25 Jahre vor der Geburt Elisabeth von Thüringens starb eine andere Heilige, die Nonne und Mystikerin Hildegard von Bingen. Von ihr sind eine ganze Reihe eigener Kompositionen für ihr Kloster auf dem Disibodenberg im Rheingau überliefert, Gesänge die sich beträchtlich unterscheiden von allem anderen, was in der Zeit entstanden ist. Hildegard hält sich nicht an die damals gebräuchlichen Kirchentonarten, und sie verlangt von den Sängerinnen einen Tonumfang von bis zu drei Oktaven. Dieser Aufgabe nahmen sich die Sängerinnen des Berliner Scivias-Ensembles an, mit einer halbszenischen Aufführung von Hildegards Mysterienspiel "Ordo virtutum". Im Mittelpunkt steht die gläubige Seele, wie sie vom Satan versucht wird und der Versuchung schließlich erfolgreich widersteht, um dann in den Kreis der himmlischen Tugenden aufgenommen zu werden.

    "Wir Tugendkräfte sind in Gott und bleiben auch in Gott. Im Dienste stehen wir des Königs aller Könige und scheiden zwischen gut und böse."

    Die Inszenierung von "Ordo virtutum" durch Regisseurin Gislinde Gunhild Strunz war nicht historisch ausgerichtet, sondern orientierte sich an der Technik der so genannten Biomechanik, einer avantgardistischen Theaterauffassung der 20er Jahre. Vor einer weißen Wand kletterten die Protagonistinnen auf Leitern auf und ab, um die Bewegungsabläufe in der Musik deutlich zu machen. Es ist prinzipiell anzufragen, ob Hildegards visionäre Gesänge eine derartige Visualisierung wirklich nötig haben, nicht nur, weil die Sopranistin Rebecca Bain als gläubige Seele schwer indisponiert war und die Bewegungen für sie eine zusätzliche Belastung darstellten. Dennoch, die Aufführung, für deren musikalische Einrichtung der Kölner Flötist und Mittelaltermusikexperte Norbert Rodenkirchen verantwortlich zeichnete, war ein interessantes Erlebnis und bildete eine sinnvolle Ergänzung zu den Konzerten, die die Heilige Elisabeth zum Thema hatten.